Hightatras:

Das Hineinschleichen der Fauna
Bei Nacht stehen wieder oft Wildschweine auf der Wiese am Fuße des Hauses. Ein Gestalter könnte die Tiere nicht schöner anordnen. Im Licht von Laternen wirft das Schwarzwild Schatten, die wohl scharf begrenzt wären, wenn Gras und struppiges Haar keine rauhen Strukturen besäße. Namentlich die Silhouetten der äsenden borstenbesetzten Mäuler sind sehr deutlich und surreal vergrößert. Da sich mitunter Bodennebel bildet, beispielsweise nach dem Regen, sind auch Halos um die Tierkörper zu beobachten, die sich wellenförmig ausbreiten.
Bei ihrem Mahl beschädigen die Tiere die Grasnarbe mit robusten Schnauzen z.T. erheblich, da sie natürlich – und wie leicht vorstellbar zum Verdruss der Mietparteien – keine Rücksicht auf das gärtnerische Konzept der Wohnanlage nehmen in ihrem instinkthaftem Streben nach Nahrung. Ein klassischer Interessenkonflikt liegt also vor – auch ein jähes Aufeinanderprallen von Zivilisation und Wildnis.
Mir gegenüber saß ein Heroinabhängiger. Seine Augen waren als eine Art Standard in ihrem Aussehen von einem gleichförmigen, jedoch schwer zu fassenden Schleier getrübt, der aber ungleich dem des Stares ist. Eine haifischartige Ausdruckslosigkeit zunächst, wohl selbst wenn der Morphinist von gutmütigem Wesen und regen Geistes ist. Das Auge ist dem Gehirn entkoppelt, wenigstens wie eine dieser einseitig durchsichtigen Scheiben, die Ladendetektive in die Lage versetzen, Ladendiebe zu beobachten, die sich unbeobachtet wähnen. Augen, mit denen sich ein Pokerturnier gewinnen lässt. Die Trübung der Iris wirkt, als sei sie rasant und durch geringen Einfluss eingetreten, wie die photochemische Ausfällung gelösten Silbers zu einer dünnen grauen Milch.
Den Augapfel des Morphinisten als elfenbeinfarben zu beschreiben wäre trivial. Es ist eher ein gebrochenes grüngoldgrau und schwer zu fassen und zudem bald unmöglich zu mischen, weder mit Aquarellfarben noch natürlich vermittels einer Computerpalette, wie auch das farbliche Nachbilden des vermeintlich metallischen Chitinpanzers eines Käfers - denken Sie an Centonia aurata etwa oder Gnorimus nobilis – jenseits der Grenze des uns zu Gebote stehenden Farbraums liegt. (Jan van Eyck könnte das bestenfalls, der durch ausgefuchste Lasurtechnik im Stande war Körperlichkeit und die ihr innewohnenden komplexen Brechungsphänomene überrealistisch abzubilden. Ich meine jedoch einen Einzelton.)
Als neulich an einem trüben Nachmittag tintig dunkelblaue Regenwolken tief hingen und als dann der Abend kam und die Sonne aprilhaft, in spitzem Winkel, unter den Wolken hervorschien, die sich gegen den Zenith hoben wie ein düsteres Gebirge und die Atmosphäre zwischen Sonne und Betrachter von aufsteigendem Nebel und feinen schleierhaften Regenfällen erfüllt war; da erschien mir dieses grüngoldgrau – eine feine und vergängliche Farbe, die sekündlich in verschwärzlichtere Valeurs hinabsank.
Eines nachts ging ich spazieren. Da stieg ich einen kurzen steinigen Pfad hinauf, den Beikraut säumte. An meinem Kopfe glimmte und pulste elektronisch eine Stirnlampe. Die Struktur des kleinen Berges, der künstlich ist, bildet sich aus Trümmern, die auch aus dem Boden ragen, aus Backsteinen und Armierungseisen, die expressionistische Schatten ohne Zeichnung werfen. Es handelt sich um eine Landschaft, die Adolf Hitler posthum formte. Kurz vor Erreichen des Gipfelplateaus befanden sich meine Augen auf Bodenniveau und ich sah im Vordergrund die Silhouette eines zügig gen Süden flüchtenden Hasens vor dem rummelhaft erleuchteten Stadtpanorama in der Ferne, dessen kariöse Kleinstadtanmutung und klägliches Streben in die Vertikale sich letzlich durch allierte Bombenteppiche bildete. An der Seite, die gegen den Wald geht, zeichneten sich schemenhaft, da umnebelt und zwielichtig, die Silhouetten von Wildschweinen in romantischer Idealverteilung ab; schwarz vor anthrazitfarben nebliger Nadelbaumrauheit. Am Rand des Plateaus standen zahlreiche Polizeiautos und Polizisten liefen umher wie krabbeliges Insekt, in betresster Uniformbekleidung aber auch in weißen Overalls. Es blinkten blaue Blinklichter und Scheinwerfer warfen ein kaltweißes und nüchternes Licht der Aufklärung. Ein silberner Geländewagen funkelte im Lichterschein. Seht, Handlungen verwandelten das Gefährt gänzlich zu einem Indiz.

Schön ist immer der Blick nach Norden: Kraftwerke und Schwerindustrie, die am Ufer eines ölig schwarzen, sich träge und devot gen Mündung wälzenden, von rostigen Spundwänden korsettierten Flusses liegen, in dem mehrfach benutzte Einwegspritzen und korrodierte Fässer mit Abfällen aus ukrainischen Leichtwasserreaktoren dümpeln und an deren Uferböschung, tief im Dioxinfeinstaubschmodder, metallische Tausendfüßler hausen, die sich an angeschwemmten Teerbatzen schadlos halten. In dunklen und stürmischen Nächten wabern die Rauchfahnen der Schlote fast waagerecht und am Horizont schillern Nordlichter; grünlich, von violetten Schlieren durchwirkt, wie Benzin auf einer finsteren und tiefen Wasseroberfläche voller Phosphate.
Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« |
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Der Weg der Schwere
Wie sehr ich die Ankunft hierher ersehnte, während den mir aufgebürdeten Jahren im Wald.
Meine Stiefel sanken mit den Schritten schmatzend hinab und winzige Falter stoben bei meinem bangen vorbeistreichen auf von den Blättern. Gelegentlich spürte ich die Ketten von Güterwaggons jenseits des widerspenstigen Grüns, das mich umspann und schließlich stoisch nach mir griff, auch mit rostverschorften Dornen, die meinem Leib auflauerten, daß Blut hervorsickerte und zögerlich hinabrann über meine krustigen Schenkel. Die Hunde belferten, wenn auch durch die Zeit verhalten; bei Tag, wenn ich über die Steppe ging und die Sonne gellte, mir die Lunge matt war vom Staub und bei Nacht, wenn ich im Moor schlief, mir ein Lager aus triefendem Torf zurechttrat und nicht am Feuer saß. Immer hielt ich inne und trank aus der Zinnflasche, die ich bei Dunkelheit in der Waldhütte eines Muschiks gestohlen hatte und ich blickte beim Trinken hinauf in den Himmel, ob der Herr Regen schicken würde oder einen Sturm.
Jetzt liege ich rücklings im halbdunkel auf dem staubigen Boden und flattere mit den dürren Ärmchen um mich hinabzuwedeln in die köstliche Erde, wie eine Flunder. Vorzüglich kühle und aromatische Luft gibt der Herr mir hier zu atmen und einen Knust Schwarzbrot fand ich von seiner Hand vor. In Raum und Zeit hat sich eine aufgelassene Kosakenmiete zu meinen Gunsten materialisiert, die aus bitumenbestrichenen Bohlen gefertigt wurde und draußen im Sonnenlicht von einem Ring aus sieben summenden Bienenkörben umstanden wird. Einige der Bienen schweben schwerfällig, scheinbar wie suchend, unter der Decke und auf einem Sims aus splittrigem Holz steht eine schwächlich glimmende Butterlampe.
Ehe ich die Drohnen der Deutschen sah, hörte ich sie. Ich saß auf einer kleinen Anhöhe in einem Dornenbusch sicher verborgen, rauchte und trank Kwas, in dem Moosbeeren schwammen. Da gewahrte ich, wie sich die Drohnen, angesichts der roten Dächer des kleinen Weilers, der unten beim Bache lag, aus schwärmendem Umherstreichen zu gezielter Zerstörung formierten in titanischer Funktionalität. Sonnig und sehr still war es an diesem Tag und die Kirschbäume blühten. Auch die Vögel waren verstummt, daß ich das rotieren und zarte klickern der Festplatten im Kern des schwarzen Kruppstahles zu vernehmen meinte. Es mögen wohl an die zwei Dutzend gewesen sein. Schließlich wurden leicht entflammbare Kampfstoffe in die Ausstoßdüsen gepumpt.
Mein Vater fuhr ein stattliches Auto, dessen Motor nach Herrenzimmer und Antilopenleder klang. Einst bewohnten wir auch ein gutes Haus. Dann brachte man uns zu einer Waldstelle, wohl hundert Werst von den Gleisen entfernt, und mein Vater musste seine Uhr abgeben.
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
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Sonntagmorgen, 11 Uhr Ortszeit
Der Kandidat ist ein Endzeitkandidat; ein Kandidat, dem naturgemäß nur noch brennende Hochhäuser und schwarze Drohnen folgen können, die zitternde Laserstrahlen aussenden auf die Röcke gegen den Palast marschierender Bürger, die Fleisch und Flachbildschirme wünschen. Zurück bleibt ein Replikant, der einst durch die Luke eines unterirdischen Laboratoriums auf die Erdoberfläche geworfen wurde, und der eine schöne Krawatte trägt, die der Pöbel zornig zerreißen wird, wie es tolle Hunde tun und während die Pforte erbrochen wird, sich die Wächter also in ihrem Blute winden, erhebt sich ein Hubschrauber krängend und träge vom Dache des Palastes.

Durch die Sicherheitsglasscheiben eines in Fahrt befindlichen Fahrzeuges und ferner durch die rasch oszillierenden Öffnungen einer Steinschlaggalerie wird ein giftgrünes, von Quellen durchquollenes, gipfelwärts von Nebeln umnebeltes Felstohuwabohu sichtbar.
Unversehens weitet sich der gegen das mahlende Gestein von Beton umschlossene, dem Berge abgetrotzte Straßenraum zu einer finsteren und feuchten Parkbucht, wie unverwandt wahrgenommen wird, verdunkelte und beschlagene Autos stehen dort – lauernd – und adlerhorstartig ist ein von heimlichen Leuchten heimelig erleuchtetes Geschäft talseitig befestigt; hinter Schaufenstern – von wulstigen Gummilippen gerahmt – wird Reisebedarf vorgehalten, wie etwa ein wunschgemäß recht kühl temperiertes, von pfandfreiem Polyethylen ummanteltes diätisches Getränk hinter einer mit falschem Frost bedruckten Schaukühlschranktüre.
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
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Herr No äußert sich zur europäischen Frage
Wie es scheint, wird Welschland zu unserem Tschetschenien – die Indizien eines verlöschenden Großreiches verdichten sich. Die Peripherie rebelliert und dem europäischen Kernreich gebricht es an Schlagkraft und sinnvoller innerer Struktur wie einst dem imperium romanum. Der unweigerliche Niedergang nimmt seinen Lauf und das folgende Machtvakuum wird mit flächendeckender Balkanisierung gefüllt. Wir machen unser eigenes Europa mit Blackjack und Nutten. So einfach ist das. Und ich betrachte ein virtuelles Selbstbildnis als Emporkömmling des Untergangs; Produkt der Zerschlagung von Infrastruktur und staatlichen Institutionen; Typus Freischärler und Geschäftsmann, der in Heroin, Arabicabohnen, Eau de Cologne oder weißrussische Jungfrauen macht – der Marktlage entsprechend. Mit der Absteckung neuer Geschäftsfelder und dem Erwachen hegemonialer Gelüste ließe ich mir einen stattlichen Schnurrbart stehen, dessen Enden ich mit Schweineschmalz emporzwirbelte und ich trüge eine Mütze aus zottigem Ziegenfell, einen mit slawischen Volkskunstarabesken bestickten Lederholster für verschiedene großkalibrige Handfeuerwaffen und goldene Schneidezähne mit eingelassenen Brillanten funkelten in meinem Munde. Ein Mann, der mich berauben will, muss mich töten und eine Zange mitbringen, scherzte ich nicht selten und mein linkes Glasauge blickte dabei ungerührt, von feiner Craquelee durchwoben, gen Nordwesten. Auf Saumpfaden, über in Vergessenheit geratene Pässe, triebe ich schwer bepackte Maultierherden bis zu modrigen, frühnebelverhangenen Hütten, an denen dunkelgrüne Geländewagen warteten und am Fuße jenseitiger Felsstürze heulten wehmütig weiße Wölfe: Die Waldkarpaten. Männer in speckigen Uniformhosen und räudigen Bärenpelzen begleiteten mich gegen fürstlichen Sold und über ihren dunkelbehaarten Schultern hingen nachlässig moderne und leichte Schnellfeuergewehre. Und nachts stünde ich beim Feuer mit meiner Geige und spiee in die Glut und träumte von einem eigenen Staat oder einer eigenen Autobahnmautstelle mit Bordell zunächst, bis um mich herum polyphones Branntweinschnarchen erklänge und die Mondsichel mit den Stunden zaghafter würde wie ein dreiviertelgelutschter Halsbonbon.
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Werfen
Bei einem Spaziergang am Sonntagvormittag, recht spät, so gegen zehn, wurde ich eines Schildes gewahr, das für einen just stattfindenden Bücherbasar warb. Von Interesse angelockt nahm ich die drei niedrigen Stufen einer Freitreppe und glitt in einer kybernetischen Bewegung aus der Maiensonne in ein schummeriges Kirchenschiff hinein. Es handelte sich um eine anglikanische Kirche; die Ausstattung ließ hinter heraldischen, in Messing getriebenen weltlichen Elementen und Fahnen, das Sakrale weit in den Hintergrund treten. Auf den, den dunkelgebeizten Bankreihen vorgelagerten Pulten, auf denen die Besucher üblicherweise ihre Gesangsbücher oder die zum Gebete gefaltete Hände ablegen, waren gebrauchte Bücher in hoher Stückzahl zum Verkaufe ausgebreitet. Rechts des Mittelganges englische Bücher und linker Hand Deutschsprachige. So sehr gerne ich jedoch den reichen Dekadenzgeruch alten, sünderschweißgetränkten und insektenzernagten Kirchenholzes, vermischt mit dem Vanillearoma zerfallender Bücher tief einatmete um auch die äußersten Kapillaren meiner Lunge mit Verfall zu füllen, so enttäuschend dünkte mich das Angebot der ausgebreiteten Kochbücher, Ratgeber und Kriminal- Spionage und Liebesromane der letzten drei Dekaden. Da beobachtete ich eine kleine weißhaarige Frau, die routiniert zwischen den Bankreihen hindurchscharwenzelte und ein ums andere Mal zielstrebig bald nach rechts, bald nach links zu Kriminalromanen griff um diese knöchrig aber eichhörnchenhaft in einen bereits prallen Stoffbeutel zu pressen, der beidseitig mit stilisierten Distelmotiven bedruckt war. Die klebegebundenen Bücher kosteten fünfzig Eurocent, Gebundene einen Euro. So ging ich ohne Ziel um den Altar herum, dessen Fuß von einem müden Meer aus Bilderbüchern umdümpelt wurde, und gelangte überraschend in einen halbrunden, fahl erleuchteten Gang, der in eine angelehnte Tür über Treppen abwärts zur unterirdischen Apsis mündete, die sich als Lager vornehmer Bücher erwies; die Wände bis zur niedrigen Decke mit zweireihigen Regalen ausgekleidet, in deren hinteren Schichten ich fündig wurde. Ich war allein. In den Schächten der Oberlichter hatte sich im Herbst ein Konvolut aus Laub angesammelt und hinter den vom Staube matten Scheiben huschten in regelmäßigen Abständen rot- und gelbverwischte Flecken knirschend und brabbelnd vorbei: Kinder, die auf farbigen Plastiktretautos strampelnd die Kirche umrundeten, so das Gehirn, und eine Band spielte dazu schleppend und dumpf - des Laubes wegen – den Kaempfert-Klassiker Strangers in the night.
