Die Katze

In Böen blies der Wind die Nadeln von den Lärchenzweigen herab auf die Straße. Ich strich den Zaun. Die Knäufe in Gold. Den Rest weiß und die geschnitzten Bordüren in einem schönen Gelb, einem dotterhaften Gelb. Da saß plötzlich wieder die Katze. Hatte die Pfoten zusammengestellt und den Schwanz rumgerollt. Und sah mich an. Die Katze war schwarz und hatte offenbar nur ein Auge. Jedenfalls trug sie eine Augenklappe. Sie war eine von der Mischpoke, die unten im Holzhaus schlief. Ich malte weiter. Katzen gab es hier viele. Aber das malen geht nicht gut, wenn man beobachtet wird. So stellte ich den Farbeimer ab und richtete mich auf. Sofort wetzte die Katze los, schlug auf der Flucht Haken und duckte sich in einen niedrigen Busch, wohl in der Annahme, daß ich sie dort nicht sehen würde. Seit Tagen sah ich immer diese einäugige Katze in meiner Nähe. Wenn ich Holz hackte, hockte die Katze unweit und putzte sich den Intimbereich, wenn ich Birnen erntete, saß die Katze auf einem Stein und tat so, als würde sie auf das Erscheinen einer Wühlmaus warten. Tatsächlich beobachtete die Katze mich, wie ich die Leiter an den Birnbaum stellte. Vielleicht fällt der ja runter, mal sehen, so primitiv denken Katzen, nahm ich an; daß es sich bei dem Baum, in dessen Krone ich Sprosse für Sprosse stieg, um eine Hommingberger Wachsrenette handelte, ist so einer Katze wahrscheinlich schnuppe. Statistisch ist die Wahrscheinlichkeit naturgemäß hoch, daß beim Obsternten eine Leiter kippt, weil ein Ast bricht oder ein Bein der Leiter auf einem Wühlmaustunnel zu stehen kommt. Vor allem vorjähriges Holz ist brüchig. Pomologen wissen das, Katzen ahnen irgendetwas.
Also strich ich. Und dachte nicht mehr an die Katze, weil ich konzentriert war, und nichts verpatzen wollte. Als ich fertig war, sah ich, daß es gut geworden war, auch wenn die Farbe nur fast gereicht hatte, eine Zaunlatte blieb deshalb ungestrichen.
So kam der Herbst. Ich arbeitete. Die Katze scharwenzelte um mich herum. An einem Abend lag ich lang auf den Sofa, zupfte Grashalme aus meinen Fell und wackelte langsam mit den Zehen, als unter dem Sofa ein rascheln und schaben anhob, erst nahezu unhörbar, plötzlich aber panisch, als rudere jemand mit den Ärmchen um Freiheit.
Ich sprang auf, zur Kredenz, riss die obere Schublade auf und griff schnell nach einer provisorischen Waffe, in der Annahme, mich gegen einen Einbrecher verteidigen zu müssen. Unter dem Sofa schoß die einäugige Katze hervor, huschte zur Tür, aber die Tür war zu. Ich hatte mich zu ganzer Größe aufgerichtet und meine Waffe erhoben. Allerdings stellte sich heraus, daß ich in der Eile zu einem sehr kleinen Quirl gegriffen hatte, einem Quirl, wie man ihn verwendet um Cremes zu schlagen. War mir dann gleich klar, daß zwischen gewünschter Drohkulisse und realer Wirkung eine Diskrepanz bestand. Ein ausgewachsener Braunbär, der sich mit einem Cremequirl verteidigen möchte. Lächerlich war das, auch weil die Proportionen nicht stimmten, wie bei diesen armen Tieren, die im Zirkus auf winzigen Fahrrädern in die Manege geschickt werden zur Belustigung des Publikums. Und dann der Gegner. Eine einäugige Katze, die einen Buckel machte, zitterte und unter sich gemacht hatte. So trat die einäugige Katze in mein Leben.
