Der Biberstaat

In einem blühenden Land herrschten Vögel über die Bewohner von Wald und Flußauen. Seit jeher erwirtschafteten die Biber den Bärenanteil des nationalen Reichtums. Ihre Holzwirtschaft und ihr Wissen um die Baukunst galt über Ländergrenzen hinweg als meisterlich. Der Biberstaat wuchs und gedieh, während es sich die Vögel in ihrem Baumhaus wohl sein ließen. Mit den Jahren kamen und gingen die Kraniche, Gänse und Raben und alles schien auf ewig gut. Den Wölfen, die in öden Teilen des Waldes lebten, oblag es, die im Staate anfallenden niederen Tätigkeiten auszuführen. Aas und Abfälle zu beseitigen, mit bloßen Pfoten Brennesseln auszugraben und Himbeeren zu ernten, ohne selbst von den Früchten naschen zu dürfen. Ihnen verblieb das mindere Fleisch, welches die Raben verschmähten. Zu ihrer Aufmunterung ließen die Vögel, tönerne, mit Bier gefüllte Krüge im Wald aufstellen. Und die Wölfe labten sich an den Krügen und versanken in traumlosen Schlaf. War ein Tier schwach und alt geworden, so nährte es ein, von den Vögeln verteiltes, Gnadenbrot.

Nun stellte sich aber ein dürrer Sommer ein, der Wasserstand des Waldbaches, an dem die Biber ihrem Tagwerk nachgingen, sank von Tag zu Tag. Die Holzwirtschaft kam weitgehend zum Erliegen. Als die Vögel dem schließlich gewahr wurden, setzte sofort ein großes Geschnatter und Gekrächze ein. Was sollen wir nur tun?, fragten die kleinen Vögel bange. Ganz einfach, sagten die Kraniche, wir müssen den Flußlauf begradigen, das Wasser bleibt aus, weil es zu viele Kurven fließen muss. Ihr Narren, sprachen die Raben, man muss modern denken, wir entwickeln eine Maschine, die Regen machen kann. Hurra, hergehört! Flugs verkündete die vorsitzende Gans, vom Balkon des Baumhauses aus, den Plan, auf den sich die Vögel geeignet hatten: Den Flußlauf an einigen Stellen etwas zu begradigen, sowie einen gelehrten Biber, der sich durch eine große Hornbrille auszeichnete, mit der Entwicklung einer Regenmaschinenstudie zu beauftragen. Die Bierkrüge würden nun wohl etwas rarer werden, ferner würde eine Nagesteuer eingeführt, um das Wasserprogramm zu ermöglichen. Baldige Rückkehr zu sorglosen Zeiten, wie früher, sei allerdings nur so gewiss, predigte die Gans und begab sich anschließend zur Mittagsruhe.
Mit dem Wasser ging das wohlhabende Bibertum als einstiges Fundament des forstwirtschaftlichen Staates. Manch ein Biber musste nun im Walde niedere Arbeit ausführen oder verschlief mit stumpfen Fell den Tag an den verbliebenen Bierkrügen; Seite an Seite mit den Wölfen, die die trunkenen Biber als die ihren ansahen.
Mittlerweile hatte sich ein verschlagener Luchs unter das Volk gemischt, der berichtete, daß andere Tiere – flußaufwärts – das Wasser boshaft und gierig wegtränken, er habe es mit eigenen Augen gesehen. Wir haben es geahnt, sagten die Biber. Wieso handeln die Vögel nicht?, murrten andere. Genau, brummten die Wölfe, denen der Luchs erzählt hatte, fremde Kaninchen wären an der Dürre schuld. Nieder mit den Kaninchen, nieder mit den Vögeln, brüllten die ersten Wölfe zähnefletschend und einige Biber stimmten zaghaft mit ein. Wir sind Biber, wir sind Biber, riefen sie.
Die Vögel waren nun auch beim Bibertum in Ungnade gefallen, bemerkten jedoch in ihrem Baumhaus nichts von all dem Groll, da sie gerade über eine Schwimmsteuer berieten. Der Plan sah vor, vom Erlös der Abgabe, flußabwärts, Wasser in Flaschen abzufüllen und durch Boten ins Land bringen zu lassen. Ein brillianter Vorschlag jubelten die Kraniche – unser Vorschlag. Aber die Flaschen müssen unbedingt aus grünem Glas sein, wandten die Raben beharrlich ein. Die leitende Gans namens Adelheid lächelte zu allem selig, da sie es sich mit den anderen Vögeln nicht verscherzen wollte.



26. Juli 2006