Die Idee einer runden, in baumkuchenartigen Schichten strukturierten Bibliothek, deren bedeutendste Werke mutmaßlich an der Wand stünden und die nur einem schlanken Mann Platz im Zentrum böte, der fortwährend lesen müsste, da sich die Buchwände vom Ausstoß der Schriftsteller unmerklich, aber doch deutlich bedrohend vorschöben, wie eine poesche Urangst.
Auch könnte ich hier unten hinterrücks von einem Unbekannten mit einem Messingdolch erstochen werden, der mit kunstvoll ziselierten Jagdmotiven verziert wäre und ein zufällig anwesender, Tweedjacket tragender Meisterdetektiv ließe das Kirchenportal abschließen und würde den zweifellos unter den Anwesenden befindlichen Täter qua Deduktion überführen und ins Kittchen bringen. (Der alle Schleier lüftende Detektiv als genreimmanente Zumutung.) Motiv: eine in scharlachrotem Leder gebundene Ausgabe des Decamerone, wie ich sie schließlich zu kaufen im Stande war, auch wie zum Beweis, daß der Index Romanus hier nie Gültigkeit besaß.
Dann stand ich wieder in der Sonne und auf der Straße wurde ein Straßenfest durchgeführt mit Würstchen, Nägel einschlagen und Musik. Eine Postkutsche stand da blitzblank (wie man sagt) poliert und sperrmüllartig (weil zur Unzeit) herum und strahlte Nostalgie aus und Kinder wurden auf den Kutschbock gehoben, um sie, dort sitzend und hilflos lächelnd, mit der Videokamera aufzunehmen. Pferdekot plumpste auf den Asphalt und Statisten in traditionellen Uniformen mit blinkenden Messingknöpfen gebärdeten sich statistenhaft. Ein ergänzendes Phänomen beobachtete ich später am Tage, an einem Gestade stehend, als ein traditionelles Dampfschiff erstaunlich schnell und regelrecht Gischt aufwerfend vorbei fuhr, auf dem Menschen teils standen, teils Platz genommen hatten und sich mit Videokameras aufnahmen um diesen nostalgischen Moment einzufrieren. Flüchtiges Glück, das in diesem Moment genossen werden kann und an sich keiner weiteren Mühe oder Vorbereitung bedarf, wohl aber mit der Bürde, dem Zwang zur medialen Aufzeichnung behaftet ist. Und dann dachte ich, wie oft, aber weniger verbittert als anzunehmen ist, daß heute Kunstbetrieb, Industrie und Handwerk nichts mehr ausstoßen, das sich in einhundert Jahren liebevoll und nostalgisch verklärt anblicken und im Kontext verwandter Menschen durch optische Geräte als Erlebnis aufspeichern lässt. Nichtigkeit und Materialverschleiß spielen hier zudem ineinander.
Lassen Sie mich europäische Innenstädte oder, besser noch, aus dem Boden gestampfte Wintersportorte in den Alpen heranziehen. Die Schrecklichkeit, die einem dort begegnet, ist ja keine kolossale Schrecklichkeit, sondern eine Schrecklichkeit, die sich aus dem Mittelmaß speist und deshalb so schrecklich deprimiert. Und die Schrecklichkeit der Wintersportorte wird durch die erhabene Umgebung nur noch schrecklicher, während die Schrecklichkeit der Städte den Glanz verflossener Epochen nur noch erhöht und so den Status Quo in einem, nur noch als schrecklich zu bezeichnendem Licht erscheinen lässt.
Dabei bin ich durchaus für eine Umformung der Alpen! Und imaginiere mich sogleich in einem unterirdisch verkehrenden nächtlichen Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke zwischen Berlin und Laibach, mit manikürter Hand gedankenverloren zu einem Beistelltischchen aus Mahagoni greifend, sodann einen Absinth-Cocktail zum Munde führend, ohne dabei die hochinteressante Lektüre eines internationalen Herrenmagazins zu unterbrechen.
Der verschlafene Marktflecken Werfen soll Europas bedeutendster Verkehrsknotenpunkt werden! Hier sollen sich die Achsen schneiden! Direkter Anschluss nach Mailand, Pressburg (via Wien) und Warschau. Zwanzigtausend Touristen, die in Eisenbahnzüge von je dreihundert Meter Länge einsteigen ohne zu drängeln. (Die Billets der dritten Wagenklasse werden selbst für Arbeiter erschwinglich sein.) Alles wird unterirdisch stattfinden, tief im Gneis und mit größtmöglicher Geschwindigkeit wohlgemerkt.
Ich wünsche eine Bedarfshaltestelle drei Minuten hinter Werfen, wo der Zug, betätigte ich zu diesem Behufe einen bronzenen Taster, im schrillsten Diskant bremste und ich grußlos umstiege in einen goldenen Fahrstuhl, der, wenige Minuten später, in meinem Kaminzimmer hielte, dessen Vorhänge aus auberginenfarbenen Damast geschlossen wären gegen die Sonne, da ich meine Aufwartefrau in diesem Sinne anwies.
Und aus in den Fels gesprengten Schächten zur Unterwelt werden silberne Raketen zum Andromedanebel aufsteigen oder sich parabelartig gen Amerika senken und ein elektronisches Raunen wird erklingen. Man muss solche Dinge einfach in großer Geste hinwerfen und unverzüglich verwirklichen ohne mit Männern und Material geizen zu wollen. Höchste Priorität genießt selbstverständlich die Vernichtung des Raumes mit den Mitteln der Kernspaltung.
Siehe, einst schießen die Eisenbahnen wie Raketen aus der Südflanke der Karawanken, durch ein großzügig gestaltetes und der Zukunft zugewandtes Portal aus schwarzem Stahl und über dem Balkan steigt die Sonne glühend hinauf in einen Himmel von der Farbe köstlicher Fruchtsäfte und unten funkelt titanisch die Adria gleich flüssigem Kupfer, während in den Abteilen aus Ebenholz moosgrün livrierte Ober körperreiche Kaffeespezialitäten mit Schlag servieren…
Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« |
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Reisender, kommst D
Durchsonnte und farblich überhöhte Landschaften, aufsichtige mediterrane Gestade oder grün dampfende Dschungel, die salzige Macchiawrasen, begleitet von sanftem Wellenschlag, oder das Geschrei behände kletternder Äffchen und das schillernde Gefieder prächtiger Papageien im Geist evozieren.
Gebräunte Fesseln sind von meterhohen Azurbrechern umspült und die lachhaft gebleckten Gebisse disproportionaler Touristen machen gefrorene Miene, die Heiterkeit bezeichnet. Einem erregten Ausfallschritt muss unweigerlich ein kleiner Tsunami folgen und der kometengleich gen Weltall geschleuderte Kunststoffball wird einen Badeort fortwährend verfinstern, und vorgestellt, er würde nicht gefangen, sicher verheeren.
Es handelt sich um Plakatwände, die in den Städten aufgestellt sind, die dem Betrachter anbieten einzutreten in eine Wunderlandschaft, es den godzillahaft und photoshopdesaströs Dargestellten gleichzutun: in der schönsten Zeit des Jahres eines der letzten Paradiese spielerisch zu zertrampeln und ein Volk von Ausländerzwergen zu dominieren.
Diese werblichen Bilder pittoresker Paradiese oder vormoderner Kulturlandschaft sind gut aufgestellt und entfalten Wirkung vermittels einer Art Kakophonie der Kontraste, besonders im S-Bahnhof Westkreuz unten, wo Schmelzwasser an rostigen Armierungseisen hinabrinnt in ein müdes Bett aus staubigen Pet-Flaschen, Tampons und Einwegspritzen, wo eine räudige, mit verkrüppelten Füßen geschlagene Taube Kotze frisst und ein Clochard, dessen ganze Erscheinung wie geteert wirkt, gebetsmühlenartig scheinbaren Blindtext aufsagt.
Reklame löst ihr Versprechen nicht ein. Der Reisende weiß sehr gut, auch wenn er es aus sentimentaler Schrulle verdrängen mag, daß er den eigenen Abgründen auch durch fernste Fernreisen nicht entfliehen kann. Vor Ort verkehrt sich der Kontrast des Versprechens und wird den Reisenden unweigerlich hinabziehen in einen Malstrom der Depression.
Schöne Mädchen, deren schlanke Taillen feine farbintensive Seidenstoffe in Ethnooptik umspielen. Bald schreitet hier ein Gepard, bald flattert dort ein Kolibri und auch Früchte verbreiten ein Flair süßlicher, von Fliegen umbrummter Exotik. Es erschallen die naturgemäß lebhaften Rufe rassiger Südländer in den Gassen einer beliebigen Altstadt, die zum türkisfarbenen Hafen hinabführen. Im Mittelgrund legt ein weißes Schiff an, die Kapelle spielt ein reich instrumentiertes Musikstück und am jenseitigen Ufer, in nebligem Sonnenglast erheben sich ferne weiße Berge und eine filigran liegende Mondsichel erscheint dem Reisenden im roséfarbenen Blau, der sich zunehmend schäbig und matt fühlt wie Hans Castorp.
Säße ich doch hinter staubmatten Scheiben im Tunneleck unter der Autobahn, wird der Reisende denken, und tränke lauwarmes, kohlensäurearmes Kindlpils aus nikotinfilmklebrigen kleinen Tulpen an einem regnerischen Dienstagvormittag im März um elf Uhr dreißig, bei 2°C Außentemperatur und draußen würde umständlich ein blaßblauer japanischer Kleinwagen eingeparkt und auf BB-Radio liefe halblaut ein Titel von Andy Borg und bei Lidl wäre Mortadella im Angebot.
Der Geist des Menschen fließt aus ihm hinaus und erstarrt in seinem Umfeld mehr oder weniger gefügt zu Materie. An einem Gefälle zwischen Innen und Außen muss der an fremde Orte Geworfene erkranken, vor allem aber vor einer steilen Wand der Erhabenheit.
Zwei Wochen Schwedt an der Oder im November wäre eine Reise, die den Berliner gestärkt und geläutert zurückkehren ließe; bei Mikrowellenkost verlebt, im Erdgeschoss eines feuchten, nur noch von Skinheads und Zombies bewohnten Plattenbaus, gelegen an nordseitiger, feinstaubbelasteter Ausfallstraße nach Polen, wo rumänische Elendsprostituierte im fahlgrünen Licht von Nieselregenlampen in die miefigen Fahrgastzellen zahnloser, ungeduschter, speedabhängiger und adipöser Fernfahrer stiegen.
Thematischer Schwerpunkt: »Materie« |
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Die Toteninsel
Gestern besuchte ich einen Ort, dessen Anblick ich Zeit meines Lebens nur en passant und durch Fahrzeugfenster kannte. Ein Friedhof, der zu vier Seiten von Eisenbahnstrecken und Autobahnen umflossen wird. Das Gelände befindet sich auf gletschergeschaffenem Bodenniveau, wurde aber von brausenden, in Hohlwegen verlaufenden Verkehrsströmen zu einer Insel geschnitten. Als ich über die schmale, zum Friedhof führende Metallbrücke ging, unter mir die von Schmelzwasser graubraunen Fahrzeuge, dachte ich an Böcklins lebenslanges Sujet, das hier in dystopischer Ausformung vorliegt. Die Gräber und Namen auf den Grabsteinen sind gründerzeitlich. Unter nassen Eisplatten rann träge Wasser hervor, die Sonne schien verhalten und einzelne Amseln sangen in den Ästen der alten Eichen oder am Fuße von Rhododendronbüschen. Einige der Gruften scheinen nur noch von den sie umschlingenden, armstarken Efeurhizomen gehalten. Engel und Medusen, die Zeit und Messingwasser kränklich grün werden ließ. Hier liegen verstorbene Besitzbürger und ihre Namen sind in serifenlosen aber vormodern schwellenden Majuskeln in Muschelkalk getrieben. Ausgehender Jugendstil, beginnender Neoklassizismus, wie oft an solch vermodernden Orten. Das Gelände ist recht klein, vielleicht etwa halb so groß wie mein Garten und ähnlich wie Böcklins Gemälde im Zentrum dicht von Bäumen bestanden und gegen die Brandung zu drei Seiten mauerumschlossen. Jenseits der porösen Umfriedung, wo das Gelände gen Autobahn und Schienen abfällt, sprießen junge Birken aus Waschmaschinen und junge Graffittikünstler staksen durch widriges Dornengesträuch.
In diesem schmalen Streifen zwischen entfesselter Kinetik und Totenreich, dieser Ungunstlage, die eigentlich ein Unort ist, siedeln Kleingärtner. Es sind wahre Siedler, die karges Land urbar machten und ihm kraft Technik und Glauben Wert in Form von Heimat abtrotzten. Mir scheint diesem Bild ein Wirken innezuwohnen, daß diametral zu dem der Medien ist. Ich sehe hier das Werk von Menschen, die Sägen und Hämmer zur Hand nahmen um eine Laube zu errichten, die Geranien pflanzten und eine Hollywoodschaukel rausstellten, die Doornkaat trinken und Bundesliga im Fernsehen anschauen: Segen der märkischen Erde!
Wer benötigt jedoch eine Medienmaschine, die Gold zu Scheiße verwandelt? (Wobei Gold die reine Information darstellt und Scheiße schließlich die Meinung von Weblogautoren) Ich wünsche aus dem Inneren geschöpftes, unmittelbar Erlebtes, Erdachtes oder Gewusstes; Autoren, die eloquent über Möbelbau oder Alpenpflanzen zu schreiben vermögen, die beschlagen sind in flämischer Genremalerei wie im Golfsport, die über eine historische Schusswaffensammlung verfügen, mit dem Imkereiwesen vertraut sind oder vielleicht gerade eine Expedition zum Kilimandscharo durchführen. Was ist muss sterben; stockfleckig, feucht und von Rissen durchzogen ist dieser Medienpopanz und ich warte still auf sein Ableben, wie ein Volk stoisch das Ende eines greisen Diktators ersehnt.
