Hightatras

Fremde in meinem Heim

Die Fenster standen offen und Schafe rupften im kniehohen Gras ihr frugales Mahl. Am gegenüberliegenden Gipfel hatte sich ein gestreckter Cumulusgupf gebildet. Wer dort ging, am Hang, an diesem Sonntag, der ging auf Preisselbeerkissen und unter einem kaiserblauen Himmel. Ich stand wohl in der Küche und tat, in Erwartung von Gästen, etwas ähnliches wie Gläser polieren, da hörte ich es dumpf und tierhaft brüllen von draussen und ein Poltern wurde vernehmlich, das auf einen Kampf hindeutete. Also trat ich vor das Haus und blickte aus dem Schutze eines Rhododendronstrauches gegen die Quelle des Lärmes: den benachbarten Dreiseithof. Eine Tür schwang jäh auf und ein Knäuel aus Fäusten wogte hervor. Von Besinnungslosigkeit und Hass geprägte Physiognomien wurden sichtbar, purpurn angelaufen und dämonisch verzerrt, daß ich an diese schauerlich gemeinten Holzmasken denken musste, die hier an bestimmten Feiertagen in Aufzügen gezeigt werden.
Guttural hervorgestoßene mundartliche Flüche hörte ich und musste das schrecklich entmenschte Hämmern von bäuerlichen Fäuste beobachten, die wieder und wieder auf gegnerische Köpfe einhieben, daß sich zwar Blut und Zahngries schmecken ließ, jedoch wider Erwarten keiner der Streithähne zu Boden ging. Plötzlich, wie ein Starenschwarm sich bald hierhin, bald dorthin massiert, ereignete sich ein Zurückwogen der Kontrahenten in das Innere des Hauses. Dort dann vernehmlich wiederholter Glasbruch sowie das dumpfe Schleifen eines offenbar schweren Leibes über die Dielen und schließlich eine Verlagerung der Kampfhandlungen gen Vorhaus. Eilig sauste ich die schön geschwungene Zirbenholzstiege des Haupthauses hinauf wie der Wind und blickte aus einem der dortigen Fenster leicht schräg auf den Vorplatz der nachbarlichen Liegenschaft herab. Wie erwartet wurde sehr bald die Haustüre mit großer Kraft aufgestoßen und ein neu konfiguriertes Knäuel aus Kämpfenden hervorgeschleudert, gleichsam auf die Straße hinauskatapultiert. Wahrlich ein Knäuel, ähnlich den Darstellungen in schlichten Cartoons, eine unscharfe Wolke aus Bewegung, kinetischer Energie und daraus hervorschnellenden Extremitäten. Auch mengte eine recht klein gewachsene grauhaarige Frau mit, die wiederholt Miene machte mittels eines Nudelholzes wuchtige, wohl vernichtend gemeinte Schläge auszuteilen, die jedoch nicht, oder nur in zu vernachlässigendem Maße die gewünschten gegnerischen Körperpartien trafen. Man beschimpfte sie eher nebenbei und so meines Erachtens besonders verächtlich als Hure.
Auf dem unteren, ostwärts gelegenen Fahrweg verstummte der Motor eines Porsche Cayenne und zwei metallene, in mattem moosgrün lackierte Türen wurden gemächlich geöffnet. Zwei Besucher erschienen. Das Beobachten des Heraufsteigens der Besucher über die Terrassentreppe aus glimmerhaltigem Schiefer seitens meiner Augen. W. in Begleitung einer jungen Frau, die mir als Kiki vorgestellt wurde und die mit mädchenhaftem Gestus einen koketten kleinen Knicks ausführte als ihr Name genannt wurde. Ich führte die Besucher in das östlichste Zimmer des Ostflügels – das Kaminzimmer. Kiki sank auf eines der Ledersofas nieder und fast noch im Sinken glitt aus einer Tasche ihres Kapuzenpullis, dessen Paspelnähte von zahllosen Waschgängen schütter und fransig geworden waren, ein schwarzes sogenanntes Smartphone in ihre schlanken Finger. W. lüpfte die Braue, schürzte seine Hose, nickte mir zu und nahm, die Beine überschlagend, am äussersten Ende des zweiten Chesterfieldsofas Platz. Auch hier standen die Fenster offen; eine Hummel schwankte träge herein und wurde von einem leichten Luftzug sanft durch ein anderes Fenster in einem anderen Raum hinausgetragen. Das Interieur war überzogen von den geometrischen Formen später Sonne, die im Raum flottierende Staubpartikel erglühen ließ wie Wolfram. Am Fuße von Kikis Sofa stand eine runde hellgrüne Korbtasche, die sich zu regen schien. Als ich dezent hineinblickte sah ich am Boden der Tasche ein Perlhuhn, das sich zusammengerollt hatte und – wohl träumend – wie konvulsiv bebend schlief. Die Riemchen der maronenfarbenen Pradasandalen, die Kiki nachlässig ausgezogen hatte und die nahe des Sofas zu Boden geglitten waren, warfen lange elliptische Schatten auf das Parkett wie das Sujet einer Photographie der zwanziger Jahre. Campari-O bitte, sagte Kiki und blickte kurz auf. Ich ging in die Küche um die jeweiligen Ingredienzien auf Eis zu schütteln; ein Collinsglas, zwei Tumbler. Da gewahrte ich am kleinen nördlichen Küchenfenster kurz eine Bewegung, das untere Drittel eines Mannes der die Straße hinaufging, ich sah schiefgelaufene schwarze Halbschuhe, einen Freizeitanzug und das Baumeln einer länglichen Tasche aus dunkelgrünem, fast schwarzem Nylon – das stark beriebene Logo von Weihrauch, die Tasche eines Jagdgewehres augenscheinlich; dann wieder das vertraute Stillleben aus verblühten Lupinen – die Schoten, die gegen Ende des Jahres oft leise im Wind klappern am Hang, den verhärmte Krüppelkiefern säumen.
Ich halte es für geboten, daß die Herrn stets solche Drinks nehmen, die auf derselben Basisspirituose beruhen, wie das von der Dame gewünschte Getränk: also Campari-O für Kiki und zwei Negronis für W. und mich. Den Negroni servierte ich mit Bombay Sapphire, krönte das Glas behufs Dekoration mit einem expressiven Gebilde aus Orangenzeste und karamellisierten Preiselbeeren, so ist er das ideale Getränk für einen warmen Oktobernachmittag. Mit einer geübten Bewegung hatte Kiki in die Korbtasche gegriffen, unter den Leib des erwachten Perlhuhnes, das nun benommen auf dem Boden zunächst taumelte, bald jedoch schritt und mit den kurzen Schwanzfedern einige Stäubchen Kaminasche verwirbelte. Ich reichte Kiki ihr Glas, sie nahm es und schlug die Augen nieder gegen das Display. Ihre Zehen waren sehr schlank, ebenmäßig und weiß, als seien sie aus Alabaster geschnitten. W. hob das Glas und trank, also trank auch ich. Kiki war in ihre Zerstreuungsmaschine versenkt und klopfte gelegentlich, wohl nervös mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand auf eine der leicht versenkt liegenden Ledernieten unweit ihrer Hüfte. Ich trug Crosstrainingschuhe von Adidas, Khakis von Yves Saint Laurent und einen zimmetbraunen Pullunder von Barbour, mit dem schon, an zwei unscheinbaren Stellen, die Motten Schindluder getrieben hatten.
W. sprach über ein mittelformatiges Waldseegemälde von Walter Leistikow, das er völlig unerwartet und schlecht reproduziert im Katalog eines Delfter Auktionshauses entdeckt und kurz darauf qua Internet ersteigert hatte und das er mir nun, sowohl das Dargestellte, als auch den Duktus der Maltechnik betreffend, minutiös beschrieb. Der Topos des Wassers, das Aufscheinen des Ophitischen in ihm. Vor einigen Jahren, W. war zu dieser Zeit an der Ostfront stationiert, habe W. Befehl erhalten hinter den feindlichen Linien eine Stellung im Gebiete des Kotal e Aq Rabat zu errichten. Im Schutze der Dunkelheit, angetan mit lediglich leichtem Marschgepäck und abgeblendeten Stirnlampen, habe er, dem Befehl gemäß begleitet von drei Kameraden, in karges Bergland aufsteigen müssen gen Bestimmungsort. Die zunehmende Höhe habe die Sinne getrübt, man meinte verschiedene Schüße gehört zu haben, die sich schließlich samt und sonders als aurale Schimären erwiesen hatten. Trocken seien die Kehlen gewesen wie Schleifpapiere und einer der W. begleitenden Soldaten habe sich auf die Knie fallen lassen und habe aus einem dünnen Rinnsal getrunken wie ein Tier. Diesem, dem Trinkenden, sei bald kalter Schweiß ausgebrochen, aschfahl sei er gewesen, so W. und er habe später über heftiges Leibreißen geklagt. Binnen zwei Wochen sei er tot gewesen, siechvoll verstorben, wie W. wiederholt betonte, siechvoll verstorben und als man den Leichnam in ein Feldspital brachte um ihn zu öffnen, seien dem jungen Obduzierenden, der gebürtiger Freiburger gewesen sei, wie W. erinnerlich gewesen war ein Dutzend junge Wasserschlangen entgegengeringelt. Verstehen sie? sagte W. und seine Hände waren in einer expressiven, nervlich aussergewöhnlich angespannten Geste des emporgespülten Leides erstarrt, siechvoll verstorben, wie der ganze Krieg dort unten, wie sich W. ausdrückte, ein einziges Siechtum gewesen sei und mutmaßlich andauernd siechvoll sei, bald noch mehr für die Lebenden in den Gräben, als für die Gefallenen, deren Siechtum ja so naturgemäß ein Ende gefunden habe mit dem gefallen sein. Ein Land auf dem kein Segen läge, sei Afghanistan. Daß das Wasser mit Schlangeneiern versetzt sei, und daß dieses versetzt sein des Wassers mit Schlangeneiern, mit Wasserschlangeneiern wie man sich denken könne, so W, nur das mildeste Indiz für dieses segenslose Siechtum sei undsoweiter. Kiki war unterdessen auf dem Boden gekauert und das Perlhuhn hatte matt an dem Zehnagel ihres linken kleinen Zehs gepickt, der von perlmuttenem Glanze war und somit das kontinuierliche Wirken eines Pedikeurs oder einer Pedikeurin mehr als wahrscheinlich werden ließ. Wie aufgrund einer augenblicklichen Kreislaufschwäche krängend erhob sich Kiki auf einmal und, kurz die Augen schließend, stapfte sie auf die Terrasse hinaus um sich dort eine Virginia Slim anzustecken und den exhalierten Rauch im Habitus einer ungenierten Frau in alle Winde auszustoßen. Das Perlhuhn war zögerlich, artgemäß hier und da pickend, mitgegangen und ruhte offenbar zu Kikis Füßen. W. und ich waren folglich alleine im Raum. Ich stand am Fenster zur Terrasse und wandte mich an W, ein Glas in Händen haltend, in dem Preisselbeeren schwammen, sie ist in mannbarem Alter, sagte ich sinngemäß, doch gebricht es ihr an gesellschaftlichem Schliff, du solltest sie auf eine Hauswirtschaftsschule schicken und in die Obhut eines guten Internats geben, das sie bildet und fein schleift in jeder Form. Internate, wie es sie in der Schweiz gibt oder, weit besser noch, in England wie du weißt. Ja, sagte W. und stellte sein Glas auf einen reich intarsierten Beistelltisch aus wilder Birne, das sollte ich wohl; ihr Betragen gibt oft Anlass zu Klagen, sie ist alles andere als gesellschaftsfähig, dabei ist sie von gutem Blute, hervorgegangen aus der Verbindung eines persischen Ingenieurs und einer exaltierten schwedischen Modedesignerin, die unter anderem für Vivienne Westwood arbeitete – aber die Erziehung, die Etikette! Seine Gesichtszüge waren hierbei geronnen, namentlich eine versteifte Oberlippe zeigte sich meinem Blicke. Kiki schob draussen mit den Füßen einen kleinen Berg aus Kieselsteinen zusammen und versuchte wohl, wie zur Illustration des Gesagten, auf den Gipfel dieses Gebildes zu speien. Ihr Kapuzenpullover war rostrot wie das Nadelwerk der Lärchen im Herbste. Über ihrer schwellenden Brust, gleichsam über ihrem jugendlichen Herzen war das sportlich geschnittene Baumwollgewand mit einem auffällig groteskem Y bestickt, einst war rechts daneben in gleicher Typographie die Zahl 3 appliziert gewesen, die jedoch – zweifelsfrei mit Bedacht und womöglich mit skalpellartig geschliffener Klinge – aufgetrennt und das so entstandene Fadengespinst spitzfingerig oder mittels einer Pinzette heraus praktiziert worden war.
Der Besuch hatte Worte des Abschieds geäußert und sich vor Behaglichkeit schnaufend in die hirschledernen Polster des stattlichen Geländewagens plumpsen lassen. Adieu also teurer väterlicher Freund, adieu Kiki, adieu auch unbekanntes Perlhuhn! Nunmehr konnte mein Geist sie nur erahnen als Lebewesen hinter schwarzem Verbundsicherheitsglas. Da erschallte das virile Aufraunen eines Ottomotors. Scheinwerfer, die in das dämonische Antlitz des Kühlergrilles eingelassen waren, erschienen und – wie es die Produktdesigner wohl vorgesehen und erhofft hatten – verblieb in mir kein Zweifel, daß dieses grimmig anmutende Fahrzeug in jegliches niederschlagsgesottene Flurstück vordringen würde, so der Wille des Lenkers es vorsähe. Als letztes dingliches Zeichen gewahrte ich einen verklausulierten Abschiedsgruß in Form eines ephemeren Blinzelns der Warnblinkanlage bevor sich das pferdestärkenreiche Gefährt wolllüstig in die zunächstliegende Kurve talwärts warf.
Das Haus lag still und plötzlich blickten die Fenster dunkel und unheimlich wie erkaltete Augenhöhlen nach dem Mahl von Aalen.
Ein letzter Nachklang des Besuches benetzte als olfaktorisches Konglomerat aus Habit Rouge und A scent zart meine an diesem Orte stets aussergewöhnlich perzeptiven Nasenschleimhäute.
Mit schwarzen Rössern gallopierte schon die Nacht und Schatten im Grünland flossen zusammen zu blauer Milch.
Bereits am Vortage hatte ich mir eine Ausziehleiter aus Aluminium bereitgestellt, wie auch eine Meuterwanne mit schwarzen Dachpfannen. Am Nebengebäude hatten Wasser und Frost mit den spitzen Mäusezähnchen der Physik an der einst trutzigen Keramik des Daches genagt. Ich stieg immer weniger bange ein ums andere mal die leichtmetallenen Sprossen hinauf, jeweils zwei Dachpfannen von Bramac in der linken Hand. Im oberen Drittel der Leiter angekommen, bot sich mir ungewöhnlicher Einblick in nachbarlichen Grund. Da hatte der Nachbar gegraben, der Gummistiefel trug, sowie einen speckerten Freizeitanzug von Le Coq Sportif und am Boden lag eine lehmige Schaufel aus dem unteren Consumersegment von Fiskars. Auch hatte der Nachbar Erlen umgeschnitten, die dort unten, wo der kleine Bach so munter springt, üppig und geil emporschießen wie ich weiß. Ein mittelgroßer Haufen Geäst lag also nestartig aufgeschlichtet und der Nachbar bemerkte mich schließlich gegen die sinkende Sonne, wie ich droben am Dache stand, kariöse Dachpfannenfragmente hinabwerfend und winkte mir freundlich zu und auch ich winkte etwas botmäßiger als angezeigt sowie meinen sicheren Stand am First preisgebend herab in den kühlen Grund an dem sich Igel und emsiges Gewürm in humosem Heim einmummeln werden, wenn der Winter kommt, oft Ende Oktober schon, doch bleibt vorerst nichts liegen weil ein Wind von Italien geht wie gesagt wird. So geht alles seinen Gang.

