Süchtige

Ein schweres Kind – so scheint es. Auf dem S-Bahnhof erbiete ich meine Hilfe beim hinabtragen eines Kinderwagens. Als auf dem Treppenabsatz das Gefährt aufgrund unterschiedlicher Körpergrößen der Träger ins Schlingern gerät, stellt sich heraus, daß der eigentliche Fahrgastraum mit Flaschen voller berauschender Getränke befüllt ist. Wenig später an einem anderen, jedoch nicht weit entferntem Ort.

Im Schein einer schummrigen Vortstadtlaterne lehnt ein schmales Bürschchen von vielleicht fünfzehn Jahren rastend, seitlich an seinem Zeitungswagen. Darin stapeln sich matterhorngleich der Zustellung harrende Anzeigenkäseblätter. Kindlich von Statur und Physiognomie wirkt der prekär Beschäftigte, zartester Flaum umspielt seine ausgemergelten Wangen. Er hat den Kopf in den Nacken gelegt und trinkt in vollen Zügen aus einer Halbliterflasche Schnaps, das Laternenlicht lässt den Branntwein in der erhobenen Flasche gülden, bernsteinhaft erglühen. Ein reales Bild voller dickenschem Pathos. Endzeithaft und zeitgenößisch elend hingegen die Schatten, die sich hinten an der Laderampe des neuen Aldis auf dem wildbewachsenen Wiesenland rumdrücken und mit Heroin handeln. Wie dämonische Glühwürmchen erglimmen die Feuerzeuge der Folienraucher im Halbschatten des Profanbaus.



10. August 2006