Hightatras

Semmering III

Durch das von Metallfäden durchzogene Sicherheitsglas sah ich, wie Tristan, der Butler, einen Schalter betätigte und hörte, wie ein alter Schrittmotor die mattschwarze Eingangstür malmend zu öffnen begann. Tristan blickte mir kurz und fest in die Augen; ich nahm einen gut konturierten Menjoubart als Punktum seines Gesichtes wahr. Er küsste zum Gruße meine Wangen, wie es Sitte war, und ging sodann leitend vor mir durch schummerige Gänge und durch brutalistische Treppenhäuser. Architektur, die ich seit Ewigkeiten zu kennen meinte und die für Tausende konzipiert war. Daß die Wände zunehmend durch cyanfarbene Neonröhren rhythmisiert wurden, präludierte – wenigstens in meiner Wahrnehmung – die Nähe bewohnter Teile des ehemaligen Flakturms. Neon, das aus Einschusslöchern bläulich herausgleißte, Risse und Übergänge akzentuierte. Neon, das en passant an Gegenständlichkeit gewann, graphische Repräsentationen ausbildete, schließlich Buchstaben, Worte, Binärcode und Satzfragmente. Mir sind Zitate aus dem Hyperion erinnerlich geblieben. Wir traten in einen tiefen, fensterlosen, somit düsteren und porphyrverkleideten Raum, von vielleicht zehn auf zwanzig Meter, der im vorderen Teil durch eine amorphe Bleiskulptur von Anselm Kiefer dominiert wurde. Tristan bedeutete mir, in einer Reihe von Barcelona-Sesseln Platz zu nehmen, Walter sei noch beschäftigt. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich in einiger Entfernung die Silhouette von Walter, der sich auf einer Art Récamière in einer unbestimmt auf körperliche Schwäche hindeutenden Liegeposition befand. Seine Hände, die in drahtlosen Datenhandschuhen steckten, vollführten gestische Bewegungen im Cyberspace, hier in einem auf Finanzinstrumente spezialisierten Datenraum, wobei der virtuelle Handel durch komplexe Polygonformationen repräsentiert wurde, die mittels einer Datenbrille in Echtzeit auf die Augäpfel des Benutzers projiziert wurden. Das Herzstück des Systems sei eine übertaktete Cray XK7, die zu unseren Füßen dauerhaft in einem Bad aus flüssigem Stickstoff versunken läge und die über einen Hochgeschwindigkeitsknoten in Frankfurt am Main stets direkten Zugriff auf den europäischen Internet-Backbone habe, wie Tristan leise sagte, der mit katzenhafter Anmut aus dem Dunkel getreten war um mir Tee und Datteln zu servieren. Vor allem Spekulationen gegen die Deutsche Mark, später Verkaufsoptionen auf Siemens Nixdorf, jeweils mit denkbar größtem Volumen, wie Tristan, stolz auf seinen Herrn, hinzufügte. Er trug Kungfuschuhe und einen bestickten Hausmantel aus schwarzem Satin. Ihn umgab ein Hauch von Eau Savage. Ich nickte, trank etwas Tee und nahm eine Oxycontin. Fauchend blitzte der weißblaue Zündfunke des in die Wand eingelassenen Kerosinkamins auf.

Langsam kehrte ich dem Bett, darin der Leichnam lag, meinen Rücken zu und zog die deckenhohen schweren schwarzen Vorhänge beiseite, öffnete rasch die Fensterflügel und stieß die Läden auf wie ein Erstickender. Es hatte geregnet. Die Luft war frisch und roch nach Erde. Der Garten den ich überblickte fiel gegen eine weite Ebene ab, in der er endlich aufging. Auf einer Art Lichtung, einem von Eichen umstandenen, sehr gepflegtem Rasenstück stand ein schwarzer Kampfhubschrauber, der müde die Rotorblätter hängen ließ. Junge Männer hoben hölzerne Kisten in den Frachtraum, und bückten sich gegen speziell geformte Nylontaschen, in denen sicher optische Geräte oder Waffen gut gepolstert lagen, wobei sich unter schwarzen Uniformblusen und ebensolchen Hosen von derbem Gewebe verschiedenste wohldefinierte Muskelpartien und straffe Hintern recht viril abzeichneten. An klaren Tagen, wie es dieser war, ließ es sich von hier über den Neusiedler See, der im kaltem Lichte silbrig lag, weit gegen den Balkan blicken, und im Mittelgrund erstreckten sich die weitlich aperen Vorgipfel des Alpenkammes deren schattige Schründe von tintenhafter Schwärze erfüllt waren. Eine kleine halbleere Kunststoffflasche stand am äußersten Ende des Fensterbrettes, das aus schwarzem Gestein war, darin waren silbrigkristalline Fäden gewoben und versteinerte Weichtiere des Devons die dort seit langem ruhten, doch just jetzt ihre fossilen Gliedmaßen schwerfällig aus der polierten Glätte hoben – wohl um neuen Halt tastend, unheimlich und steinern. Ich nahm mit Widerwillen einen Schluck des abgestandenen Wassers und schluckte eine Oxycontin. Nur hinaus aus diesem Totenhaus! Und ich ging durch den weißen Raum mit den schwarzen Vorhängen, die unter dem Einfluss einer seeseitigen Brise etwas wogten. Alle Gegenstände, auch das Bett des Leichnams, der unter einem sehr weißen und gestärkten Tuche lag, waren von einem lachsrosa Lichtschein, der durch die Fenster einströmte, in ihrer eigentlich nüchternen Farbwirkung beeinflusst. Dann gab ich mein Bemühen um pietätvolle Bewegung auf und begann zu laufen, durch den eichengetäfelten Enddarm eines Herrenhauses ohne Erben, silberne Leuchter, Geweihe und Delfter Vasen huschten am Rande meines Sehfeldes vorüber, radierte Fuchsjagdszenen, die in Öl ausgeführte Ankunft kolonialer Handelschiffe in einem Handelshafen, wohl Triest, Kelimläufer, ein Faktotum mit dem papierenen Teint in der Farbe eines Knollenblätterpilzes, stoisch in Feudelei an ochsenblutfarbenen Ledermöbeln begriffen. Ich rannte, stieß Türen auf und hastete durch das eiserne Portal hindurch, nur hindurch!, zunächst auf einer leicht abschüssigen Landstraße durch abgeerntete Winterweizenfelder, dann mit einem Satz über einen an den Rändern sehr gatschigen Graben in den Wald, der hier licht war und dessen Bodenstruktur dem Auge von grünblondem Gras formuliert wurde. In der Ferne erschallte eine Alarmanlage und zerknautschte Colabüchsen in den verschiedensten Stadien des Verfalls waren mit dem Gras verfilzt, aus dem bei bereits beiläufiger Berührung bald Tausende von Tigermotten stoben. Ich entfernte mich weiter von der Straße, da die Dunkelheit des Waldes mich naturgemäß anzog. Unter den dichten Wipfeln der Fichten wuchs wenig anderes als mir unbekannte Pilze. Feuchtglänzende Hüte auf obszön gespannten Stielen, an die sich kleinere Pilze gleicher Rasse energisch anschmiegten, unter deren Hute widerum kleinere Pilze Schutz suchten, die von winzigen und noch winzigeren Pilzen bedrängt wurden. Mir schien, als würden die Hüte der Pilze farblich oszillieren, bald so, als würden diese schwellenden rekursiven Zusammenrottungen aus unsichtbarem Gefäss von morbidem grün übergossen, bald innerlich von scharlachroten Valeurs matt durchglimmt. Ein artifizielles, gleichsam giftiges Glimmen, das zwar matt anmutete, aber die in sich verschränkten Äste, die einem unauflöslichen Mikadospiel glichen, als surreal verzerrte Schatten projizierte. Das kahle, mir tückisch entgegengereckte Geäst der Bäume riss Löcher in mein Gewand und ließ Blut an Schenkeln und Rippen herabrinnen. Da sie mir schließlich hinderlich schienen, zog ich meine Schuhe aus um sie fortzuschleudern; – Schuhe, die ich einst in Mailand arbeiten ließ. Der Rechte verfing sich mit seinem Senkel in der Gabel eines Astes um dort höchst grotesk zu baumeln, den Linken indess schluckte still das Unterholz; er mag dort einem scheuen Waldtier treffliches Domizil geworden sein, etwa einem juvenilen Igel. Dann dünkte mich der Ort kalt und unwirtlich, und mir war nach einem wohligen Bett aus Moos und Erdreich. So suchte ich mir eine recht humide Stelle am Rande einer Lichtung, legte mich rücklings nieder und begann mit den Armen zu rudern um mich hinabzuwedeln in das köstliche duftende Erdreich. Eine experimentelle Tätigkeit, wie sich zeigte, die, schließlich erfolgreich, mich die morphologische Ähnlichkeit von Flunder und Maulwurf erfahren ließ, da ich durch ihre Körper ging in meinem Wirken. Die Wände meiner kleinen Heimstatt waren von zarten Schößlingen und sich windenden Engerlingen durchsetzt; zu darben hatte ich also nicht.