Aus den Reisetagebüchern

Im Bus, der vom Flughafen in die Stadt fährt, taumelte ein Mann, der in dem zügig beschleunigenden Fahrzeug ohne Sitzplatz geblieben war, fahrtbedingt umher. Vor den Fenstern floss eine vergraute Abfolge von Krüppelwalmdächern und Containerarchitektur vorüber. Unter Geräuschentwicklung legte sich das Fahrzeug in eine Kurve und der Mann, der mir bereits im Flugzeug vage bekannt vorgekommen war, erkannte letztlich die physikalische Unausweichlichkeit seiner Situation, eine Hand schnellte hervor um sich hastig anzuhalten, griff jedoch daneben, in das Kopftuch einer Muslimin, die dort von Anfang an anhaltend an einer Haltestange gestanden war, darauf beabsichtigte der Mann, wohl in einer verzeihenden und beschwichtigenden Geste, wohl ferner um mutmaßliche sprachliche Klüfte zu umschreiten, leicht seine Fingerspitzen auf ihren bemantelten Arm zu legen, doch griff, da der Bus erneut erheblich krängte, ungelenk gegen die linke Seite des Oberkörpers der nun wie versteinert stehenden Frau. Da erinnerte ich mich des Mannes Jugend, daß ich ihm einst in einem Milieu häufig begegnet war, dem Mann, der jung war, wie ich auch jung gewesen bin, faltenlos, das Haupthaar nicht schütter, sondern stark blondiert und expressiv toupiert, wie es der Mode entsprach. Auch erschien mir das Bild eines Konzertes in meinem Gehirn, wie eine Band im Lichte der Scheinwerfer spielte und der Mann, der wie ich im Zwielicht des Zuschauerraumes gestanden war, halb erzürnt, halb von Übermut befeuert ausholte und eine halbgeleerte Bierbüchse gen Bühne schleuderte, daß ich, als Teil einer kleineren Gruppe, von einem groben Schauer warmen Bieres benetzt wurde, doch da erschien ein Blueser, dem dort, am Orte der Veranstaltung offenbar gewisse Exekutivrechte oblagen und der unergründliche Reptilienaugen hatte, einen Bart, eine Matte natürlich sowie zupackende Hände – Hände, als hätte Arno Breker sie in Porphyr geschnitten, die den damals jungen Mann wort- und emotionslos am Revers seiner reichlich mit Nieten besetzten Lederjacke ergriffen und ihn, den Ergriffenen, den vormals als jungen Mann Bezeichneten, widerstandslos zu der Einschlagstelle der Büchse führten, daß er sie auflese, auch die kleine Bierpfütze, die sich gebildet hatte, aufnehme mit einem zerkrumpelten Taschentuch aus Zellstoff.

