Hightatras

Wechselhaft

Wechselhaft, sonnig

Wechselhaft, Cumulus in Richtung Osten
Wechselhaft, gemischte Zirren
Wechselhaft, gemischte Zirren, sonnig
Wechselhaft, gemischte Zirren in Richtung Osten
Wechselhaft, sonnig, nach Nord-Westen

In einer kleinen Stadt

Mintfarbene Säulen flankieren den Eingang der Kreissparkasse, giftgrüne Pflanzen in Hydrokultur hinter blau verspiegelten Fenstern, ein neues, zweistöckiges Haus inmitten von bröckelndem Fachwerk. Wir sind Punks, unterwegs, scheißegal wohin, mit prallen Plastiktüten voller Bierflaschen – lauwarm von der Tankstelle – die Haare mit billiger Seife gen Himmel gerichtet. Hier geht die kleine Stadt in weite Landschaft über, ein niedriges Mäuerchen, marodes Gestein mit bröckelndem Putz, überwuchert von den knorrigen Tentakeln wilden Efeus. Links, im Dickicht aus hohem, trockenem Gras, einige verwitterte Hütten, manche auf hölzernen Pfählen im Wasser der Bucht errichtet.

Rechterhand, den Berg hinauf, verliert sich der Mischwald in saftige Grasmatten. Schäumend ergiesst sich ein gewundener Bergbach über dunkel bemooste Steine in Richtung Tal. Von Gletschern und großen Schneefeldern gespeist münden zahlreiche Wasserläufe in die flache Bucht. Ein schwer atmender Ausflügler auf einem unmodernen Fahrrad, mühsam tretend und unsicher lenkend, verwandelt sich übergangslos in einen vom Rausche der Geschwindigkeit trunkenen Motorradfahrer. Sein nagelneues rotes Zweirad wird von weit über hundert Pferdestärken getrieben und hat breite Reifen. Halb auf dem Sattel liegend, verschmilzt der Lenker mit seiner röhrenden Maschine.

Der Baron bietet den Geheimgesellschaften Paroli

Soeben hatte sich der Baron durch eine halbgefüllte, hellblaue Schale Bircher Müsli hindurchgefräst. Löffel für Löffel die nie wiederkehrende Beschaffenheit der zu amorphen Scheiben zertrümmerten Haferkörner in sich aufnehmend. Ein halbes Micro sollte für den heutigen Vormittag genügen. Deprogrammierung, für den Baron die vordringlichste Aufgabe im Moment, physisch ist er hier in Sicherheit. Oberberg war unhaltbar geworden. Langsam schwimmt Waldsteiger hinüber in sein großzügiges Kaminzimmer. Durch die aufgeschobenen Fensterflügel, der Blick über den Lago Maggiore, und die angrenzenden halbhohen Berge im vormittäglichen Sonnenglast. Unerträglich, nicht an diese Himmelstrübungen denken, der Baron wendet seinen Blick ab und versenkt sich, auf einen leise schnaufenden Eames-Sessel sinkend, in die Maserung des aus Teakholz gearbeiteten Parketts zu seinen Füßen. Nähe beruhigt, Weite wühlt auf. Der Baron muss alles schädliche aus seinem Gehirn löschen, man hatte ihm in letzter Zeit reichlich zugesetzt.