Ich wälzte mir eine behagliche Kuhle, nahm eine Oxycontin und schlief einen tiefen Schlaf.

Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.

Semmering I

Die Städte, die wir unter uns zurückließen waren erleuchtet. Wir saßen so, daß es nach Chanel No. 5 und Apfelshampoo roch. In Beates Schoß lag ein Minidiscplayer.

Man rief fortwährend, ich tat als hörte ich nicht, aber mit der Zeit wurde mein Sträuben schwächer und ich folgte dem Ruf.

Bei der Durchfahrt durch Franzensfeste hatte ich gierig eine Oxycontin mit den Backenzähnen zerbissen und das geröllgleiche Granulat geschluckt. Nun blickte ich aus dem Fenster des langsam und wattig fahrenden Zuges. Ich sah ein Haus, das sonnenbeschienen vor einem fichtenrauen Hang stand. Im Garten des Hauses stand eine Schaukel, auf der ein kleines Mädchen saß. Auf dem Hochpunkt einer spielerischen Parabel war das mit einem karierten Kleide bekleidete Kind gleichsam erstarrt. Das Haar emporgewirbelt, sodass die flachsgelben Zöpfchen vor einen hellblauen Sommerhimmel standen an dem Wolkenhaufen innehielten. In munterer Stimmung war ein weißer Hund herbeigesprungen, sein Lockenkleid war in ausgelassener Bewegung geronnen. Einige Zeit glühte dieses entschleunigte biedermeierliche Bild vor meinen Augen, noch in einen bleiernen und zugleich unruhigen Schlaf hinein, aus dem zu Erwachen leidvoll sein würde.
Als die Eisenbahn mit klagenden Bremsen in die Station Mürzzuschlag einfuhr, öffnete ich mürrisch meine Augen und eine blasse Eidechse, die in den nachlassenden Strahlen der sinkenden Nachmittagssonne an der Wand des Bahnhofsgebäudes gesessen war, kroch träge in eine Furche des mostrichfarbenen Rauhputzes. Mechanisch die Uniformmütze aufsetzend, war ein Stationsvorsteher aus der Dienststube hinausgetreten auf das Perron, das auf Grund der Tallage schon länger in blauschwarzem Schatten lag.
Während ich schlief hatte sich eine Frau auf den mir gegenüberliegenden Fensterplatz gesetzt. Sie hielt den Kopf gesenkt und schaute in ein Rätselheft. Ihr Gesicht sah ich zunächst nicht, wohl aber einen opulent mit künstlichen Früchten verzierten breitkrempigen Strohhut von moosgrüner Färbung. Eine Kirsche am Rande der Krempe war beschädigt, der Lack war hier auf einer kleinen Fläche abgeplatzt und legte das durch filigrane Drähte stabilisierte Innere der falschen Frucht frei. Die für mich sichtbare Hand der Frau war von edler Form, ja von regelrecht anämischer Zartheit, wobei ich gleichwohl einen Anflug von Faltenbildung gewahrte. Bei näherer Betrachtung erwies sich der dottergelbe Kugelschreiber, mit der die Frau Lösungen in ihr Rätselheft eintrug, als ein Werbegeschenk der Raiffeisenniederlassung St. Pölten.

Beate trug dottergelbe Jeans von Fiorucci und goldene Sandalen von Prada. Das Dorian Gray an einem Sonntagvormittag im September. Wir tranken Manhattans und fixierten entrückt die von Rundumlichtern beleuchtete Tanzfläche. Als die Wirkung des Ketamins nachließ, tanzten auch wir zu Giorgio Moroder. In den Lichtern der Diskothek schienen Beates schöne Füße alternierend wie aus violettem, respektive hellblauem Marzipan geformt.
Später fuhren wir mit der Rolltreppe auf die Aussichtsplattform des Flughafens. Gegen Sieben stand die Sonne tief, es war aber noch warm. Wie immer vor Langstreckenflügen rauchten wir Shore. Ich hielt für Beate das Feuerzeug und ließ für sie den güldenen Tropfen über die Folie wandern.
Reisen, das moderne Reisen ist Krieg. Die totale Verwirklichung der kühnsten futuristischen Konzepte, ein Krieg gegen Raum und Zeit, der sehr radikal von der Luftfahrt geführt wird. Rollfelder sind Kriegsschauplätze und die Luftfahrt ist die potenteste zivile Raumvernichtungsmaschine. Ein Einsteigen in diese mit gestohlener Energie betriebenen Vehikel erschien mir seit jeher ohne Betäubung undenkbar, als ein ungeheuerlicher Pakt dessen vollkommenes Verschriebensein sich nur in der Betäubung, und auch so nur vor mir selbst, abschwächen ließ.
Ich trug ein brombeerfarbenes Hemd von Seidensticker, mein Oberkörper lagerte gebeugt über die in der Abendsonne glühende Ballustrade; ich trank einen Cobbler und blickte auf das Rollfeld. Menschen, Einzelpersonen, kleine Gruppen gingen über den Asphalt auf eine lauernde Maschine zu, silhouettenhaft und grob, wie aus kaltblauem Papier gerissen. Ein Bild gewaltiger Schönheit.