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
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Wir wollen wieder schöne Tierfilme sehen!
Ich habe keinen Fernseher, einerseits weil mir die Anschaffung eines Gerätes zu kostspielig ist, aber auch weil mir das Programm nicht zusagt. Wenn ich alle Jubeljahre einmal bei Bekannten zu einem Fernsehabend eingeladen bin, denke ich im Stillen bei mir, da hast Du nichts verpasst, dafür ist dir das Leben zu kurz. Für diesen Schmutz.
Wird das Thema Fernsehen angeschnitten, in einem Gespräch, so höre ich oft, man schaffte sich die Flimmerkiste an, um zu wissen, was in der Welt vorgeht (Heute Journal) und wegen Arte.
Betrachtet man Nachrichten, in denen die Gesichter von Guido Westerwelle und Ronald Pofalla gezeigt werden, mit Ton, sterben sofort mehr Gehirnzellen ab, als nach dem Genuss von einem großen Seidel Bier. Die Bundesregierung greift aus unterirdischen Laboratorien unsere Gehirne mit Sendern und Vril-Energie an und Arte wird vom Franzosen geführt.

Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluß vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr herausfinden, daß man Geld nicht essen kann.
Aber die schönen Tierfilme! Und sehen Sie, da denke ich dann: Touché! Was da gezeigt wird, ist wirklich famos! Diese grandiosen Aufnahmen von Tieren in ihren angestammten Habitaten. Und die Kamera ist dicht dran, als könnte man die Hand ausstrecken und die Tiere streicheln. So realistisch! Und gut gemacht, die Kameramänner müssen wohl nie niesen und auch nicht sehr oft austreten. Als Tierfilmer braucht man eine starke Blase, das steht fest, wie das Amen in der Kirche. Wie die kleinen Murmeltiere da aus ihren Bauten mehr purzeln als tapsen und die kleinen Bernsteinäuglein blitzen in der ersten Frühjahrssonne. Drollig ist das. Oder ein kleines Rehlein, das an der Kamera vorbeischnürt (sicher ferngesteuert die Kamera und mit dollen Objektiven ausgestattet, anders kann ich mir das nicht erklären) und dann, Schnitt, ist das Auge des Betrachters unter der Wasseroberfläche und Tierkinderbeinchen paddeln recht unbeholfen in Bergseewasser, daß es nur so eine Art hat.
Aber dann kommt heutzutage immer der Moment, da der Toningenieur die dramatische Musik aufdreht, und dann treten unsympathische Fressfeinde auf um kleine Tiere aufzuessen, zu denen der Betrachter erst eine kurze aber ungleich tiefe empathische Bindung entwickelte. Stop! Solche Bilder müssen rausgeschnitten und vernichtet werden. Weil es grausam ist und auf den billigen Voyeurismus kranker Menschen zielt. Weil wir, die Zuschauer, uns somamäßig einlullen lassen wollen. Es sehen auch Kinder zu! Was sind das nur für Menschen in den Sendeanstalten? Ich gebe Ihnen die Antwort: es ist der Franzose, der es zulässt, daß Zwergspitzmäuse von Eulen gefressen werden. Es ist dieser Artesender, der so deviante Inhalte bringt.
Es sollen vor allem keine Zwergspitzmäuse sterben. Bitte helfen auch Sie! Schreiben Sie an die Verantwortlichen! Wir möchten wieder schöne Tierfilme sehen. Wer Leid und Vernichtung zu sehen wünscht, möge Dokumentationen über Ausschwitz oder die DDR einschalten; das ist ein anderes Paar Schuhe. So einfach ist das.
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Hanni und Nanni rauchen Crack
Es gibt ja nur vielleicht vier Plätze auf diesem Planeten, die zur Zeit wirklich rocken, sagt Panther, der auf dem Rücksitz liegt und übertrieben spastisch mit seinen dünnen Ärmchen fuchtelt. Er wartet, daß ich frage welche Plätze das sein könnten. Mach ich aber nicht, kenne die Platte schon und sehe raus ins Halbdunkel. Es ist Abend oder Morgen und egal. Er sagt, Berlin, Frankfurt, Ibiza und Detroit; yeah, Detroit, Alter, und Berlin, Alter. Berlin ist richtig krass Pornostyle; Mucke-, Klamotten-, Fotzen- und Drogenmäßig, alles übertrieben over the top, das ist der Witz, Alter. Und ich sag so, auf jeden, Alter. Wir stehen auf dem Parkplatz hinter dem 90°, am Gleisdreieck, da wo die Nutten vom Babystrich im Auto gefickt werden. Ich sitze hinterm Steuer und neben mir so eine Pritsche, die wir aus der Turbine mitgenommen haben. Sie hat mir vorhin ihren Namen gesagt, die Pritsche, glaube Hermine, nachgefragt habe ich nicht. Wir rauchen Shore und im Radio läuft Blake Baxter – Fuck you up, auch so’n Panzertrack. Die Pritsche fummelt an ihrer Handtasche, wegen E und Panther schläft und schreckt wieder hoch uswusw. Dazwischen labert er irgendwelches Zeug. Überhaupt, Druffis, die einen krass volllabern, daß ihr Ururgroßvater Max Reinhardt heißt oder son Scheiß, oder daß sie jemand’ kennen, der schon mal mit Rainald Goetz gechillt hat und daß der voll nett ist eigentlich. Kurzes Liveset vorhin von Cosmic Baby, der mit Händen und Füßen spielt, was relativ krass ist und danach Wolle an den Decks. Mein Auto ist ein schwarzer Ford Mustang mit ’ner derben Bassrolle von Bose hinten. Die Pritsche hat die Pillen gefunden und meint, sie will sie uns auf die Zungenspitze legen, wie es sich gehört. Ist OK. Und dann fängt sie an zu plappern, von ihrer beschissenen Kunsthochschule, von Neville Brody, The Designers Republic und Virtual Reality und so’m Zeug. Deswegen stehen wir hier, weil die Pritsche uns hierher gelotst hat und weil sie E hat, brauchbare Titten und einen süßen Arsch, wie ich gesehen habe. Sie steht auf der Gästeliste, sagt sie und telefoniert: Fängt um drei an, Station Rose irgendwas mit Computerkunst. Cut. Bunker, Parkplatz und raus, ich krieg’ ne Macke. Konnte beim Fahren gar nichts still halten, wegen dem Scheißspeed, verficktes Kanackenspeed, Alter. Die Tür geht auf, die Tür geht zu und wir sind drin. Panther und ich tragen Camo und Magnum-Boots, die Pritsche ’nen kurzen Rock, nen schwarzes Top mit nem Sabotage-Logo und Turnschuhe von Nike. Was am Bunker immer extrem geil ist, ist schon mal das Treppenhaus, was so übertrieben Psycho ist, daß mir gerade gleich der Kopf platzt. An den Decks steht irgendein Belgier, heißt es, auf jeden Fall 30.000 Watt Tekno mit drei K. Es riecht nach Trockeneis und Ketama, so viel kann ich gar nicht sehen, weil alles weiß ist vom Nebel. Viel Camo, ein paar Glatzen, die Bier trinken oder Cola und zwei Pritschen, die voll mädchenmäßig abgehen auf E und mit Knicklichtern rumfuchteln. Die Eine ist blond und hat ’nen fetten Arsch, die andere ist Mulattin oder so und hat allemal ziemlich gute Titten. Panther ist auf dem Klo glaube ich und die Designpritsche ist auch weg und ich steh mit dem Gesicht vor der Bassbox und mach Poppers klar, als die Mulattenpritsche plötzlich hinter mir steht und ihre Hand in meine Hosentasche steckt und anfängt meinen Schwanz zu wichsen. Ich frag’ sie, ob sie auch will und sie will. Ich geb ihr Poppers. Und dann sind wir auf dem Klo, sie macht die Beine breit und ich ficke ihren Arsch und spritz’ ihr dann in den Mund. Danach liegen wir nen bißchen auf den Matratzen da rum, voll hippiemäßig und rauchen Tüten, die sie vorgebaut hat. Was wären die Nächte ohne Pritschenhandtaschen! Und sie sagt, guck mal, voll schön, voll so wie Impressionismus. Alle raven mit Knicklichtern und sie schiebt träge Optik, das meint sie wohl; glaube, daß sind Engländer, jedenfalls riecht’s voll nach Wick Vaporub und alle tragen so oldschoolmäßige Klamotten von Adidas mit dem alten Logo. Sie heißt Mona sagt sie. Der Track ist Bombscare, derbe gepitcht und im Mix mit ’ner übertrieben gabbermäßigen Bassdrum. Und Panther ist wieder da, die Designpritsche auch. Sie hat schöne blaue Augen, geile Beine und Pupillen wie Stecknadelköpfe. Cut. Tresor, Walfisch, die übliche Runde. Fast forward. Noch mehr Speed, Koka und ne halbe Micro. Wir sind bei Panther zu Hause, zu viert, die Bude ist derbe verkeimt, aber egal, wir chillen auf seinem versifften Sofa und Mona bläst ihm einen, mit viel Spucke und ich mach’ ’ne Bong klar. Brösel ’ne stattliche Mischung direkt von ’nem Heck runter auf den Couchtisch, der schwarz ist und scheiße aussieht. Es läuft Chris Liebing und die Designpritsche trinkt Fanta. Sie ist voll durstig. Draußen zwitschern so Amseln und irgendwelche Loser gehen zur Arbeit. Ey, sagt die Designpritsche, OK, sie heißt tatsächlich Hermine – Hermine Kleefeld (was’n disfürn behinderter Name, Alter?), ey, sagt sie, ist euch eigentlich auch aufgefallen, daß erst die Shirts am Start waren, und dann erst die Tracks richtig im Club liefen? Ähh, was meinst Du, fragt Panther so voll nichtpeilermäßig. Wie üblich ist sein Hirn derbe gefickt von dem Dope und die Monapritsche ist auch fertig mit ihm und schluckt seinen Saft und er packt mit Reptilienfingern seinen Schwanz wieder ein. Na Underground Resistance, die schwarzen Shirts, mit dem weißen Logo. UR, UR, UR, überall UR, ich schwöre, wobei das Logo auch übertrieben geil ist. Und Detroit rockt sowieso; Berlin und Detroit rulen voll, deswegen ist Tekno soweit vorn, wegen Berlin und Detroit, sagt die Pritsche, die übertrieben stoned ist und eigentlich noch irgendwas über Westbam labern möchte, dann aber umkippt auf Panthers Sofa und wegpennt, Arm in Arm mit der anderen Pritsche, voll süß, voll kätzchenmäßig die Fotzen. Wer schläft, hat schon verloren. Panther und ich ziehen noch’ nen bißchen Speed; dann wieder Geräterauchen und Konsole zocken; Wipeout ist so dermaßen übertrieben geil!
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Welcome to Cyberspace! Hallo Welt!
Neulich dachte ich einmal darüber nach, wie ich in dieses Internetangebot wieder etwas Pep hineinbringen könnte. Ich ging in mich und übte Selbstkritik. Das Ergebnis: Die Inhalte sind zu elfenbeintürmisch und westlich dekadent und haben zu wenig mit den Belangen der Jugend und der Arbeiterklasse zu tun. Für die Konventionen des Internetes selbst gebe ich wahrlich keinen Pfifferling, wohl aber danke ich den Mächten, die den Cyberspace einst erschufen und mir so einen wirksamen Kanal für die Verbreitung der Wahrheit an die Hand gaben – ein Verlautbarungsmedium ähnlich Osama bin Ladens Videobotschaften.
Ich möchte mich also in loser Folge mit dem Scheitern der Anderen befassen, ein Thema, das mir schön deucht und das aus dem Leben gegriffen scheint, in einer Umwelt, in der episches Versagen omnipräsent ist, gleichsam in Stein gehauenes Scheitern wohin das Auge blickt. Wo der Mensch waltet entspringt ein Quell der Amechanie usw.
Plötzlich knatterte ein Hubschrauber durch die Luft (ein rot lackierter Hubschrauber) um über dem Sportstadion, das tief unterhalb meines Balkones liegt, zu kreisen. Mit seinen Rotorblättern wirbelte der Hubschrauber gezielt die gewaltigen Schneemassen vom Dach der Arena – ein Flachdach! Die Betreiber des Stadions hatten wohl bei der Hubschrauberfirma angerufen, per Telephon, da sich schon Risse zeigten und knackende Geräusche vernehmlich wurden.

Phil Collins und Halbfettmargarine (nicht im Bild)
Bitte gestatten Sie mir einen kleinen Exkurs: das Olympiastadion, von dem hier die Rede ist, wurde von 1934 bis 1936 von Werner March errichtet und in den Jahren 2004 bis 2006 durch das Architekturbüro Gerkan, Merg und Partner mit einem leichtgewichtigen, durch Menschen nicht betretbarem Flachdach ausgestattet. (Man muss Ross und Reiter nennen.) Daß naturgemäß so ein großartiger Prachtbau durch ein durch und durch verkommenes und verweichlichtes Dach entweiht und alle antiken Reminiszenzen in den niedrigsten Schmutz gezogen werden, den man sich denken kann, davon möchte ich gar nicht reden. Auch nicht von den Tagen einst, als die Arbeiten ausgeführt wurden und in mir Trauer und Groll glommen: dieser Sieg der Sozialdemokratie über die Klassik! Nein, man muss von heute reden, von den Architekten, die Dächer bauen lassen, die einstürzen, wenn es schneit. Das geliebte Flachdach dieser Typen ist eine modernistische und sozialdemokratische Wichsvorlage, mehr nicht. Das Walmdach stehe für den Ständestaat, das Flachdach hingegen für eine demokratische Gesellschaft, sagt man – sagen die Idioten. Wenn Neger in Afrika ihre Häuser mit Flachdächern ausstatten, so ist das gut, da man abends auf dem Dach sitzen kann um Kaffee zu trinken (oder Softdrinks) und um Brettspiele zu spielen und in der Savanne schleichen Schleichkatzen umher und so; Niederschläge sind jedenfalls nicht zu erwarten. Wenn in Nordeuropa Flachdächer gebaut werden, muss in jedem Fall mit Panzerfäusten und Sprengstoff dagegen vorgegangen werden. Sowohl gegen die materielle Ausformung der Idee, als auch gegen die Idee selbst. Ein Flachdach ist das Äquivalent zu Phil Collins und Phil Collins gebar bekanntlich die Sex Pistols. Ein Hoch also auf das Flachdach!