Angefangen hatte alles mit den vorgeblichen Installateuren einer Telefongesellschaft. Ein grauer Lieferwagen, wie aus dem Nichts und ein Dorf, daß wegsieht. Geschickt gespielte Geschäftigkeit – Maskerade um die Mikrowellenkanone zu kaschieren. Vergessen und durch neue, möglichst leere Eindrücke überschreiben, dabei den Kreislauf nicht allzusehr beachten. Seine selbstauferlegte geistige Reinigung währt nun schon vierzehn Tage, an anderen Tagen assistierte dem jungen Adligen eine einzelne Kartoffel oder ein moderat zerklüfteter Stein. Den Strahlenangriffen ist er hier nicht mehr ausgesetzt, das klassisch moderne Chalet hatte der Baron unter falschem Namen gekauft. Intervallartige Angriffe durch Mikrowellen mit dem Ziel seine Blut-Hirn-Schranke zu durchbrechen um später mit dem Trinkwasser, Hirnparasiten und Nanochips in seinen Kopf zu spülen. Waldsteigers Blick hat sich an einem Wirbel in der dunklen Maserung festgefressen, jetzt gilt es dem körperlichen Verlangen zu hyperventilieren nicht nachzugeben. Zum Glück ist der Boden vollkommen staubfrei, er hatte seine Aufwartefrau angewiesen, diese Aufgabe mit höchster Priorität zu behandeln. Baron Waldsteiger war ihnen aufgefallen als ein Sehender, mehrfach wurde trotz Alarmanlage in sein Anwesen in Oberberg eingebrochen und das reichhaltige Material, daß der Baron über die wahren Hintergründe des weltweiten Klimamanipulationsprogrammes zusammengetragen hatte, durchwühlt und besonders brisante Teile gestohlen. Dokumente und Bildmaterial. Geheimgesellschaften und supergeheime Logen als deren Kern. Chemtrails, Mossad, CIA. Sprühflugzeuge, die den Himmel verfinstern. Eindeutige Beweise. Zu den Füßen des Barons, direkt neben seinem rechten Schuh aus Segeltuch hat sich eine Fliege auf dem besonnten Parkett niedergelassen und putzt gründlich ihre Flügel. Dieses Modell kennt der Baron zu gut, randvoll mit Nanotechnologie, eine mit künstlicher Intelligenz arbeitende Drone, die hier Aufzeichnungen machen will. Bilder, GPS-Koordinaten, Wasserleitungen, das übliche. Der Himmel wird sich verfinstern und Dämonen werden die Macht übernehmen. Ein ungeheurlicher Plan, ein Plan des ewig Bösen, da war sich der Baron sicher.
In einem Atombunker, zweihundert Meter unter Neu-Schwabenland. Laszlo Varghas sitzt hinter seinem sieben mal fünf Meter messenden Schreibtisch und macht ein böses Gesicht. Nachlässig, mechanisch krault seine bleiche Hand eine flauschige schwarze Katze, die es sich auf seinem Schoß wohlsein lässt. Im kalten Schein der ewig brennenden Glühlampen sitzt das Supermind der neuen Weltordnung und betrachtet nachdenklich seinen Ahnenerbe-Siegelring über dem knöchrigen Gelenk des rechten Zeigefingers. Im Hintergrund, zwischen riesigen Sandsteinsäulen, auf einem gigantischen LCD-Display, eine Karte der Erde und links eingeblendet, die stilisierte Darstellung des restlichen Universums. Sehr deutlich ist auf dem Monitor zu erkennen, daß es sich bei der Erde um einen Hohlkörper handelt. Die Bereiche, in denen die Loge bereits die Macht in Hohlerde übernommen hat sind anthrazitfarben dargestellt, der Rest graublau.