Mir saß der Schreck in den Gliedern, also schrie ich, daß dies mein Haus sei, was sie hier verloren habe, aber auch daß das ja wohl nicht wahr sein könne und daß ich mir von räudigen Strassenkatzen in meinen vier Wänden nicht auf der Nase rumtanzen ließe undsoweiter. Erst das Ding mit dem Quirl, dann so ein lächerlicher Wutanfall, den niemand ernstnehmen konnte. Die einäugige Katze stand in ihrem eigenen Pipisee und witterte Morgenluft. Chill mal, sagte die Katze und ich verstummte ernstlich erstaunt. Die Katze hatte also nur ein Auge, konnte aber sprechen. Ich musste mich setzen und die Situation auf mich wirken lassen. Und die Katze sprudelte los, daß das Haus doch groß sei, daß das voll ungerecht sei, daß da nur ein Bär drin wohnt und sie im Holzhaus nächtigen muss, wo immer Zug sei und es nach Katzenpisse röche und daß sie es ohnehin mit der Blase hätte, chronisch, und daß ihre Eltern aus dem Kongo kämen, alles sei dort zerbombt, schließlich habe sie auch nur ein Auge, wegen einer Landmine, sie sei vollkommen traumatisiert. Moment mal Freundchen, Moment mal, sagte ich und hob bremsend meine Pranke, Du schleichst Dich in mein Haus, tischst mir unwahrscheinliche Geschichten auf, die mich emotional dazu nötigen sollen, einem moralisierenden Gossenkater mit nur einem Auge Obdach zu gewähren, wenn ich das richtig verstehe… Ja, das verstehst Du richtig, aber anstatt mal uneigennützig und von Herzen kommend zu helfen, muss ich nicht nur betteln, nein, meine soziale Situation wird schnodderig und kaltschnäuzig bagatellisiert, wie es symptomatisch ist für das reiche Europa. Ruhe, sagte ich, Ruhe jetzt, komm in einer Stunde wieder, ich muss nachdenken. Die Katze schickte sich an, in ihren Reden fortzufahren, ich drohte mit meiner Pranke, öffnete die Tür, und sagte ihr, sie möge im Vorhaus warten, wischte den Pipisee weg, legte den kleinen Quirl zurück in die Kredenz, setzte mich auf das Sofa und dachte nach. Daß meine Lebensqualität unter der räumlichen Nähe mit einer selbstmitleidigen, möglicherweise schizophrenen und einäugigen Katze leiden würde, war klar, dazu war kein Nachdenken nötig. Trotzdem würde ich ja sagen, da die Vergangenheit gezeigt hatte, daß alle Versuche aktiv gegen das Schicksal anzusteuern, sich in der Rückschau als töricht erwiesen hatten. Als ich aufstand, miaute und kratzte die Katze, die wohl die ganze Zeit gehorcht hatte, an der Tür zum Vorhaus. Lass mich bitte rein, es ist kalt hier und dunkel, jammerte die Katze, hast du schon vergessen, daß ich es mit der Blase habe? Ich stieg die Treppe hinauf in die obere Etage. Hier war es ungeheizt und in einigen Türstöcken hingen Spinneweben. Mein altes Kinderzimmer. Ich würde das Modell der Panamakanalschleuse auf den Speicher stellen, ich würde der Katze das Bett machen und ihr das schöne Badehandtuch geben, das mit den Zwergen, eine perspektivische Zwergenparade war dort in Frottee abgebildet. Also heizte ich ein und räumte das Modell der Panamaschleuse auf den Speicher, was sich als komplizierter erwies als erwartet, da das Modell der Panamaschleuse aus Balsaholz zusammengeklebt, also zugleich filigran und sperrig war. Eine Schleusenkammer blieb beim hinaufhieven leider am Handlauf der Treppe hängen und polterte berstend die Treppe hinab. Man würde es reparieren können, mit Leim und Farbe. Die Katze miaute im Vorhaus. Aus dem Kasten für Handtücher und Tischwäsche holte ich das Zwergenhandtuch und roch daran. Es roch nach altem Holz und den künstlichen Duftstoffen der Waschmittel, die Chemiker in den Laboren der Waschmittelfabriken einst synthetisiert hatten, um beim Verbraucher eine Anmutung von häuslicher Geborgenheit hervorzurufen. Die Katze zog bei mir ein.