Grundlegend ist die Semmeringstrecke ein beachtliches modernes Gesamtkunstwerk, das zunächst die Unterwerfung der Wildnis durch Maschinen vorstellt. Thermodynamik spülte aus dem östlichen Tiefland einigen Nebel empor, in dem sich späte Strahlen mystisch streuten. Als unweit des Kurortes Semmering die Bahn aus einer Tunnelgalerie hinausfuhr, stoben die Nebel plötzlich wagnerhaft auseinander, und da lag, etwas unterhalb der Bahngleise, das emblematische, von Rissen und Fäule durchzogene Südbahnhotel im bronzenen Glanze, gerahmt von gebändertem Gneis. Wie wohl kein zweiter Ort führte mir der Semmering Zeit meines Lebens das Transitische des Reisens als inneres Erlebnis greifbar vor Augen. Namentlich für den Reisenden, der den Semmering von Westen nach Osten passiert, ist die Fahrt gen Tiefland auch ein metaphysisches Hinabsteigen. Mit jedem Viadukt, mit jedem Tunnel den der Zug talwärts passiert, kochte aus dem Mischwald am Fuße des Bahndammes mehr und mehr Nebel empor und drang auch in die schwarz gähnenden Fensterhöhlen der aufgelassenen Streckenwärterhäuschen ein um sich dort tentakelhaft über alles Moderaffine zu legen und in die süßlichen Schwarzschimmelpolster zu kriechen auf denen die jeweiligen Streckenwärter bis zuletzt traumlos schliefen, von Inländerrum betäubt.
Einen Augenblick später sah ich weißglühende, frei flottierende Pünktchen mit flammendem Hof. Vor meinem Auge wanden sich sieben feiste blaue Salamander ineinander, ein Gemenge nicht deutlich einem Molche zuordenbarer Gliedmaßen. Ein Gelispel und Geflüster hob an, die Glissandi gläserner Glöckchen erklangen, rein wie Kristall. Als das Bild verblasste, war die Frau mit dem Kirschhut verschwunden. Zurückgeblieben war nur der dottergelbe Kugelschreiber und ein mit Noppenfolie gepolstertes Kuvert, das ich, da ich keinen Moment daran zweifelte, daß das Kuvert für mich bestimmt war, mit klammen Fingern erbrach und darin einen Funkschlüssel fand, den ich an mich nahm.
Schließlich überwucherten nur noch Autohäuser und Schnellimbisse ein formloses Tiefland, das der Nieselregen benetzte; ein müder Regen, der sich einer inspirationslosen Vorsehung folgend, klaglos in Drainagesystemen erfassen und einer rechnerisch begründeten Funktion zuführen ließ.
In Wiener Neustadt zogen zahlreiche resignierte Gesichter an den Eisenbahnscheiben vorbei, da Dienstschluss ein Gedränge hervorgerufen hatte. Gesichter, Gesichter, Gesichter – es herrscht ein Überfluss an Menschen, die alle auf rare Ressourcen zuzugreifen wünschen und auch noch einen vagen Anspruch auf Glück hegen. Ein Mensch trank einstweilen in kleinen Schlucken aromatisiertes Mineralwasser der Marke Vöslauer, da ihm der Saugstutzen der Sportflasche einen, wenngleich nur matten, Abglanz frühkindlicher oraler Wonne verschaffte. Ein anderer Mensch war ganz grün im Gesicht vom Rauch schwerer Ostblockzigaretten; wie viele verbarg er die Schärfe seiner dinarischen Physiognomie unter einem Mantel aus Schweinefett, der stetig von existenziellen Sorgen geknetet wurde.
Der Zug hatte auf einer Ausbaustrecke Fahrt aufgenommen. Aus einer Freitagtasche waren zahlreiche struppige Hühner entflohen, die aufgeregt im Abteil umherflatterten. Unergründliche Reisende, die mir letztlich holzschnitthaft blieben, boten frisch geräuchertes Ziegenfleisch und Pflaumenschnaps aus abgewetzten 7up-Flaschen an und sangen zu Ziehharmonikabegleitung aus naturgemäß rauhen Kehlen ehernes Liedgut, wobei vereinzelt auch Goldzähne aufblitzen. Wir hatten unter vollem Dampf den Marktflecken Ugórny Gronsk passiert und die Eisenbahn fuhr seit Minuten an der eintönigen Fassade eines vielstöckigen Geflügelmastbetriebes vorbei. Die Luft war erfüllt von umherstiebenden feinsten Flaumfedern, die in ihrer Summe die Sonne verfinsterten. Mir gegenüber saß in stattlichem Uniformrock ein Ulane auf Heimaturlaub, dem standen die Schweißperlen auf der Stirne und vom Schnauz troff träge die Bartwichse, da der Waggon, wie mir plötzlich bewußt wurde, unerträglich stickig und überheizt, die Fenster jedoch mit pendelnden Vorhängeschlössern versperrt waren. Ich rief den Zugbegleiter und ließ mir ein Glas Zweigelt bringen um zwei Tramadol hinabzuspülen.