Führerbunker Berlin 1945. Die vorrückenden Allierten hatten alle Kraftwerke der Hauptstadt bombardiert. Im flackernden Schein mehrerer Fackeln hat Adolf Hitler die wichtigsten Vertrauten um sich geschart, zu seinen Füßen der getreue Schäferhund. Karl Haushofer, Rudolf von Sebottendorf und eine kleine Gruppe tibetischer Mönche in Uniformen der Wehrmacht sitzen würdevoll an einem urigen fünfeckigen Holztisch. Der Führer erläutert in kurzen und markanten Worten die mittelfristige Planung zur Erlangung der ewigen Weltherrschaft nach dem Fall des deutschen Reichs. Gibt anschließend die kleine, in einer erlesenen Sandelkolzkiste befindliche, kostbare Bundeslade, an Haushofer zurück, salutiert von Sebottendorf knapp um mit seinem Leibarzt zügig den Bunker zu verlassen. Der Donner von Geschützen hallt durch die gespenstisch wirkenden Häuserschluchten der Reichshauptstadt. Wilhelmstraße Ecke Voßstraße, in den Trümmern landet sanft eine Reichsflugscheibe (Modell Haunebu II), die die beiden nach Südamerika bringen wird, in der Hand trägt der kleinwüchsige Österreicher eine aus Rentierleder gearbeitete Hundetasche.
Der heutige Tag ist für Baron Waldsteiger ein herber Rückschlag in der Wiedererlangung mentaler Balance, die Nanodrone hat ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Über der Balkonbrüstung ist die warme Frühlingsluft durchgaukelt von einer ganzen Armada dieser androiden Insekten. Contenance wahren, der Baron schnauft einmal tief durch, man kann mich nicht orten hier, noch nicht. Eins ist sicher, die ohne Hoheitszeichen fliegenden Flugzeuge, sind ferngesteuert also unbemannt, springt sein Geist vom Kleinen zum Großen. Gerade diese wenigen Beweise ein Indiz für eine weltweite Konspiration. Es ist dreizehn Uhr, der Baron muss jetzt den Inhalt des Staubsaugers verbrennen. Nur nicht durch eine Unachtsamkeit, Hautpartikel, Haare oder andere DNA in den Hausmüll geben. Der restliche Müll ist präpariert, alles Abfälle, die nicht in sein Profil passen, Kontoauszüge von eigens dafür angelegten Depots und ähnliches. Waldsteiger hat hier einige Routine erwerben müssen, ein Fehler könnte tödlich sein. Folgender Tagesordnungspunkt: im Golfklub sehen lassen. Zum Schutz vor UV-Strahlen hat der Adlige eine großkarierte Sportmütze aus Wolle aufgesetzt. Über die Freitreppe aus Spannbeton wenige Stufen hinab zum Carport. Kurze Wege, relativ geschützt. Das großzügige Chalet wurde in den frühen vierziger Jahren nach Plänen von Frank-Lloyd-Wright hoch über dem Seeufer gebaut. Naturstein und Beton, der Sonne zugewandt, an den Hang angeschmiegt. Waldsteiger hatte sich im wesentlichen aus Gründen der Luftsicherheit für das Anwesen entschieden.
Währenddessen in Neu-Schwabenland. Laszlo Varghas, der gebürtige Rumäne, Sohn einer mexikanischen Mutter, geht die Tagesberichte durch, die auf der monumentalen Videowand durchscrollen. Wütend kaut der Verbrecher auf seinem Zigarillo und speit tabakhaltigen Speichel auf den Fußboden aus purem Gold, seine Eckzähne sind von bedrohlicher Länge. »Bringt mir diesen verdammten Waldsteiger, ich will ihn auf kleiner Flamme rösten.« knurrt der Fürst der Finsternis und trommelt wütend auf seinem überdimensionalen Schreibtisch. In die Tischplatte sind diverse rote Knöpfe eingelassen, Milzbrand, Vogelgrippe, atomare Vernichtung und vieles mehr. Varghas spielt in der satanischen Oberliga, selbst ein Blinder mit Krückstock würde merken, daß mit ihm nicht gut Kirschen essen ist.
