Hightatras

Küß mich wo der Waldbach murmelt

Das blonde, gepflegte, halblange Haar von Andreas Waldsteiger, dem jungen Baron, wird vom Wind umschmeichelt, es fällt seidig auf seine starken Schultern. Lässig lenkt der junge Adlige seinen silbernen Sportwagen durch die engen Kurven der Bergstraße. Nur noch wenige Kilometer bis Oberberg. Heute ist herrlicher blauer Himmel, die Sonne blitzt, kein Wölkchen kann die Aussicht trüben. Mit röhrendem Motor geht die rasante Fahrt durch reinliche Bergdörfer, frisch gestrichene Häuser mit geschmackvollem Geranienschmuck an den schönen hölzernen Balkonen. Andreas Waldsteiger möchte einige Tage in der herrlichen Bergluft ausspannen und auf seinem Landsitz, dem Schnorcherlehen, nach dem Rechten sehen. In der Stadt bekleidet der Baron einen verantwortungsvollen Posten, er leitet eine erfolgreiche Werbeagentur. Eine anstrengende Arbeitswoche liegt hinter ihm, man hatte seine Firma mit einer Werbekampagne für eine Waschmittelfirma beauftragt, die Plakatmotive wurden künstlerisch aufwändig gestaltet. Baron Waldsteiger ist ein vortrefflicher Ölmaler.

Erfreut nimmt der Baron in der Ferne den Kirchturm von Oberberg wahr. »Wie schön es hier doch ist« denkt der junge Adlige bei sich und lenkt das Cabrio souverän durch eine gefährliche Haarnadelkurve. Endlich bringt der Baron seinen Sportwagen auf dem Kiesvorplatz des Anwesens zum Stehen. Er kann es gar nicht erwarten die Wirtschaftsräume und das nach seinen Direktiven geführte Gestüt zu inspizieren. Mit einer geschmeidigen Bewegung schwingt der gutaussehende Adlige seinen muskulösen Körper aus dem Zweisitzer um die auf ihn zueilende Haushälterin Resi auf’s herzlichste in Empfang zu nehmen. Die treue Seele ist ihm vertraut von Kindesbeinen an. »War die Reise net zu anstrengend?« fragt die Haushälterin rührend besorgt. »Nein, es passt schon« entgegnet der Baron mit einem Lächeln auf den Lippen. Hinten, auf der großzügigen Koppel drängen sich die schönen Lipizzaner-Pferde am Zaun, sie haben den Sportwagen schon von weitem gehört und würden den Baron auch gerne begrüßen. Der Hof ist ein stattliches Anwesen in einzigartiger Lage, gutes dunkles Holz und reinlich geweißte Wände bilden die Wirtschaftsgebäude. Schloßartig wirkt das herrschaftliche Haupthaus, das Auge wird von einem schönen Turm angezogen, auf dessen Dach ein uriger Wetterhahn prangt. An den Wänden Malereien, die alpenländisches Leben vorstellen. Der Baron hat diese geschmackvollen Werke selbst geschaffen. Resi bewirtet den jungen Reisenden mit einer zünftigen Brotzeit und einem guten Maß Bier. »Ruhens sich erst mal aus und lassens fünfe grade sein« ermahnt Resi den jungen Heißsporn. »Geh, die Pferde warten auf mich« lacht der junge Baron. Gesagt, getan nach der Mahlzeit tritt Andreas Waldsteiger auf den großzügig angelegten Hof, seine Schritte lenken ihn wie magnetisch zur Koppel. Das ist ein scharren und wiehern, so buhlen die Tiere um die Aufmerksamkeit des adligen Pferdenarrs. Jedes der Pferde möchte das erste sein, daß mit dem vorzüglichen Reiter einen Ausritt unternimmt. All ihr Feuer legen die Tiere in ihre ausdrucksstarken Augen und schnobern rassig durch die starken Nüstern. Der Baron entscheidet sich schließlich für sein Lieblingspferd und sprengt mit wehenden Haaren vom Hof, hinein in die köstliche Bergkulisse. Über blühende Wiesen geht es im gestreckten Galopp, höher immer höher, hinauf zu den Almen. Der Baron kann einen ganzen Tag reiten und alles Land unter den Hufen gehört immer noch der Familie. Andreas Waldsteiger ist ein vorzüglicher Reiter und hier ganz in seinem Element. Schließlich bringt er das Pferd abrupt zum stehen, in einiger Entfernung sitzt auf einer Milchkanne Sophie Brandner die schöne Sennerin, sie birgt ihr Gesicht weinend in den Händen, ihr ganzer Körper bebt vor Schmerz. »So hatte ich mir meine Ankunft nicht vorgestellt« denkt der Baron betrübt. »Ja, Sophie was hasts denn?« fragt Andreas Waldsteiger und schließt die lange nicht gesehene heimliche Jugendliebe in seine starken Arme. »Die Viehdiebe waren wieder da, und haben einige der jungen Kälbchen gestohlen um sie im anderen Tal auf dem Markt zu verkaufen« presst die bildhübsche Blondine hervor. »Solche Machenschaften dulde ich auf meinem Land nicht« entgegnet der Baron bestimmt. »Die gleichen Täter sind auch dafür verantwortlich, daß viele Fremdenzimmer diesen Sommer leerstehen, Oberberg ist ein Ort der an Attraktivität eingebüsst hat« sprudelt es aus Sophie Brandner hervor, im Zorn blitzen nun ihre kristallklaren, grünen Augen und ihr voller Busen wogt vor Empörung. »Dem werde ich Einhalt gebieten, unverzüglich suche ich das Gespräch mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister, es herrscht Handlungsbedarf« sagt der Baron entrüstet. Unterschiedliche Gefühle bemächtigen sich seiner, Zorn über die Halunken, die auf seinem Grund und Boden ihr Unwesen treiben und die glühende Jugendliebe die nun wieder erwacht wie das Aroma von Instantkaffee nach dem Aufgießen von heissem Wasser. Sophie Brandner ist für ihn die schönste Frau der Welt. Wie Schuppen fällt diese Erkenntnis dem jungen Baron von den Augen. Ohne eine Minute Zeit zu verlieren beraumt der junge Baron eine Notstandsversammlung im urigen Wirtshaus von Oberberg an. Ruhe und Ordnung wieder herzustellen und die Liebe der schönen Sennerin zu gewinnen bestimmen seine Handlungen fortan. Alle sind sie gekommen, Franz Huber, der Pfarrer, Leitner Sepp, der Bürgermeister, die Burschen vom Oschnerlehen und Dr. Schleitzbacher der Bergdoktor. »Wir müssen unverzüglich handeln« so eröffnet der junge Baron die Versammlung mit einer packenden Rede, einem glühendem Apell an die Wahrung der Werte der westlichen Welt. Fortwährend kreisen die Gedanken Baron Waldsteigers um die grünen Augen der schönen Sennerin, so klar und rein wie ein munter plätschernder Bergbach. »Ja mei» wirft Schorsch ein »die Ganoven haben ihr Domizil in den Bergen aufgeschlagen, die sind bis an die Zähne bewaffnet, mit denen ist net gut Kirschen essen«. »Wir werden diese Brüder finden und ihrer gerechten Strafe zuführen« spricht der junge Baron feierlich, während Lulu die fesche, vollbusige Kellnerin im Hintergrund Leberkäsesemmeln und Bier serviert, ihr freizügig geschnittenes Dirndl gewährt Einblick in ein sehr reizvolles Dekollete. Für den nächsten Morgen zeitig um sechs ist ein Erkundungszug in die Berge anberaumt, hochalpines Gelände in dem nur zünftige Alpinisten Bestand haben. Alle Männer des Dorfes, die Schneid haben sind erschienen, mit Kraxen, Eispickeln und Jagdgewehren. Man ist sich der Tatsache bewusst, daß die Täter schonungslos von der Waffe Gebrauch machen werden. »Hoffen wir das alles gut geht« brummt der Pfarrer und schickt ein Stoßgebet gen Himmel. »Die Liebe siegt« entgegnet der junge Baron zuversichtlich, auf seiner Nase eine Gletscherbrille um die starken Schultern ein hundert Meter langes Seil, beständig denkt er an die schöne Sophie. Er ist ein sehr guter Bergsteiger mit jahrelanger Himalaya-Erfahrung, alle Achtausender ohne zusätzlichen Sauerstoff. Ehrensache. Was die kleine Einheit um Andreas Waldsteigerer nicht weiß: Lulu die Kellnerin steckt mit den Räubern unter einer Decke. Mit einem Handy hat sie die Ganoven in ihrer Alpenfestung angerufen und ihnen die Neuigkeiten brühwarm gesteckt. So ein falsches Luder. Ohne zu zaudern sind die Verbrecher zweitausend Höhenmeter abgestiegen und haben die schöne Sennerin Sophie Brandner als Geisel genommen…