Mit den anderen Fremden ging ich in die gleiche Richtung, in einen Park eintretend, den ein Schild schließlich als den sogenannten Mirabellgarten auswies. Da saß ein Blasorchster auf Klappstühlen und führte sein Repertoire auf. Dann ließ das Orchester die Instrumente auf krachlederne Oberschenkel sinken und es erklang aus zahlreich geöffneten Mündern ein Lied, wobei einige Sänger falsch sangen und im Gesicht scharlachrot angelaufen waren, da blasen und singen und blasen und singen körperlich fordernder ist, als Außenstehende annehmen wollen, die teils wohlwollend, teils enthusiastisch Anteil nehmen am als musikalischen Klang wahrgenommenen Klang der Instrumente und der bäuerlichen Stimmbänder, dabei ist es den Aufführenden doch vor allem an einem pneumatischen Kräftemessen gelegen, so als würden Burschen einen Traktor anheben.

Ich hatte meine Sonnenbrille vergessen, war übernächtigt, litt unter Migräne und hatte mir am Bahnhof eine Flasche Mineralwasser gekauft, in der Hoffnung, diese würde mir Halt und Erfrischung geben. Von den die Salzachpromenade säumenden Kastanien schossen mit erheblicher kinetischer Energie Kastanien herab, die aufschlugen auf den Asphalt und entweder zerschellten oder in nicht vorhersehbarem Winkel gummiballartig emporgeschleudert wurden, sodass einige sogar kurzeitig in das Gestade versanken, wiederum auftauchten um sich auf eine muntere Reise gen Schwarzes Meer zu begeben. So erschließt sich die Kastanie neue Habitate, die Evolution begünstigt scheinbar die Gummiballartigkeit – wenigstens die Gummiballartigkeit der Kastanie.

Rastlos schweifte ich umher und trank Mineralwasser, bis sich schließlich Harndrang einstellte: da betrat ich ein Gebäude, in der trügerischen Annahme, daß es sich um eine Einkaufspassage handele und daß ich dort einen Abort vorfände, doch sah ich mich bald in lyncheske Gänge und schwach beleuchtete Treppenhäuser hineingezogen, setzte schließlich alles auf eine Karte und drückte den Türdrücker einer beliebigen eichenholzfurnierten Türe; doch statt der gefliesten Abgeschiedenheit eines Feuchtraumes fand ich eine Art Heilpraktikerkongress vor; Männer saßen schweigend beisammen in einem nicht gerade kleinen Saale, einige hatte den Zeigefinger seitlich an den Mund gelegt oder die Brille abgesetzt um das Ausfallende des Bügels oral einzuführen und dabei andächtig auf eine an die Wand projizierte Powerpointgrafik zu blicken. Rasch schlug ich die Tür wieder zu und huschte die Treppe hinab wie der Wind – nur hinaus! Ich schleppte mich einige Meter und nickte dann vor der Auslage eines Geschäftes ein, das Herrenhüte sowie, soweit erinnerlich, sehr schöne Kürschnerwaren feilhielt; meine Stirn sank dabei ermattet an die wohltuend kalte Scheibe. Doch schrak ich bald wieder auf, als in meinem Gehörgang Schaufel und Besen schabten, da dort die Fäkalien von Fiakerpferden zusammengekehrt wurden. Dienstbare Hände, die, meiner gewahr werdend, bass erstaunt innehielten. Wie mich da die Administration der Stadt Salzburg unverwandt ansah durch das Auge ihres geringsten Schergens, eines Fegers, weil ich nicht an den Pforten, die Sehenswürdigkeiten verschließen, fein mein Portemonnaie zücke und ein Billett löse, nicht in Gasthäuser gehe um zu verzehren und nicht mein Haupt in mit Sternen hinsichtlich Güte bezeichneten Hotels auf tausendfach beschlafene Daunenkissen bette, sondern in der Vertikale jäh erwache, sogleich schlaftrunken forttaumele und am Glase der Auslage des Hutmachers einen amorphen Fleck von Talg und kaltem Schweiß hinterlasse.

Schließlich fand ich ein Urinal, das ganz im Stile von Friedensreich Hundertwasser verfliest war und eine wieselhafte Toilettenfrau machte sich während meines Urinierens ohne Unterlass in meinem Rücken mit scharfen Sanitärreinigern zu schaffen, wohl in erster Linie um zu demonstrieren, daß, während ich müßig mein Glied in Händen halte, von ihr eine geldwerte Leistung erbracht wird.


Der tiefste Abgrund, in den ein Schriftsteller hinabgezogen werden kann, ist sicher der des Anekdotenhaften, ich bin mir dessen wohl bewusst; doch was bleibt mir um den autobiografischen Teil meines Werkes voranzutreiben, als die Dramatisierung des Banalen? Wenn mir doch nicht die Muße vergönnt ist zu Großwildjagd oder Kilimandscharobesteigung aufzubrechen, ich auch nicht an die Westfront befohlen werde – Orte und Begebenheiten also die ganz natürlich sehr sujetreich sind und die das Leben manchen Menschen auf einem silbernen Tablett präsentiert.

Walther-Schreiber-Platz

Mensch Werner, denk doch mal nach! Jetzt ein großes Ding drehen und dann den Rest des Lebens auf Highlife machen. Alaska-Frank war ans Küchenfenster der Einraumwohnung getreten und blickte hinab in den dunklen Innenhof des Hauses, dort spielten zwei bleiche Kinder mit einer defekten Landmine, in einer braunen Pfütze schwammen zerdrückte Blisterverpackungen. Werner schwieg. Er saß an einem mit Resopal bezogenem Küchentisch und hatte ein Sudokuheft parallel zur Tischkante ausgerichtet. Im Schuppen unten im Hof quiekten die Schweine. Wir spazieren da rein, nehmen die Piepen und machen die Biege, so einfach ist das! Alaska-Frank trug einen modischen Kurzmantel aus Nutriafellen, der vorne mit goldenen Spangen zusammengehalten wurde sowie eine entsprechende Mütze an der eine Kokarde millitärischer Provenienz befestigt war. Du, sieben Jahre Kittchen reichen mir, ich bin bedient hör mal, nimm den ganzen Zinnober und sieh zu, wiede Land gewinnst und zwar pronto bitte, sonst mach ich dir Beine. Werner deutete mit dem Kinn auf die zehn Büchsen Schellfisch und die kleine Flasche Rübenschnaps, die Alaska-Frank mit einer gönnerhaften Geste vor ihm aufgebaut hatte. Es war Ende November, die Wohnung war kalt. Vor den Mündern der Sprechenden hatten sich Kondenswasserwölkchen gebildet. Die Wände waren mit einer Kunststofffolie bezogen, die Delfter Kacheln vorstellen sollte. Nu mach mal halblang Mensch, man wird ja wohl noch einem alten Freund helfen dürfen. Alaska-Frank hatte sich einen Stuhl herangezogen und die Flasche geöffnet. Seine Augen waren wässerig, unergründlich und von einer schlammhaften Farbe. Jetzt trinken wir erst mal ein Gläschen – auf die Freiheit. An der schlecht verheilten Stelle an Werners Hals, wo ihm vermittels einer Kanüle und Kugelschreibertinte eine Schwalbe gestochen worden war, hatte sich ein Tropfen Eiter gebildet, der nun zögerlich hinabrann.

Eine schmutziggelbe Sonne versank irgendwo. Vor dem seit Jahren ungeputzten Küchenfenster war ein schmaler vertikaler Streifen Stadtlandschaft sichtbar, der von zwei feuchten Brandmauern flankiert wurde, die mit grünlichen Schleimalgen bewachsen waren; dazwischen Reste von abgeblätterter Werbung für Lenovo und 7Up. Orgelpfeifenartig angeordnete Metallzylinder, die der Altölverstromung dienten, aus denen fauchend und schön rhythmisiert mächtige Flammenpilze in den vergilbten Himmel schossen, gefolgt von schwarzem, öligem, sich zu blumenkohlartiger Form aufplusterndem Qualm, der die Stadt mit einem klebrig grünbraunem Rußfilm überzogen hatte. Ein Werksgelände, auf dem ausgemusterte rostige Raumtransporter in Bambus eingerüstet lagen. Arbeiter, die verlumpte, einst orangefarbene, mit Kennzahlen bedruckte Drillichanzüge trugen. Das Gleißen der Schneidbrenner im Akkord. Sirenensignal, scheppern von Lautsprechern. Reisausgabe…

Deindustrialisierter Transitraum für Panzer

Man muss den Sommer ausnutzen, diese Tage sind rar, sagt ein Mann zu einer Frau, die ein Ehepaar bilden und sich in dieser Konstellation müßig im Freiland aufhalten. Das Mienenspiel des Mannes lässt keinen Zweifel daran, daß er alle Strahlung allein zu absorbieren wünscht, bis die Sonne nurmehr ein von Antimaterie geprägter Todesstern ist.