Am Morgen schwebten sehr feine Schneeflocken durch die Luft, doch die Sonne wärmte noch. Ich blickte hoch zu meinem alten Kinderzimmer, in dem jetzt die Katze wohnte, und sah, daß die Vorhänge zugezogen waren. Die Katze lag im Bett und hörte Musik. Ich erntete Mirabellen. Es war ein mittelmäßiges Jahr für Mirabellen. Abends saß ich am Küchentisch und entsteinte die Mirabellen. Die Katze saß dabei, schwieg und aß Toastbrot mit Scheibensalami und Mostricht, wie immer. Am Totensonntag erntete ich die Haselnüsse, die Vorhänge am Fenster der Katze waren zugezogen. Fünf Kübel Nüsse! Das muss man sich mal vorstellen. Ich war zufrieden und pfiff leise ein Haselnusslied. Am Abend, als die Katze heruntergeschlichen kam aus ihrem Zimmer um das Brot mit Salami und Mostricht zu essen, daß ich ihr zurecht gemacht und hingestellt hatte, und sah, daß ich am Tisch saß und Nüsse knackte und freundlich in ihre Richtung nickte, und sieh nur, die vielen Nüsse, fünf Kübel heuer, sagte, schwankte die Katze, griff sich an den Hals und packte erkennbar theatralisch nach der Handtuchstange um nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. Nüsse, sagte die Katze röchelnd, bekomme keine Luft. Die Katze hatte also, oder gab jedenfalls vor zu haben, eine Nussallergie. Über Laktoseintoleranz hatte wir auch schon gesprochen.
Meist war die Katze wortkarg und launisch, sagte selten bitte und danke. Wenn ich aber beim Kamin saß und mich anschickte ein Buch zu lesen, erschien oft die Katze und war ganz munter, erzählte mir, welches das sickeste Rapalbum aller Zeiten sei, oder hatte ein Stickeralbum mitgebracht, in dem Formel-1-Wagen abgebildet waren und fragte mich, ob ich auch fände, daß dieses Rennauto, auf das sie mit der Pfote tippte, das krasseste sei. Ich ging dann gelegentlich am Abend ins Bienenhaus, setzte mich auf einen Schemel, schloss die Augen, legte die Zunge an die obere Zahnreihe und atmete sehr tief ein, hielt die Luft an und hörte die Bienen leise summen. Meine Befindlichkeit wurde von der Katze beeinträchtigt.
In einer Nacht hatte es viel geschneit und ich schippte Schnee. Die Katze war am Fenster zu sehen und machte irgendwelche Gesten. Ob ich denn immer nur spießige Sachen machen würde, fragte mich die Katze am Nachmittag des gleichen Tages, als ich Holz hackte. Ich hielt inne, lehnte die Axt gegen die Wand des Holzhauses und fragte die Katze, was sie denn mit der Frage aussagen wolle, ausser mich zu beleidigen. Sorry, sagte die Katze, wollte dir nicht auf den Schlips treten, aber wenn man dir so zusieht, kriegt man echt nen Huf, immer nur busy, das ganze Leben eine einzige Abfolge existenzieller Notwendigkeiten, irgendwann haust Du in den Sack und die Typen nageln deinen Sarg zu und du hast dein Leben mit Schneeschippen oder Holzhacken verpulvert, wow Alter, merks mal. Mann, wieso machst Du nicht mal Party, bisschen Action, raus aus der Bude, rein ins Leben, Dicker. Ich sah die Katze an, die steifbeinig und zitternd im Schnee stand, aber mit den Vorderpfoten lässige Gesten machte. Passt, sagte ich, griff zur Axt und holte weiter aus als nötig, ich werde drüber nachdenken. Die Katze musste einen gescheiten Satz machen, um nicht von der umherwirbelnden Hälfte eines gespaltenen Scheites getroffen zu werden. Einerseits ungeheuerlich, wie in den Grenzen meiner Liegenschaft mit mir gesprochen wird, andererseits dachte ich bei mir, die Wahrheit kommt nicht selten in einem formlosen, mit Dornen besetzten Gewand, zudem hat die Katze eben einen geringen Bildungshorizont. Hatte aber der Prophet Mohammed auch beispielsweise.
