Aus den Reisetagebüchern

Im Bus, der vom Flughafen in die Stadt fährt, taumelte ein Mann, der in dem zügig beschleunigenden Fahrzeug ohne Sitzplatz geblieben war, fahrtbedingt umher. Vor den Fenstern floss eine vergraute Abfolge von Krüppelwalmdächern und Containerarchitektur vorüber. Unter Geräuschentwicklung legte sich das Fahrzeug in eine Kurve und der Mann, der mir bereits im Flugzeug vage bekannt vorgekommen war, erkannte letztlich die physikalische Unausweichlichkeit seiner Situation, eine Hand schnellte hervor um sich hastig anzuhalten, griff jedoch daneben, in das Kopftuch einer Muslimin, die dort von Anfang an anhaltend an einer Haltestange gestanden war, darauf beabsichtigte der Mann, wohl in einer verzeihenden und beschwichtigenden Geste, wohl ferner um mutmaßliche sprachliche Klüfte zu umschreiten, leicht seine Fingerspitzen auf ihren bemantelten Arm zu legen, doch griff, da der Bus erneut erheblich krängte, ungelenk gegen die linke Seite des Oberkörpers der nun wie versteinert stehenden Frau. Da erinnerte ich mich des Mannes Jugend, daß ich ihm einst in einem Milieu häufig begegnet war, dem Mann, der jung war, wie ich auch jung gewesen bin, faltenlos, das Haupthaar nicht schütter, sondern stark blondiert und expressiv toupiert, wie es der Mode entsprach. Auch erschien mir das Bild eines Konzertes in meinem Gehirn, wie eine Band im Lichte der Scheinwerfer spielte und der Mann, der wie ich im Zwielicht des Zuschauerraumes gestanden war, halb erzürnt, halb von Übermut befeuert ausholte und eine halbgeleerte Bierbüchse gen Bühne schleuderte, daß ich, als Teil einer kleineren Gruppe, von einem groben Schauer warmen Bieres benetzt wurde, doch da erschien ein Blueser, dem dort, am Orte der Veranstaltung offenbar gewisse Exekutivrechte oblagen und der unergründliche Reptilienaugen hatte, einen Bart, eine Matte natürlich sowie zupackende Hände – Hände, als hätte Arno Breker sie in Porphyr geschnitten, die den damals jungen Mann wort- und emotionslos am Revers seiner reichlich mit Nieten besetzten Lederjacke ergriffen und ihn, den Ergriffenen, den vormals als jungen Mann Bezeichneten, widerstandslos zu der Einschlagstelle der Büchse führten, daß er sie auflese, auch die kleine Bierpfütze, die sich gebildet hatte, aufnehme mit einem zerkrumpelten Taschentuch aus Zellstoff.

Mit den anderen Fremden ging ich in die gleiche Richtung, in einen Park eintretend, den ein Schild schließlich als den sogenannten Mirabellgarten auswies. Da saß ein Blasorchster auf Klappstühlen und führte sein Repertoire auf. Dann ließ das Orchester die Instrumente auf krachlederne Oberschenkel sinken und es erklang aus zahlreich geöffneten Mündern ein Lied, wobei einige Sänger falsch sangen und im Gesicht scharlachrot angelaufen waren, da blasen und singen und blasen und singen körperlich fordernder ist, als Außenstehende annehmen wollen, die teils wohlwollend, teils enthusiastisch Anteil nehmen am als musikalischen Klang wahrgenommenen Klang der Instrumente und der bäuerlichen Stimmbänder, dabei ist es den Aufführenden doch vor allem an einem pneumatischen Kräftemessen gelegen, so als würden Burschen einen Traktor anheben.