Mittlerweile sitzt der Baron in seinem speziell angefertigten, mattsilbernen Ferrari, die stark geweiteten Pupillen hinter einer Versace-Sonnenbrille vor schädlichen Lichtstrahlen verborgen. Waldsteiger trägt einen moosgrünen Pullunder, der durch eingewirkte Kevlar-Fäden selbst dem Angriff mit einer Pumpgun standhalten würde. Auf den Baron wirkt die Szenerie, beim Blick durch die Windschutzscheibe, formal und farblich wie Pop-Art, graphisch, mit lebhaft gefärbten Flächen, wohl eine Begleiterscheinung seiner selbstauferlegten Psychotherapie. Eine tollkühne Fahrt über schmale Bergstraßen herunter zum See. Der Baron kennt die Straßenlage wie seine Westentasche und beschleunigt den Sportwagen in den Geraden das der Turbolader aufheult. »Ich bin Granit, mit einem zartgrünen Einschluss aus Jade« ist der Gedanke, der Waldsteiger beschäftigt seit er das Motorengeräusch im Ohr hat. In den engen Haarnadelkurven lässt der Baron die Reifen quietschen.
Auf dem Gipfel des mächtigen Alpamayo in den Anden war der Landsitz des Führers in akribischer Kleinarbeit wieder aufgebaut worden. Jeder Quadratzentimeter so wie auf dem Obersalzberg, ergänzt durch einen Hobbykeller, ferner durch den zum Bernsteinzimmer umgebauten Dachstuhl. Von der Veranda seiner Bergfestung in mehr als fünftausend Metern Höhe, kann Adolf Hitler mit einem starken Fernrohr weite Teile von Hohlerde überblicken. Unten im schön angelegten Alpengarten grasen die beiden schneeweißen Lamas Swalin und Thor. Im Hintergrund landen lautlos einige Transportscheiben, die den Sitz des Führers, mit Nahrungsmitteln und Post versorgen. Um die maskenhaften Züge des Diktators spielt ein dämonisches Lächeln. Eine durch raffinierte Mikroelektronik gesteuerte Luftbrücke zwischen Alpamayo, Neu-Schwabenland und dem fernen Stern Aldebaran, mit dem der Führer freundschaftliche Handelsbeziehungen pflegt. Die Aldebaraner beliefern die Bergfestung mit einer nahezu unbekannten Art von Pilzen, die nur im Sternbild des Stiers, unter seltenen, schwefelhaltigen Steinen gedeihen. Hitlers Anwesen ist von einem mächtigen Kraft-Ring umgeben, in dessen Zentrum die Spitze einer gigantischen unterirdischen Pyramide aus Obsidian liegt – dem Kraftwerk der kommissarischen Reichsregierung. Aus dem All aufgefangene Orgonstrahlen, die mit einem speziellen Ringmodulator zu hochfrequenter Vril-Energie umgewandelt werden.
Mit einem leichten Stirnrunzeln nimmt Baron Waldsteiger das graue Wohnmobil im Rückspiegel zur Kenntnis, schon seit zehn Minuten klebt der vermeintlich unauffällige Kleinbus an der Stoßstange des mattschimmernden Ferraris. Ein leichtes für Waldsteiger die wahre, kabbalistische Bedeutung des gefälschten niederländischen Kennzeichens zu dechiffrieren. Die Zahlenkombination deutet auf einen hermetischen Code der Tempelritter hin, zumal er die Angriffe mit Skalarwellen im Hinterkopf spürt. Vermittels einer verborgenen Taste an der Innenseite des Lenkrades öffnet der Baron die Düse eines aus Edelmetall gefertigten Tanks unter dem hinteren Nummernschild seines Sportwagens. Ein feiner Ölnebel verwandelt die Bergstraße in eine gefährliche Rutschbahn, das Reisemobil gerät unweigerlich ins Schlingern, durchbricht die Leitplanke und stürzt als gigantischer Feuerball in eine Felsspalte. Die weitere Fahrt verläuft zum Glück ohne größere Komplikationen. Der Treibstofftank des Sportwagens, in seinem Kern ein Wassermotor der neuesten Generation, ist schon so gut wie leer. »Auffüllen, Auffüllen, Auffüllen« summt Waldsteiger als ständiges Mantra vor sich hin. Durch sein beherztes Verhalten hatte der Baron, der Tempelritter-Gruppe mal wieder einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Die Jahre in der Fremdenlegion und diversen Spezialeinheiten hatten ihn zu einem zähen Hund gemacht, an dem sich Gegner die Zähne ausbeissen konnten. Derart plumpe Angriffe erheiterten den Baron eher, in seinen Grundfesten erschüttert wurde er in der Vergangenheit hingegen von den penetranten Attacken durch Teslawellen sowie durch Psychopharmaka und Microchips, die die Logen versuchten vermittels Nahrung in seinen Körper zu schmuggeln. Um Bewusstseinskontrolle auszuüben bedienten sich die Geheimdienste der Gummierung von Briefmarken, Salz und Trinkwasser, hier waren sie sehr erfinderisch.