Das Millieu, in dem die abgeschmacktesten Ideen keimen und vor allem bewurzeln können, nicht nur in der Architektur, ist natürlich ein Akademisches. Arbeiter der Faust wissen, daß es nur Ideen gibt, die sehr gut sind, von anmutiger Leichtigkeit beseelt und somit gottgefällig, oder Ideen, die der letzte Scheiß sind. Der Akademiker an sich und die Besucher von Kunsthochschulen und Deutschleistungskursen im speziellen wurden jedoch mit dem Irrglauben sozialisiert, daß es auch akzeptable Ideen gäbe, die im Bereich dreiminus oder vierplus liegen. Trotz Widerworten und murren, es gibt sie nicht!
Denken Sie bitte an die deutsche Reichsbahn, deren Züge im Schnee steckenbleiben und deren erzwungene Flugzeug- und Flughafenanmutung in den Zügen und in den Bahnhöfen zum Kotzen ist, oder zum Beispiel an die deutschen Parteien mit all ihren verwachsenen und retardierten Cretins. Dies sind alles Konzepte und Unternehmungen, die sich allegorisch durch Halbfettmargarine oder Phil Collins darstellen lassen.
Das Problem ist letztendlich in den Schulen, in der Erziehung der Jugend angelegt: Konformismus und Ideenlosigkeit bei gleichzeitiger stumpfsinniger Beharrlichkeit ist leider das Leitbild der Lehre.
Was hat das alles mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert zu tun? Nichts! Hier muss ein eiserner Besen kehren!
Stellen Sie sich bitte eine Faust in Josefthorakoptik (wahlweise auch Grigoripostnikowstyle) vor, die die Alpen aushöhlt und dort unterirdische Autobahnkreuze und Schnellbahnhöfe errichtet. Startrampen für touristische Raketen, die zum Andromedanebel fliegen. An einem anderen Ort wird im gleißenden Licht von einhundert Flakscheinwerfern feierlich ein expressionistisches Ballett aufgeführt werden, von fünfhundert Negerinnen und mongolischen Arbeiterinnen in silbernen Neoprenanzügen. Volle Kraft voraus! Verherrlicht herausragende, noch lebende Einzelpersonen durch großzügige Plastiken aus raren Metallen und durch die Geschwindigkeit pfeilschneller Chromgeschosse, die das Rückrat des Betrachters knacken lassen, wenn er unwillkürlich der Parabel folgt.
Die verantwortlichen Politiker, Architekten und skrupellosen Kapitalisten, die das Volk aushungerten und hinter das Licht führten, werden von Komsomolzen aus ihren Büros und piekfeinen Palästen gezerrt werden und zur Bahnstation getrieben werden, wie Vieh. Man wird ihnen mit weißer Farbe Buchstaben und Zahlen auf die Röcke malen und mit der Eisenbahn in die Taiga verfrachten, zu einem Waldstützpunkt für mechanische Arbeiten beispielsweise, fünfhundert Werst von der Eisenbahnstrecke entfernt, zu Fuß zu erreichen im Rahmen eines Gewaltmarsches, in Ketten geschmiedet.
Ein gefrorenes Schlammloch werden sie vorfinden, einige leere Ölfässer und Bruchholz als designierte Keimzelle einer Siedlung der Läuterung. Durch Entbehrung zum Licht, so lautet die Devise. Wollen wir einmal sehen, das wäre doch gelacht.
Und im Fernsehen, in der Heimat, müssen mehr Kriegsfilme gezeigt werden und Pornographie. Schmatzende Fickgeräusche, vorrückende Panzer und mattschwarze U-Bootverbände, die den Pazifik aufwühlen. Titanisch-dionysische Finsternis, flankiert von Lehrfilmen, die darstellen, wie kleine Nagetiere den Winter verbringen. Ich denke auch an Berichte, die sehr ruhig und ausführlich über schöne Rhododendrongärten berichten, aufgenommen von Kameramännern, die dem Gärtner gute und geistreiche Fragen stellen und aufrichtig interessiert an den Antworten sind. Wer doofe Fragen stellt, wird sofort erschossen, das ist klar. Zu lange wurde das gute Fachwissen Einzelner qua Widerrede und eitlem Halbwissen mit Füßen getreten.
Der Jugend muss in jedem Fall recht bald eine Ahnung vom Schwarz und Weiß vermittelt werden – von der unausweichlichen Dualität von Licht und Schatten. Man muss die Kinder sowohl an Heavy Metal heranführen, als auch an gefährliche Gänge im Hochgebirge beispielsweise und an das Arbeiten mit mechanischen Elektrowerkzeugen und Maschinen. Aber gerade Heavy Metal ist den Heranwachsenden so zuträglich und gut, wird es doch dem Drängen des Adoleszenten nach ungerichtet freigesetzter kinetischer Energie, dem Aufbegehren und der Zerstörung gerecht.
Nioblegierungen, Datenfernübertragung ins Weltall und psychedelische Rauschgifte aus Amazonaspilzen und Krötenkot: William S. Borroughs sollte unbedingt bereits in der Grundschule gelesen werden.
Die Jugend muss alles zerstören, der Erwachsene darf sich bücken und diese und jene Scherbe aus der Asche aufheben, mit dem Rockärmel rüberwischen und siehe, es ist Rachmaninov, oder, siehe, es ist Rainer Maria Rilke. Kannte ich dich doch bereits als Puppe! Die Jugend ist dumm und schön, der Erwachsene hingegen hinreichend intelligent aber in Verwesung begriffen, in ihm ruht Demut und Konzentration – ein in der Jugend hoffentlich unmerklich eingepflanzter bionischer Rohdiamant.
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Unser Frieden heißt Krieg
Die Stimme des Vorsitzenden schallt von draussen herein, er spricht vom Hauptaggressor Amerika und seinem Vasall Israel. Die Ansprache wird zur vollen Stunde wiederholt werden. Ich bin mit einer dampfenden Tasse Schwarztee an die Fensterfront der Einraumwohnung herangetreten und blicke hinab auf die verschneite Siedlung Ganymed. Alle Balkone sind zum Kraftwerk ausgerichtet. Die Lokomotive pfeift zur Weiterfahrt. Der Bahnhof liegt bald neunhundert Saschen entfernt, auf halb drei, im Walde. Es ist fünf Uhr sechsundzwanzig, die Bewohner kehren zurück aus den Raketenwerken. Die Strasse zu den Hochhäusern ist von geneigten Laternenpfählen aus Beton gesäumt. Grünblaues Licht von Quecksilberdampflampen. Das Thermometer steht auf minus neunzehn Grad und fällt. Zwei Stunden Sonne täglich. Aus Lautsprechern verliest eine computergenerierte weibliche Stimme die Zeit, alternierend deutsch und chinesisch. Arbeiter der Hand und Arbeiter des Geistes, zu Fuß vordringend, oder rittlings auf Motorschlitten. Rund und neapelgelb steht die Sonne zur blauen Stunde über dem kieferrauhen Horizont der Taiga und die Kühlturmfahnen sind knotig fest und von bleiernem lachsrosa. Männer treten sich die pudschweren Stiefel ab, speien gelbgrauen Auswurf ins frostkrachende Unterholz und fluchen dabei leise. Einer macht einen Witz, man blickt über die Schulter und lacht verhalten. Im Foyer des Hochhauses steht eine Voliere mit Buntspechten – ein Beitrag des Kulturbundes. Einige kleinformatige suprematische Bilder hängen dort und eine collagierte Wandzeitung: Deutsch-Chinesische Raketen im Weltall – Sieg über den Raum! Der Sichtbeton glänzt vom Fett der Menschenhände. Auf die Aufzüge Wartende mit spitz geschnitzten Nasen; es soll Reiskocher geben in Gomel, schwere Verluste hätten sich ereignet in den benachbarten Siedlungen Io und Europa; auch Verwandte seien gefallen im Friedenskampf. Schmutzige Pfützen, mit Koyotenfell verbrämte Anoraks aus Wolpryla, Diesel, Schweiß und gekochte Wurst.
Auf einer grauen Filzdecke zu meinen Füßen liegt ein zahmer Schneefuchs, den ich bei einem Gang im Wäldchen fand, verletzt, mit einem Projektil im hinteren linken Lauf. Er ist genügsam und wortkarg, doch wende ich mich an ihn, so zeigt er sich beschlagen, namentlich die verbotene Literatur betreffend. Seine Stimme ist sanft und er spricht ruhig zu mir, in geschliffenen Hexametern. Ich entfernte das Projektil mit einem schartigen Jagdmesser und reinigte die Wunde mit Wodka. Sein Fell ist grau, da der Schnee grau ist.
Die Kassiererin trägt resedafarbene Thermostiefel aus Kunststoff und eine Schürze, die mit stilisierten Luftschiffen und Unterseebooten bedruckt ist. Sie stempelt meinen Bezugsschein für Morphium. Als vier Millizionäre in Reitstiefeln den Konsum betreten und laut husten senkt sie den Blick. An ihrem Kinn wächst ein Leberfleck, aus dem vereinzelt schwarze und weiße Haare sprießen. Mannshohe Pyramiden aus Konservendosen: Natierka, baltischer Seefisch und Hundefleisch.
Draussen fährt ein Konvoi der Armee vorrüber und graue Transporter der Geheimpolizei. In der Nase gefriert der Atem. Die nächtlich verschneite Musikmuschel und eine Kegelbahn, übersät von zerschlagenen Wodkaflaschen.
Später erwacht er, als hätte ich mich mit eigenen Armen dorthin getragen, in schützendem Unterholz, eingemummelt in ein behaglich klammes Bett aus Moos und vergehendem Blattwerk. Vor seinem erwachenden Auge war ein recht großer Steinpilz aus dem aromatischen Waldboden geploppt, an dessen gespanntem Stiel und auch im Schutze des feuchtglänzenden Hutes sich ein weiterer, bei weitem kleinerer Pilz gleicher Rasse und von zartem braun energisch anschmiegt. Trotzdem der andere wohl einige Stunden geschlafen hatte, ist ihm nicht recht wohl; es scheint, als kröchen Wanzen unter seiner Haut. Und der Hut des Pilzes scheint ihm zu oszillieren, bald so, als würde er aus unsichtbarem Gefäss von morbidem grün übergossen, bald innerlich von brombeerfarbenen Valeurs matt durchglimmt. Auch wird er für einen Augenblick von der chimärenhaften Vorstellung eingenommen, in seinem Rücken steckte ein wie toll jaulender Schneefuchs. Ich erwache schließlich durch den Klagegesang der Sirenen. Erneut Überfliegungen durch nuklearbetriebene Schwebepanzer in höchsten Höhen. Mit der silbernen Präzision reinigenden Feuers schneiden unsere Flaktürme einige der unheilvollen Wanzen aus mattschwarzem Titan vom Firmament, die glühend, flitternden Herbstblätter gleich, hinabtaumeln, dann hinabschießen und tief im Podsolboden vergehen.
Um wieder schlafen zu können, ziehe ich mir eine weitere Ampulle Morphium auf.
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Die A
Die A bewohnt eine Einliegerwohnung unter dem Dach, deren Nutzfläche fünfundachtzig Quadratmeter beträgt. An schönen Semptembertagen etwa, wenn sich der Himmel makellos hellblau und recht freundlich über der stattlichen Alpenkulisse präsentiert, man allenthalben den Wanderschuh schnürt und ein milder Wind von Italien her geht, verlasse die A ihre Wohnung nicht, wohl aus Prinzip und psychischer Disposition, und halte die Fenster fest geschlossen, ferner seien die Vorhänge zugezogen – darin läge wohl auch maßgeblich ihr fahler Teint begründet. Man höre sie kaum gehen in ihren Räumen; die A gleicht einem Hausgeist oder einem scheuen Waschbären lässt sich dem entnehmen, was über A gesagt wird.
Eines Abends, da die Wipfel der Tannen schwarz und unruhig vor dem Fenster wogten, gewahrte ich durch die angelehnte Stubentüre, wie ein mit einem Damenschuh in Trachtenoptik bekleideter Fuß vorsichtig tastend und – aufgrund von nachttierhafter Routine – bar jeglichen Knackens auf die vom Dachgeschoss steil herabführende Treppe aus Eibenholz gesetzt wurde. Der Spann des Schuhs war mit einer schön ziselierten Silberspange besetzt, soweit im Zwielicht und bei allem Willen zur Wahrung der Intimsphäre erkennbar war; der Fuß gehörte zweifelsfrei der A – wie sich unschwer schließen und kurze Zeit später auch beobachten ließ – die auf Vollgummisohlen weitgehend lautlos durch das Vorhaus in Richtung Garage schwebte, kalkweiss geschminkt und angetan mit einem burgunderfarbenen Dirndl, ihrem Ruf gemäß twinpeaksartig und somnambul. Es seien stets jene nasskalten Nächte, wie es diese Nacht ist, die von flatschig herniedergehendem Schneeregen bestimmt ist, die die A nutze, um mit ihrem japanischen Kleinwagen auszufahren, der – bei Tage besehen – in der Farbe geronnenen Ochsenblutes lackiert ist. Zudem mit unbestimmten Fahrtziel, wie man mutmaßt und mit gedämpfter Stimme auch gegenüber Dritten äussert. Über Bergstraßen, auf denen oft Sichtweiten unter fünfzig Metern herrschen, wie anzunehmen ist, führe die A; auch auf Straßen, deren Asphaltdecken nicht selten bereits vor Allerheiligen mit einer filmartigen Eisschicht im Mikrometerbereich überzogen sind – wenn nicht gar auf Forststraßen, mittels Betonröhren von frischen Bächlein unterquert, die sich, trotz aller Unwirtlichkeit in Form von Totholz und Dornengespinsten, dieser ganzen vermoosten und finsteren Feindlichkeit der von Murengerümpel völlig verstellten Wildnis, munter sprudelnd Bahn gen schwarzes Meer brechen.
Das schwere Gravitationsmonster aus Stein gebiert menschgemachte Schwere, die Gemütlichkeit vorstellt: also moosgrüne, eigentlich schwarzbraune Kachelöfen, schmiedeeiserne Ampeln, dunkelgebeizte Kästen und Tramdecken, Schnitzwerk, Irdenes, Wollenes, Sammelteller als Träger von Illustrationen, die Waidwerk und fanatisches Bergbauerntum verherrlichen, rehbraune Polster mit alpenländischer Stickarbeit reichlich verziert und einhundert Trophäenbretter mit angenageltem Geweih. Ein uriges Stocknageluniversum, begeistert von einer Million untoter Bambischädel, deren Seelen wohl in Elfriede Jelinek reinkarnierten.
Als ich einmal ein Lebensmittelgeschäft verließ – kein Plastiksackerl zur Hand – folglich die Arme voller Brot und Fett, standen vor dem bleigrauen Schneehimmel plötzlich schwarze Helikopter des Bundesheeres, fix und stoisch zugleich wie diese Vietnambrummer.