Muren

Eine Vermurung hat stattgefunden, die den talseitigen Teil meines Grundes mit Vermurungsmaterial verlegte. Aus einem der oberen Fenster meiner Realität kann ich mir leicht einen Überblick über das verheerende Ausmaß des Schadens machen, den ich abgebrüht, sogar mit einem leichten melodiösen Summen, das meine Lippen umspielt, betrachte. Aha, eine Mure! Wieder einmal hat sich, wie ich es wohl einhundert, ja eintausend Mal in den Lokalnachrichten las, ein kleiner Wildbach zu einer tückischen Bedrohung gemausert. Alles Meldungen hinter denen sich tragische Einzelschicksale verbergen, wie man sagt. Müssig jetzt das angespülte mineralische Material mit der Größe von Tiereiern in Relation zu setzen. Zudem sind Vogeleivergleiche, so dünkt es mich jedenfalls, nur beim katastrophalen Einschlag von Himmelskörpern statthaft. Ich möchte es also dabei bewenden lassen, die Bestandteile, aus dem sich das mineralische Chaos zu meinen Füßen rekrutiert, vage mit den Ausmaßen von Sauriereiern in Verbindung zu bringen. Man möge mich falsifizieren!
Jedenfalls stößt mich die Faktenlage in eine eherne Rolle, in die Rolle des Bergbauern, eines Bergbauern dessen Scholle nichts abwirft außer einem gewaltigen Fehdehandschuh, die die Umwelt dem Liegenschaftseigner höhnisch in mannigfaltiger Gestalt präsentiert und vor dem es naturgemäß kein Entkommen gibt. Der Horrorfilm greift diesen Topos in gefälliger Form auf: ein Käufer erwirbt eine Realität zu einem vermeintlich günstigen Kaufpreis, sowie obendrein provisionsfrei. Die mystisch zugeraunten Hinweise eines verschrobenen Seniorens, daß das Objekt einst an Stelle eines Indianerfriedhofes aus dem Boden gestampft wurde, wird, ob des scheinbaren Hirngespinstes schmunzelnd, brüsk in den Wind geschlagen. Doch dann stellt sich allsbald heraus, daß Blut von der Decke tropft und hinter einer Wand aus Gipsbetonplatten uralte Wesen mit langen elfenbeinfarbenen Zähnen hausen. Präludium eines Kampfes auf Leben und Tod. So auch hier, in meinem entlegenen Alpenhochtal: die Idylle entpuppt sich als ein fortwährender Kampf, den die Natur mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gegen den Menschen führt, wie einst jene pionierhaften, gleichsam bettelarmen Bergbauern, die naiv, aber mit kämpferischen Ambitionen auszogen, um der Todeszone ein schmales Auskommen abzutrotzen. An Allem nagen die Elemente, bald Kälte, bald Wasser, Wind, Schnee, Dürre usw. Auch gefällt es dem Herrn, wenn sich der Holzwurm der Bausubstanz bemächtigt oder gar ein Hausschwamm Domizil aufschlägt! Jetzt also Muren, na schön. Der jüngste Vorfall ließ für mich, nüchtern und ohne Wehklagen betrachtet, nur Eines evident werden: meine bergseitige Verteidigung lässt zu wünschen übrig, gegen die Straße und den Hochwald ist mein Grund geradezu ein Einfallstor für die morbiden und abgeschmackten Launen der Natur. Die Errichtung avancierter Wallanlagen ist angezeigt, keine zierlichen und steinbrechdurchsetzten Granitmäuerchen sind gewünscht, sondern trutziger Sichtbeton, der dem willkürlichen Treiben der Natur buchtsäblich einen Riegel vorschiebt. Sie sehen in mir wahrlich keinen Mann, der eine Bedrohungslage durch eine rosa Brille betrachtet oder der zu sentimentaler Beschönigung neigt, folglich werde ich auch nicht die Symptome einer ausgewachsenen Klimakatastrophe mit Glacéhandschuhen angreifen. Ein brutalistischer Profanbau schwebt mir vor, der in eintausend Jahren mit den Alpen zusammen im Meer versinken wird, der, am Rande bemerkt, auch eine ausgeprägte Kontrapunktik bilden wird zu der stifterschen Lieblichkeit, die mein Anwesen naturgemäß ohnehin ausstrahlt und der ferner ganz selbstverständlich auch die Möglichkeit von Panzerkrieg und Zombieapokalypse spielerisch mit einschließt, mit Wänden – deren Tiefe ein fiktiver Mann nur unter redlicher Mühe mit beiden Armen umklammern könnte – selbstverständlich überreichlich mit Armierungseisen durchsetzt, die, so sei es allemal designiert, etwa so umfangreich sein werden, wie der bulimisch wirkende Oberam einer Wiener Medienkünstlerin, mit der ich in einem Eisenbahnabteil ein Gespräch führte und die in Physiognomie und Habitus recht gut als Reinkarnation der jungen Gudrun Ensslin hätte durchgehen können. Bitte sehen Sie es mir nach, daß ich mich in diesem Punkt womöglich etwas versteige, da ich ja nie die Fortune hatte, die bekannte Terroristin einmal persönlich zu treffen…

Die Katarakte

Ich blicke hinauf in ein grünes Dach aus Blättern bald jeglicher Form, von denen in dampfigen Schleiern das Kondenswasser rinnt, in ein Wirrwarr aus Zweigen und Stämmen und modriger Borke, an die sich scharlachrote Orchideen schmiegen und hellblaue Baumfrösche, die dort reglos verharren, dies wiederum von sehnsüchtig tastenden Luftwurzeln umfangen, natürliches Medium behänden Kletterns, ja tollkühnster Sprungakrobatik mitunter winziger Waldaffen. Es ist eine außergewöhnlich wilde Landschaft, die sich da vor mir so erhaben und zerklüftet auftürmt; von feinsten Nebeln umflorte, droben bedrohlich, wohl auch unterirdisch tosende, drunten nahezu lieblich über schlüpfriges Wurzelwerk plätschernde Katarakte, an denen sich zierlich gefiederte Vögel tröpchenweise schadlos halten. Eine leichte Brise rührt die äußeren Blätter des Urwaldes, daß ein Strahl Sonne hindurchblinzelt durch die feuchte Luft und Papageien unter gellendem Gekreisch aufstieben lässt, daß eine purpurrote Feder mit eisblauen Einsprengseln langsam und zugleich turbulent hinuntertrieselt. Doch Obacht! Plötzlich schießt eine mir bis dato unbekannte kindskopfgroße Steinfrucht von eigenartig ledriger Beschaffenheit schrapnellartig pfeifend aus höchsten Höhen herab, um knapp einen Meter von mir entfernt, mit augenscheinlich erheblicher Wucht in den Boden einzuschlagen, der, da von sumpfiger Natur, sich alsbald blasenwerfend über der Einschlagstelle schließt.

Er unterschätzte die Gefahren romantischer Naturbetrachtung – um ein Haar hätten die Meinigen den Steinmetz anweisen können dies – (möge es einst die Walbaum-Fraktur sein!) – in meinen Grabstein zu hauen.

Ich hatte hier, dem mir vorliegenden, diese versunkene Welt vorstellenden kartographischen Stahlstich einmal mehr Glauben schenkend, der wenngleich, wie die Erfahrung gelehrt hatte, mehr dem künstlerischen Ausdruck des Stechers, denn der wissenschaftlichen Vermessung des Raumes verpflichtet war, meine Piroge verlassen müssen, da der Katarakt, die Katarakte, wie man sagen muss, ein weiterreisen zu Wasser zweifelsfrei verunmöglicht.

