Sitzgruppe mit Hund und ohne Worte
Ich sitze einem Mann um die Sechzig schräg gegenüber, dem die Backen herabhängen wie einem ergrauten snobistischen Engländer. Er teilt sich seinen Sitzplatz im Bus mit einem mittelkleinen Windhundmischling, dessen Fell in Farbe und Struktur ebenso beschaffen ist wie die lehmfarbene Übergangsjacke des Hundehalters. So wie er sitzt, den Hund halb verdeckend, scheint es, als sei die leger geschnittene Jacke eine Spezialanfertigung für eine bemerkenswerte Chimäre; ein Ruheständler aus dessen Hüfte sich der Körper eines agilen Windhundes ausstülpt. Falten der flauschigen Jacke, die sich in weichen Hautfalten des Hundes fortzusetzen scheinen, die mit blonden Haaren bewachsene, prankenhafte Linke des Mannes, die dem Hund — ihn gleichzeitig umarmend — den Hals krault, so daß dieser, wohlig hechelnd seinen Kopf wendet, mit der Zunge über die Lefzen fährt und sein menschliches Ebenbild aus hervortretenden Augen devot anblickt. Der Hund hat sehr große dunkle Kulleraugen zwischen denen sich gelegentlich eine kleine Falte aus Fell bildet.
Dem Mischwesen gegenüber sitzt ein Mädchen, deren milchkaffeefarbenen Wildlederstiefel die Sitzgruppe zu einem harmonisch erdigen Dreiklang vervollkommnen. Als der Hund einmal seinen Kopf schieflegt und das Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar so geradeheraus ansieht, streckt jene, einem wohl genetisch bedingten Reflex folgend, die Hand aus, so als wolle sie das Tier streicheln. Der Mann schüttelt nur leicht den Kopf. Eine vage Geste zwar, zudem nachlässig ausgeführt, in der doch ein Höchstmaß an Nachdruck liegt. Irritiert verharrt ihre schöne Hand — auf halbem Weg zur Liebkosung gebremst — in der Luft. Die schlanken Finger, die bereits die Gegenform zu dem zierlichen Hundekopf bildeten, schon das seidigwarme Fell zu spüren meinten, erschlaffen ein wenig, fächern sich anmutig auf und sinken schließlich zurück in ihren Schoß. Sie blickt den Rest der Fahrt etwas pikiert aus dem Fenster.
2. Februar 2007