Die A hat jedenfalls alle, in ihrer als möbliert vermieteten Wohnung enthaltenen, Kästen und Polster in die Garage schaffen lassen, und durch neue Möbel ersetzen lassen. Moderne Möbel, bei deren Verarbeitung Leichtmetall, helle Buchenfurniere und ornamental mattiertes Glas Verwendung fanden. Man sagt, ihre Wohnung sei nun nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichtet, die A sei eine Verfechterin des Feng-Shui-Prinzips und zudem überaus sensibel gegenüber Strahlungen und so. Führe sie mit ihrem Auto an einem der Häuser unten in der Kurve vorbei, so J über A, spüre sie das Unheil, das dort herrsche, wie sich ein dräuendes Unwetter in juckendem Narbengewebe bemerkbar macht. Hinter den Türen lege man dort Kälbern eine Kette um ein Hinterbein, zöge sie zwei Meter hoch in die Luft und schnitte ihnen, unempfänglich für die flehenden, hübsch bewimperten Augen, die Kehle durch. Der Dechant sei gekommen, als das Schlachthaus eröffnet wurde und habe das Haus und die Fleischhauer gesegnet.
Der Mensch selbst stirbt in der Regel wegen Schnellfahrens oder weil beim Abschruppen eines von Flugrost befallenen Balkonkastenhalters die Scheibe des Winkelschleifers birst und einzelne Werkzeugfragmente durch die Schädelplatte hindurch direkt in das Gehirn eindringen, das die Erben später mit dem Kärcher beigehen müssen. Man kann das alles in den Zeitungen nachlesen. Oder auf geschnitzten Schildern am Wegrand, die über vergilbte Männer berichten, die unglücklich auf Schneebretter traten oder bei der Gamsjagd durch spontane menschliche Selbstentzündung ehrenhaft vergingen.
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Herr No unternimmt eine Bootspartie (Behelfsüberschrift)
Dies sei sein täglicher Weg zur Arbeit, sagt ein Mann und weist vage in eine Richtung, in der eine Straße zwischen Hochhäusern und Supermärkten recht geradlinig und mehrspurig verläuft. Es sei eine schöne Gewohnheit dort entlangzufahren, mit dem Auto, auch wenn die morgendliche Fahrt durch ungünstige Ampelphasen getrübt werde, so der Mann. Die Fassaden der Häuser sind akzeptabel renoviert, vorwiegend in vitalen Buntfarben. Durch die Vielzahl der Supermärkte und Tankstellen entsteht eine gesunde Konkurrenz, von der der Verbraucher im Endeffekt nur profitiert. Da und dort einen geeigneten Parkplatz zu finden sei beschwerlich. In einem Urlaubshotel sei lauwarmes Essen serviert worden; an einem anderen Ort seien hingegen die Speisen befriedigend gewesen, also schmackhaft, wohltemperiert und reichlich, auch liebevoll angerichtet und vergleichsweise preiswert, sagt man. Geplant ist eine Fahrt mit einem historischen Ausflugsdampfer, wie dem Gespräch, das der Mann mit einer neben ihm sitzenden Frau führt, zu entnehmen ist. Der Spätsommer sei eine Herausforderung an die Menschen, die geeignete Kleidung zu wählen, morgens, vor dem Dienst, so die Frau. Ist man in der Septemberfrühe, deren Luft mitunter schon herbstlich frisch ist, recht gekleidet, so transpiriere man in den noch sonnenreichen Mittagsstunden und umgekehrt. Er setze auf das sogenannte Zwiebelprinzip, erwidert der Mann munter und zupft leicht an einem braun, violett und weiß gestreiften Feinstrickpullunder. Die übrigen, den Leib des Mannes umhüllenden, Textilschichten bestehen aus einem resedafarbenen Hemd, sowie einer erbspüreefarbenen Übergangsjacke.
Die Zeit strömt, durch Geburten, Todesfälle und Ähnliches nur notdürftig strukturiert vorüber. Dem, der nicht dem Äther folgt, bietet ein ebener Parcours von schönen oder nützlichen Körpern aus Metall, Stein, Fleisch, Kunststoff oder Glas eine gewisse Führung, wie eine intelligente Flipperkugel, die, aus sinnvollen und kybernetischen Gründen, um eine ruhige, also an Wendepunkten arme Laufbahn bemüht ist. Freudiges Aufgehen in einfältiger Istigkeit oder das erhabene Verheddern in elfenbeintürmischer Metaschwuchtelei scheinen mir zwei wesentliche Abgründe menschlicher Gratwanderung zu sein.
Der Sommer sei nun vorbei, sagt eine Frau. Sie sitzt in einer, von einem Ölradiator übermäßig geheizten, Gaststube eines Bootsverleihs auf einem weißen, von Posamenten verzierten Kunstfaserkissen auf einem Küchenstuhl. Man kann Würste mit Mostricht kaufen und Kindlbierflaschen. Sie trägt eine formlose Strickjacke und ist die Betreiberin des Bootsverleihs. Auch krieche die Feuchtigkeit vom See hinauf, sagt sie – wohl in die Knochen, denke ich – und sie deutet auf einen Bilderrahmen an der getäfelten Wand, dessen Passepartout sich leicht wellt, als Indiz. Es ist die gerahmte Photographie eines weißen Riesenpudels mit ordentlich parallel ausgerichteten Vorderpfoten, der, als er noch lebte, auf dem gleichen, floral gemusterten Fußbodenbelag lag, auf dem ich jetzt stehe um ein Ruderboot zu leihen und der ausgetreten ist, da jeder, der ein Ruderboot zu leihen wünscht, hier stand und einst stehen wird. Die Einrichtung ist vergilbt aber abwischbar und es riecht nach gepflegtem Verfall. Auf dem Wasser des Sees schwimmen Blesshühner, die melancholische Geräusche machen und verletzlich wirkende Schwimmerköpfe. Nach der einstündigen Ausfahrt habe ich mehrere Blasen an den Händen.
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
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Auf dem Balkon
Meiner Stadtwohnung ist ein Balkon vorgelagert, der sich nach Westen öffnet. Eine Brüstung aus nach oben abgerundetem Beton, scheidet den Hinaustretenden, in die Spätsommersonne Blinzelnden von der Tiefe. Noch vor wenigen Tagen war die brusthohe Brüstung noch nachts handwarm von der tags gespeicherten Sonne, daß sich der Rücken an den nackten Beton legen und behutsam gen Abgrund überdehnen ließ, bis es zart knackte. Das Wasser sinkt zurück, bald gelb, bald rotbraun schleicht sich der Verfall in die Decke der Baumkronen. Und an einem Nachmittag, als ich auf dem Balkon in einem Stuhl sitze, an einem Tisch aus Holz und eine Madeleine in eine vornehme Kaffeetasse tauche, hebt hinter der Brüstung – die, so sitzend, das Blickfeld des Sitzenden zu einem stillen, aber nicht stillstehenden Panoramarechteck aus von Wolken überschliertem und von glühenden Flugzeugparabeln durchschnittenem Cyan ebenso verengt wie erweitert – ein Getöse an, der anschwellende Gesang von Martinshörnern zunächst, dann das hastige Geräusch von Stiefelabsätzen und knappe, so wohl als professionell geltende, einem wohl berufsintern geltendem ungeschriebenen Code gemäße, barsch ausgestoßene Kommandos. Auf dem Parkplatz stehen Männer, angetan mit mutmaßlich schwer entflammbaren Uniformen, die sich routiniert himmelblaue Gummihandschuhe überstreifen. Über einhundert Balkonbrüstungen lehnen Schaulustige; die Köpfe schießen gleichsam pilzgleich hervor, um sodann, sich der Schwere hingebend, stier blickend gen Geschehen zu sinken. Der Ausleger eines zwischenzeitlich in Positur gebrachten Leiterwagens, an dessen Ende ein – ein bis zwei Feuerwehrmännern fassender – Korb aus Leichtmetall befestigt ist, auf dessen Seitengestänge eine reinlich weiß bezogene Bahre in ein offenbar raffiniertes Bajonettsystem eingeklinkt wurde, ruckt, einem sedierten Roboter nicht unähnlich, zögerlich, doch zweifelsohne zielgewiss gegen ein Wohnungsfenster im ersten Stock. Man weiß nicht was vorgefallen ist tuschelt man, das Leben ist von Anonymität geprägt so die Nachbarn – sinngemäß – und die Stimmen verebben, als nach einiger Zeit eine fahle, partiell von blauschwarzen Malen gezeichnte Frau, auf mechanischem Luftbett zur asphaltüberzogenen Erde schwebt; als ein abstraktes Fleisch sanft in die Gummihände von Sanitätern fällt und jäh ein Strahl Regensonne in ihr starres Gesicht fährt. Der Blick aus den eintausend Augen nach unten, ihr Blick, so sie denn blickt, nach oben; ein Bild für irgendetwas, das sich da und dort einbrennt in Hirnmasse. Und ich halte ein Süßgebäck in der linken Hand, halb hinter der Brüstung, als wäre es ein Glas Burgunder in dem Erdbeeren schwimmen.
Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« |
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Bericht zur subjektiven Bedrohungslage
Myop plierend und mit Hang zu einer Rückenfehlstellung beugt sich ein Handelsreisender von 46 Jahren über seinen Computermonitor, der die Zellen einer Tabellenkalkulation darstellt. Durch die industriell gestanzte Trinköffnung eines großgastronomieüblichen Polystyroldeckels, wie er zum Verschließen von heißgetränkegeeigneten Hartpapierbechern Verwendung findet, lässt der Handelsreisende einen hastigen Schluck Kaffee in seine Speiseröhre rinnen, sodass im Rahmen der pharyngealen Transportphase eine uneindeutige, wohl aber auch mit der Getränketemperatur zusamenhängende Grimasse über das scharf rasierte, doch weich geschnittene Gesicht des Handelsreisenden huscht – das Gesicht eines betagten Kindes. Der Handelsreisende belegt einen Fensterplatz mit Tisch, in einer Ruhezone der ersten Wagenklasse. Die Regenwahrscheinlichkeit ist hoch; bald ins tintig pechschwarze, bald ins königsblaue spielende Stratocumuluswolken haben sich tief zusammengeballt und umfasern die orangerosa und schemenhaft über der Grundbach-Talbrücke emporsteigende Sonne stark bis sehr stark, sodass eine ebenso dramatische wie pittoreske Lichtsituation von maximal 43 Lumen pro Quadratmeter herrscht, dort draussen – jenseits des Verbund-Sicherheitsglases, vor dem die Kulturlandschaft des Weserberglandes vorübergleitet; wo, wenn nicht die Scholle vom Beton der Profanbauten versiegelt ist, gemäß Raumnutzungsplan alternierend Forstwirtschaft und Ackerbau betrieben wird. Mit von gespenstischer Geräuschlosigkeit geprägter Geschwindigkeit schnellt der Schnellzug nun, nach einer Passage durch Forst, gravitätisch hinaus in das Freiland und der Zugführer wird seine Fahrweise den Gegebenheiten anpassen, er wird mit Seitenwinden rechnen, er wird sich dräuenden Wildwechsels bewusst sein. Siehe, da stehen zwei Stück Rotwild (mit ungefegtem Geweih) auf einem Flurstück und äsen; der Boden ist durch Frühnebel bewabert wie ein französischer Edelschimmelkäse von flauschig weißer Pilzkultur.
Das Sitzplatzkontingent des Zuges von 658 Sitzplätzen ist zu nur 47% ausgelastet, somit unwirtschaftlich, leider, wobei 69% der Belegung auf Geschäftsreisende und 29% auf Reisende mit privaten Beweggründen entfallen, 2% machten keine Angaben. Der gegenüber früheren Baureihen verbesserte Sitzabstand von acht Zentimetern stellt objektiv ein geldwertes Komfortmerkmal dar.
Eine Mutter und ihr Kind reisen in einem Mutter-Kind-Abteil; das Kind, ein blonder Bub – neun Lenze jung – spielt auf der taubengrauen Auslegware mit einer realistischen Szenerie aus Fahrzeugen, Menschen und Gebäuden aus Kunststoff. Die Mutter, ein alleinerziehendes Frauenzimmer von 35 Jahren, ist in die Lektüre eines kleinen klebegebundenen Lehrbuches versunken, sie bereitet sich so auf den Toefl-Test vor, und würde, fragte man sie nach der Motivation ihres Handelns, berufliches Fortkommen als Grund anführen. Sie trinkt aus einer vom Einwegpfand befreiten PET-Leichtflasche, ein Getränk mit Rooibos-Auszügen und trägt die Haare eingedreht, wie es der Mode ihrer Peergroup entspricht. Später wird sie dem Privatfernsehen, auf die Frage, wie sie sich währenddessen fühlte, antworten, sie habe schnelle Schritte, ein dumpfes Stampfen, gleichsam ein Rennen auf dem Gange gehört, jedoch nichts gesehen, da die schwefelgelben (RAL 1016) Vorhänge, die sie vorzog um Intimsphäre zu erzeugen, ihr die Sicht auf die Vorgänge verschleierten.
Die schweren schmiedeeisernen Zeiger der Uhr rückten eben auf halb zehn, als die Sonne scheu durch das wasserblaue Wolkendickicht (RAL 5021) auf den urbaren ostfälischen Keuper jenseits des Endelskamptunnels hinabblinzelte, hinab auch auf den rotweißen Pfeil aus Titanstahl, der die Reisenden – jung wie alt – in alle Teile unseres Landes trägt und der die endlosen Maisfelder beiderseits des Gleiskörpers mit futuristischer Anmut zerschneidet, gleichsam durch ein Meer aus Grün pflügt – ein grünes Meer aus Blattwerk, dem der hier verwurzelte urige Landmann, mit schweren, Dieselöl ausschwitzenden Maschinen und großen Händen – wenn es dann endlich, endlich an der Zeit ist – mühevoll das Korn abringt – der Mais, das gelbe Gold Niedersachsens (jährlich 12 Millionen Tonnen). Dank Neigetechnik beträgt die Reisegeschwindigkeit – wie vom Leitstand vorgesehen – 160km/h und alle Anschlusszüge würden erreicht werden, wenn nicht plötzlich, aus heiterem Himmel, gänzlich unerwartet dem Maislaub bislang verborgene Reiter entsprengten und ihre Pferde so antrieben, das aus den Nüstern der Tiere der Rotz flatterte, die Mäuler japsend weit aufgesperrt wären und die Adern an den Pferdeköpfen anschwöllen um die erforderliche Leistung abrufen zu können. Es handelt sich um einen Hinterhalt, den Banditen vorbereiteten, kaltblütig und von langer Hand geplant wie man sagt; vierschrötige Männer, die lederne Ponchos tragen aus Hyänenleder, Augenklappen und Flinten, denen rote Federn im filzigen Haar stecken, deren faltig gegerbte Verbrecherhaut zu nicht geringen Teilen benetzt ist von grünem Schleim mittlerer Viskosität und die rasch reiten, im gestreckten Galopp. Die Reittiere – ausnahmslos schwarze Mustangs – sind scheinbar wie vom Teufel besessen, so flink ackern die Beinchen, daß das Auge des Betrachters nur mit Mühe folgen kann. Und so präsentieren sich die Banditen auch für die Reisenden des Schnellzuges recht barbarisch und entmenscht, wie sie gröhlen – so atonal und wölfisch, wie der Wind in ihre hundertfach geflickten Röcke fährt, wie die mordlustig geschwenkten Hiebwaffen in der Morgensonne blitzen und nicht zuletzt, wie von den wulstigen Unterlippen goldbraun der Fusel perlt.
