Touristen
Ein, nach nächtlicher Zugfahrt erreichter, leicht morbider Badeort, wirkt ostblockhaft und zugleich bergig mediterran. Der Seesteg, auf den ich trete, um den Fahrplan zu lesen, entpuppt sich als eigenwillig geformte Barkasse; plötzlich startet das Gefährt zu führerlos ferngesteuerter Überfahrt. Am jenseitigen Ufer stehen Arbeiterquartiere auf einer hohen Düne am Seeufer. In einer Wohnung mit vielen Fenstern. Seeblick (recht sonnig), ein trostlos sandiger Spielplatz zur anderen Seite, und, eingeklemmt zwischen weiteren grauen Wohnanlagen, einige Fabrikhallen. Die Wohnung ist sparsam möbliert. In Hängeregalen eine Sammlung von Ferngläsern, Nachtsichtgeräten und Photoapparaten aus unterschiedlichen Epochen. Alles dunkel und matt; optische Armeeware.
Auf der Suche nach einem Fahrplan nehme ich einige, der auf dem Schreibtisch liegenden, Notizen und Landkarten in die Hand und erkenne meine eigene Handschrift. Später im Linienbus, eine vor mir sitzende Reisende nickt vorsichtig den draußen patrouillierenden Soldaten zu. Gußeiserne Industrieanlagen, Backstein und ein am Himmel schwebender Zeppelin deuten auf ein vergangenes Jahrhundert hin. Eine Straßensperre, der Bus wird von Soldaten kontrolliert, die kläffende, sich aufbäumende Schäferhunde an kurzer Leine halten. Die Soldaten sind sehr aggressiv, möglicherweise betrunken, und verabschieden bereits Überprüfte mit Fußtritten. Man sucht offenbar nach Terroristen.
28. Juli 2006