Der Golfclub von Locarno, Waldsteiger hat an dem einzig sicheren Ort auf der Terasse Platz genommen und ein Glas Bitter-Lemon bestellt, als sich eine attraktive Asiatin auf der ihm gegenüberliegenden Bank niederlässt. »Sie gestatten« und schon sitzt sie, rekelt sich kurz anmutig in ihrem modernen Cocktailkleid. »Mein Name ist Wu Hong«, sie ist der jüngste Spross eines alten indonesischen Diplomatengeschlechts. Langsam fährt ihre Zunge über die Unterseite ihrer aufgeworfenen Oberlippe. Auf dem schreiend grünen Rasen fährt klappernd ein Golf-Caddy vorbei, unterwegs zum fünften Grün, einem Sandbunker unten am See. »Ich habe etwas, was Sie interessieren dürfte«, die Asiatin rollt ihre mandelförmigen Augen kurz gen Himmel und sieht dann den Baron gerade an, direkt in die Augen. »Puzzlen Sie gerne?« versucht es Wu Hong mit der ihr eigenen asiatischen Beharrlichkeit, dabei den obersten Knopf ihres rostfarbenen Kleides aus Chiffon öffnend, der merklich über ihren großen Brüsten zu spannen begann. Sie schiebt Waldsteiger einen kleines Billet über den Tisch. Der Abholschein für eine chinesische Wäscherei wie es scheint. »Die Flugzeuge sind ferngesteuert und arbeiten nach dem gleichen Prinzip wie die Passagiermaschinen des 11. September« sagt Waldsteiger und präsentiert, sich neben Wu setzend, einen umfangreichen Schnellhefter in dem er lückenlos die Flugaktivitäten der Geheimdienste über Südeuropa dokumentiert hat. Alles mit Pritt-Stift säuberlich aufgeklebt und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen. Wu Hong hat ihre warmen, ausladenden Hüften näher an den Baron herangeschoben »Mir geht es um die Rothschild-Dynastie, aber wir suchen das gleiche – das goldene Fließ« flüstert sie sanft, dabei berührt, wie aus Versehen, ihre heiße, feuchte Zungenspitze das kühle Ohrläppchen des Barons. »Das ist wohl das fehlende Detail?« vermutet Waldsteiger und deutet auf das mysteriöse Billet neben seinem Brauseglas. »Sie vermuten richtig« lacht Wu impulsiv, dabei ein köstlich schimmerndes, perlweißes Gebiss zeigend »gegen dieses Billet erhält der Überbringer einen frisch gereinigten Blazer. In dem auf der rechten Seite aufgestickten Wappen, befindet sich links ein Löwe, in dessen rechten Auge ein winziger Flashspeicher verborgen ist, der die Koordinaten des Zielortes enthält«. Waldsteiger war noch etwas anderes an dem Billet aufgefallen, ein Wasserzeichen, ein Kreuz und eine aufblühende Rose. Er schnalzt dreimal mit der Zunge, das Zeichen für den in einem Stiftzahn verborgenen Parralelrechner mit der Aufzeichnung eines Memos zu beginnen. Anhand der Auswertung der mosaikartigen Sprachfragmente Waldsteigers generiert der Rechner eine graphische Darstellung der ungeheuerlichen weltweiten Verschwörung die der Baron langsam aber sicher aufdeckt. Aus der gigantischen Datenbank wird automatisch eine stets aktuelle Konspirationskarte erzeugt, eine verblüffende Reduktion der Komplexität in eine anschauliche Infografik des globalen