Später: Wie ist also die Sicherheitslage im Inneren des Zuges? Wie wird sich die Situation in dem okkupierten Schnellzug entwickeln, werden von jugendstilhaftem Flor umspielte Jungfrauen auftreten, gleichsam aus dem Äther in die Szenerie herabschweben, und unter Streicherklängen mit weißen Zehenspitzen das stählerne Dach des Eisenbahnwaggons sanft durchstoßen, als handele es sich um die spiegelglatte und mit einer Vanilleblüte verzierte Oberfläche eines ziegenmilchhaltigen Wellnessbades? Oder wird der 46 jährige Handelsreisende seinen Geschäftstermin in Fulda verpassen und wird ferner die 35 jährige, alleinerziehende Mutter ihr Toefl-Zertifikat nicht ablegen können, da sie zu Objekten eines feige und hinterhältig durchgeführten Massakers degradiert werden? Gleich! Achtung, werte Rezipienten, der nachfolgende Text ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.
Der oder die Täter haben sich ein Opfer aus der verhuschten Masse der grauen Menschen herausgepickt, sie schubsen das Opfer umher und johlen dabei, wie es dem Habitus von Gewohnheitsverbrechern entspricht, eine amorphe Tätermasse und ein Opfer, dessen Physiognomie von Adrenalin entstellt ist, das jedoch nicht gesichtslos ist, es besteht eine emotionale Verbindung zwischen Ihnen und dem Opfer, es handelt sich um den eingangs skizzierten 46 jährigen Handelsreisenden, der einen Retriever-Mischling, eine bildhübsche Ehefrau und zwei großäugige Kinder (die einmal zum Mond fliegen möchten) hinterlassen wird und dessen Gedärm sich, durch einen kühnen und voller Hass ausgeführten Schnitt in die Bauchdecke auf die taubengraue (RAL 5014) Schlingware des Schnellzugbodens ergießt und sich dort windet; milchig hellblau und warm, von einem ermattendem Wimmeln leicht bewegt wie ein liederlicher Haufen von roséfarbenen Würsten in zartem Saitling, die kürzlich mit obszön schmatzendem Geräusch einer Produktionsmaschine des vieh- und fleischverarbeitenden Gewerbes entflutschten. Disclaimer: Der oder die Täter gerieren sich wie Tiere, indem sie ihr Opfer wie Vieh behandeln. Die perlweiße Wandverblendung (RAL 1013) ist ebenfalls über und über mit Fahrgastblut (RAL 3009) bespritzt, als handele es sich um eine Arbeit aus der imaginären roten Phase des Kunstmalers Jackson Pollock auf Polycarbonat. Diese True-Crime-Schilderung wurde Ihnen nicht präsentiert um Ihre Sensationsgier zu stillen, sondern um Ihnen ein plakatives Abbild (enthält Amateurbilder) von der Verworfenheit der Welt zu liefern.
Wenig später: Politiker aller Parteien reagierten einhellig mit Bestürzung und verurteilten den Anschlag als hinterhältig und feige. Die Welt wird nun nicht mehr so sein wie vorher, so ein Sprecher. Können Sie bereits Angaben zur Anzahl der Täter machen? Währenddessen: Mitten im Leben umfangen vom Tod, so ein Aphorist. Viele Menschen im Land sind sprachlos; es sei unfassbar, so eine Passantin (64, brünett, Mutterkreuzträgerin). Augenzeugen sprechen von mehreren Tätern, die Männer seien vermutlich zu allem entschlossen und stünden offenbar unter dem Einfluss von Drogen (Quelle: Internet). Blamm! Blamm!
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Herr No wird sich zu Stein am Rhein vorerst nicht äussern
Es ist gleichsam ein kulturgeschichtliches Terrarium, dieses Gebäude an einem Unort, ein potemkinsches Alpendorf unter einem Glassturz. Gastronomische Betriebe, die einen künstlichen Dorfplatz säumen, vor denen Stühle stehen, gleichzeitig drinnen wie draussen, für die Fremden. Romantische Geschäfte in denen urige Agrargüter angeboten werden, wie Schinken, der pittoresk von der Tramdecke baumelt und Wein, Pizza, Espresso, aber auch Benzin, Kaugummis, Almdudler solche Waren eben. Schaurig stier blickende Bauernpuppen stehen hinter den Fenstern der Obergeschosse ohne Tiefe, Geranien aus Kunststoff, falsches Kamingeflacker, Sensen, Heuballen und zahlreiche weitere Requisiten dieser Art. Als ich die Treppe hinabsteige, zu den Toiletten, eröffnet sich vor mir eine weite aber niedrige Halle, ähnlich wie in einem Bunker vielleicht, senffarben gestrichener Beton und verschiedene Metalltüren in unterschiedlichen Bunttönen, ein Leitsystem wohl, das mich nicht leitet. Schräg vor mir geht eine kleine Frau mit einem schweren Hüftschaden die Treppe hinunter und mit jedem Schritt wogt ihr Leiden durch den ganzen Körper. Ich möchte jetzt nicht behaupten, daß ihr behinderter Leib lange Schatten auf die Betonwand warf, aber so ähnlich. Ein österreichischer Keller, der sich schnaufend und schnell schließende Schiebetüren aus Stahl erahnen lässt und Videoaugen und andere krasse Psychoscheiße. Eine lange Flucht von Toiletten, wohl bald an zwanzig Einzelkabinen zur Defäkation, vis-à-vis eine Wand aus Spiegeln und alle weiteren Flächen sind mit anthrazitfarbenem Naturstein verkleidet, der die wohl überreichlich vorhandenen Innereien aus Steuer- und Regeltechnik gegenüber dem Menschen abschließt. Nach dem Hände waschen ist der Gast gehalten seine noch tropfnassen Hände in eine der schwarzen Mösen aus Plastik einzuführen, die in die Wand eingelassen sind und in denen es bei Annäherung erheblich zischt und braust; Glory Holes mit direktem Zugang zur Hölle, tatsächlich negative Hochdruckreiniger also Sauger, die auch auf Antimaterie und Orgonenergie basieren mutmaßlich. Vorher, an einem anderen Ort, las ich mir ein Schild über Pilzrecht durch und verzehrte zeitgleich ein Sahneeis am Stiel, welches von einem tropischen Fruchtsorbet ummantelt war, dabei lachte ohne Unterlass die Sonne und droben am Berg kalbte die Pasterze. Später, hinter den Tunnels und Pässen wuschelten die Bäume hinter den Lärmschutzwänden ihre Kronen wie Cheerleader ihre Pompondinger, also hysterisch und etwas aufreizend und der Himmel verfärbte sich in einer Weise tintig schwarz, die als Indiz aufgefasst werden konnte; ferner lagen einige Seen ganz selbstverständlich in die Topografie eingebettet vor, wie Laubsägearbeiten in glühender Bronze, da zudem die Nacht hereinbrach und so die späten Strahlen in spitzem Winkel reflektiert wurden. Sand in der Luft, Alpensand, ein feiner Grieß im Auge, den der Westwind dorthin plazierte; auch ein Plastiksackerl aus Polypropylen war zu beobachten, das sich zunächst gravitätisch tänzelnd emporschraubte, dort mit einem knispligen Plopp entfaltet und mit Aplomb aufgebläht wurde um rasante Fahrt durch die Lüfte aufzunehmen, begleitet von Ästen, Blättern und Papieren, die die Passanten fortwarfen. Ein Unwetter also, mit Toten und Verletzten und Sachschäden in Millionenhöhe. Schließlich ein Fall für die Versicherungen und Rückversicherungen. (Natürlich waren auch taubeneigroße Hagelkörner an der gespenstischen Szenerie beteiligt.) Ich besichtigte zuvor ein Haus in höchsten Höhen, da ich ein Haus zu kaufen beabsichtige; ein Anwesen, das ich einer Mischnutzung aus adalbertstifterscher Bergidylle und grimmiger Alpenfestung zuzuführen gedenke; von dem ich nicht zur Schwarzwildjagd ausreiten werde, wie es früher der Hammerherr tat, noch werde ich eine Frau zum Weib nehmen, die des Jodelns mächtig ist. Reichte man mir zum Vertragsabschluss ausgelassen ein Glas Schaumwein, tränke ich die Flöte nur aus Gründen der Etikette leer, da ich mir nichts aus moussierenden Weinen mache, wie Sie wissen müssen. So ist es mein. Im Fernseher wird gezeigt, wie die Polizei mit unbekannten Leichen verfährt; sie nimmt die leblosen Leiber mit in ihre unterirdischen Polizeilaboratorien, schneidet sie mit Messern auf und dann finden Wissenschaftler heraus, welche Umweltgifte in den Innereien der Opfer vorliegen, die bleihaltigen Antiklopfmittel aus Kraftstoffen seien ein Anhaltspunkt, wie man sagt. Es handelt sich um die und die Chemikalie, also kommt das Opfer da und da her, meist aus dem Ausland oder aus Russland, wie der Beitrag durchblicken lässt. Die Liegenschaft wird byronisch bewirtschaftet werden, man wird am Flügel stehend Kunstlieder singen und im von Stirnlampen durchschnittenen Morgennebel die mit Unschlitt eingeriebenen Wanderstiefel aus Kernleder binden um verbliebene alpine Probleme zu lösen. Wäre ich Schriftsteller, schriebe ich hier zwei bis drei Jahrhundertromane, würde aber bei der Arbeit manchmal schludern und oft dösend aus dem Fenster blicken zu den Gipfelkreuzen hinauf und dem sattgrünen Tann im Tale oder einfach Playstation zocken. Post Mortem führte man literaturbeflissene Touristen durch das Objekt – in Pantoffeln. Und eine lispelnde lesbische Literaturwissenschaftlerin, die sich durch derlei Führungen einen schmalen Salär verdiente, herrschte zierliche Japanerinnen an, die den Versuch wagten, mit den kleinen Fingerchen heimlich über die schartige Oberfläche des wuchtigen und ungemein charaktervollen Schreibtisches aus geflammter Eiche zu streichen.
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Stichwort segmentale Körperanhänge – befindet sich die Evolution auf dem Holzweg?
Blicke ich in einen Spiegel, so beschleicht mich erneut das Gefühl, daß Haare komisch sind. Je mehr Haare, desto komischer. In Badezimmern mit fließend Warmwasser lässt sich das Haar mit duftenden Shampoos fein waschen, mit dem Föhn in seidige Wellen, in beliebige Formen legen, doch wehe, eine Böe fährt hinein, wenn der Mensch das Freiland betritt, denn mit dem Winde lagert sich der Abrieb von Autoreifen und Blütenstaub ab; Kleinstinsekten verschlägt es aus physikalischen Gründen in dieses Towuhabohu aus Hornfäden und nicht wenige finden im Haar, welches wegen Verwirbelungen unweigerlich Werg wird, ihre letzte Ruhestätte.
Wäre ich ein Marsbewohner, eine elektrisch schimmernde und schwebende – einen Supercomputer ummantelnde Kugel aus Panzerglas etwa, und wollte mir interessehalber einen Eindruck von der, die Erde bevölkernden Fauna verschaffen, so stünde ich speziell dem Konzept Säugetier, mit seinem Fell und dem ganzen inneren Geblubber und glibschigem Gekröse ohnehin mehr als kritisch gegenüber; am wenigsten jedoch überzeugte mich wohl der Mensch, mit seiner partiellen Behaarung und den daraus naturgemäß resultierenden riesigen und von Talgdrüsen durchbrochenen Hautflächen, die mich, nicht nur als Supercomputerglaskugel, an hügelige, einst von fruchtbar humiden Urwäldern bedeckte Landschaften erinnern würden, die dann und dann König Sowieso abholzen ließ um eine Kriegsschiffflotte bauen zu lassen oder zum Heizen. Ein Koalabär oder ein Hund ist, im Gegensatz zum Menschen, bezüglich seines Haarkleides wenigstens in sich konsistent und verfügt zudem über vergleichsweise flauschige und allgemein anerkannt hübsche Pfötchen, mit denen er vortrefflich in seinem Habitat umhertapsen und einfache, den Arterhalt betreffende Handlungen durchführen kann. Der Mensch, unbeirrt von Jahrmillionen des Scheiterns, des sich immer und immer wieder Aufrappelns, versteht es jedoch vermittels seiner ästhetisch umstrittenen Extremitäten in modernen und abstrakten Arbeitsprozessen Mehrwert zu erwirtschaften. Als Zerspanungstechniker etwa oder als Floristin auf einem internationalen Flughafen. Kuppeln, Gas, Bremsen: auch einem zeitgemäßen Fuß wird heutzutage einiges an Motorik und Koordinationsvermögen abverlangt. Ein Nappaleder-Berufskraftfahrerfuß, von stremmenden weißen Sportsocken umhüllt, an deren Ferse sich fettreiche Fußausscheidung sukzessive zu gelblichem Grind verdichtet, ein Eldorado des Nagelpilzes, durchklungen vom schwachen aber kehligen Klagelied der kleinen Zehen, die die Evolution schon seit geraumer Zeit auf dem Kieker hat.