Die Luft ist durchschwirrt von blutdürstigen Kerfen, die, zu gierigen Wolken kumuliert, sogleich jeden vakanten Quadratzentimeter Haut behufs Blutmahl requirieren. Auch sinke ich sukzessive in ein Wasserloch hinein, das sich durch mein müßiges Verharren unter meinen Sohlen gebildet hat. Bereits bis zur Hälfte des Unterschenkels stehe ich in humidem Sediment aus dem bräunliche Blasen aufsteigen, das, so lauten die einhellig in den Missionen mit bedrohlichem Timbre vorgebrachten Warnungen, nicht eben selten Domizil giftiger Sumpfskorpione sein kann. Mein Einsinken wird zweifelsohne auch dadurch beschleunigt, daß mein gesamtes Reisegepäck, das sich namentlich aus Büchern, einer photographischen Ausrüstung und Instrumenten rekrutiert und welches nur das allernötigste Quantum an Leibwäsche beinhaltet, fortan auf meinen Schultern lastet. Nicht zu vergessen mein getreues Fahrrad der Marke Steyr, das mir zwar im Moment, angesichts des mich umfangenden, trotz aller augenscheinlichen Schönheit tatsächlich unwirtlichen Geländes, mit Verlaub mehr Ballast denn Vehikel zu sein scheint, von dem ich jedoch aus einer emotionalen Schrulle heraus nicht lassen kann, da mich das Fahrrad stets wehmütig an den Tag der Abdankung des Kaisers denken lässt, das ich also durch Morast und Unterholz zu tragen mich gezwungen sehe, als hätte es mir der Herr höchstpersönlich auf die Schultern gelegt um mich zu prüfen. Ich bin jetzt in meinem siebenunddreißigsten Jahr und, einmal einiger stets ohne nennenswerte Komplikationen abgehender, folglich unbedeutender Blasensteine ungeachtet, bei gleichbleibend guter Gesundheit – dem Herrn gefällt es offenbar mich auf diesem Weg zu sehen.

Das Rasseln der Penisfutterale

Auch aufgrund einer sinnreich gewählten Übersetzung der Zahnkränze rückt, Kurve um Kurve jener Punkt, den die Perspektive zunächst so entrückt erscheinen lässt, rasch und unter Aufwendung angemessener Mühen näher. Jener Punkt also, der Pass, der sich mit Fug und Recht auch als Zenith bezeichnen ließe, da sich jenseits, am nordseitigen Hange die Straße ebenso kühn und lindwurmartig gewunden hinabstürzt gegen die Haupstadt mit dem emsig brummenden Hafen, wie sie sich diesseits behäbig hinaufschlängelt und dem Reisenden so manchen Tropfen Schweiß abnötigt. Da raste ich in einer Haarnadelkurve, nehme einen tiefen Schluck aus meiner Kalebasse (Wasser mit Arrak versetzt) und blicke über die Straßeneinfassung jäh hinab gegen das Tal, aus dem jetzt, da die Sonne blinzelnd hervortritt, die Wrasen des Urwaldes zögerlich emporsteigen. Scheinbar fugenlos ist diese Straßeneinfassung, die die Kurven überhöht, einst aus trutzigen Porphyrblöcken für die Ewigkeit errichtet. Maurische Bögen gemahnen an die Baumeister – die Osmanen, die hier, just in diesem Berglande unter der Führung von Tāriq ibn al Machid die Westgoten vernichtend schlugen. Dieser Tāriq ibn al Machid, der seine Laufbahn als Händler von goldenen, kunstvoll ziselierten Armaturen begann, hiermit ein erkleckliches Vermögen anhäufte, 1481, dem gehobenen Sanitärartikelhandel überdrüssig, ins Militärfach wechselte und dort zu eigentlichen Höchstformen auflief, gleichsam zum Gipfel seines Ruhmes; eine schillernde Persönlichkeit, die, schenkt man den zahlreichen, teilweise widersprüchlichen Berichten Glauben, das Blut seiner Feinde trank und der man nachsagt, alleine während eines Feldzuges weit über achthundert Nachkommen mit naturgemäß wechselnden Gespielinnen gezeugt zu haben.

Da tritt, tief unten im Tale eine Gruppe von Negern aus dem dampfenden Grün, die weglos aufsteigen und auf den Köpfen Turbinenteile und Zahnräder sehr geschickt balancieren, nackt sind diese Tagelöhner, bis auf einen kultischen Schurz aus Makakenpfoten, der die dauerhaft erigierten Penisse dieses ursprünglich scheuen Stammes von Waldnegern (den sogenannten Hinārís) nur äusserst notdürftig kaschiert. Aus rituellen Gründen, als auch gegen Ungeziefer reiben die Eingeborenen ihre Leiber mit Makakenblut und Lehm ein. Auch gart man in den weiten Wäldern die meisten Speisen mit dem ausgelassenen Fett der Makaken.

Im Juni werden gewaltige Büffelherden, oft weit über zweitausend Tiere pro Herde, auf die Almen getrieben. Almen, die man einst mit Feuer, heute zunehmend mittels Napalm rücksichtslos in den Bergwald schlägt. Hespálmaka, wie die Eingeborenen sagen: der Atem des Teufels. Es wird deutlich, daß ich Zeuge dieses einzigartigen, in den Reiseberichten vielzitierten Almauftriebs werden würde, als im Tale das Donnern abertausender Hufe vernehmlich wird und eine stattliche Staubwolke emporwirbelt, welche zeitweise die Sonne verfinstert, die schließlich aber ein plötzlicher Passatwind weit, weit aufs Meer hinausträgt, dorthin wo die Handelsschiffe kreuzen, die Maniokschnaps und Makakenschmalz geladen haben.

Plötzlich aber sprengen Lippizanerpferde von der Passhöhe herab, deren Zaumzeug überbordend mit diamantbesetzten Totenköpfen und Posamenten aus Makakenhaar verziert ist, darauf Reiter, ausschließlich auffallend großgewachsene Neger, vierschrötig und von ebenholzfarbener Haut, mit sehr weißen, nicht selten gespitzten Zähnen, wie in der Mission gemunkelt wird, die nackt sind bis auf die traditionellen Penisfutterale aus Jade und Altsilber. Bei Gott, die Vorhut des Dschungelkönigs, vor der der Baedeker so eindringlich warnt, die drohend in Langhörner aus intarsiertem Elfenbein stößt, daß es Umstehenden eine Warnung sei, und die kupferbeschlagene Knüppel führt um dem unumstößlichen Vorrang des Herrschers, so ein Narr tatsächlich die Stirn besäße, sich nicht instinktiv von der Schmalseite zu zeigen, auch physisch Geltung zu verschaffen.