An einem Tag nach Silvester saßen die Katze und ich in der Küche. Von der Decke baumelte, an Schnüren aufgezogen, das Dörrobst. Hier, sagte ich zu der Katze und legte ihr die aufgeschlagene Lokalzeitung hin, in der ich eine viertelseitige Annonce mit Buntstift umrandet hatte. Ein Zirkus gastiert in der Stadt, nur wenige Tage, steht da, sagte ich. Möchtest Du gehen, fragte ich die Katze, beim Bäcker sagt man, daß sie einen verblüffenden Zauberer haben und, wie sich der Annonce entnehmen lässt, Clowns und Equilibristen und Löwen, das sind doch auch Katzen, könnte Dich also schon deshalb interessieren. Clowns sind nicht lustig, Equidingens kenn ich nicht, okay, und Löwen, die sich kalten Käfigen kaserniertf, den Arsch abfrieren um am Abend für zehn Minuten irgendwas unglaublich banales, ihnen mit Gewalt ankonditioniertes zu machen, wie durch einen Reifen springen oder Pfötchen geben oder ähnlichen Scheiss, danke, lass mal stecken, Dicker. Ich legte die Zeitung zum Feuerholz und schwieg. Die Katze spielte mit ihrem Handy und ich fädelte Marillenscheiben auf. Was möchtest Du denn überhaupt unternehmen, fragte ich die Katze schließlich. Die Katze legte das Handy zögerlich beiseite. Hmm, Formel 1 vielleicht, oder Striptease, sagte die Katze, okay, Formel 1 im Winter fällt wohl flach, also Striptease, das wäre krass. Striptease? Wie kommt denn eine Katze auf Striptease? In meiner Verblüffung ging ich ins Bienenhaus um nach den Bienen zu sehen. Striptease war mir konkret nicht bekannt, ich dachte nach und das Ergebnis waren naturgemäß nur vage Vorurteile, wie sich auch das Nachdenken über die punischen Kriege oder Dänemark hervorgebracht hätten. Mir fehlten Informationen. Daß Striptease mich nicht interessierte, war ja zweitrangig. Dänemark interessierte mich ja auch nicht.
Hör zu, sagte ich zu der Katze, morgen und übermorgen muss ich Holz schlägern, wenn Du aber immer noch willst, besuchen wir am Freitag so eine Stripteaseaufführung. Vorausgesetzt… Yippie, rief die Katze und ruderte mit den Pfoten. Vorausgesetzt, es gibt hier überhaupt so ein Etablissement, vielleicht kannst Du das ja mit Deinem Handy rausbekommen, die Adresse von so einem Stripteaselokal, womöglich in der Kreisstadt. Nee, tut mir leid, sagte die Katze, Guthaben ist gedrosselt, Google funzt nicht. Also sah ich schließlich in einem alten Branchenbuch nach, zunächst unter T wie Tanz, schließlich unter E wie Erotik.
Die Tage waren kalt und klar und ich schlug im Wald Holz. Aus den Schornsteinen quoll der Rauch der verbrennenden Scheite. Man drängte sich zusammen am Ofen wie die Murmeltiere. Als ich in an einem dieser Tage in den Schuppen ging, um einen Fetzen mit Aceton zu tränken, da meine gute Hose einen Ölfleck hatte, bemerkte ich, daß die Acetonflasche fehlte.
Am Morgen des Freitags ging ich zu meinem Sparschwein um Geld für die Vorführung zu haben. 145€ in kleinen Scheinen. Akkumulierte kleine Beträge, die mir die Bauern zugesteckt hatten, wenn ich ihnen half, beim Zaunmachen etwa oder beim Umsetzen der Bienenkörbe. Manchmal schellte ich auch bei den Bauern um ihnen einen kleinen Eimer Schwarzbeeren oder schöne Schwämme, die ich im Wald gefunden hatte, zu verkaufen. Solche Geschäfte verliefen in der Regel wortlos, Ware gegen einen kleinen Obulus, Tür zu. Oft öffnete die Frau und im Hintergrund, im Herrgottswinkel saß der Mann und starrte mechanisch kauend auf einen dampfenden Teller blasser Würste. Die Menschen waren hier so. Bergbauern, viele davon auch Jäger, also mißtrauisch, ständig auf der Hut, gerade Bären gegenüber oder Ausländern.