Rechterhand liegt ein schmutzig ausgetretener Hang der zu einer ausgedehnten Sozialsiedlung ansteigt, die mit der Zeit unter einer Schicht von Moos und Algen vermoderte. Schemenhaft sind auf Gefährten herumkurvende Halbstarke zu erkennen. Sie formieren sich zu einem Symbolbild mit unklarer Aussage. Deutungsversuch: Wer von hier gegen Osten fährt, kann tausende Kilometer fahren, das Bild wird stets das gleich sein: Agrarsteppe, Krüppelkieferkonglomerate und vom Panzerkrieg verheerte Infrastruktur – Hühnerdiebe, leichte Mädchen und Rübenschnapsbrenner – Ostblock von Brandenburg bis zum Ural. Mühsam muss der kargen Scholle jede einzelne Feldfrucht abgetrotzt, gleichsam entrissen werden. Viehhaltung fällt weitgehend flach wegen der Wölfe. Aus den Sümpfen steigen schwarze Wolken von Mücken auf. Ein Güterzug hat Schmieröl und Filz geladen; die Waren wurden in einem Zwangsarbeiterlager im Wald hergestellt. Die Lage ist ruhig aber gespannt. Das Volk ist schwachsinnig und duldsam.

Was Berlin auszeichnet und von jeder beliebigen anderen im Osten gelegenen Stadt unterscheidet, ist zum Einen seine räumliche Ausdehnung und überlegene Population, vor allem sind es aber seine konzeptionellen Grundfesten, quasi seine raison d’être: Schmutz, Verbrechen und menschliche Kälte. Und dies auf hohem, auf höchstem Niveau, auf Weltniveau! Begreifen wir dies also, ähnlich wie einen eisfreien Hafen, als Standortfaktor, wie es an einem Tag, an dem Kaiserwetter herrscht, die herrliche Aussicht vom Großglockner ist, oder eine frische Atlantikbrise, die uns in Westerland überraschend ins Haar fährt, in einem sehr niedlichen Strandbistro, beim Verzehr von Windbeuteln.

Wie ich in den Bergen die unscheinbaren Steige jenseits der Baumgrenze liebe, die bestenfalls die Gemsen gehen über denen eher noch ein scheuer Greif seine Schwingen spreizt, so zieht es mich im märkischen Moloch in jene abgelegenen Straßen für deren Namensgebung selbst fränkische Kleinstädte und unbedeutende expressionistische Keramikerinnen verschwendet schienen, da hier von schorfigem Rostwasser morbid gezeichnete Kühltürme wie abstrakte Dolomiten in den Himmel ragen, einen von Feinstäuben dauerhaft bedeckten Himmel, in den sich in rascher Folge Passagierflugzeuge krängend und emissionsreich erheben. Die Reisenden tragen Schuhe aus Antilopenleder, es sind ausschließlich übergewichtige und stark transpirierende Sextouristen sowie geldgierige Rohstoffhändler, die im Urwald von ausgemergelten Negersklaven seltene Erden ausgraben lassen.

Wo dioxinlastige Klärschlämme und höchst infektiöse Krankenhausabfälle aufbereitet werden, wo hinter elektrisch geladenem Natostacheldraht, zwischen turmhoch gestapelten Unfallwagen mit blutigen Polstern tolle Hunde toben, denen gelbgrüner Speichel von den Lefzen weht, da gehe ich und trage einen tarnfarbenen, stutzerhaft geschnittenen Spencer aus Funktionsgewebe. In Gedanken ziehe ich vor den Gewerbetreibenden freundlich den Hut, die hinter zwar stark korrodierten aber gänzlich geräuschisolierten Garagentoren Gewaltpornos aufzeichnen oder Heroin mit Bleistaub veredeln und in handelsübliche Portionen auswiegen und dabei 7Up trinken. Tatsächlich sehe ich niemanden, doch folgen mir die schrittmotorgesteuerten Haifischaugen von Videokameras, die die erbeuteten Abbilder in höchster Auflösung, jeglichem Datenformat und bester Farbtiefe für alle Ewigkeit speichern. Man munkelt, es gäbe hier auch sehr dunkle und mit Giftschlämmen verschleimte Tunnelsysteme in denen fieberhaft gesuchte NS-Kriegsverbrecher, Crackjunkies und mutierte Tausendfüßler leben. Selbstverständlich sind die Eingänge mit blossem Auge nicht zu erkennen, da sie einerseits von implodierten Röhrenfernsehern und körpersaftgesottenen Altkleidersäcken verkeilt, wie auch von Knöterich und Ambrosia überwuchert recht verwunschen liegen.

Linkerhand, gleichfalls unsichtbar, da von Krüppelkiefern kaschiert, rauscht ein Autobahnkreuz und schließt eine Möglichkeit von Meer ein, als ließe sich erwartungsvoll über eine sandige Anhöhe gehen, über einen Dünenscheitel, an dem sich die Krüppelkiefern mehr und mehr lichteten und schließlich ganz verschwänden zugunsten von Strandhafer und hellem Seesand. Es gellte jäh der Ruf von Seevögeln, eine ölige Dünung schwappte träge an Land, der ferne, von Seewind verwehte Diskant einer gedungenen Kurkapelle erklänge. Pommes Frites, Softeis und mit elektromechanischen Schwänzen wedelnde Plüschhunde würden feilgehalten. Einige weiße Öltanker und schwarze Zerstörer verharrten scheinbar am Rand der Scheibe, auf Deck die jeweiligen Besatzungen, die das Fortströmen des Wassers voll wohligem Schauder mit Ferngläsern beobachteten.

Die Tochter des Trafikanten

Weltliches, wie etwa architektonische oder forstwirtschaftliche Fragen, buhlt mit aller Macht um Beachtung; so wird wenigstens ein wenig verständlich, wieso bereits die Vorstudien zu Die Tochter des Trafikanten und Zuhubenbauern, meinem designierten Opus Magnum, schleppend verlaufen, eigentlich sogar darniederliegen um es frank zu sagen.

Ich befinde mich im Kaminzimmer meines Berghofes und betrachte eine makellose Zitrone, die verblüffenderweise bereits mindestens zwei Monate alt ist, jedoch den den Zitrusfrüchten eigenen charakteristisch ätherischen, gleichfalls fruchtigen Odem des Welschlandes verströmt und von festem Fleische sowie unversehrter Hülle ist, wobei die anderen Früchte, die in dem aus gelben Kunststofffäden gewirkten Netze enthalten waren, recht bald erste untrügliche Anzeichen von Schimmel und innerer Fäule ansetzten. In dieser einen, dem Verfall trotzenden Zitrone, lässt sich das Geheimnis des ewigen Lebens vermuten. Amerikanische Wissenschaftler könnten aus ihr mutmaßlich einen hochpotenten Wirkstoff extrahieren und mit dem Wissen um seine Formel endlich die Weltherrschaft erringen. Nun wird es wohl neun Uhr durch sein, die winzigen warmweiß erleuchteten Fenster des Einödhöfes am jenseitigen Bergrücken verlöschen. Da teile ich die Methusalemzitrone und lasse die eine Hälfte ihres tadellos perlenden Saftes in ein mit Eiswürfeln angefülltes und anfänglich mit Absinth gespültes Collinsglas rinnen, füge ein gerüttelt Maß Demerararum hinzu, sowie ferner Almdudler, etwas St. Germain und zwei Tropfen Enzian der Marke Grassl; schließlich genieße ich das Getränk – dessen Glasrand sonst traditionell mit einer Zitruszeste und einem Zweiglein gefleckten Knabenkrautes (bevorzugt Dactylorhiza fuchsii) dekoriert wird – in kleinen wonnevollen Schlucken.

Wenngleich die Nächte in diesen Höhen im Juni oft noch empfindlich kalt sind (auch die Gipfel von schütterem Neuschnee bestäubt sind) und man folglich gut daran tut die Öfen zu unterhalten, ist diese Nacht mild und vor den Fenstern des Haupthauses tummeln sich über 9000 Fluginsekten, die vom Lichte angezogen Einlass begehren, so lösche ich die Leuchten im Inneren, daß alles in Finsternis gehüllt liegt und trete hinaus auf die Terrasse hinter deren Balustrade der Abgrund gähnt. Da wölbt sich am klaren Gestirn unendlich funkelnde galaktische Materie. Bald hier, bald dort stürzen Meteorite jäh herab und verglühen in den grünweißen Valeurs brennenden Kupfers. Satelliten ziehen ihrer Bestimmung eigene eliptische Bahnen und zunächst, in der Troposphäre, überqueren Passagiermaschinen plangemäß den Alpenhauptkamm gen Samarkand oder werden, wohl weit wahrscheinlicher, in Laibach landen. Aus der Kühle des Erlengebüsches beim Wildbache, wo bei Vollmond anthrazitfarbene Hirsche an das naturgemäß ungestüme Nass zum Trunke herantreten, spült die Nacht pulsierende Schwärme von Glühwürmchen (Lampyridae, hier: Lampyris noctiluca) hinauf, daß allenthalben ein Leuchten ist, daß also endlich eine vollkommene Konvergenz eintritt aus oben und unten, aus biochemisch belebtem Chitingelicht und dem schweigsamen Glanz der Galaxien, aus nah und fern, aus groß und klein.