Coco

Da die nautischen Bedingungen weiterhin günstig sind, lässt man alle Maschinen höchstmögliche Leistung erbringen, sodass unser Schiff mit voller Fahrt die Wellen pflügt. Durch mein Kabinenfenster sehe ich vielgestaltige Wolkengebilde entstehen und vergehen, sehe wie düstere Wellenberge emporwachsen, unwirtlichen Gebirgen gleich, die sodann fließend zusammensinken, als strömten in Sekundenbruchteilen Erdzeitalter vor meinen Augen vorbei. Den steingefassten Augen eines uralten Betrachters auf krängendem Standpunkt. Mit Gin und Laudanum gelingt es mir leidlich meine latente Seekrankheit zu bezähmen. Dergestalt medikamentös eingestellt, stehe ich achtern und blicke in das grüngraue gischtige Brodeln der Schiffsschrauben. Es riecht nach frischer Farbe. Allweil hält man die Matrosen dazu an zu streichen.

Mein Schreck ist den Umständen gemäß gedämpft, als ein Negerjunge von vielleicht zwölf Jahren, der wohl im Schutz eines Schotts schon länger stillgestanden war, hinterrücks an mich herantritt. Der Junge ist relativ klein von Wuchs und feingliedrig. Um seinen Hals baumelt eine goldene Kette, die einem ebenfalls goldenen Kruzifix als Aufhängung dient. Ferner ist ein ledernes Banderl um seinen Hals geschlungen, daran ein durchbohrter, vermittels Roringstek befestigter kleiner Knochen ungewisser Provenienz, den Salz und Sonne zu kalkig porösem Weiß erblassen ließen. Verzeihen Sie, Herr, er vollführt einen hastigen Diener, mein Name ist Coco. Von Anbeginn an, seit Sie in Hamburg einschifften, beobachte ich Sie. Nur hier, abseits der bösen Augen, kann ich aus dem Schatten zu Ihnen treten. Er ist mit einer abgeschnittenen, an altersbedingten Fransen reichen Armeehose bekleidet, aus der schlanke knabenhafte Beine von makellos ebenholzartigem Teint ragen. Die Füße sind in Proportion zu seinem Körper ziemlich groß. Ich denke, sie ermöglichen es ihm, behände auf Palmen oder durch Takelagen zu klettern.

Er bedeutet mir ihm zu folgen und ergreift zudem schüchtern meine Hand. Wir steigen über mattgrün lackierte Metalltreppen, durch immer niedriger werdende Türstöcke hinab in die dumpfige Hitze des metallenen Rumpfes. Das Malmen der Zylinder ertönt hier völlig ungedämpft, wie das Herz eines virilen Tieres aus Stahl. Der Frachtraum – ein Labyrinth aus vertäuten Holzkisten und einst grell und werblich lackierten Containern, auf denen jetzt der Rost blüht. Ich folge dem Jungen durch engere und verzweigtere Gänge, deren Wände sich aus Frachtgut bilden, bis zu einer Art primitiven Höhle, einer Bettstatt aus Säcken und Kartonagen, schummerig beleuchtet von einem niedergebranntem Stumpen in einem staubigen Weckglas. Sehen Sie, Herr – der Junge öffnet vor meinen Augen eine mit Ölpapier ausgeschlagene Schachtel, die er flink einem finsteren Winkel des Schiffsbauches entnommen hatte.

Ich sehe die mumifizierten Überreste eines Tieres, augenscheinlich die eines Rhesusaffens, der, embryonal zusammengerollt, am Boden der Schachtel liegt. Die Haut des Tieres ist an vielen Stellen kahl und von der Beschaffenheit zerknüllten Pergamentes, faltig also, ledrig und gelbgrau. In den Ecken der Schachtel haben sich Haare gesammelt, die teilweise von einer talgartigen Substanz zusammengehalten werden. Soweit es das Schummerlicht erlaubt, vermeine ich am Boden der Schachtel vereinzelt kleine Käferchen umherflitzen zu sehen. Ich bemühe mich, flach zu atmen.

Der Makake sei sein einziger Kamerad gewesen, ein Baby sei er gewesen zu Beginn. Coco habe den Makaken unter seinem Gewand verborgen, ganz still sei er dort gesessen, habe sich angehalten, als man ihn – Coco – fortgenommen habe, so Coco wörtlich. Als der Makake matter wurde und nicht mehr atmete und schließlich sein kleines Herz zu schlagen aufhörte, da habe Coco den Makaken in einen nicht einsichtbaren Winkel nächst der Maschine gelegt und ihn solange gewendet, bis die Hitze der Motoren ihn gänzlich getrocknet hatte. Immer darauf bedacht, selbst nicht entdeckt zu werden, wie unausgesprochen deutlich wurde.

Ponta Delgada

Klares, vorzüglichstes Wetter bei weitgehend ruhiger See und Sonnenschein. Von Zeit zu Zeit blitzt ein gleißendes Licht auf am Horizont; ich stelle mir vor, es handelt sich um eine gläserne Tür, die Drehtür einer Bank etwa am Vormittag eines Werktages. In großer Höhe überholt uns Backbord ein Flugzeug, das an gleicher Stelle wie die erwähnte Reflexerscheinung zunächst zu einem Punkt skaliert wird und dann mit dem Horizont verschmilzt. Ein Gelbschnabel-Sturmtaucher zeigt sich bei der Jagd, später mehr, größere schwimmende Gruppen, die sich um Fischfragmente balgen oder ihr Gefieder pflegen, nun untrügliches Indiz für die Nähe zum Festland. Wir erreichen den Hafen von Ponta Delgada. Landgang! Leichter Kopfschmerz, da der Vestibularapparat irritiert ist von dem ungewohnt nichtkrängendem Untergrund; Beschwerdefreiheit stellt sich nach gut einer halben Stunde ein.

Ich trinke in einer Hafenbar einen Espresso, der riecht wie das Polster eines alten Rauchertaxis. Musik: Lady Gaga. Fahrt mit dem Omnibus ins Hinterland. Ausser mir, als einziger Fahrgast eine faltige, apathische Frau in schwarzem Kleid und schwarzer Strickjacke. In das ebenfalls schwarze Kopftuch der Alten sind arabeskenhaft verschlungene scharlachrote Rosen eingewebt. Oberhalb der Frontscheibe, zu Häupten des Fahrers, auf einem schmalen Absatz ist eine Sammlung von klerikalen Kunststofffiguren befestigt, wohl geschraubt, womöglich geklebt. Namentlich Marienfiguren sowie ein Jesus, der bei der kurvenreichen Fahrt durch das üppig grüne Bergland mit dem Kopfe wackelt, wie es in Deutschland diese mechanischen Dackel auf den Hutablagen taten.

Der Bus hält in der Mitte eines palmengesäumten, menschenleeren Dorfplatzes, ich steige aus, kein Geschäft, keine Bar, alle Fenster mit Fensterläden verschlossen oder gar vernagelt. Bei meinem Aufstieg ist das urwaldartige, weglose Grün von einem Gebilde aus Nirostarohren durchzogen, das, wie ich später sehe, eine Ananasplantage mit Wasser versorgt. Die Luft ist dampfig, fast tropisch, weiter oben klar und frisch.

