Agent Tierry C. Barker im Tal der lebenden Leichen
Der Regen peitscht grau an das großzügige Panoramafenster, das einen vorzüglichen Blick über die weite Bucht gewährt. Durch den Sturm ist das Meer aufgewühlt und die mannshohen, dunklen Wellen sind von weißer Gischt gekrönt. Special-Agent Tierry C. Barker legt die aus Schlangenleder gearbeiteten Stiefel auf den niedrigen Couchtisch und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Whiskyglas sodann in ein kleines Nickerchen sinkend. Das Wochenende steht vor der Tür. In Barkers Penthouse herrscht absolute Ruhe, lediglich das Rauschen des Meeres sowie das leise Ticken der Nachtspeicherheizung sind zu vernehmen. Rrrring, die Stille wird vom Schellen des auf der Couch liegenden Mobiltelefons zerrissen. Barker tastet aus dem goldgelben Lichtkreis, in dem er sitzt, nach dem in der Dunkelheit liegenden Fernsprecher. »Ja, Barker«, »Schaffen Sie ihren Arsch hierher Barker, wir haben einen neuen Fall« bellt es aus dem Hörer. Es handelt sich um einen Anruf seines Partners Mike Phelps. Barker weiss sehr wohl, daß hinter der rauhen Schale ein sehr integerer Mann steckt, mit dem man Pferde stehlen kann. Barker und Phelps kennen sich seit der Grundausbildung bei den Marines in den frühen siebziger Jahren, in Vietnam haben sie gemeinsam in den Schlund der Hölle geblickt. So unterschiedlich ihre Charaktere auch sind, eine unverbrüchliche Männerfreundschaft schweisst sie seit Jahren wie Pech und Schwefel zusammen. Bei der Bundespolizei ist das ungleiche Duo eines der erfolgreichsten Teams in der Bekämpfung paranormal motivierter Straftaten.
Mit dem Hochgeschwindigkeitslift fährt Barker die siebzehn Stockwerke hinab in die unterirdische Garage, hier ist sein Kraftwagen der Marke Chrysler abgestellt. Das Gefährt ist mit einer glänzenden Schicht tiefschwarzen Lackes überzogen, die Scheiben des kugelsicheren Vehikels sind dunkel getönt, eine Spezialanfertigung. Solche Schlitten stellt die Behörde nur ihren besten Männern zu Verfügung. Schon von weitem, eh ihm das eingebaute Navigationssystem das Erreichen des Fahrtzieles avisiert, sieht Barker, mit geübtem Auge, die rotblauen Lichter der Streifenwagen. Der Tatort ist weiträumig abgesperrt, der diensthabende Officer hat das Aufstellen von Halogenscheinwerfern veranlasst, die nun das Areal in ein gespenstisches Licht tauchen. Die Umgebung wird von absoluter Finsternis bestimmt, gelegentlich jault ein einsamer Koyote, weit entfernt, auf der Interstate 231, brausen die Lastwagen vorbei, nicht ahnend, daß sie gerade einen Ort des Schreckens passieren. Eilig hebt der junge Polizeischüler das Absperrband um den Special-Agent passieren zu lassen, Barker ist hier bekannt wie ein bunter Hund. An einem dunkelbraunen Geländewagen lehnt Mike Phelps und hält sich an in Fett gesottenem, thorusförmigem Gebäck schadlos, das er mit seinen großen Pranken einem kleinen Pappkarton entnimmt. »Kommen Sie Barker, das haben Sie noch nicht gesehen« brummt Phelps, der wohl schon Gelegenheit hatte die Situation in Augenschein zu nehmen. Den beiden begnadeten Kriminalisten der Bundespolizei bietet sich ein Bild des Grauens, die lauschige Waldlichtung ist überreichlich mit zerfetzten Leichenteilen und zerborstenen Knochen übersät, der Boden feucht von dunkelrotem Blute. Die Identifikation des Opfers gestaltet sich somit höchst problematisch und kann nur von Profis fachgerecht durchgeführt werden. Nachdenklich