Ich hatte meine Sonnenbrille vergessen, war übernächtigt, litt unter Migräne und hatte mir am Bahnhof eine Flasche Mineralwasser gekauft, in der Hoffnung, diese würde mir Halt und Erfrischung geben. Von den die Salzachpromenade säumenden Kastanien schossen mit erheblicher kinetischer Energie Kastanien herab, die aufschlugen auf den Asphalt und entweder zerschellten oder in nicht vorhersehbarem Winkel gummiballartig emporgeschleudert wurden, sodass einige sogar kurzeitig in das Gestade versanken, wiederum auftauchten um sich auf eine muntere Reise gen Schwarzes Meer zu begeben. So erschließt sich die Kastanie neue Habitate, die Evolution begünstigt scheinbar die Gummiballartigkeit – wenigstens die Gummiballartigkeit der Kastanie.

Rastlos schweifte ich umher und trank Mineralwasser, bis sich schließlich Harndrang einstellte: da betrat ich ein Gebäude, in der trügerischen Annahme, daß es sich um eine Einkaufspassage handele und daß ich dort einen Abort vorfände, doch sah ich mich bald in lyncheske Gänge und schwach beleuchtete Treppenhäuser hineingezogen, setzte schließlich alles auf eine Karte und drückte den Türdrücker einer beliebigen eichenholzfurnierten Türe; doch statt der gefliesten Abgeschiedenheit eines Feuchtraumes fand ich eine Art Heilpraktikerkongress vor; Männer saßen schweigend beisammen in einem nicht gerade kleinen Saale, einige hatte den Zeigefinger seitlich an den Mund gelegt oder die Brille abgesetzt um das Ausfallende des Bügels oral einzuführen und dabei andächtig auf eine an die Wand projizierte Powerpointgrafik zu blicken. Rasch schlug ich die Tür wieder zu und huschte die Treppe hinab wie der Wind – nur hinaus! Ich schleppte mich einige Meter und nickte dann vor der Auslage eines Geschäftes ein, das Herrenhüte sowie, soweit erinnerlich, sehr schöne Kürschnerwaren feilhielt; meine Stirn sank dabei ermattet an die wohltuend kalte Scheibe. Doch schrak ich bald wieder auf, als in meinem Gehörgang Schaufel und Besen schabten, da dort die Fäkalien von Fiakerpferden zusammengekehrt wurden. Dienstbare Hände, die, meiner gewahr werdend, bass erstaunt innehielten. Wie mich da die Administration der Stadt Salzburg unverwandt ansah durch das Auge ihres geringsten Schergens, eines Fegers, weil ich nicht an den Pforten, die Sehenswürdigkeiten verschließen, fein mein Portemonnaie zücke und ein Billett löse, nicht in Gasthäuser gehe um zu verzehren und nicht mein Haupt in mit Sternen hinsichtlich Güte bezeichneten Hotels auf tausendfach beschlafene Daunenkissen bette, sondern in der Vertikale jäh erwache, sogleich schlaftrunken forttaumele und am Glase der Auslage des Hutmachers einen amorphen Fleck von Talg und kaltem Schweiß hinterlasse.

Schließlich fand ich ein Urinal, das ganz im Stile von Friedensreich Hundertwasser verfliest war und eine wieselhafte Toilettenfrau machte sich während meines Urinierens ohne Unterlass in meinem Rücken mit scharfen Sanitärreinigern zu schaffen, wohl in erster Linie um zu demonstrieren, daß, während ich müßig mein Glied in Händen halte, von ihr eine geldwerte Leistung erbracht wird.


Der tiefste Abgrund, in den ein Schriftsteller hinabgezogen werden kann, ist sicher der des Anekdotenhaften, ich bin mir dessen wohl bewusst; doch was bleibt mir um den autobiografischen Teil meines Werkes voranzutreiben, als die Dramatisierung des Banalen? Wenn mir doch nicht die Muße vergönnt ist zu Großwildjagd oder Kilimandscharobesteigung aufzubrechen, ich auch nicht an die Westfront befohlen werde – Orte und Begebenheiten also die ganz natürlich sehr sujetreich sind und die das Leben manchen Menschen auf einem silbernen Tablett präsentiert.



3. November 2011