Die Toteisblöcke der Mark

Dieser See ist das Produkt eines Toteisblockes lässt sich einem Hinweisschild entnehmen. Sinngemäß. 47 Millionen Jahre nach dem Abdanken der Dinosaurier, also heute vor 18 Millionen Jahren schoben sich schabend Gletscher durch die Mark. Ein hobelgleicher, rastloser Mahlstrom mit einer Zunge aus Geschiebemergel, in alle Richtungen leckend und dabei Gletschermilch ausspeiend. Mjamm, Mjamm Gesteinsbrocken aus dem Baltikum! Mitunter wurde aufgrund widriger mechanischer Einwirkungen im Laufe von Jahrmillionen, unter langgezogenem Knirschen und schrillem Bersten, ein Toteisblock fortgesprengt und vom Hauptstrom überrollt, gleichsam ins Erdreich gemalmt.

Brandenburg (Abbildung ähnlich)

Die kolossale und zugleich schneckenhaft reisende Eislawine überdeckte den versprengten, gigantischen Gletscherpartikel mit isolierend krustigen Paragneisen, ausgesinterten Basalten, Kreiden, ach – gemahlenen Mammutzähnen und abschließend einer schönen Schicht märkischen Sandes. Da lag er nun der Toteisblock, isoliert – zum Nichtstun verdammt – während andernorts Gebirge entstanden und Kontinente sich aus schier endlos währender Umarmung rissen. Plattentektonik hob hier und senkte dort, schuf überhaupt erst die geeignete Oberfläche für das napoleonische Heer oder den expandierenden Drogeriediscounter Schlecker. Die Toteisblöcke vergingen schließlich und hinterließen jeweils einen See. Die Wasseroberfläche der Gestade wird heute ihrer Anmut wegen von Ausflugsdampfern befahren. Vorzüglich bei Kaiserwetter. Mit dem Holozän kommt die Wärme und der Mensch. Eine Etage unter mir summt die Heizung – im August. Der Abend erscheint der Mietpartei frisch. Wohlige Behaglichkeit im Schlafzimmer wird zur endgültigen Bestimmung eines zu Äther gewordenen Eoraptor-Wangenknochen-Fragmentes.



30. August 2006