Ungezogene Grapschhände, aufgeblasenen Gummihandschuhen nicht unähnlich, die werksseitig mit Wurstfingern ausgestattet wurden und die bleich wie Maden sind, von vereinzelten, sich kläglich ringelnden blonden Haaren besetzt, fleischig, zerschrunden und ungelenk, greifen nach Lebensmitteln, welche ich als Verbraucher gezielt verschiedenen SB-Theken entnahm, da sie meinem Anforderungsprofil weitgehend entsprechen, die, da der mich betreffende Bezahlvorgang einvernehmlich abgeschlossen wurde, mein Eigentum darstellen, werden ungestüm, in einer groben Form der Geschäftigkeit zur Seite geschoben, um Platz zu schaffen für eingeschweißte Güter, hinter deren transparenter Haut aus Kunststoff teilweise Tierblut schwappt, welches unterschiedlich große, sich aus Gründen der Oberflächenaktivität zu Gruppen fügende Bläschen wirft. Während des Erfassungsvorganges größerer Gebinde, die vermittels eines externen Handgerätes durchgeführt werden, zuckt gelegentlich ein roter künstlicher Strahl über den Oberkörper der jungen Kassiererin, deren Klarname auf einem, über ihrer linken Brust dauerhaft befestigten, Schild ausgewiesen ist. Meine Lebensmittel und Früchte werden regelrecht geworfen, geschleudert kann man sagen, unachtsam und wiederholt widerrechtlich berührt um Raum zu schaffen am Fuße der Warenrutsche für das Eintreffen von grellen Limonaden in Sichtverpackung, Phil-Collins-DVDs (sinngemäß, Abb. ähnlich) und natürlich, wie erwähnt, Fleischbrocken mit unsichtbaren Madeneiern auf gelbem Styropor in Blister aus Dinosaurierleichen. Speziell meine Früchte also, die ich mit Bedacht auswählte, erhalten durch die ungeheuerlich unsachgemäße mechanische Behandlung nicht gewünschte Druckstellen und von der Greifhand stammende Bakterien und widerlich wimmelnde Viren lagern sich auf der Fruchtoberfläche ab, daß ich recht gerne eine 45er aus meinem imaginären, mit Westernmotiven bestickten Schulterholster aus Büffelleder zöge, und dem Mann mit den hässlichen Blähhänden das beschissene Gehirn rausbliese, daß ein feiner Blutnebel die feilgehaltene Convenience-Kost netzte und Teile der hinteren Schädeldecke, das paarige Scheitelbein Os parietale etwa, im Bereich der Unterhaltungselektronik abregnete, da es dem aufgedunsenen Jüngling offensichtlich am rechten Benehmen gebricht, sodann die ebenfalls madenhaft ungeschlachte Partnerin des Flegels, die Kassiererin sowie herbeieilendes Sicherheitspersonal und so fort, bis alle fünfzig Magazine aus meiner Anglerweste leer wären und das ganze verfickte Einkaufszentrum in den Flammen der Gerechtigkeit verginge (selbstverständlich unter Freisetzung von Dioxin) – so aber beschränke ich mich darauf, leicht die Stirn zu runzeln.
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Neues aus den Ostgebieten
Plötzlich erscheinen drei Menschen und packen einen älteren Mann recht barsch am Arm. Wahrscheinlich habe ich aber nur nicht so richtig hingesehen zunächst, da ich, an einer S-Bahnstation wartend, etwa Schwalbensilhouetten am Abendhimmel beobachtete oder auf den Po eines vorbeigehenden Mädchens blickte. Er möge sich ausweisen sagt der das Trio wohl leitende und das Wort führende Mann und zeigt seinerseits nachlässig eine Ausweiskarte vor auf Hüfthöhe, die ihn mutmaßlich nach außen als Zivilfahnder bezeichnet. Das Ziel des Zugriffs ist ein kleiner Mann mit schiefgelaufenen Schuhen, gelbgrau zurechtpomadiertem Haupthaar und einer braunmelierten Hornbrille, dem man nun wortlos die Umhängetasche von den Schultern zerrt und den Inhalt rasch auf den staubigen Boden des Bahnsteigs entleert. Dabei mit spitzen Fingern ganz gewöhnliche Dinge, wie eine Brille, einen Schlüsselbund, leere Bierflaschen oder eine Zeitung, mit einer, für mich als Beobachter ungeheuerlichen, Na-was-haben-wir-denn-da-Miene anhebend, als müsse sich der Besitzer dafür rechtfertigen, was dieser jedoch leider auch macht. Man handele aufgrund eines Anrufes, verschiedener Hinweise aus dem Volk, erläutert der leitende Fahnder, man habe ihn, den Mann mit der Umhängetasche, beobachtet, wohl hinter der Gardine stehend, denke ich, wie er Bierflaschen austrank, wie er dann im Gras lag, am Bahndamm, unweit der Kanalbrücke und schlief, in der Sonne, anschließend auf dem Bürgersteig auf und ab ging, hatten Bürger ihre Beobachtungen der Polizei geschildert, so der Fahnder. Es sei ein Verdachtsmoment entstanden, da und da abgestellte Kraftfahrzeuge betreffend, so der Fahnder zu dem vermeintlich Verdächtigen, der aufgehalten wird, dessen Habe auf dem Boden verstreut liegt, der harmlos ist, wie ich denke und wie ich weiter denke handelt es sich nicht einmal um einen Anfangsverdacht, der eine Taschenkontrolle überhaupt rechtfertigen würde, sind doch Bier trinken, schlafen, auf und abgehen übliche Beschäftigungen von Menschen somit mitnichten justiziabel im Sinne einer gesetzlichen Ordnung jenseits von Kaiser Wilhelm, Adolf Hitler und Erich Honecker. Daß ich plötzlich in eine Situation geworfen werde, denke ich, die die eines Voyeurs ist, der durch den Spion seiner Türe beobachtet, wie Schergen in Ledermänteln und Reitstiefeln bei einer anderen Mietpartei grimmig schellen um exekutiv tätig zu werden. Und wie das Trio Eindruck schindend und sich in die Brust werfend dasteht, den vermeintlich Verdächtigen bedrängt, der nicht daran denkt Widerstand zu leisten, alle an ihn gerichteten Fragen, eingeschüchtert, wie ein Untertan, der er ja offensichtlich auch ist, beantwortet, obwohl er sie nicht beantworten müsste, wie mir gewiss ist. Es ist ein Unrecht das geschieht, ich handle nicht, auch weil meine Bahn einfährt, wie ich mir später, als fadenscheinige Entschuldigung vor mir selbst zurechtlege. Die Situation gemahnt an eine Jagdszene von kleineren Raubtieren, die ein ihren Kräften gemäßes Opfer ausbaldowerten, Frettchen etwa, die eine flügellahme Amsel gestellt haben, sich in der Überzahl wissend, ferner wissend, daß das Opfer ein geschwächtes ist, somit nicht aufflattern kann beispielsweise oder fortspringen, und dennoch ohne Unterlass sichernde und schele Seitenblicke werfend, während sie ihre hektischen Zähnchen in das Fleisch schlagen, ob nicht ein größeres, einen in der Nahrungskette übergeordneten Rang bekleidendes, Raubtier erscheint und sich die bestehenden Kräfteverhältnisse ungünstig entwickeln. Und alle tragen Kapuzenshirts, wie in diesen Reportagen im Privatfernsehen, das aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmende Menschen vornehmlich mit diesem sportiven Kleidungsstück angetan abbildet: das Kapuzenshirt ist quasi der Rokokopantoffel des 21. Jahrhunderts. Mit Drogenproblemen behaftete Problemjugendliche aus Problemkiezen mit Problemhunden sowie auf Problemjugendliche kaprizierte Geheimpolizisten, Leistungssportler, Kleingärtner, Raver und Geländewagenfahrer aus Westend. Die Situationen, in denen sich die Menschen in sozialer Interaktion befinden, sind stets stereotyp und lassen sich meist auf einige wenige triebbedingte Säugetiermechanismen reduzieren, wie beispielsweise dominante Revierverteidigung und körperlich oder geistig ausgetragener Kampf um die Weibchen mit den besten Erbanlagen. Fraglich ist, ob die äußeren Formen der Klischees aus der Realität in den Fernseher wandern, oder ob die Klischees dort entstehen und in die Gesellschaft ausgestrahlt werden, wie diese Fernsehseriendialoge, die in meinem Rücken, in den Schlangen vor den Supermarktkassen geführt werden, von Menschen, die ihr Leben bei Schweinefleisch und Colamischgetränken in zitronenfaltergelb gestrichenen Blähbetonsteinhäusern in Toskanaoptik fristen.
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Huren, Wein und die Filets der besten Tiere für alle
Ein von minderwertigem Wein trunkener Mann, der durch den Kot der schummrigen Gassen ins Badehaus stolpert um dort zotige Lieder zu singen und ein Weib zu schwängern, zürnt natürlich zugleich dem Klerus, der sich, wie man sagt, nach oppulentem Prälatenessen im Bordell vergnügt. Je verkommener ein altes Regime ist, desto dämlicher sind scheinbar auch jene, die sich anschicken, es zu reformieren oder gar hinwegzufegen. Das pervertierte Papsttum des Spätmittelalters brachte immerhin Martin Luther oder Thomas Müntzer hervor; Wirtschaft und Politik heute gebiert lediglich lächerliche Kritiker wie die Linkspartei beispielsweise oder Attac, als würde der Ladeluke eines havarierten Supertankers ein geistig behindertes Schaf entschlüpfen.
Man sagte, sie predigen Wasser und trinken Wein, mit der Intention selber Wein trinken zu wollen, und zwar nur von den Trauben höchster Qualität. Man sagt, wir zahlen nicht für eure Krise, mit der Intention, in der Hausse an den Erträgen der hasardeurhaften Wirtschaft teilhaben zu wollen, jedoch in krisenhafter Zeit zu greinen ob der Vertreibung aus dem Warenparadies und sich mit barlachschen Mienen die Nasen an den Scheiben der besten Geschäfte platt zu drücken. Man trinkt gierig und in großen Mengen sehr billigen Kaffee, man verzehrt Rindfleisch und vitaminreiche Südfrüchte, man trägt modische Sportschuhe sowie in fernen Ländern, von Ausländern verfertigte Oberbekleidung, man weist aber, mit vor Erregung zitterndem Zeigefinger, anklagend auf die Mönche, Minister und Manager da oben, da man ihnen den besseren Hebel neidet, die Welt der Neger und Bauern auszubeuten.
Blicke ich in den – im Fernseher abgebildeten – Saal des Bundestages und höre und sehe mir an, was die Politiker zu einem beliebigen Thema sagen, so würde ich mich aus inhaltlichen, ästhetischen wie auch rhetorischen Gründen endgültig mit Grauen abwenden, wenn sich nicht mit mir der geifernde Pöbel abwendete vom Parlamentarismus. Ich bin versucht, wie ein Lehrer überall Logik?, Stil? und Falsch! an den Rand zu schreiben und überhaupt alles mit einem roten Stift vollzukrakeln was dumm ist.
Die Opposition innerhalb und ausserhalb der Herrschaftshäuser, die das Volk zu integrieren vermag, ist – ich wiederhole mich – stets noch geistloser als es die vorherigen Machthaber waren.
Liest man die auf Papier gedruckten Zeitungen, so stehen dort die Agenturmeldungen von gestern darinnen; liest man die digitalen Zeitungen, so tropft das Blut in die Gosse und prominente Partyluder öffnen ihre Schenkel; liest man jene Blogs, die für sich eine Führungsposition, einen quasi journalistischen Anspruch im selbstgeschaffenen Untergrund-Sandkasten proklamieren, so stehen diese, da sie in der Reaktion auf existierende Probleme keine eigenen Ideen zu formulieren im Stande sind, aber auch keine neuen Themen zu lancieren wissen, als narrenhafte, vor allem unverzehrbare und parasitäre letzte Glieder in der medialen Nahrungskette da.
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Die Sintflut ist der Hochdruckreiniger des Herrn
Vermittels Präparaten und Arbeitstechniken, die mir angeboten wurden, ist es mir gelungen, meine Penislänge um 20% zu vergrößern, meine Potenz gar um 85% zu steigern. So komme ich seit Stunden nicht, und Damenbesuch kommt überhaupt nicht. Käme er, so sähe ich ihn frühzeitig auf dem Monitor meiner lichtstarken Überwachungskamera an der Türe und schwebte mit dem gasdruckgefederten Barhocker, den ich einst in führenden Designerhotels bewunderte, lautlos auf und nieder, als Zeichen meiner Freude. Was nützen einem Mann rautenförmige Pillen in bleu und Photographien, die devot oder dämlich dreinblickende Frauen in reizender Unterwäsche und mit Hundehalsbändern bekleidet vorstellen, wenn die Welt, wie man den Massenmedien entnehmen muss, ohnehin verrottet ist bis zum Kern, sich insgesamt nicht den Anforderungen und Bedürfnissen gemäß entwickelt (Stichwort: Finanzmärkte, Klimakatastrophe), daß man alles einmal gründlich durchkärchern müsste.
Ich rate Ihnen, sich in faden Perioden des Lebens vor diese Monitore zu stellen, die an den Stirnseiten der Regale von Heimwerkermärkten angebracht sind. Die Männer, die in den dortigen Bildschirmen auftreten, sind oft sehr munter, einer der beiden mimt, im Sinne der Sache, einen umständlichen Skeptiker, der andere stellt, seinem Naturell entsprechend, einen Mann der Tat dar und demonstriert, wie sich die sichtbaren Probleme auf technischem Wege lösen lassen. Das Material fügt sich schließlich dem Manne; im Endeffekt liegen befriedigend glatte Schnitte, lotrechte Bohrlöcher sowie Sauberkeit und Ordnung der Dinge vor.
Gott erschuf den Menschen, der das Prinzip des Funktionalismus ersann; somit sind auch Spax Terassenschrauben Werke des Herrn, der so seinen Geist durch den Menschen hindurchfließen ließ. Als singuläre Person ist Gott nicht stapelbar, wohl aber als von ihm beseelte Plastikbox E1 beispielsweise. Die Welt ist deswegen so unwirtlich, kalt und öde, daß der Mensch gedrängt ist, ihr Wohlbehagen und Glück abzuringen durch Technik. Folgt man der Annahme, daß alle Dinge, alle Pflanzen, alle Tiere, alle Menschen von göttlichem Geist beseelt sind, so erscheint Gott großartig und banal, gut und voll scheiße zugleich.
Was Flugrost, Magnesiumkalk, Gefrierbrand, Bügelglanz und mikrobakterieller Befall in ihren jeweiligen Mikrokosmen sind, stellen Seuchen, Hunger und Kriege im Großen dar. Von diesen Symptomen der menschlichen Verderbtheit nährt sich die sogenannte Medienmaschine, ein Zwitter aus steampunkartigem Zahnradapparat und Biomasse, dessen Gestalt sich als sowohl grotesker wie auch furchterregender, wenn auch hübsch silbrig glänzender Tiefseefisch von gigantischem Ausmaß vorstellen lässt, der in vergleichsweise seichten Gewässern dümpelt und sich die Abbilder des Leids und die Sensationen der Welt mit hoher Geschwindigkeit in das träge auf und zu klappende Maul schwemmen lässt, die sodann zügig den Magen, sowie den – für Aasfresser charakteristisch – kurzen Darm passieren, um schließlich als toxischer Sondermüll, als Meinungen, ausgeschieden zu werden. Die Medienmaschine verfügt über einen ausgeprägten Verdauungsapparat, jedoch über ein in Evolutionsprozessen verkümmertes Gehirn. (Die Gehirnleistung dient quasi ausschließlich der Steuerung der Verdauungsprozesse.) Trotzdem wird – lediglich durch Präsenz und Ausstoß – versucht zu suggerieren, die Verdauung der seit Jahrmillionen gleichen Nahrung würde stets variieren, daß sich aus den neuesten Exkrementen auch immer neue moderne Weltmodelle und Handlungsgrundlagen bilden ließen.