Die Katze trug einen Trainingsanzug von Ellesse, weiße Turnschuhe, in deren Sohlen rote und blaue Leuchtdioden eingelassen waren, sodass diese beim Auftreten munter blinkten. Dazu einen hohen dunkelgrünen Filzhut, an dem ein Gamsbart befestigt war, sowie diverse lange Federn von Fasan und Schneehuhn. Ich hatte meinen neuen Winterstiefel an und den hellbraunen Wollmantel mit Lammfellkragen. Trotzdem ich langsam ging, hatte ich oft zu warten, da die Katze langsam lief und fast an jeder Kreuzung fragte, ob wir denn bald dort seien. Nussgasse 9a. Von der Fassade des Hauses plasterte der Putz ab. Ein Stripteaselokal war zunächst nicht auszumachen. Nur die Fensterfront einer Sanitätshandlung, in der mit Herbstlaub und Plastikkürbissen dekorierte Holzbeine ausgestellt waren. Größte Auswahl an Glasaugen in ganz Österreich. Treten Sie näher, ein Verkaufsgespräch ist für Sie vollkommen unverbindlich, so ein Plakat in der Tür. Die Katze fror und war schweigsam. Nach einigem suchen fand ich im Schatten eines zugigen Durchgangs zu einer Kellerstiege ein handgeschriebenes Schild: Klub Medusa, rund um die Uhr frivoler Nackttanz. Verzehrzwang. Lassen Sie sich von internationalen Busenmodellen verzaubern. Treppe runter, dreimal klingeln.
Was tut ihr hier? Der vierschrötige Kerl, der die Tür mit einem Schwung aufgestossen hatte, musterte uns feindselig und verströmte einen muffigen Geruch von Nikotin und Knoblauch. Ich trat ruhig näher, drückte meine Brust heraus und fixierte den Türsteher forsch. Physische Präsenz zu zeigen war für einen Braunbären in den besten Jahren nun wahrlich eine leichte Übung, ich konnte mir leicht ausrechnen, wie man mit solchen breitschädeligen, wie aus Hartholz geschnitzten Bauerntypen umzugehen hatte. Servus, wir sind hier wegen der Vierzehnuhrvorstellung, sagte ich lässig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Is’ Nonstopdancing hier, klar?, sagte der Türsteher und spuckte auf den Boden. Was mit dem, is’ der volljährig? Der Türsteher machte mit dem Kinn eine Bewegung in Richtung der Katze. Ja, sagte ich, kommt aus der ehemaligen DDR, genetisch bedingter Wachstumsdefekt, is auf Montage hier, Tunnelbau, Cousin zweiten Grades. Na, schön, sagte das Hartholzgesicht, kommt rein, aber macht mir hier keinen Ärger, sonst gibt’s a foatzn, klar?