nimmt Barker einen Schluck aus seinem aus Karton gefertigten Einwegbecher; Kaffee, heiß wie die Hölle und schwarz wie die Nacht. Die Situation ist furchterregend, aber weder Barker noch Phelps ist Bange zumute, in zuviele Abgründe mussten die beiden schon aus beruflichen Gründen blicken, es hat sich eine gewisse Routine eingestellt. »Ich will den Bastard haben, der dafür verantwortlich ist« knurrt Phelps und richtet seine geschmackvolle Krawatte, die mit Westernmotiven bestickt ist. Die Spurensicherung der örtlichen Polizei hatte das Handtuch werfen müssen, die Situation war ihnen spanisch vorgekommen zudem waren vermeintlich keine Spuren zu finden, vermutlich hatten die Hasenfüße einfach den Schwanz eingezogen ob des fürchterlichen Anblicks. Nicht so Agent Barker, der bereits die Witterung aufgenommen hat und mit seiner starken Taschenlampe das Gelände inspiziert. »Hier verlaufen Spuren« konstatiert Barker, der gebürtige Ire ist in der ganzen Einheit für seinen vorzüglichen Spürsinn bekannt. Im Lichtkegel der Lampe verlaufen auf einem schmalen morastigen Waldweg Fußabdrücke, die sich im umnebelten Dunkel verlieren. »Verdammt, das sind keine menschlichen Spuren, aber was für ein Tier könnte das nur sein?« grübelt der Special-Agent insgeheim. Er wird zuhause vergeblich in seinem reichlich bebilderten Naturführer nachsehen. Barker folgt den tiefen Abdrücken im Boden, bald ist er von Finsternis umfangen, das rot-blaue Lichterspiel der Funkwagen und das aufgeregte Geschnatter seiner Kollegen nunmehr schwerlich zu vernehmen. »Wenn Sie nicht auf mich warten reisse ich Ihnen den Arsch bis zum Hals auf« so meldet sich Phelps auf dem an Barkers Ohr befestigten Headset zu Wort. Das eigenmächtige Handeln des Iren sagt ihm nicht zu, daher spricht er das Problem an. In diesem Moment verfällt Barker in einen Sekundenschlaf, vor seinem inneren Auge läuft ein Kurzfilm ab, der eigene Erinnerungen thematisiert. Barker liegt stark blutend im Sumpf, unfähig aufzustehen, geschweige denn sich zu verteidigen, gleissend brennt die Sonne in sein Gesicht und lässt ihn halluzinieren. Systematisch durchsuchen Kämpfer des Vietcong das Reisfeld, auf der Suche nach Barker, dessen Konterfei auf Steckbriefen an jeder Hausecke aushängt. Wie ein Scherenschnitt, am Zenith über Barker, ein khakifarbener Helikopter, aus dessen Bauch sich dem Verblutendem ein starker Arm zur Rettung entgegenstreckt. Im Sperrfeuer der Vietcong hievt sein heutiger Partner den schwerverletzten Kameraden an Bord. Eine Rettung in letzter Minute. Barkers Erinnerungen werden von einer riesigen Hand unterbrochen, die krachend auf seine Schulter fällt. »Träumen Sie?« Phelps steht neben ihm. In seiner Hand eine Tüte mit Gewebematerial. »Hören Sie, das ist kein Mensch, ich habe hier die DNA von mindestens zehn unterschiedlichen nicht-menschlichen Wesen und der DNA des Opfers« sagt Phelps gelassen und wedelt mit dem schleimigen Plastebeutel vor der Nase seines Partners herum. Phelps ist ein Texaner wie er im Buche steht, ein ausgezeichneter Rodeoreiter dessen Kanone stets locker in einem Schulterhalfter aus Büffelleder steckt. Seinen Tag beginnt der Südstaatler, der schon vor Jahren seinen Lebensmittelpunkt an die Küste verlegt hat, mit Kraftsport und einem blutigen T-Bonesteak. Im Gebüsch neben den beiden Männern knackt es wiederholt vernehmlich. Jede Faser ihrer trainierten Körper ist nun von Adrenalin durchpulst, das Duo