Doch hört, da – und da, es peitschen Schüsse durch den Hochwald – – Jäger! Wie sich denken lässt, wird nun im Schein von Taschenlampen dem toten Tiere das Gekröse aus dem aufgebrochenem Leib gerissen um es fortzuwerfen und der Kadaver taucht später, in denaturierter Form auf einem gedeckten Tisch als ein Wildbret (flankiert von Preisselbeergelee) wieder auf und wird von großen Mündern, wie sie standardgemäß in pyknische Physiognomien eingelassen sind, verzehrt, verdaut und ausgeschieden – nunmehr ein Fall für die kommunale Abwasserwirtschaft. Dabei ist es für mich stets so erquicklich, das zierliche Rotwild – von erhöhter Warte etwa – zu beobachten, wie es langbeinig und mit großer Eleganz durch das amorphe Astgewirr einer Windwurffläche stolziert. Just diesen Grazien stellen auch jene Jägerinnen mit diabolischer Vorliebe nach, die mir bei meinen Gängen schon oft begegneten und bei denen es sich ausnahmslos um verwachsene, vollkommen verrohte Vetteln handelt, deren alleinige Motivation den heimischen Herd ihres Hexenhauses zu verlassen, zweifelsfrei der pathologische Hass auf die Anmut der Anderen ist. Die Jagd ist ein Ventil. Bei sich abzeichnenden innerfamiliären Konflikten setzt sich der normale Österreicher in seinen Geländewagen und erschießt im taubenetzten Tann eine Rehfamilie und kann derart geläutert (und nachdem er sich die Hände mit einer aus Rehfett hergestellten Seife gewaschen hat bis sie bluten) wieder den Seinigen gegenübertreten. Hätte der umstrittene Politiker (und Aquarellmaler) Adolf Hitler im Waidwerk seine Erfüllung gefunden, also Komplexe und Ängste die ihn bedrückten, an der Rotwildpopulation seines Heimatgaues abgearbeitet, wären dem Osten und natürlich dem deutschen Reich selbst einige der größten Widrigkeiten erspart geblieben möchte man meinen.

Herr No übt Medienkritik und befleißigt sich dabei des Stilmittels der sogenannten spitzen Feder

Einmal, an einem frühen Abend, ließ ich mich mit einem Cocktailglas, in dem zwei Oliven schwammen, auf meine behagliche Dreitausendeurocouch sinken, weltgewandte Leser werden wissen worum es sich bei dem fein moussierenden Getränk handelte, und schaltete ein Fernsehprogramm ein, selbstverständlich in einer ironischen Geste der Feierabenderschöpftheit, die ja zum schmunzeln ist, da fernsehen bekanntlich, neben telefonieren, nur in der Unterschicht so betrieben wird, als handelte es sich um eine ernstzunehmende Kulturtechnik. Jedenfalls wurde im Fernsehen gezeigt, wie die Staatengemeinschaft mit modernster Militärtechnik ein Unrechtsregime ausradiert. Daß es mit Muammar al-Gaddafi so eben nicht weiter gegangen wäre, wie gesagt wird – undsoweiter. Kann ich ad hoc nichts zu sagen, da mir die Hintergrundinfos fehlen. Ich möchte aber zu bedenken geben, daß, wenn wir, die freiheitliche Staatengemeinschaft, alle Unrechtsdiktatoren, mit Tarnkappenbombern zum Beispiel, wie im Fernsehen gezeigt wurde, gleichsam wegbomben, erst Muammar al-Gaddafi, dann Kim Jong-il, dann Hugo Chávez, uns es womöglich wie Schuppen von den Augen fallen wird, spätestens wenn wir, so wie ich, alle Jubeljahre mal den Fernseher einschalten, daß die internationale Politik um einige lebhafte Facetten ärmer geworden ist; stehen nicht Namen wie Muammar al-Gaddafi, Kim Jong-il und Hugo Chávez für die letzten großen politischen Querdenker, ja, ein Stück weit auch Paradiesvögel, die das weltpolitische Parkett mit ihrem Esprit und ihren exaltierten – wenn auch für viele zweifellos umstrittenen – Ideen letztlich doch bereicherten, im Sinne einer Pluralität der Lebensstile? Werden wir dann nicht eines Tages aufwachen (und es wird ein bitteres Erwachen sein, darauf gebe ich Ihnen Brief und Siegel) und denken a) daß Geld nicht essbar ist (natürlich) und b) daß die lokalen ohnehin, aber auch die globalen Geschicke nurmehr von Taxifahrergesichtern wie Guido Westerwelle geleitet werden?

Was bleibt mir also, als mich auf das Phänomenologische zu konzentrieren, wenn mir Kriege in einem Fernseher präsentiert werden, alarmistisch moderiert und mit propagandistischen Absichten einhergehend zudem? Sie müssen wissen, daß mir oft vorgeworfen wurde und vorgeworfen wird, der Vorwurf hält also an, daß mein Blick auf das Design, namentlich das Produktdesign, ein unversöhnlicher, der allerunversöhnlichste, ja geradezu mäkelhafter und von elitärer Arroganz geprägter sei. Aber: mir gefallen die zum Einsatz kommenden (im Volksmund flapsig als sogenannte Tarnkappenbomber bezeichneten) Northrop B-2 Spiritbomber der amerikanischen Armee sehr. Die schöne Form! So titanisch, so unterseeisch rochenhaft auch, dem Radar verborgen – das wohl – jedoch bestimmt beeindruckende und zudem rasend schnelle (logisch, da eine Blitzkriegsituation herrscht) Schatten in rohstoffreiches oder geopolitisch relevantes Feindesland werfend, mit der emblematischen Anmutung einer Fledermaus, scheiße ja, Batman avisiert sein Erscheinen, findet euch damit ab, es ist Gotham City hier. Ich mag den expressiven Subtext, der der formvollendeten Funktion innewohnt: aviatische Leichtigkeit, die mit schwerer alttestamentarischer Endgültigkeit und ferner dem Trivialmythos des Superheldens verschmolzen wurde.

Was mir als Zuschauer und Gebührenzahler nicht gefällt, wenn im Anblick von Katastrophen, Amateurvideos angefertigt werden, die vollkommen unnötig von schlechter Qualität sind, weil die Augenzeugen keinerlei Gefühl für Bildaufbau und die einfachsten cinegrafischen Grundregeln mitbringen. Was da an Content aus Japan rüberschwappt, ist einfach nicht von klassischer Broadcastfähigkeit!

Dabei fällt mir auf, daß sich auf der Oberfläche meiner linken Hand eine Hautirritation herausgebildet hat, die von der Krone meines neuen Chronometers herrührt. Ungeachtet dessen, daß ich mit lindernder Calendulasalbe dem Mal ein ums andere mal zuleibe rückte – nutzlos – die Stelle verledert zusehends.

Das Szenario von drei Reisenden und vier Armlehnen

Kürzlich bestellte ich bei einem Internetanbieter blindlings die jüngst neu erschienenen Erzählungen des Schriftstellers Joseph Roth. Der besagte Band liegt mir nun vor und ich lese mit einiger Freude in ihm. Es ist mir jedoch schleierhaft, wie der Verlag (Kiepenheuer und Witsch) sich so entblöden konnte, die Sammlung mit einem Nachwort von André Heller abzuschließen. Das ist ähnlich bescheuert, als brächte man beispielsweise eine schöne Hölderlinausgabe heraus – mit einem Nachwort von Udo Lindenberg.

Ich fordere fortan neonfarbene Aufkleber auf den Einbänden der Neuausgaben, die anzeigen, daß der Band auch Ergüsse von André Heller, Maxim Biller, Elke Heidenreich oder irgendwelchen anderen peinlichen Punks enthält. Wenn der Verbraucher qua moralisierender Aufkleber darauf hingewiesen wird, daß Hiphopalben Lieder beinhalten, die Frauenzimmer restringiert und derb in einem despektierlichen, lediglich libidinös geprägtem Lichte darstellen, oder (ich bringe ein weiteres Beispiel:) daß eine Konfitüre von der Bitterorange in einem Hause abgefüllt wurde, in dem auch Erdnüsse verarbeitet werden, so sollte einem eigentlich bereits der gesunde Menschenverstand sagen, daß speziell André Heller unbedingt gesondert ausgewiesen werden muss. Nicht wenige von uns haben eine Andréhellerallergie!

Die Lider einer Frau entfalteten eine erhebliche Aussenwirkung, da sie ein schillernder Pigmentauftrag überzog. Sie trat durch ein Rundbogentor aus einem umfriedeten Volkspark, in dem sich Volk erging, hinein in ein Straßenland. Da erschien ein Adjektiv aus dem nichts: Skarabäenhaft! Phänomenal und unklug von der Zeichenträgerin, da sie so den Betrachter überhaupt erst auf diesen Insektentrichter stößt. Die gesamte Physiognomie ist tatsächlich ein einziges Geschiebe aus Chitinplatten, die, wenn Mienenspiel und Rede nach draussen drängen, mit unweigerlichem Schaben, an glykanhaltigen Scharnieren verankert, gegeneinander malmen. Eine Entomologenwitwe wohl, der sich das Steckenpferd des Gattens ireversibel in die Züge einschrieb.