Etwas unterhalb des begrünten Kraterrandes lasse ich mich zwischen Hortensienbüschen windgeschützt mit meinem Lichtenberg nieder und lese. Irgendwann sinkt mein Kopf ins Gras und ich beobachte ein Azorenhoch beim Entstehen.

Ich muss wohl eingenickt sein, da ich erschreckt hochfahre, als es im Gebüsch geschäftig raschelt, ein vielnasiges Schnaufen vernehmlich wird und auf einem schmalen Steig plötzlich vier struppige Hunde erscheinen, die, meiner angesichtig werdend, sogleich das charakteristisch offensive Drohverhalten des Caniden an den Tag legen. Mutmaßlich handelt es sich um verwilderte Hütehunde, die Blut geleckt haben. Als einer der Hunde, offensichtlich das Alphatier dieses Rudels, Miene macht einen Ausfall gegen mich zu wagen, als bei einer hastigen, vorstoßenden Kopfbewegung ein schleimiggelblicher, von weißen Bläschen durchsetzter Speichelfaden von der linken Lefze des Tieres gegen mein rechtes Hosenbein geschleudert wird und dort haften bleibt und die Tiere merklich an Gebiet gewinnen, schwant mir, daß die Situation zu meinen Ungunsten zu entgleiten droht. Schließlich muss ich mich, gerade rechtzeitig, wie sich herausstellt, meiner Welrod bedienen um dem tollen Spuk ein Ende zu bereiten. Ich erwische den Burschen im Sprung, die anderen drei geben Fersengeld. Selten, dann aber zuverlässig, ist mir diese, namentlich durch Ablängen des Laufes zur Reisewaffe umfunktionierte Welrod zu Diensten. Das Wadenholster, in dem ich die Waffe auf Reisen mitführe, kaufte ich einst bei einem Sattler in Rottleben am Fuße des Kyffhäusers.

Schon kreist eine Gruppe von Mäusebussarden über mir, die die ornithologisch minderbeschlagenen Portugiesen bekanntlich seinerzeit fälschlicherweise für Habichte hielten.

Der Bus, der zurück zur Küste fährt, füllt sich diesmal sehr. Alle paar Kilometer steigen einzelne oder kleine Grüppchen von Jugendlichen zu, die Surfbretter mit sich führen. Ich frage mich wo sie herkommen, da nur Urwald zu erkennen ist, jedoch keine Häuser. Es wird gescherzt und gelärmt, man gibt sich amerikanisch. Auch einige Mädchen in Bikinis und Flipflops sind darunter. Bei der Fahrt immer wieder schöne Ausblicke zum Meer, das ruhig und sonnenbeschienen liegt.

Wie mir an Bord berichtet wird, wurden Büromaschinen und Lindenblütenhonig gelöscht. Es ist eine sternklare Nacht und der Mond nimmt ab. In einem Haus an der jenseitigen Hafenseite übt eine Frau zunächst Koloraturen und singt schließlich, nahezu vollendet moduliert, die berühmte Arie Addio del passato aus La Traviata.

Auf hoher See

Ich ernähre mich im wesentlichen von getrocknetem Fisch, Zwieback und Äpfeln, versorge mich also leidlich selbst. Gegen einen kleinen Obolus erbitte ich mir in der oberen Kombüse gelegentlich gekochten Reis.

Selbstverständlich haben wir längst den Ärmelkanal passiert – hier schöne Blicke zu den südenglischen Kreidefelsen, die unter komplexen Wolkengetümen im Abendlichte lagen – und befahren jetzt das östliche Atlantikbecken. Die Meeresoberfläche wogt nun stärker. Nachts wenn der ohnehin auch am Tage schneidende Nordwest auffrischt, bewegt sich unser Schiff lebhaft und ich bin froh an die Reling oder mein Bullauge treten zu können um mich der Existenz einer Horizontalen zu vergewissern und aufkeimende Blümeranz niederzuringen. Die letzten Tage sind ein Elend: allweil grau und Regen und Gischt fährt einem mit Macht ins Gesicht. So trüb also, daß selbst die Konturen der gestreckten Hand zu verblassen scheinen. Auch die Seevögel sind zurückgeblieben, die das Schiff kreischend, scheinbar selten mit den Flügeln schlagend, segelnd begleiteten bis zu einem Punkt weit jenseits der Zwölf-Meilen-Zone. Hellgraue Silhouetten, die vor einem dunklen Osthimmel standen und langsam kleiner wurden – Stille dann, das Rauschen natürlich, das ewige Rauschen des Meeres.

Meine Kabine liegt auf gleicher Ebene wie die Brücke, ebenso die Kajüte des ersten und zweiten Kapitäns sowie die Messe. Trete ich vor meine Kabine, so stehe ich auf einer Art Galerie und kann über ein Geländer das Zwischendeck einsehen auf dem sich die Matrosen bewegen, leben und ihre Arbeit versehen. Die verschiedenen Decks sind, wenigstens bei Nacht, mittels abgesperrter Türen voneinander getrennt. Ich muß bei diesem Aufbau an ein Gefängnis denken, auch weil die Brücke ein Ort der Allschau ist, zur einen Seite das Meer, zur anderen Seite das Geschehen auf dem Zwischendeck – alle Gänge, Treppen, Türen.

Einmal, als draussen der Nebel allzu arg kochte, stieg ich eine der steilen, grün lackierten Metalltreppen hinab. Das stets präsente hypersonore Geräusch der Maschine drang mit mehr Detail und schärferer Modulation an mein Ohr. Mir begegneten Matrosen in bunten Trainingsanzügen, häufig mit weißen Socken und Badelatschen bekleidet, die wohl, der Aufzug legt es nahe, Freiwache hatten. Klare Augen, aber auch Augen, in denen Tücke und Stumpfsinn oszilliert. Man beachtet mich nicht, was mir ganz recht ist.

Nach Sonnenuntergang in der unteren Messe, aus schierer Neugier. Ein Getränkeautomat, Neonröhren und Matrosen, die Bacardi mit 7Up trinken. Im wesentlichen Engländer, Polen und vereinzelte Asiaten. An der Decke hängt ein Flachbildschirm, es läuft ein Erotikfilm ohne Ton. Ich sitze an einem resopalbezogenem, am Boden festgeschraubtem Tischchen, darauf englische Motorsportmagazine und zwei neuere Ausgaben des deutschen Playboy. Ich blättere ein wenig, lese ein Interview mit Karl Lagerfeld und lege das Magazin dann zurück.

Einer der Matrosen ist aufgestanden, schwankt leicht, andere stehen mit ihm auf, ein Stuhl kippt um. Da verlasse ich die untere Messe, steige die Treppen hinauf, in meine Kabine, in mein Bett und lese dort in den Tagebüchern von Stendhal.