bewahrt allerdings die Contenance, ihr Mienenspiel bietet keinen Hinweis auf die Gefahr. Bei näherer Untersuchung entpuppt sich eine kleine Maus als Urheber des Lärms. Am Horizont erhebt sich langsam und glutrot die Sonne. »Weiter geht’s« brummt der Ire ungehalten und so folgen die beiden Männer gemeinsam den Spuren, die den Weg verlassend, tiefer in den durchsonnten Wald führen. Durch nebliges Unterholz hat sich das Wesen einen Weg gebrochen, verrosteter Stacheldraht kündet von einem nahegelegenen Sperrgebiet. Sicheren Trittes bahnen sich die beiden Ermittler ihren Weg durch das dichte Gestrüpp, dessen Wuchs noch nie eine Gartenschere gesehen hat. Hinter einem blühendem Ginsterstrauch öffnet sich der Wald nun zu einer Talsenke, an deren Boden, in grünliche Nebelschwaden gehüllt, pittoresk verfallen, eine stillgelegte Chemiefabrik liegt. Barker und Phelps werden von neugierigen handtellergroßen Schmetterlingen umgaukelt, die aus kleinen Knopfaugen die beiden Spezial-Agenten neugierig mustern. »Holy Shit, das ist doch die alte Fabrik von Biolabs Inc.« staunt Phelps, der diesen Wirtschaftszweig kennt wie seine Westentasche. »Sie sagen es, hier wurden seinerzeit chemische Kampfstoffe und Haushaltschemie hergestellt, nach einem Störfall wurde das Objekt stillgelegt. Eine Gruppe von zehn Chemiearbeitern gilt seitdem als vermisst« fügt Barker aus seinem reichhaltigen Fundus an Faktenwissen hinzu. »Das schmeckt mir ganz und gar nicht« knurrt Phelps und seine rechte Hand spannt sich fest um den Griff seiner USP Compact. Beide Agenten arbeiten schon seit Jahren ausschließlich mit genau diesem Modell von Heckler & Koch, da die 9mm zuverlässig und schnell ist, sowie durch ein vorzügliches Produktdesign zu bestechen vermag. Die Industrie-Ruine ist durch einen feinmaschigen Zaun gesichert, an einer Stelle hat sich das flüchtende Wesen unter der Absperrung hindurchgewühlt, jetzt sieht man im Lehm mit welch langen Krallen das Monster ausgestattet sein muss. Ein furchtbarer Anblick. »Schätze hier wohnt unser Baby« scherzt Phelps. »Bingo Partner!« entgegnet Barker grinsend und hält seine rechte Hand in einer geeigneten Stellung, die seinem Partner das Abklatschen ermöglicht. Jetzt haben beide Kriminalisten ihre Schusswaffen entsichert und schnüren vorsichtig durch das, die Fabrik umgebende, trockene Präriegras. Es ist ein herrlicher Sommertag, aus tausend kleinen Kehlen erschallt das fröhliche Konzert der Singvögel, die Situation wirkt friedlich – zu friedlich. Da, eine halb angelehnte rostige Tür, die beiden Spezial-Agenten kommunizieren nur noch pantomimisch miteinander, eine eigene Sprache, die sie im Laufe der Jahre ausbaldowert haben. Barker geht vor, Phelps sichert,
leise wie kleine Kätzchen gleiten die beiden Vietnam-Veteranen durch das alte Gemäuer. Qui Nhon 1972, schiesst es Barker durch den Kopf, nervenaufreibend die Aufgabe eine verlassene Opiumfabrik nach Vietcong-Kämpfern zu durchsuchen, jede Ritze, jeder Stein, ja jedes Atom nur feindliches Terrain. Einige seiner besten Kameraden hat er an diesem Tag verloren. Tom Lewis, John Falkner und Perry »The Eagle« Bowlder, um nur einige Namen zu nennen. Da, ein Balken, in dem abertausende von Holzwürmern ihr Domizil aufgeschlagen hatten, knarrt und erzeugt so eine unheimliche Stimmung. Die Nerven der beiden sind jetzt gespannt wie Drahtseile. Modriger Geruch wabert durch die Luft, der Fußboden ist mit allerlei Unrat übersät. Durch