Satellitengleich umschwirrt wird die Medienmaschine von kleineren digitalen Parasiten, die mit dem großen Verdauungsapparat eine Art Symbiose der nachhaltig bilateralen Fäkalienverwertung eingegangen sind. Man nennt diese Parasiten Blogs und Twitter; eine Art endzeitliche, maximal beschleunigte Form des Leserbriefs – die totale Meinungsmache bei gleichzeitiger größtmöglicher geistiger Leere – der Stammtisch und die Beschwerdestelle der Hölle.
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Die Entstehung der Arten (Teil 1)
Ich skype gerade Hans-Werner an, weil MSN down ist und Hans-Werner in der vierzehnten festhängt, bei ‘nem Strategy-Panel mit ein paar ganz großen Tieren aus den Staaten. Wie immer, wenn ich in good old Mainhatten bin, treffen wir uns in Rick’s Bar auf nen paar gepflegte Single-Malts zum absacken. Ich hab Hans-Werner Ende der achtziger kennengelernt, als wir gemeinsam die Human Resource Optimization Unit eines mittelgroßen DAX-Konzerns geleitet haben unten in Würzburg. Heute ist die Bude IMHO schlachtreif, die erste also, die in Germany die Hufe hochreißen wird, wenn die Lage – was anzunehmen ist – weiter bearish bleibt. Bei diesen unterirdischen Zahlen hätte man den Brüdern schon vor einem Jahr einen hammerharten Rating-Downgrade reinwürgen und den Wert stante pede aus dem DAX kegeln sollen. Aber hey, der Markt ist eben kein Ponyhof. Mein alter Kumpel Hans-Werner also, damals, kurz bevor die Blase geplatzt ist, short gegangen, die sauer verdienten Milliönchen dann aber in Dubai versenkt. Life sucks! Aber das ist ein anderes Thema. Ich häng’ also an der Bar, die Puppe hinter dem Tresen schiebt ihren Arsch rüber, ich bestell mir ‘nen gepflegten doppelten Armorik Single Malt und genieß die Aussicht. Heilige Scheiße, die Puppe hat wirklich den süßesten Arsch diesseits der Beteigeuze, und als wenn das noch nicht genug wäre, zwei wirklich amtliche Hupen, die sich sehen lassen können – lucky me, Freunde! Als die Party vorbei war, Ende der achtziger, ist Hans-Werner ins freie Strategy-Consulting, ich ins Direct-Marketing, das steckte seinerzeit noch in den Kinderschuhen, i mean digital, da war mächtig Cash drin und ich bereit, mir die Piepen zu holen, klar, dann rüber ins SEO-Segment, das war das große Ding seinerzeit, Ende der neunziger. Hab nen paar relativ große Buden auf nen Pagerank gehievt, von dem die Brüder nur träumen konnten, and so on. Ich schau kurz auf meine Patek Philippe; Hans-Werner lässt auf sich warten und draussen schifft es, als ob die Welt untergeht. Heilige Scheiße, wie ich es hasse. So, Freunde, nun ratet mal, wer sich am meisten in diesem beschissenen Land auf die Cabrio-Saison freut? Na? Richtig! Meine Wenigkeit, good old me! Verdeck runter, rauf auf die Gotthard-Straße und dann immer gib ihm. Schön Konvoifahren mit den buddies und aus den Bose-Subwoofern schallt Supertramp: Yeah! Ich mein, Hallo? Wieso geb’ ich mir sonst Sechzehn-Stunden Tage mit den beratungsresistentesten und merkbefreitesten Kunden diesseits der Beteigeuze? Klar, ihr wisst wie es läuft, money makes the world go round wie es so schön heißt und ja, natürlich Mäuschen, ich nehm’ noch einen. Hans-Werner will sich ja einen Alpha-Romeo Spider holen, da hab ich ihm neulich im MSN Chat erst mal verklickert, daß er bei den Straßen hier ziemlich Trauer haben wird mit so einer abgefuckten Spaghettischleuder, eine Bodenwelle und es heißt: Good-bye Unterboden. Na, muss jeder selber wissen. Ich fahr’ Maserati Gran Turismo, bin mit dem Wagen an und für sich sehr zufrieden, da stimmt die Performance, die Optik und das Design, eben alles. Five thumbs up also. Hab mir die Schüssel geholt, nachdem ich meine Exfrau abgeschossen hab und der Bilfinger-Job in trockenen Tüchern war. Man gönnt sich ja sonst nichts! *gg* Stay tuned folks! Versuch mal kurz Hans-Werner anzutwittern: @hans_werner is 2L8 - Alter Schwarzfußindianer, der Whiskey ruft!!! BTW hab mir das G1 geholt, um meine Communities im Flieger zu checken und zum daddeln und prokrastinieren natürlich ;-) Die Tasten sind ein wenig hakelig, aber hey, das Gerät geht IMHO absolut klar. Hans-Werner sagt, er sei ja eher so ein Blackberry-Typ, okaaay, er ist mit Push-Mail groß geworden. Hans-Werner simst mich gerade an, unser Treffen fällt flach, plötzliches Overnight-Meeting. Kann man nichts machen, shit happens. Noch einen doppelten Single-Malt und ich bin raus hier. Gabel mir noch ne handliche Bordsteinschwalbe auf und fahr das übliche Programm: französisch, doggystyle und abspritzen in der Missi, dann heißt es für meine Wenigkeit: kleines Betthupferl aus der Hausbar und an der Matratze horchen. Morgen ein wichtiges Kickoff-Meeting für das Osteuropa-Segment eines führenden deutschen Franchisers in Pforzheim. Alter Verwalter, ausgerechnet Pforzheim! IMHO die buckligste Stadt diesseits von Wladiwostok! Der Flieger geht um sieben, einchecken um sechs. In diesem Sinne: Tschö mit ö und tut nichts, was ich nicht auch tun würde!
Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« |
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Was wie Ambrosia wirkt, ist tatsächlich angetaute Tiefkühlasiapfanne
Das Schnäbelchen pocht energisch von innen an die Schale, daß ein erster Riss entsteht. Ein Entenküken begehrt Einlass in die Welt.
Die Welt ist gut, die Welt ist schlecht; gleichsam ein fertiger Holzschnitt, der aus dem Fernseher purzelt, auf die Auslegware: es ist die Wahrheit; darauf haben Künstler in verschiedenen Arbeitstechniken Wirklichkeitsebenen und Deutungen, im wesentlichen vermittels Aquarellfarben, auflasiert, aber auch gespachtelt und mit Wachsmalstiften hingekrakelt. Bitte nehmen Sie es so, wie es ist. Im Gefieder des juvenilen Ententieres, wird einst eine Milbenart ihr Domizil aufschlagen, wird dort, sehr gelassen ihren evolutionären Plan weiterverfolgen, das Leben in Entengefiedern noch zweckmäßiger zu gestalten. Die Welt feilt an den Nukleinsäuren, die weise Milbe lässt geschehen.
Schnellzüge stampfen durch Bergtunnel und Astronauten, deren Augen aus Bergkristall gefertigt sind, steigen ins All hinauf und die Welt hüllt sich in Schwefelqualm.
Stakkatohafte Technobeats peitschen durch die Bohnerwachsgänge eines Hochbegabten-Internats ob Davos. Marie-Luise, designierte Bestsellerautorin, Eisprinzessin, Tennis-Ass und Ausnahmepianistin in spe, des Studienrates jüngstes Töchterlein, ein Backfisch von siebzehn Lenzen, sitzt, lediglich mit einem Ich ziehe Otterbabys dem zweiten Weltkrieg vor-T-Shirt bekleidet, unweit des Fensters, an einem Russentisch und ihr zartes Koksnäschen kräuselt sich recht reizend, als ein Leuchtmittel über ihrem güldenen Lockenkopfe erscheint, da ihr augenblicklich Schuppen von den Augen fallen: Gewiss, Hedonismus lautet das Lösungswort! Die Buchstaben nun flugs aus den Überschriften führender Lifestyle-Magazine ausgeschnitten, mit Nagellack und Glimmerstaub zusammengepappt, sodann gefaltet, zu einer Origami-Hydra mit vorknisternden Trotzköpfchen, die im Chor rufen: Siehe, Miniaturisierung und Beschleunigung wird da sein, ein apokalyptisches Rumoren und Schaben; mehr sollt ihr nicht erwarten. Aber das ist ja auch schon allerhand und nicht Nichts, denkt man, im Transit eine kleine Siedlung von feinstaubmatten Wohnwagen gewahrend, die sich hinter die Böschungskante einer Ausfallsstraße ducken, an der nubische Prostitutierte in die Fahrerkanzeln rumänischer Berufskraftfahrer steigen um ihnen zu dienen. Die Bewohner essen hier zerhackte Tiere in brauner Soße, sie haben schwarze Zähne und ihre grindigen Füße schubbern träge über schäbige Acrylteppiche mit Brandlöchern darinnen. Alle hier Lebenden sind abhängig von einer Droge, die aus den gemahlenen Leibern von Tausendfüßlern gewonnen wird. Der schorfartige Podsolboden, draussen, vor den Hängern, ist altölbeschmiert und übersät mit leergefressenen McDonald's-Verpackungen; ein Habitat der allerneuesten Schimmelkulturen und des Tschernobyltäublings, der, Pilzkundler werden es wissen, durch eine Wanderungsbewegung hierher geriet.
Der feine Herr Studienrat, des Backfisches alter Herr, wir erinnern uns, sitzt an einem anderen Ort, bei einer lauwarmen Tasse Kamillentee nebst zwei ungesüßten Haferkeksen, im Lichtkegel einer formvollendeten Stehlampe und beschriftet Post-It-Zettelchen mit peinlichst akurater Sütterlinschrift – Nonpareille versteht sich, das Material will schließlich genutzt sein. Kleine Bildungssentenzen und geistreiche Aperçus, Meyers neuem Lexikon oder Goethes Tagebüchern entnommen, die sodann in einen schweinsledern gebundenen Baedeker-Band eingeklebt werden, mit knöcherner Studienratshand, fein säuberlich, der feine Herr Studienrat gedenkt eine Reise zu unternehmen, zur Zitronenblüte – heim in den Schoß der Klassik.
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
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Albert Düsentrieb
Daß die Sprengung des zweithöchsten Berliner Bauwerks, des Frohnauer Sendemastes, ein voller Erfolg gewesen sei, wie gesagt wird, ist sympthomatisch für den Geist, der in Berlin herrscht, der an allem nagt, wie gierige, wie schädliche Raubinsekten. Nicht nur, daß die Maßnahme von einer schrecklichen Tragödie überschattet wurde, ein rotbraunes, besonders flauschiges Reh mit riesigen rehbraunen Rehaugen wurde von schrapnellartig umhergeschleuderten Stahlteilen erschlagen; wobei jedem klar ist, sofern wachen Geistes, unbedingt klar sein sollte, daß im Vorfeld Förster und Techniker mit Signalhörnern und Pauken durch das Unterholz hätten streifen müssen um das Rotwild von der geplanten Durchführung der Demontage in Kenntnis zu setzen. Die Situation glitt also aus dem Ruder und die Verantwortlichen legen nun falsches Zeugnis von ihrem Handeln ab. Gerade eine Stadt wie Berlin, für die der Erhalt, die Schaffung von guten Vertikalen so überaus wichtig wäre, entledigt sich ihrer köstlichsten Bauwerke – zudem noch unter Zuhilfenahme von Stümpern – einer höchst zwielichtigen Firma aus Ostdeutschland.
Berlin – die schlimme Bevölkerung Berlins, die Berliner also, die pampigen, die aggressiven Berliner, deren Physiognomien dauerhaft von Missmut deformiert wurden, die Gesichtszüge mit schartiger Klinge aus aschgrauem Speckstein geschnitzt. Diesen Existenzen gebricht es an Erhabenem, das ihnen jeden Tag erneut den wahnwitzigen Größenunterschied zwischen Mensch und Universum veranschaulicht, wie es die Berge tun, die dem Betrachter mitteilen, daß er ein Wicht ist, ein sinnlos strampelnder, ein nichtsnutziger Wicht, der jederzeit vom Fuß eines Riesens zermalmt werden könnte, ohne daß ein Hahn danach krähte, den der Herr, dessen ungeachtet, dennoch liebt, und der seiner sanftmütigen Nachsicht durch gut geformten Gneis und würzige Wildblumenwiesen reichlich, überreichlich Ausdruck verleiht. Da nun aber Berlin und, noch schlimmer, Brandenburg platt wie eine Flunder ist, wird die Bevölkerung nicht hinreichend und vor allem nicht kontinuierlich genug gedemütigt, insbesondere ist der Berliner nicht gezwungen seinen Blick gen Himmel zu richten, keine Vertikalen weisen ihm optisch den Weg zu Höherem, daher ist sein Verhalten so schlecht. Es gibt nur wenig gute Hochhäuser, es gibt keine Berge.
Der Architekt Jakob Tigges plant einen Berg auf dem Flughafen Tempelhof zu errichten, einen künstlichen Berg. Nun ist aber ein Berg, der nicht Produkt der Plattentektonik ist, ein Kitschberg, also ähnlich unsinnig und folglich falsch, als versuchte man Holz vermittels Holzfolie zu imitieren.
Alle jüngeren Bauwerke, nicht nur in Berlin, können nur noch als Zeichen eines absterbenden Systems gelesen werden, stehen sie doch nicht für Nichts, sondern leider ausschließlich für moribund überkommene Ideen. Daher fehlt ihnen die Größe, wobei die erbärmlichen Gebäude, von denen ich spreche, durchaus physisch relativ groß sein können, nur sind die Ideen aus Wirtschaft und Politik, die sie entstehen ließen, nichtig und kümmerlich. So wird man auch in einhundert Jahren noch staunende Touristen vor die Pyramide von Becán führen, nicht jedoch vor das A10-Center, das in fünfzig Jahren nicht mehr stehen wird, das eine hässlich ausgebrannte Ruine sein wird, verwüstet und von räudigen Wölfen und Schakalen bewohnt.
Erhabenheit führt zu Demut, daher ist es notwendig, ja längst überfällig, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof einen gigantischen Betonquader zu errichten, einen Quader von einem Kilometer Seitenlänge. Nicht begehbar natürlich, ein massiv für immer im Sand lagernder, unzerstörbarer Betonquader, an dessen Fuß die Berliner geduckt umherschlichen, und man Handtaschendiebe und Vandalen zwänge, hinaufzublicken, tagelang, dorthin, wo die Falken nisten würden, und wo das rotbraune Rostwasser der Armierungseisen aus der Wand träte.
Ein weiterer gigantischer Betonriegel, in gleicher Bauweise, würde später, in West-Ost-Ausrichtung auf dem stillgelegten Flughafen Tegel entstehen, somit lägen die Stadtbezirke Prenzlauer Berg und Reinickendorf sowie Kreuzberg und Neukölln an Nachmittagen in tiefem Schatten. Bauwerke für das Nichts. Nicht Germania, nicht Bunker und nicht abstrahierter Holocaust. Reine Architektur, ohne den Makel der weltlichen Funktion.
Thematischer Schwerpunkt: »Materie« |
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