Geheimnetzes. Bilderberger, Nestlé, Thule-Gesellschaft, Bundesnachrichtendienst, Scientology und die Illuminaten. Alle zwanzig Minuten wird die Datenbank auf unterschiedliche Webserver im All gespiegelt, falls dem Baron wider Erwarten etwas zustoßen sollte. »Kommen Sie, wir müssen los« Wu ist aufgesprungen und reicht dem Baron mädchenhaft ihre schmale Hand. »Also erst Dallas und dann mal sehen« zwinkert sie. Auf dem Parkplatz steuert sie auf ein kleines Frauenauto der Marke Honda zu, in Wirklichkeit ein geschickt gemachtes Spezialhologramm, daß die ultramoderne Flugscheibe Wu Hongs nach aussen verschleiert. Der Fahrgastraum ist mit organisch geformten Möbeln aus Rosenholz, milchkaffeefarbenen Polstermöbeln sowie groben Wollteppichen ausgestattet. »Was wünschen Sie?«, noch ehe Waldsteiger seinen Wunsch formulieren kann, schwebt auch schon aus einem Kanal an der Decke ein tropfenförmiger Flugroboter aus matt gebürstetem Edelmetall herab der einen Highball serviert. Der Cocktail, an den der Baron gerade gedacht hatte. Der Flugroboter geht eine Armlänge von Waldsteiger entfernt in Parkposition, so das der Baron in einer oben angebrachten Vertiefung sein Cocktailglas abstellen kann. Betrieben wird der Roboter durch einen in der unteren Spitze des Edelmetalltropfens eingelassenen dunklen Kristall.
Dallas. Die Wäscherei ist nur zwei Blocks von dem Verlagshaus entfernt von dessen Dachboden auf Präsident Kennedy geschossen wurde. »Hiel bitte chön ehlwüldigel Hell« unter zahllosen Verbeugungen händigt der chinesische Wäschereibesitzer devot lächelnd dem Baron das gewünschte Kleidungsstück aus. Ihm fehlt das erste Glied des kleinen Fingers seiner rechten Hand. Der Blazer gehörte einmal Dr. William Wynn Westcott und galt dann Jahrzehnte als verschollen.
Mit Bluetooth überträgt Wu die Daten des Speicherchips auf ein khakifarbenes GPS-Gerät. »Südamerika also&laquo sagt Wu nüchtern, »Alpamayo&laquo ergänzt Baron Waldsteiger, der die Region als Alpinist sehr gut kennt.
Hunderte, tausende von genetisch identischen Käfern haben sich des Chalets von Baron Waldsteiger bemächtigt. Unter den aus Stammzellen replizierten Chitinpanzern der Tiere, entweder Nanokameras oder in Gel gebundene Anthrax-Viren. Der Boden, alle Wände schwarz von Insekten. Erst Kartierung und Speicherung der vorgefundenen Daten, dann Zerstörung. Arbeiter und Krieger. In der Mitte des Kaminzimmers schleppt sich plump ein träges, größeres Kerbtier über den Parkettboden, die Königin – eine lebende intelligente Bombe, die später das Anwesen dem Erdboden gleichmachen wird. Eine gewaltige Wolke, die den Himmel über Mitteleuropa für Tage verfinstern sollte. Die Handschrift des gefährlichen Top-Terroristen Laszlo Varghas.
In der Bergfestung. Adolf Hitler sitzt in seinem Hobbyraum und brennt mit einem kleinen Lötkolben Ornamente aus germanischen Runen in ein Schlüsselbord aus Sperrholz. Der bereits ergraute Schäferhund döst am Ofen. Aus einem braunen Transistorradio plärrt leise eine Übertragung von den Bayreuther Festspielen. Baron Waldsteiger und Wu Hong schleichen sich lautlos durch den romantischen Garten der Bergfestung. Aus Versehen tritt Wu Hong auf einen verdorrten Zweig, der vernehmlich knackt. Ein Geräusch, das dem Führer spanisch vorkommt in seiner Bergeinsamkeit. »Mal nach dem Rechten sehen&laquo denkt der greise Despot und seine gichtbrüchige Hand angelt nach einer Taschenlampe. Draussen haben sich die beiden Lamas neugierig den beiden Eindringlingen genähert und schnüffeln zutraulich an Wu Hongs Handtasche. Als Hitler den Garten betritt blickt er direkt in den Lauf einer Glock 26. »Wen haben wir denn da? – Hände hoch!