einige Spalten fällt Sonnenlicht in das staubige Halbdunkel. »Der Tyndalleffekt« denkt Phelps unwillkürlich, physikalische Phänomene haben den Texaner schon immer begeistert. Aus unzähligen Augen, die im Dunkel matt vor sich hin glühen, wird das Ermittler-Team stumpfsinnig angeglotzt. Weiter, immer auf Falltüren achtend, suchen sich die beiden, wie auf rohen Eiern gehend, ihren Weg durch die aufgelassene Fabrik. Unbemerkt löst sich aus dem Dunkel ein Zombie und betritt linkisch taumelnd die Szenerie. Der Untote ist in dreckstarrende Bandagen gewickelt, an einigen Stellen tritt von Maden durchkrochenes Fleisch zutage, kurzum eine wenig gepflegte Erscheinung sucht den offenen Kampf mit den beiden Bundesbediensteten. Hierher rührte der wahrgenommene strenge Geruch. Das Wesen stürzt sich auf Phelps, der in diesem Moment leider in eine andere Richtung schaut. Fest umschlossen von den verwesenden Armen ist der Texaner nun gefangen, sein Leben hängt offensichtlich an einem seidenen Faden. Die lebende Leiche hat ihr Maul geöffnet, und schickt sich an, dem FBI-Beamten in den Kopf zu beissen, von den Lefzen tropft gallertartige Masse. »Von den schädlichen Substanzen, die während des Störfalls freigesetzt wurden, sind die vermisst geglaubten Arbeiter verätzt worden und bewegen sich heute auf einer schmalen Linie zwischen Leben und Tod. Hier wohnen die schleimigen Wesen und ernähren sich von Menschenfleisch« so erklärt sich Agent Barker scharfsinnig die missliche Situation. Langsam kommen weitere ähnlich unvorteilhaft wirkende Zombies aus Ritzen, Tapetentüren und alten Lüftungsschächten, das große Hallo in der Fabrikhalle hat ihre Aufmerksamkeit erregt. Für Tierry C. Barker läuft die Situation nun wie in Zeitlupe ab, es gilt jetzt dem bedrängten Kameraden behilflich zu sein. Bang, Bang so hustet die Handfeuerwaffe des FBI-Agenten ihre tödlichen Kugeln hervor und der grindige Schädel des Untoten zerfällt zu einem Nebel aus Staub und grünem Schleim. Mike Phelps ist frei und kann sich nun an der Konfliktsituation aktiv beteiligen. Jetzt geht alles sehr schnell, mit vereinten Kräften bestreichen die beiden Amerikaner die tölpelhaft nahende Phalanx der Zombies. Die ohnehin stickige Luft ist erfüllt von Pulverdampf und verwestem Hämoglobin. Szenenwechsel: Phelps und Barker haben es sich auf der Dachterasse von Agent-Barker gemütlich gemacht. Ihre Leiber ruhen in Liegestühlen. Heute steht Barbecue auf der Tagesordnung, aus langhalsigen Flaschen schütten die beiden Männer eiskalten Gerstensaft in ihre rauhen Kehlen. Unten am Strand herrscht reger Badebetrieb, mit Wohlgefallen beobachtet Barker vermittels eines Feldstechers wie vollbusige Badenixen mit einem kleinen Hund, heiter lachend, in der Dünung herumtollen. Weit draussen frönen einige braungebrannte Surfer ihrem riskanten Sport. Barker ist dankbar, daß er sich im Rahmen des vergangenen Abenteuers bei seinem alten Kameraden erkenntlich zeigen konnte – er hat ihn aus der zudringlichen Umarmung des Monsters befreit – Phelps war ja bereits früher mit einer Lebensrettung in Vorleistung gegangen. Beide Agenten tragen heute in Anbetracht der hochsommerlichen Witterung lässige Pilotensonnenbrillen, die Oberlippen zurückgeschoben schauen beide in die Sonne. »Das ist Amerika« so lautet der Gedanke, der beiden zeitgleich durch den Kopf geht, während hoch oben am Himmel ein Düsenflugzeug die Stratosphäre durchpflügt.
1. November 2005