Blick aus dem Küchenfenster

Blick aus dem Fenster Regenwolken

Blick aus dem Fenster Regenwolken
Blick aus dem Fenster Regenwolken
Blick aus dem Fenster Regenwolken
Blick aus dem Fenster Regenwolken

Inspektor Terry Barker und die geheimnisvolle Moorleiche

Eine sonntägliche Radtour durch den der Stadt nahen Forst, ein Ausflugsgebiet mit Wildgatter und behaglichen Bänken zum Verweilen. Heute schallten unvermittelt reichlich Polizeisirenen durch den Wald. Am von Fröschen frequentierten Feuchtgebiet hatte man einen Leichnam entdeckt. Der Szenerie nach zu urteilen wurde wohl ein Fremdverschulden nicht gänzlich ausgeschlossen. Aus der Gruppe der Schaulustigen hatten sich zwei ältere Damen gelöst, Räder mit Körbchen an der Hand führend, die der Polizei allerlei verdächtige Beobachtungen mitzuteilen hatten, zweifelsfrei Agatha-Christie-Leserinnen der ersten Stunde. Der die Ermittlung leitende Kommissar, trug einen tadellosen grauen Zweireiher und zündete sich, seinem dunklen Mercedes entsteigend, lässig eine Pfeife an.

Bisweilen ist die Wirklichkeit unrealistischer als noch der schlechteste Fernsehkrimi, jederzeit war damit zu rechnen, daß der Kriminalist nun eine Lupe zückt, seinem selbstverständlich ratlosen Assistenten flugs eine Gewürznelke o.ä. vor die Nase hält und dazu auffordert, Eins und Eins zusammenzuzählen. Die beiden miss-marpleesken Damen waren dazu übergegangen, sich ob der allgemein verschlechternden subjektiven Sicherheitslage zu beklagen und Bedenken zu bekunden, ihren Ausflug unbeschadet fortsetzen zu können, möglicherweise verberge sich der Unhold noch in der Nähe, dort auf weitere Opfer lauernd. Selbst diese herrliche Idylle nun überschattet vom Bösen! In diesem überkandideltem Ensemble hätte ich, mit meiner dunklen Sonnenbrille, ausgezeichnet den Mörder mimen können – der Täter kehrt ja bekanntlich kaltblütig zum Ort des Verbrechens zurück.

Heute: Pfoten Spezial

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