Die Luft war lau und Krähen kreisten in Schwärmen über den Auslegern von Kränen, da ging ich schlendernd am Ufer der Spree entlang, die Hochwasser führte, blickte dann in die Auslagen der Geschäfte hinein; interessiert, ja, jedoch ohne daß meine Nase Fettschlieren hinterließ auf dem Glase. Schließlich betrat ich ein Kino, nahm Platz, wie es das Billett vorsah. Da aber kam ein adipöser Junge daher, der forsch, just in dem Momente, da ich meinen Rock von dem, von ihm pantomimisch begehrten Platze nahm, einen großen Eimer Knusperwerk und eine amerikanische Limonade auf der Armlehne zu meiner Rechten abstellte und sich selbstsicher in das derart freigewordene Polster plumpsen ließ. Auch dünstete das Bürschchen im Verlaufe der Vorstellung ein nicht geringes Quantum an käsigem Körpergeruch aus. Die Renaissance eines alten Problemes. Ich meine nicht Muff, noch meine ich, daß es speziell der Jugend an Taktgefühl gebricht, daß heutzutage Vorbilder fehlen wie Mahatma Gandhi, oder wenigstens engagierte staatliche Jugendverbände, die die Sprößlinge unter ihre Fittiche nehmen könnten, wie es die jungen Pioniere taten oder die Hitlerjugend. Nein, dies meine ich nicht, ich meine die ungleich geringere Anzahl von Armlehnen, bezogen auf die Menge der Sitzplätze. Wem einmal das Schicksal einen Mittelplatz in einem Flugzeug der Baureihe Boeing 747 zuwies, wird wohl ein Lied von diesem Phänomen singen können. Unter den Ellenbogen des Mittelmannes liegt bestenfalls ein Territorium, das in kleiner Münze eine ähnliche Brisanz birgt wie die beschissenen Golanhöhen. Drei Reisende und vier Armlehnen; Fenster- und Gangplatzsitzer entwickeln natürlich, beflügelt durch ihre vermeintliche Vormachtstellung in Form wenigstens einer sicheren Armlehne sehr bald genug Chuzpe um nonchalant auch die weitere mögliche Lehne zu erobern und zu halten – einerseits aus Dominanzgehabe und unverhohlenem Sadismus natürlich, aber auch ganz praktisch um in diesem Mikrokosmos Lebensraum zu erringen, um Flugreisen, die ja per se recht strapaziös sind, auf Kosten anderer ein Stück weit behaglicher zu gestalten. Gelegenheit und Wille zur Macht lässt Flugreisende Imperialismus und Wolfsgesetz in Reinkultur ausüben. Dabei wäre es Flugzeugdesignern, wenn sie denn wollten, ein leichtes, diese Quelle der Zwietracht versiegen zu lassen.

Selbstverständlich buche ich persönlich nie Mittelplatz und beteilige mich an der Demütigung des armen Mittelplatzwürstchens – zumeist Komplettversager, die Focus lesen und Fanta trinken – durch enervierend behindertes Lesen von möglichst voluminösen Tageszeitungen, die ich binnen Minuten, nicht selten noch vor Abheben des Flugzeuges, in ein unablässig knisterndes sowie ungemein sperriges und minütlich wachsendes, vielflächiges Papiergebilde von amorpher Form zu verwandeln pflege.

Von Grimma nach Krasnodar

Um sieben Uhr Abfahrt bei niedrigen Wolkenbänken und empfindlicher Kälte. Stübbe rückte seine Schutzbrille in Positur und schwieg. Wir saßen in einem feuillemortfarbenen DKW Monza mit Alternativgetriebe. Immer weiter gen Osten ging die Fahrt, hinein in die Steppe. Wenn der Motor schwieg, hörten wir die Front.

Gelegentlich, wenn, was einmal Lohe war, nurmehr gloste und ein Klopfen in den Zylindern anhob, griff Stübbe, der neben mir, im Fond des Wagens reiste, nach hinten, gegen die staubige Rückbank, und packte zwei, drei Torfbatzen vom Stapel, der dort, von flinken Händen aufgeschlichtet, lag; Klappe auf und hinein damit in die Brennkammer, wo einst, im Frieden, Handschuhe, Kartenmaterial und Proviant Heimstatt hatten.

Über das so sichtbar werdende Gelenk Stübbes, das sonst stets in den Mantelschößen verborgen lag, lief eine spannenlange unbehaarte Hautpartie, die an der Wolfskralle abrupt zu enden schien, rosa Narbengewebe, wulstig pochend. Im Club hieß es hinter vorgehaltener Hand, ein bereits auf Deck liegender, vermeintlich toter Thun, der sich im Nu zu einem lebensbejahenden Derwisch mauserte, sei verantwortlich dafür. Andere wollten wissen, beteuerten felsenfest es mit eigenen Augen gesehen zu haben, daß man Stübbe in einer übel beleumundeten Kellerbar in Addis Abeba auf Messer gefordert hatte.

Uns umgab die Steppe. In einer verbrannten Krüppelkiefer hing ein totes Pferd. Wenn die Schnauze des Wagens in ein Schlagloch eintauchte, wirbelte feiner Staub auf, ein Staub wie emporgeblasener Zimt. Manchmal versetzen listige Freischärler die Werstpfähle, die die Straße säumten, und Reisende fuhren direkt, zum Teil mit hoher Geschwindigkeit in die Erdhöhlen der Freischärler und wurden dort beraubt und geköpft, wie gesagt wird. «Es wimmelt hier vor Feinden, bloss werden wir ihrer nicht angesichtig, da sie sich eingegraben haben und dort stoisch verharren wie die Mucker im Winter» sagte Stübbe und seine pelzige Rechte wischte eine vage Geste gegen die Einöde vor den Wagenfenstern. Obschon die Sonne hoch am Firmament stand, war es düster, da der Horizont verfinstert wurde von Ölfeldern und Autoreifen, die im Rahmen kriegerischer Handlungen entflammt worden waren. Als silbrigfahle Scheibe stand die Sonne im schwarzbraunen Qualme.

Plötzlich ging alles sehr schnell: das Auto wurde von einer Hammelherde umwimmelt, die jemand dorthin getrieben hatte – vierschrötige nagergesichtige Gesellen mit bukolischen Bärten, wie man sah. «Ein Hinterhalt! Raus aus dem Wagen!», gellte die Stimme Stübbes und wir rollten die Böschung hinab zu einem eisigen Fluss in dem zwei lehmverkrustete deutsche Soldaten lagen – die Gesichter nach unten, die Beine steif und unwirklich verdreht.

Wir hatten uns anhand eines Messtischblattes zu einer Karawanserei durchgeschlagen, die die Wehrmacht für deutsche Reisende in kriegswichtiger Mission requiriert hatte. Ich trug eine mit Hundefell abgefütterte Joppe aus Ölzeug, genagelte Juchtenlederstiefel (die ich jeden Abend mit Birkenteeröl einzuseifen pflegte), ein rostrotes Hemd aus persischer Rohseide und eine derbe, dieselölgetränkte Drillichhose in Salz-und-Pfeffer-Optik.

Gleich bei der Pforte, im Hof der Herberge, in dem die Mandelbäume blühten und gerade flügge gewordene Falken von Zweig zu Zweig flatterten, saßen beim Brunnen, an dessen kühlem Grunde sich grünlichfahle Wasserschlangen ringelten, zwei emsige Zwangsarbeiterinnen und strickten Unterwäsche aus schwarzer Kamelwolle, nach der die Front dringender denn je verlangte. «Siehe», sprach da Rebecca zu Sarah, die dunklen Augen gen Gestirn gerichtet, «der Falke, er windet sich hinauf in höchste Höhen, die dortselbst nurmehr von äolischem Gesumm erfüllt ist; er achtet nicht des Falkners Ruf, noch seine Gesten, die ihn herabbedeuten und ein gekrümmter Horizont, der in rauchreichen Flammen steht, wird in benetzten Bernstein geworfen.»
«Fürwahr! Auch deucht mich, sein Weg sei gleichsam unser Kelch, der randvoll ist von schwarzer Milch», sprach da Sarah und geschwind glitt grob gesponnenes schwarzes Haar durch ihre mageren und wunden Pfötchen, wie es der Plan vorsah.

Die Wände des Festsaales waren mit pfauenblauen Fliesen verkleidet und die Decke war arabeskenhaft stumpfgolden ausgemalt. Und ein Brunnen war da, an der Längsseite, in dem es munter plätscherte von einem Wasserspiele. Knospende Seerosen trieben auf der Oberfläche und feiste Karpfen wie aus patiniertem Messing stießen empor und sperrten träge ihre Mäuler auf. Lakaien gingen in Pantoffeln leise auf und ab; sie trugen Leinsäckchen bei sich und kleine Feger zum Aufnehmen des Sandes, den der Khamsin unermüdlich hineintrieb. Da für die Fensterdichtungen gedörrter Kameldarm verwendet wurde, der naturgemäß oft spröde und alt war, hatte der Wind ein leichtes Spiel. Durch Spalten und Ritzen mäanderte die Wüste herein und der Sand bildete selbstähnliche Strudel, die dann gerippte Dünen wurden, die der nachrückende Strom zu kleinen Gebirgen aufhäufte, bis schließlich dienstbare Schatten sie mit verhuschten Gesten fortfegten. In den Fundamenten der vier Windtürmen, die die Ecken der Karawanserei bildeten, schaufelten Gefangene erbittert gegen den vordringenden Sand; wer in seiner Arbeit nachließ, den unterwarf der Mahlstrom ohne Ansehen der Person.