Die Seehundbänke vor Norderney

Ich stehe achtern und es nieselt. Auf den Elbdeichen bewegen sich unscharfe Schafe im Nebel. Die Schiffsbegrüßungsanlage versieht scheppernd ihren Dienst. Eine Frau, die im frühabendlichen Nieselregen neben Einkaufswagen auf einer Bank sitzt, winkt nicht, hat vielmehr alle Extremitäten in einen verwobenen Kokon aus Decken, Pullovern und Daunenjacken gemummelt. Blankenese, schließlich das offene Meer. Meine Kabine erweist sich als einfach aber zweckmäßig und ist, ich muss mich wohl glücklich schätzen, eine Außenkabine, die, wie üblich mit einem Bullauge ausgestattet, freien Blick auf Küsten, Inseln und, so Gott will, Meeressäuger bieten wird. Ich packe meine Reisetasche aus und entnehme vor allem praktische, dem Maritimen gemäße Kleidung, also Ölzeug sowie einen entsprechenden Südwester und hänge alles ordentlich in den Spind. Diesmal habe ich an meine Schlafbrille gedacht! Die Kleiderbügel sind aus Merbau, wenn mich nicht alles täuscht, und wurden, wie das eingebrannte Signet des Hôtel La Ribaudière erkennen lässt, dortselbst aus einem Kleiderschrank entnommen. Mein Grundstock an formellerer Kleidung, ein dunkler, ein heller Anzug, nebst Hemden, Schuhen, Krawatten, Manschettenknöpfen und dergleichen können getrost in der entsprechenden Reisekiste aus Aluminium verbleiben, ebenso wie zunächst meine Bücher und die Instrumente. Es handelt sich um ein Frachtschiff, folglich wird es keine Gesellschaften geben, kein Kapitänsdinner und auch keine Kapellen oder andere kreuzfahrtrelatierte Zumutungen, die mich meiner Ruhe und Einkehr berauben und letztlich meine Studien beeinträchtigen, wenn nicht gar, wie es die Vergangenheit zeigte, gänzlich vereiteln. Über dem Auspacken ist die Nacht hereingebrochen. Die Nordsee ist ruhig, der Vollmond steht bevor. Es herrscht schwacher auflandiger Wind. Noch sind am Ufer gespenstisch erleuchtete Industriebetriebe zu erkennen (wohl Petrochemie), vereinzelt schießen Flammen empor. Später passieren wir steuerbordseits die Seehundbänke vor Norderney. Die meisten Tiere schlafen, nur eines, schließlich zwei heben träge die Köpfe, als die Lichter des Schiffes über ihre feisten Leiber streichen, die anmuten wie nachlässig arrangierte, gleichsam überdimensionierte Blutwürste auf einer kalten Platte, wie sie bei Arbeiterfesten bereitgehalten werden.

Ergreift Hausierer und werft sie den Tieren vor

Das unaufgeforderte Läuten gilt als lässliche Belästigung, ist aber tatsächlich, wenn auch in kleiner Münze, ein Angriff ohne Kriegserklärung, die den Mann, der an der Klinkenseite der Türe lebt, in jeder Hinsicht dazu berechtigt in aller Härte zu parieren. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Quintessenz meiner Betrachtung bereits im ersten Satz vor den Latz knalle, wie auch der Hausierende sofort in medias res gehen muss, um der Situation eine wenigstens geringe Chance auf Erfolg abzutrotzen.
Ich trug ein verschossenes Leibchen, das mit einem mehrfarbigem Aufdruck versehen ist, das den Träger, in diesem Fall mich, als Anhänger der reykjavíker Elektropopformation GusGus ausweist, ferner lediglich Boxershorts, deren hochwertig merzerisierte Gewebequalität allerdings Glied und Hoden schmeichelte – soviel zu den äußeren Umständen; in diesem Aufzug, leger bis zum äussersten also, ging die Glocke und ich öffnete, ein Highballglas in Händen haltend.
Vor der Tür zwei pomadisierte, untersetzte, verschlagene Beamtenexistenzen in erbspüreefarbenen Anoraks und mit hellbraunen Lederumhängetaschen, als seien sie von der Staatssicherheit. Der eine der beiden kämpfte, meiner angesichtig werdend, mit einem verständlichen Fluchtimpuls, der andere fächerte mit wieselhaftem Gestus ein Konvolut von Broschüren vor meinem Auge auf und preschte mit einer als Gesprächseinstieg designierten Suggestivfrage vor: Zeugen Jehovas! Der Typus des forschen Hausierers, der noch vor wieder geschlossener Türe werbliches deklamiert, wohl auch, in diesem Fall, bestärkt durch den vermeintlichen Beistand des Herrn.
Noch am gleichen Tage klingelte es erneut unerwartet: ein Vertreter für Türspione. Dieser, ein Hausierer von besonders trauriger Gestalt, dem sich das abgewiesen werden bereits tief in Physiognomie und Habitus eingeschrieben hatte. Eine Aura von hündischer Devotheit, die bei älteren Damen und Frauen im allgemeinen, wenigstens zwischen Tür und Angel, womöglich mehr fruchtet als man annehmen mag – das Mitleid. Nachdem die Türe ins Schloß gefallen war, litt ich noch Stunden später gedanklich an der schwindelerregenden Rekursivität, die der feilgehaltenen Ware innewohnt: ein Türspion um Verkäufer von Türspionen im Vorfeld zu erkennen und nicht zu öffnen.
Zwischen missionarischen oder pekuniären Motiven unterscheide ich nicht.
Mehr noch als an der Tür klingelnde, fallen Telefonanrufer mit der Tür ins Haus: menschlicher Spam, Schweine also, die in das Kleinreich eines Mannes einrücken wie Kreuzritter in heidnisches Gebiet oder die Wehrmacht in Polen. In der Rückschau lehnt eine Majorität dies ab.


Neulich musste ich im Rahmen eines informellen Essens verhalten schmunzeln, als jemand die Todesstrafe für Kindsmörder forderte und praktisch, offenbar ohne humoristische Hintergedanken, das Schafott für diesen Tätertypus vorsah. Unisono betont ruhige, wenn auch mit rechtsstaatlichem Impetus vorgebrachte Distanzierungen, erhebliches schmerzbedingtes grimassieren setzte ein und ein zügiges Umlenken des Gespräches in affirmativere Gefilde.
Werft Hausierer den Tieren zum Fraße vor, fordere ich sehr bestimmt, dann stellt sich auch nicht das Problem, das Thomas Coryate, der 1608 zu Fuß durch Europa reiste, beschrieb, daß vielerorts an Galgen und auf Rädern Gehenkte bzw. Geräderte nach Eintreten des Exitus einfach liegen- oder hängengelassen werden und folglich verwesen auf Kosten der frischen Luft. Bitte bedenken Sie, daß der Tourismus damals noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckte und der Engländer im Ausland Lateinisch sprechen musste.