Der Raum, den wir betraten, war flach aber unermesslich groß. Wände ließen sich nicht erkennen, nur Dunkelheit. Rotlichtlampen, geraffte Stoffdekorationen, griechische Statuen aus Kunststoff und einige Tische, an denen vereinzelt Männer vor halbleeren Bierseideln saßen. Im Halbdunkel war eine Kapelle unbestimmten Umfangs zu erkennen. Die Mitglieder der Kapelle trugen morgenländisch anmutende Kostüme und spielten mit reptilienhaften Bewegungen sehr schleppende Jazzmusik. Im Schein einer hektischen Lichtorgel tanzten ungelenk zwei auffallend fahle Frauen. Wir setzten uns und die Serviererin brachte eine Flasche Sekt und zwei Gläser. Was dagegen, wenn ich gleich kassiere, macht 120€, sagte die Serviererin. Als ich monierte, daß wir den Sekt ja gar nicht bestellt hätten, sagte die Serviererin, daß ihr das egal sei, die Flasche sei jetzt eben da, geöffnet zudem und müsse bezahlt werden. Dafür sei ja der Eintritt frei, müsse man auch mal bedenken. Die Katze saß da und machte große Augen. Also tranken wir warmen Sekt und schauten auf die Bühne, die von zwei Seeungeheuern aus Pappmaché flankiert wurde, aus deren Mäulern gelegentlich Trockeneisnebel ausgestoßen wurde. Die eine der beiden Tänzerinnen hatte sich ihrer Glitzerunterhose entledigt und führte stoßhafte Bewegungen mit ihrem Unterleib aus. Die andere Tänzerin räkelte sich an einer der beiden horizontal verlaufenden Haltestangen und machte auch Miene, an dieser, in schlecht gespielter, vermeintlich lusttrunkener Selbstvergessenheit zu lecken. Die Katze hatte das zweite Glas Sekt getrunken und wippte etwas mit dem Schwanz im Takt der Musik. Am Nebentisch war ein Mann mit dem Kopf auf die Tischplatte gesunken und sogleich schnarchend eingeschlafen. Der Türsteher kam und zerrte den Schlafenden routiniert am Mantelkragen hoch und wohl hinaus auf die Straße. Ein koboldhafter, stark behaarter Mann war aufgestanden und an die Bühne herangetreten. Sogleich streckten die Tänzerinnen reflexhaft ihre Beine gegen den Zuschauerraum, um dem Hervorgetretenen die Möglichkeit zu bieten, eine Banknote am Strumpfband zu befestigen. Die Beine glänzten im bunten Licht frei verkäuflich wie cellulitebehaftete Schinken.
Als nächste Nummer zwei jüngere Negerinnen, die eine erotische Schlangennummer aufführten. Mir ist schlecht, sagte die Katze plötzlich, als die Schlangen sich wanden, bitte hilf mir. Ich sah, daß die Sektflasche fast leer war, wobei ich nicht einmal ein Glas davon getrunken hatte. Ich trug die Katze zur Kloschüssel und hielt sie ab; die Katze kotzte. Während die Katze in meinen Armen kotzte, fragte ich mich, wer in ein Stripteaselokal geht und dann groß muss. Auch ob Präsident Obama in seinem Flugzeug kackt, oder ob der das alles zu Hause erledigt und im Flieger nur seine Papiere durchgeht. Wie man manchmal auf so Sachen kommt…
Als ich die Katze die Kellerstiege hochgetragen und vorsichtig auf den Gehsteig gestellt hatte, standen wir inmitten eines Krampuslaufs. Es herrschte ein Gedränge. Die Luft war warm vom Föhn. Sogleich machte mir die Katze Vorwürfe, wegen des verpatzten Nachmittags und wieso ich sie nicht gewarnt hätte. Du hältst Informationen zurück um mich zu schädigen, rief die Katze und weigerte sich zu gehen. Wir waren umgeben von Menschen, die das heidnische Brauchtum mit Handykameras filmten. Du hasst mich, alle hasst Du, schrie die Katze. Einige Zugereiste begannen nun auch die Katze zu filmen, die spuckte und mit den Krallen gegen Umstehende tatzte. Ihr seid Dämonen, brüllte die Katze heiser, Ungläubige, seid ihr, verschwindet. Ihr werdet für alles büssen müssen, mit Allahs Hilfe. Die Katze fauchte und zitterte vor Aufregung und ihre Nackenhaare waren gesträubt. Endlich versiegte der Zorn und die Katze umschlang meine Beine und schluchzte und heulte und bebte am ganzen Körper. Ich gab der Katze ein Papiertaschentuch.
In der Nacht hatte es zwanzig Zentimeter geschneit. Die Katze war plötzlich verschwunden. Sie war auch nicht im Schuppen und nicht im Holzhaus. Der Schneepflug fuhr durch. Ich hackte Holz. Kurze graue Tage, von Westen zogen neue blauschwarze Schneewolken auf. Von der Katze keine Spur. Irgendetwas war passiert, ahnte ich.