Da die Sonne sich glühend senkte, war Stübbe, der Stunde gemäß, mit dem weißen Sommerrock der Wehrmacht angetan, an dem die rangtypischen Kragenspiegel aus weißgoldenem Eichenlaub prangten; kontrastiert wurde dieses zweifellos schneidige Erscheinungsbild durch ein auffallend geschmackvolles Einstecktuch aus bronzefarbenem Battist, wie um vermittels solch eines zivilen und dandyhaften Accessoires der Jenseitigkeit militärischer Form an diesem Orte Ausdruck zu verleihen.

Eine Kapelle war von hinten, über ein rohgezimmertes Palisandertreppchen auf die Bühne gestiegen. Die Musiker trugen silbrigweiße Jackets, die bei Faltenwurf etwas glitzerten. Scheinwerfer warfen einen scharlachroten und dunkelblauen Lichtschein auf die Bühne.
Es handelte sich um eine ausgewachsene Bigband, in deren Mitte jedoch auch Fagottspieler und Negertrommler ihren Platz hatten. Die Band spielte einen bekannten Lindy-Hop und Tänzerinnen drehten sich anmutig im Kreise und schlugen sanft die Pfötchen aneinander.

Um applaudieren zu können, was Stübbe mit einigem Enthusiasmus tat, da ihm die Nummer gefiel, hatte er sein Highballglas auf einem Tischchen abgestellt, wenngleich sein Klatschen nur vergleichsweise schwach erklang, da das struppige Fell zwischen den hellen Zehen einiges dämpfte. Während noch die letzten Musiker die Bühne verließen, wurde vermittels Hydraulik eine Art metallische Düse aus dem Bühnenboden emporgefahren, die schließlich mit einem Geräusch in ein unsichtbares Bajonett einrastete. Die Öffnung der Düse war, wohl von vorherigem Gebrauch, mit feinen Schmauchspuren überzogen. Ein Rauschen hob an – bald krächzender Diskant, bald geisterhaft gutturales Gemurmel und ein mattes rotes Licht begann in den Tiefen der Maschine zu glimmen, drang durch die Düse nach aussen, in den Saal, in dem Stille herrschte. In Wellen pulste das Licht nach oben, nahm an Stärke zu, Schemen wurden sichtbar, vage Formen zunächst, gleichsam flüchtiges und kränkliches Gewaber, bis mit einigem Geknister ein Abbild des Führers auf der Bühne erschien, dessen Blick schweigend auf dem Auditorium ruhte. Ein Hologramm Adolf Hitlers, überlebensgroß und gänzlich aus rubinrotem Licht modelliert, an dem winzige Verbindungsstörungen, in Form von feinen, wohl ozongespeisten Flämmchen umhergaukelten, die einige Augenblicke in der Luft nachglühten, wenn der Führer seine Arme zu charakteristischen Gesten erhob, die in fahriger Bewegung, wohl auch da der Führer die Ostfrage ansprach, zu Artefakten zerfielen, sich jedoch in relativer Ruhe rasch wieder bekoberten und sogleich an zwischengespeichertem Detail gewannen.

Wir standen an der Brüstung einer schmalen Dachgalerie, die die Windtürme der Karawanserei miteinander verband. Wind und Sand hatte die Fliesen, mit denen der Boden ausgelegt war, stumpf werden lassen. Daß sich eine Wetterwende abzeichnete, ließ der wirbelhaft aufstrebende, von königsblauen und salmonfarbenen Valeurs durchwebte Zug der Schleierwolken, wie auch das hochfrequente Pochen meines kleineren Schmisses an der Wange vermuten. Dank der abendlichen Klarheit war die sonst so entrückt anmutende Bergkette am Horizont scheinbar nah wie nie. Bald hier, bald dort blitzte an den Hängen gleißendes Mündungsfeuer, das sich leicht auch als kreislaufinduzierte Trugbilder hätte wahrnehmen lassen, wenn nicht das wohlbekannte heisere Husten der zahlreichen MG 34 die staubige Ebene mit düsterem Donner erfüllt hätte. Die Wehrmacht hatte sich in dem unwegsamen und zugleich strategisch höchst wertvollem Gelände eingegraben um feindliche Stellungen von erhabener Warte bestreichen zu können.

Bei der zweiten Angriffswelle, die mit schwerem Gerät durchgeführt wurde, hielt ich einen Absinthcocktail, in dem Eiswürfel schwammen, in der Hand. Die titanische Schönheit der fuchsiafarbenen Parabeln, die die Werfergranaten in den Himmel schnitten; das majestätische, gegen den Scheitelpunkt scharf anschwellende Brausen, das den Einschlag präludierte.

Stübbe lehnte kurz seinen Kopf gegen meine Schulter und sagte – sogleich wieder Haltung gewinnend «Für uns Aristokraten ist dies bekanntlich der einzig schickliche Ort der Emigration; denen aber, die sich dort im Dunkel in die Gräben ducken» – er blickte aus stahlblauen Augen gen Gebirge – «ist dieser Krieg in fernem Lande womöglich einzige Gelegenheit im Leben der Beschränktheit von Scholle und Werkbank zu entfliehen».

Da dachte ich an den schneidend kalten Winter sechsundzwanzig, den wir auf unserem Gut in Westpreussen verlebten, und schwieg. Die Knechte verluden einen zentnerschweren weißen Klotz auf den Panjewagen, vor dem die Wallache bibberten und aus den Nüstern dampften. In der Molkerei in Braunsberg schnitten sie’s mit der Säge runter und die pelzvermummelten Bürger trugen ihre Milch in khakifarbenem Ölpapier eingeschlagen heim. An Weihnachten, als Marga, die Gutsvorsteherin, wie angewiesen, eine irdene Schale mit Winteräpfeln vom Speicher hertrug für uns Kinder, sagte unser Vater «Wer weiß, was wird! Esst mir also auch ja die Griebsche!». Auf dem Gemälde beim Kamin sah er aus wie Friedrich Nietzsche.

Beim Abendessen. Im Saal waren zeitgleich Kellner ausgeschwärmt, die den Hauptgang auftrugen: Kandierte Kamelhoden auf einem Wildreisbett an einer Jus von Blutorangen und Armagnac. Da winkte Stübbe einen der Kellner heran, da er das Gericht, das allenthalben auf die Plätze eingesetzt wurde, allein aufgrund des Aussehens nicht liebte, vielmehr den Wunsch hegte, fortan à la carte zu speisen. «Bring die Fischkarte», belferte Stübbe – Barschheit, die in einer plötzlichen Depression, einer widrigen Ausschüttung von rivalisierenden Botenstoffen begründet lag. «Herr, die Küche hält lediglich Gepardenforelle vor, diese jedoch aus eigener Aquakultur», so der Kellner, der gebückt stand, wie in der Erwartung von Schlägen. Stübbe lüpfte die Lefzen, daß gelbe Fangzähne sichtbar wurden, die zwar etwas gelb waren, aber stattlich und wenig kariös.

Auf Stube. In einer zwielichtigen Ecke abseits des Fensters wälzte sich Stübbe unruhig auf einer seidenbezogenen Recamiere, die mit goldenen Ziernägeln reichlich beschlagen war. Sanft bewegte ein auflebender Wind die Vorhänge. Er beklagte erhebliches Leibreißen, daher trat ich an sein Lager heran. Ich maß seinen Puls, der erhöht war; ich betastete seine Flanken, die hart waren und spasmisch erzitterten – zudem troff weißer Schaum von seinen Läufen.

Ich saß auf einem Polster beim Fenster mit einem Belletristikband. Vor einer halben Stunde hatte ich mir eine Mischung aus Morphium und Lithium in das weiche weiße, von Deckhaar bedeckte Fleisch des Unterschenkels injiziert, vornehmlich gegen den pochenden Bauchschmerz, an dem ich nun ebenfalls litt, aber auch um meine trübe Allgemeinbefindlichkeit aufzuhellen.

Dr. Heinrich Brunner, der Stabsarzt betrat mit militärischem Schritt und knappem Gruß das Zimmer. Kurze visuelle Inspektion: – Totenflecken, genug, genug, ferner Puls: negativ. Da die Todesursache nicht zweifelsfrei auf der Hand lag, war eine Sektion angezeigt. Brunner hatte seine Bereitschaftstasche auf einem Sessel abgestellt und geöffnet; darin Skalpelle, Scheren, Sägen – kurz alle unerlässlichen Werkzeuge zur Zergliederung des Leichnams.

