Cargohafen

Kühn geschwungene Streben aus Spannbeton bilden das Fundament einer modernen Gaststätte. Eisbecher und Streuselkuchen mit Schlagsahne. Den Hut lüften, die am Tisch versammelten Damen mit einem Handkuss begrüßen aus semiotischem Konservatismus. Durch die großzügig breite Glasfront fällt der Blick nach Norden. Flugzeuge kreuzen in fernster Ferne den nachmittäglichen Himmel. In der Grünanlage nahe des Hafens arbeitet ein Rasensprenger, seine raffinierte Steuermechanik getrieben vom Wasserdruck. Ein Schwall Wasser rinnt in regelmäßigen Abständen über die grünliche Haut der bronzenen Soldatenstatue, verdunstet rasch auf dem durch Sonne erhitzten Metall. Waren des Exports, gegen die salzige Luft mit schwarzen Plastiktüten geschützt, werden auf hölzerne Paletten gestapelt. Unsichtbare Arbeiter schieben konzentriert und zügig von allen Seiten Turnmatten, Teppichrollen und grobgehobelte Bohlen in die Enge des Containers.

Vordergründiges Chaos entpuppt sich schließlich als geeignete Ordnung. Zur Not ein rettender Sprung von den rostigen Seitenwänden. Aus den ineinander verschränkten Gütern taucht der geschmeidige Körper eines kleinen Photographen mit unergründlichen Fischaugen auf, in der Hand hält er eine Kamera mit Blitzlicht. Ich drücke den kahlen Schädel von M wenige Zentimeter nach unten. Klack. Das Gesicht in kaltem Kunstlicht, im gegenlichtigen Sonnenglast, als Hintergrund, die Eisenbahnbrücke, von deren Scheitelpunkt Halbstarke in das trübe Gestade springen. Auf der Glatze von M ruht eine staubige Hand. Mit zum Fluge ausgebreiteten Armen scheint ein Körper, neben dem linken Ohr von M, in der Luft festgefroren zu sein.



2. März 2006