Eines Morgens, etwa fünf Tage später, schellte es an der Tür und ich hörte, wie im Hof Männer husteten und redeten. Es klopfte, es klingelte. Machen sie die Tür auf, Polizei, wir wissen, daß sie daheim sind, rief es fordernd von draussen. Polizei, Herr Baumhofer, wir fordern sie letztmalig auf sofort die Türe aufzusperren. Das war natürlich eine tolle Bescherung, es war gerade mal fünf Uhr, ich war im Bademantel. Ich tat wie gewünscht und vor der Türe standen sehr viele, hellwache und aufgeregte Polizisten in schwarzen Uniformen, behelmt und mit kugelsicheren Westen bekleidet. Die fauchenden Rotorblättern eines Hubschraubers wirbelten den Schnee im Hof auf. Man griff nach mir und flog mit mir mit dem Hubschrauber über blauverschneite Berge nach Wien. Ich hatte Magengrimmen. Man sagte mir, daß ich Zeuge sei. Und ob ich denn gar nicht wüsste, worum es ginge. Ob ich ein Handy hätte. Wieso nicht. Hätte doch alles in der Zeitung gestanden. Und bei Österreich heute hätten sie ebenfalls berichtet. Und das Foto der Katze hätte man schon bei Facebook gebracht, gepostet genau genommen. Alle redeten auf mich ein, die Luft war sehr warm und verbraucht in dem Büro und ohne Unterlass klingelten Telephone. Es kristallisierte sich schließlich heraus, daß die Katze tot war; sie hatte sich am Donnerstag in die Luft gesprengt. Vor dem Modehaus Fussl in der Filzmooser Straße. Die große Schaufensterscheibe des Gewandhändlers sei durch den Druck zerschmettert worden und die Auslagen habe es naturgemäß mächtig durcheinandergewirbelt. Ein dreiundsechszigjähriger Trafikant sei von umherfliegenden Glasscherben leicht verletzt worden. Es sei ein Wunder, wie gesagt wurde, daß nicht schlimmeres passiert sei. Der Bürgermeister sei dorten gewesen, die Bezirkshauptmannschaft, freiwillige Feuerwehr, die Jägerschaft, selbst der Präsident wäre gekommen, um sich ein Bild von der Lage zu machen und habe sich erschüttert gezeigt und gleich eine Rede gehalten, die bei Österreich heute ausgestrahlt wurde usw. Ich hatte wie gesagt Magengrimmen und wäre gerne mal zur Toilette gegangen um Kacki zu machen, aber alle löcherten mich mit Fragen, wieso ich das denn nicht mitbekommen habe, und wieso sich die Katze in meinem Haus so hätte radikalisieren können und wieso die Katze nicht polizeilich gemeldet gewesen sei, daß das die Ermittlungen maßlos erschwert hätte, und daß ich wenigstens in dieser Sache noch mit einem Nachspiel seitens der Gemeinde, der Bezirkshauptmannschaft und womöglich auch der Jägerschaft zu rechnen hätte. Ich sagte, daß ich nichts sagen würde, weil ich nichts zu sagen hätte, nur, daß ich die Zeitung nicht lesen würde, kein Handy hätte und auch kein Internet oder Fernsehen. Und auch nicht in die Bäckerei gegangen sei, da ich zum einen weniger Brot essen wollte, zum anderen ein halbes Brot eingefroren habe. Weil doch solche Ereignisse immer in der Bäckerei verhandelt werden würden, aber da ich nun mal nicht dagewesen sei, hätte ich eben nicht gewusst, was passiert sei. Im Wirtshaus sei ich nie, nicht im ÖKB, sagte ich und zur Dorfmusik ginge ich auch nicht. Und die Katze sei mir nicht verdächtig vorgekommen, eher so, wie man sich eine Katze so vorstellen würde. Da hakte der eine Kommissar ein, wie ich mir denn Katzen vorstellen würde, und ich musste zugeben, daß ich keine Ahnung von Katzen habe. Daß ich mit der Katze in einem Stripteaselokal gewesen war, sagte ich nicht, fragte aber auch niemand. Experten hätten die Verbindungsdaten des Katzentelefons analysiert und ausgeforscht, daß die Katze in verschlüsselten Chaträumen dauerhaft mit dem Islamischen Staat in Kontakt gestanden hätte, die die Katze in weniger als drei Wochen zu einer gleichsam willfährigen Marionette umgemodelt hatten. Daß man an der Acetonflasche meine Fingerabdrücke und DNA-Spuren entdeckt hatte. Ich sagte, daß ich auf die Toilette müsse, groß. Man sagte mir, daß das jetzt nicht ginge, wegen Selbstmordgefahr und der Gefahr daß Beweismittel vernichtet werden könnten. Daß ich die einfach im Klo runterpülen könnte vielleicht. Schließlich kam eine Psychologin, die mich zu meiner Selbstwahrnehmung befragte und mit ganz kleiner schöner Schrift Notizen in ein hellblaues Ringbüchlein schrieb. Die Psychologin war freundlich und verständnisvoll. Ich mochte, wie sie roch. Dann konnte ich gehen.
