Der Türenmann und die Schönheit der unscheinbaren Dinge

Jeden Freitag steht am Rande des Parkplatzes vor der Kaufhalle ein kleiner Lieferwagen, an dessen Seitenwand vermittels Photographien ein Arbeitsprozess veranschaulicht wird. Der Fahrer des Transporters ist gleichzeitig auch ein Handwerker, der hier der Laufkundschaft seine Arbeit feilhält. Aus alten schlichten Türen macht der Dienstleister neue rustikale Türen. Alles ambulant, würde jetzt ein Passant mit einer schäbigen Tür vorbeikommen, könnte im Fond des Wagens die Verwandlung sofort durchgeführt werden. Der Supermarkt ist ein fensterloser Kubus, der die Längsseite des Parkplatzes abschließt. Die Sonne wird bald untergehen und bildet am äußeren Ende der verklinkerten Fassade eine kleine goldene Fläche, die auf dem asphaltierten Boden in eine lange, spitze Ecke verläuft. In Ermangelung von zu bearbeitenden Türen oder Passanten, denen er die Vorzüge der Türverwandlung verbal schmackhaft machen könnte, steht der Boulevard-Handwerker, ein beleibter Mann mit Stirnglatze, in der schwindenden Sonneninsel, fern seiner rollenden Werkstatt und döst. Die Augen geschlossen, sein Gesicht den goldblauen Strahlen zuwendend, wippt der Türenmann auf den Fußspitzen vor und zurück und summt leise vor sich hin.

Herbstlich verfärbter Wald im Gegenlicht

Mit Besorgnis nimmt die kleine hagere Dame mein Erscheinen wahr, ihre von Fältchen umspannten Augen blicken ein wenig verhuscht. Das graue Haar ist zu einem Helm frisiert – mit kurzem Pony vorne. Sie geht rasch in die Knie, mit einer flinken Handbewegung nimmt die betagte Müßiggängerin ein besonders schön gefärbtes, in der Mitte des Bürgersteiges liegendes Blatt an sich, es so vor der Zerstörung durch unachtsames Schuhwerk bewahrend. In einer durchsichtigen Plastiktüte hat sie schon einiges an farbintensiv verrottender Grünmasse gesammelt. Vielleicht wird sie abends ihre Fundstücke auf einem mit Resopal bezogenen Küchentisch ausbreiten, die Eicheln und Blätter nach Färbung und Form gruppieren, während auf dem Buffet ein Wasserkocher summt. Neben der einfachen Glaskanne liegen zwei Beutel Früchtetee bereit.



30. Oktober 2005