Ein kühn geführter Schlag auf dem Fechtboden hatte seinerzeit des Doktors Gesicht buchstäblich diagonal in zwei Hälften gespalten. Dank eines mit Bedacht eingelegten Roßhaares war die Narbe recht stattlich verhornt und verwachsen und hatte so eine expressiv asymmetrische Physiognomie geschaffen.

Der Doktor schob sein Monokel in die unversehrte rechte Augenhöhle, setzte das Skalpell routiniert an, schnitt bogenförmig entlang der Klavikel in das Fettgewebe, durchtrennte das Duodenum, dann das Darmrohr, eröffnete die Bauchhöhle und schließlich den Magen. Die schwülwarme Luft wurde zunehmend von Fliegen bevölkert, denen der Brodem der blossliegenden Organe nicht entgangen war. Brunner trat zurück, an ein Handwaschbecken heran. «Herz, Leber, Nieren et cetera perge perge unauffällig. Todesursache: Ciguatera – sprich Fischvergiftung.» Er sah mich kurz an, genau genommen erfasste mich der Autofokus seines auffällig messinggefassten Retina-Implantats von Zeiss, das sein linkes Auge ersetzte; der Engländer hatte es ihm sechzehn bei Ovillers-la-Boiselle weggeschossen. «Eine Fischvergiftung in der Steppe! Die Steppe kaut und kaut mit Drachenzähnen.» Ein deutscher Gruß und der Doktor verschwand, den rechten Flunk ungelenk und klotzig, wie hufartig nachziehend, durch den Türstock in die Dunkelheit. Den Geräuschen nach zu urteilen, hatte der Feind an Boden gewonnen. Draußen war die Nacht samtig über die Steppe gefallen, im Raum roch es nach Schwefel und Körperlichkeit. Die Fliegen balgten sich um den gärenden Leib des toten Stübbe, verschwanden im Fell, krabbelten gesättigt wieder hervor und ich fühlte, wie meine Beine an Substanz verloren und die Hose zu schlottern begann und schließlich graubraun und speckig auf den Schuhen zusammensank.

Es ist windstill und riecht nicht nach Fisch

Aus dem fahrerseitig heruntergelassenen Seitenfenster im Fond eines vorbeifahrenden Auto spritzt eine niedrigviskose Barbecuesauce, die lange in der Luft steht und dann zögerlich abregnet wie ein verglimmendes Feuerwerk. Denkbare Koinzidenz: ein Eichhörnchen erstarrt in seinem rastlosen Wirken, die rötlich behaarte Pfote fährt in einer theatralischen Geste zum Herzen: tot!

Ein Akkordeonspieler steht an einem baltischen Dünenübergang und spielt ein virtuoses Medley aus slawischer Volksmusik und Ace-of-Base-Motiven. Der Musikant trägt ehemals weiße Turnschuhe. Vor ihm, auf einem Weg aus Betonplatten, der sich zu einem niedrigen Dünenscheitel aufschwingt und sich dann zum Gestade hinab im Sand verliert, ist ein Gefäß aus Plastik aufgestellt, wie es zum Einfrieren von Speisen dient; darin Münzen. Am Strand füttern Menschen in Freizeitanzügen Wasservögel mit Weißbrot – wohl vorwiegend aus Gründen des Materialerhalts. Am Horizont sind diverse regungslose Fähren und zwei Zerstörer befestigt. Das Maritime ist mir wie eine träge dümpelnde Qualle im Siel geworden.

Das Hineinschleichen der Fauna

Bei Nacht stehen wieder oft Wildschweine auf der Wiese am Fuße des Hauses. Ein Gestalter könnte die Tiere nicht schöner anordnen. Im Licht von Laternen wirft das Schwarzwild Schatten, die wohl scharf begrenzt wären, wenn Gras und struppiges Haar keine rauhen Strukturen besäße. Namentlich die Silhouetten der äsenden borstenbesetzten Mäuler sind sehr deutlich und surreal vergrößert. Da sich mitunter Bodennebel bildet, beispielsweise nach dem Regen, sind auch Halos um die Tierkörper zu beobachten, die sich wellenförmig ausbreiten. Bei ihrem Mahl beschädigen die Tiere die Grasnarbe mit robusten Schnauzen z.T. erheblich, da sie natürlich – und wie leicht vorstellbar zum Verdruss der Mietparteien – keine Rücksicht auf das gärtnerische Konzept der Wohnanlage nehmen in ihrem instinkthaftem Streben nach Nahrung. Ein klassischer Interessenkonflikt liegt also vor – auch ein jähes Aufeinanderprallen von Zivilisation und Wildnis.

Mir gegenüber saß ein Heroinabhängiger. Seine Augen waren als eine Art Standard in ihrem Aussehen von einem gleichförmigen, jedoch schwer zu fassenden Schleier getrübt, der aber ungleich dem des Stares ist. Eine haifischartige Ausdruckslosigkeit zunächst, wohl selbst wenn der Morphinist von gutmütigem Wesen und regen Geistes ist. Das Auge ist dem Gehirn entkoppelt, wenigstens wie eine dieser einseitig durchsichtigen Scheiben, die Ladendetektive in die Lage versetzen, Ladendiebe zu beobachten, die sich unbeobachtet wähnen. Augen, mit denen sich ein Pokerturnier gewinnen lässt. Die Trübung der Iris wirkt, als sei sie rasant und durch geringen Einfluss eingetreten, wie die photochemische Ausfällung gelösten Silbers zu einer dünnen grauen Milch.

Den Augapfel des Morphinisten als elfenbeinfarben zu beschreiben wäre trivial. Es ist eher ein gebrochenes grüngoldgrau und schwer zu fassen und zudem bald unmöglich zu mischen, weder mit Aquarellfarben noch natürlich vermittels einer Computerpalette, wie auch das farbliche Nachbilden des vermeintlich metallischen Chitinpanzers eines Käfers – denken Sie an Centonia aurata etwa oder Gnorimus nobilis – jenseits der Grenze des uns zu Gebote stehenden Farbraums liegt. (Jan van Eyck könnte das bestenfalls, der durch ausgefuchste Lasurtechnik im Stande war Körperlichkeit und die ihr innewohnenden komplexen Brechungsphänomene überrealistisch abzubilden. Ich meine jedoch einen Einzelton.)

Als neulich an einem trüben Nachmittag tintig dunkelblaue Regenwolken tief hingen und als dann der Abend kam und die Sonne aprilhaft, in spitzem Winkel, unter den Wolken hervorschien, die sich gegen den Zenith hoben wie ein düsteres Gebirge und die Atmosphäre zwischen Sonne und Betrachter von aufsteigendem Nebel und feinen schleierhaften Regenfällen erfüllt war; da erschien mir dieses grüngoldgrau – eine feine und vergängliche Farbe, die sekündlich in verschwärzlichtere Valeurs hinabsank.

Eines nachts ging ich spazieren. Da stieg ich einen kurzen steinigen Pfad hinauf, den Beikraut säumte. An meinem Kopfe glimmte und pulste elektronisch eine Stirnlampe. Die Struktur des kleinen Berges, der künstlich ist, bildet sich aus Trümmern, die auch aus dem Boden ragen, aus Backsteinen und Armierungseisen, die expressionistische Schatten ohne Zeichnung werfen. Es handelt sich um eine Landschaft, die Adolf Hitler posthum formte. Kurz vor Erreichen des Gipfelplateaus befanden sich meine Augen auf Bodenniveau und ich sah im Vordergrund die Silhouette eines zügig gen Süden flüchtenden Hasens vor dem rummelhaft erleuchteten Stadtpanorama in der Ferne, dessen kariöse Kleinstadtanmutung und klägliches Streben in die Vertikale sich letzlich durch allierte Bombenteppiche bildete. An der Seite, die gegen den Wald geht, zeichneten sich schemenhaft, da umnebelt und zwielichtig, die Silhouetten von Wildschweinen in romantischer Idealverteilung ab; schwarz vor anthrazitfarben nebliger Nadelbaumrauheit. Am Rand des Plateaus standen zahlreiche Polizeiautos und Polizisten liefen umher wie krabbeliges Insekt, in betresster Uniformbekleidung aber auch in weißen Overalls. Es blinkten blaue Blinklichter und Scheinwerfer warfen ein kaltweißes und nüchternes Licht der Aufklärung. Ein silberner Geländewagen funkelte im Lichterschein. Seht, Handlungen verwandelten das Gefährt gänzlich zu einem Indiz.

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Schön ist immer der Blick nach Norden: Kraftwerke und Schwerindustrie, die am Ufer eines ölig schwarzen, sich träge und devot gen Mündung wälzenden, von rostigen Spundwänden korsettierten Flusses liegen, in dem mehrfach benutzte Einwegspritzen und korrodierte Fässer mit Abfällen aus ukrainischen Leichtwasserreaktoren dümpeln und an deren Uferböschung, tief im Dioxinfeinstaubschmodder, metallische Tausendfüßler hausen, die sich an angeschwemmten Teerbatzen schadlos halten. In dunklen und stürmischen Nächten wabern die Rauchfahnen der Schlote fast waagerecht und am Horizont schillern Nordlichter; grünlich, von violetten Schlieren durchwirkt, wie Benzin auf einer finsteren und tiefen Wasseroberfläche voller Phosphate.