Ich kehrte ein. In die Eisenbahnkantine am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz und bestellte ein großes Helles und das Tagesgericht: Linsensuppe – zum Nachtisch Mohnstrudel. Bahnfahrt – umsteigen auf den Postbus in Mürzzuschlag, der Schnee hatte die Strecke verlegt. Ich lief durch die Neumondnacht. Es war sternenklar, kalt und vollkommen ruhig. Der Obstgarten lag unter einem sanften Bett aus Schnee.
Ich schloß auf, stieg die Stiege hoch und sah etwas wehmütig in das Zimmer, in der die Katze gelebt hatte. Die Luft war stickig, kalt und leicht urinös riechend. Ich kippte das Fenster. Bettwäsche von Cars. Zeitschriften, Schmutzwäsche und benutztes Geschirr. Die Katze hatte eine Art Tohuwabohu hinterlassen. Über dem Bett ein Poster von Mika Häkkinen (mit Unterschrift) und ein anderes Poster von Kanye West. Auf dem Bücherbord über dem Bett, auf dem noch Hukleberry Finn und 20.000 Meilen unter dem Meer und so von mir standen, ein ungelesenes, noch in Folie eingeschweißtes Taschenbuch der Katze: Der Koran – die besten Suren, aus der Reihe Religion Kompakt von 1986, Herabgesetzt, stand auf einem runden neonrosa Pickerl: Jetzt um 1€. Daneben hatte die Katze kleine, teilweise bemalte oder mit Folie beklebte Schachteln arrangiert, die mit handschriftlichen Namen versehen waren. Namen wie Dipsy, Coco und Billy usw. Ich sah hinein: Knochen, eher Knöchelchen von Mäusen und Singvögeln, mitunter auch winzige Schädel.
Plötzlich fiel der Strom aus und alle Lampen erloschen. Ich ging vorsichtig im Dunkeln die Stiege hinab und heizte ein. Als ich auf dem Sofa lag, bemerkte ich wieder mein Magengrimmen. Gerichte mit Hülsenfrüchten, ausser Haus verzehrt, waren immer ein Vabanquespiel. Im rechten Ohr hörte ich ein Geräusch, als würde man eine weiche Plastikflasche zusammendrücken. Es waren letztlich die Nerven. Ich fühlte mich wie ein Fabeltier ohne Eigenschaften. Irgendwie ausgelaugt, der Freude und Stetigkeit beraubt. Mein Fell fühlte sich stumpf an, juckte und zeigte Anzeichen von Verfilzung. Das Leben schien eine endlose Perlenkette der existenziellen Probleme werden zu wollen. Da dachte ich an Formationen von Zugvögeln, die nach Norden ziehen, an einem Morgen im April. Wie ich zufrieden durch den Schnee aufwärts stapfe und wie alles ist nur kalt ist, weiß und blau. Und an Marillen, die warm sind von der Sonne. An Dinge also, die immer sein werden. Ich legte die Pranke auf den Bauch, wackelte mit den Zehen und sagte meinen Namen. Mein Name ist Herrmann Baumhofer. Ich wackelte mit den Zehen. Eine Choreographie des Kreisens. Mein Name ist Herrmann Baumhofer. Immer wieder sagte ich das.



20. Oktober 2016