Totes Geäst wird zerkleinert

In der Straßenbahn. Ein Pensionär mit abstehenden grauen Haaren, gekleidet in einen schütteren Anzug, sucht sich nach dem Einsteigen, schnell, noch vor dem Anfahren der Tram, einen Fensterplatz in Fahrtrichtung, entnimmt seinem rot gemustertem Nylonbeutel Dederonbeutel eine Apothekenzeitschrift und markiert während des Lesens einzelne Textpassagen mit dem Kugelschreiber. Auf dem Sitzplatz hinter ihm kauert ein koboldhafter Vietnamese, der ein sehr lautes aber angenehm rhythmisches und gutturales Telefongespräch führt.

An der Straßenecke. Hinter einem Kleinlastwagen steht eine mit Diesel betriebene Häckselmaschine. Man hat eine Firma beauftragt, die Straßenbäume zu stutzen, das tote Geäst wird nun von einem, mit gelber Schutzkleidung vor Unfällen gefeiten Arbeiter in den Schlund der Zerkleinerungsmaschine gestoßen. Unter großem Getöse werden die ungünstig gewachsenen Äste und langen, dürren Zweige von den gegeneinander laufenden Zylindern der Maschine zermalmt. Das Schauspiel hat einige Passanten zum Stehenbleiben veranlasst. Ein Mann mit Lederhut, einen kleinen, buntgefleckten Hund an der Leine führend, hat sich an einen Verteilerkasten gelehnt und beobachtet, umständlich eine Zigarette ansteckend, das mechanische Zermahlen des Astwerks. In hohem Bogen spuckt die stählerne Mühle das grünliche, grobe Holzmehl auf die Ladefläche des Lastwagens. Ein Familienvater erklärt, den Lärm übertönend, seinem Kind die technischen Hintergründe der Maßnahme. Einkaufstaschen werden abgesetzt und ein Kissen ins Fenster gelegt.



2. November 2005