&laquo raunzt Waldsteiger als der Kriegsverbrecher ihn trotzig ansieht. In diesem Augenblick verwandelt sich Adolf Hitler unter Aufbringung all seiner verbliebenen mentalen Kräfte in einen Floh, der umgehend im Dickicht des verfilzten Fells des Lamas Swalin Schutz und Nahrung sucht. Das Tier lebt heute zusammen mit Hitler in den schwer zugänglichen Hochlagen der Anden.
Die eigentliche Aufgabe gilt es noch zu bewältigen, die Entschärfung der Super-Geheimwaffe – die Orgonbombe, Kraftwerk und gigantische Höllenmaschine in einem. Wu Hong und der Baron haben die Schaltzentrale im Kern des Kraft-Rings betreten. An der Wand funkeln tausende von Leuchtdioden, durch stählerne Rohre brodelt der flüssige Stickstoff. Die Bombe arbeitet mit einem sehr gefährlichen Klöppelzünder, wie Waldsteiger sofort mit geübtem Auge feststellt, was die Entschärfung, selbst für den Bombenexperten, zu einem sehr heiklen Unterfangen macht. Vorsichtig lockert der Baron den Knoten seiner burgunderfarbenen Krawatte aus Rohseide. Er trägt heute einen tadellos geschnittenen Dreiteiler aus dunkelblauem Kammgarn. Welcher Draht wird wohl der richtige sein, der Rote oder der Blaue? Eine falsche Entscheidung und Gravitationsäther würde ungehindert ausströmen, eine Implosion apokalyptischen Ausmaßes: Antimaterie – die ewige Finsternis. Ein riesiges schwarzes Loch, daß das gesamte Universum verschlänge. In der Hand des Barons eine Kombizange mit schönen Griffschalen aus Ebenholz. »Rot, Rot, Rot, Rot« hallt es durch seinen Kopf – Stimmen. Angespannte Stille liegt über der zum Kraftwerk umfunktionierten Höhle. In weiter Ferne tropft in regelmäßigen Abständen Wasser aus feinen Ritzen in der Höhlendecke auf den schwarzen Mantel der im Dunkel verschwindenden Pyramide. Das Herzstück der Anlage, die Steuereinheit, ist direkt in der Spitze untergebracht. Im Kegel einer starken Stabtaschenlampe liegt der kleine Metallschrank mit den zwei Drähten. Wu Hongs schönes Gesicht ist ganz bleich geworden, die Angst macht ihr zu schaffen. Selbst der Atem des Barons ist fast unmerklich schneller geworden. Schweissperlen. Waldsteiger ist sich seiner Verantwortung und der unglaublichen Gefahr dieser Situation sehr wohl bewußt. Seine Hände zittern als er, einer spontanen Eingabe folgend, zielstrebig den blauen Draht durchschneidet – Stille. Die Welt ist gerettet, das Böse ist vernichtet. Mit der Abschaltung des Orgonakkumulators versinkt Neu-Schwabenland langsam berstend und krachend auf dem Meeresboden. Aufsteigende Luftblasen lassen den Ozean kochen. Eine mächtige Flutwelle setzt zunächst die Niederlande, später weite Teile des europäischen Tieflands vollkommen unter Wasser.
Gravitätisch kreuzt ein futuristisch geformtes Luftschiff im Sternbild Canis Syrius. Baron Waldsteiger trägt einen silbernen Trachtenanzug mit schwarzen Knöpfen aus Hornimitat. Eine metallene Kokarde weist ihn als Kommandanten des Raumgleiters »Godenholm« aus. Seine Augen, klar wie Bergkristall, unverwandt ins All gerichtet, der hagere Schädel mit dem kurz frisierten weißen Haar umzüngelt von einer gleißenden Aura mit bläulichem Hof. Ein sonorer Brummton, verhaltene Hörner und Äolsharfen versetzen die Luft in Schwingung. Unter der Zunge zerfliesst ein völlig reines Kristall LSD-25 zu Licht.

