Gras für 100
Zu Besuch bei P und W in ihrer komischen Reihenhaussiedlung. Westberliner Aufbauprogramm der sechziger Jahre. Tagsüber im wesentlichen Dackel, Gehhilfen und Stiefmütterchenrabatten. Nach acht ist Ruhe hier, der kleine Bus fährt nur alle zwanzig Minuten. Eine richtige Asibude – Erdgeschoß – alle Fenster mit Decken verhängt. Das größere Zimmer Wohnhöhle, nebenan Plastikeimer mit Pflanzen und gleißende UV-Lampen. P und W sitzen auf ihrer muchtigen Couch mit den vielen Brandlöchern und wiegen Gras aus. Panacea, Underground Resistance – lauter düstere Elektromucke. Der Fernseher läuft ohne Ton. Wir nehmen erst mal Platz, bißchen Geräterauchen. Also Gras für 100 und Mikros. Wir legen uns die Mikros gegenseitig auf die Zungenspitze, soviel Förmlichkeit muß sein. Zeichentrick und Bongs; P und W essen Pommes aus der Mikrowelle. Als ich mal zwischendurch in die Küche gehe um Orangensaft zu holen fällt mein Blick in den Spalt einer nachlässig zugeschobenen Küchenschublade. Eine tschechische CZ-83, 9mm in einem Frühstücksbeutel.
Hätt‘ ich ja nicht gedacht jetzt. Aber möglich ist alles, auch das Saftglas lässt sich beliebig verformen in der Hand, ganz gut eigentlich, nicht mehr so spröde. Ich trinke circa 47 Liter Orangensaft in der Kleinkriminellenküche. P und W wollen jetzt Konsole zocken. (Ob wir eine Konsole kaufen wollen, die gibts gerade, nee wollen wir nicht, also tschüß.) Zurück in unsere Siedlung mit dem Bus, unterwegs Asis und Panzeramseln wohin das Auge sieht, richtig gruselig. Egal, geschafft. Ein, zwei Bongs und Tüten vorbauen. Milchreis ist auch richtig. Später gehen wir auf die Gleise der Industriebahn, eine Art infrastruktureller Blinddarm, dahinter Zone. Stahlträger, Teile einer Brücke mit Blick über den Friedhof auf die leise funkelnden Betonzähne des Neubaugebietes. Wenn man ein wenig klettert kann man sich hier perfekt verstecken, alles im Überblick und gleichzeitig unsichtbar. (Katzengemütlichkeit.) Sitzen geht nur unter Zucken, wir rauchen die Tüten lieber im Gehen. Eine laue Nacht. Vom Forst weht nadelige Luft herüber. Bei Sonnenaufgang St.Peppers von den Beatles am Fenster, wie so Hippieasseln. Geiler Blick von hier oben. Schon immer.
18. August 2006
Exakt ein Jahr nach Veröffentlichung zufällig gelesen und für gut befunden. Was aber möchte uns der Autor mit dieser Geschichte sagen. Aufklärung erwünscht.