Zahnbehandlung

Heute ein längerer vormittäglicher Besuch beim Zahnarzt. Ohne mich in meinem Alter noch ernstlich vor Zahnarztterminen zu fürchten, dennoch ein flaues Gefühl im Magen bei gleichzeitiger Entspanntheit und normaler Herzfrequenz. Ein Atavismus, da kann man nichts machen. Die Zimmerpalme des Wartezimmers gedeiht prächtig und wird von Besuch zu Besuch immer größer. Unter Palmwedeln verborgen sitzt bei meinem Eintreten schon ein weiter Patient, liest die Bunte und sagt »Mahlzeit« zu mir, als Begrüssung. Um 11 Uhr. Eigentlich lese ich Zeitschriften nur beim Zahnarzt und stelle hier immer wieder fest, wie uninformativ die Artikel zumeist sind, obwohl ich als wartender Patient unbedingt zumindest nach Unterhaltung lechze. Nächstes Mal die Bunte wenn möglich, würde mich nicht wundern wenn der Inhalt besser als der des Spiegel wäre. Meine heutige Behandlung besteht in der Überkronung eines durch widrige mechanische Einwirkung verlorenen Zahnes. Von meinem Behandlungsstuhl habe ich einen ausgezeichneten Blick auf den aktuellen Zahnarztkalender. Herrliche Schwarzweißaufnahmen von abstraktem Lichterspiel auf makellos kariesfreiem Zahnschmelz. Währenddessen bohrt der Doktor, er hat eine reichhaltige Auswahl an Bohrmaschinenvorsätzen die heute alle zum Einsatz kommen. Das beste Material für Kronen sind in jeder Hinsicht die Edelmetalle namentlich Gold, sagt der Zahnarzt, plötzlich gesprächig werdend, als ich in einer Behandlungspause nach neuen Werkstoffen in der Zahnheilkunde frage. Hätte ich ja nicht gedacht, daß man bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren, zahnähnlichen Kunststoff entwickeln konnte. Gold für die Schneidezähne will jedenfalls keiner offenbar. Dabei könnte man mit so einem schönen Goldzahn bestimmt reichlich Eindruck schinden und alle denken man hätte Kontakte zur Mafia.

Drehe ich meine Augen nach Rechts sehe ich den konzentrierten Blick des Doktors hinter seiner Lupenbrille, linkerhand die lautlose Sprechstundenhilfe, die virtuos mit dem Speichelsauger operiert und stets mit ihrer linken Hand die grelle Lampe dezent so nachjustiert, daß der Dentist arbeiten kann, der Patient (Ich) aber nicht geblendet wird. Immer wieder fliegen Zahnpartikel im Nanobereich durch mein Blickfeld, das Tragen von Schutzbrillen ist durchaus berechtigt. Meine Bewunderung gilt stets der Ausgereiftheit der menschlichen Anatomie, speziell der Hand und theoretisch auch des Herzens. Zähne sind allerdings das schwächste Glied des menschlichen Körpers, unabhängig von Erbkrankheit und Alter – einfach Mangelhaft. Bestehend aus Kalk somit anfällig gegen Säuren und mechanisch spröde, keinesfalls geeignet für den immer älter werden Menschen. Wieviel besser gestellt sind hier Kaninchen und Katzen! Die Zähne dieser flauschig wärmeisolierten Tiere wachsen ständig nach, so wie bei uns nur die Nägel und Haare. Bohren und schleifen, der Zahnarzt ist heute auch ein Bildhauer im Kleinen, er tritt einen halben Schritt zur Seite und überprüft von dort die Wirkung seiner Arbeit. Farbabstimmung mit dem Fächer des Verfalls, von perlend weiß bis teetrinkender Zigarrenraucher, alles realisierbar. Ein eigenes kleines Farbsystem des Gilbs.

Zichorienkaffee und Kleingebäck

Gerade eben habe ich mir in der Küche ein schönes Mohnbrötchen mit Käse zurechtgemacht. Der Teig des Gebäckes ist gerade recht so, eher klitschig als knusprig. Lassen Sie mich ein wenig ausholen.
Wir waren mitten im leidvollen Steckrübenwinter, als ich meine damalige Haushälterin Marga anwies, eine mir lieb gewesene, schön gearbeitete Rokokokommode für ein wenig Mehl zu versetzen. Weihnachten rückte näher und mein hagerer Körper lechzte mit allen seinen Fasern nach süßem Gebäck, mehr noch erfüllte mich die Vorstellung eine schöne, besinnliche Weihnachtsfeier, für die wenigen mir nahe stehenden auszurichten. Ich erinnere mich noch wie heute an den von Neuschnee überstäubten, kristallklaren Samstagmorgen als Marga und mein treues Faktotum Gustav, der das, mir aus dem Herzen gerissene, Möbelstück auf seine starken Schultern gewuchtet hatte, zusammen mit all den anderen ausgemergelten Städtern, den ersten Hamsterzug bestiegen, der raus auf die Dörfer fuhr.

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Die Strickjacke von O

Von den vielen Ladezyklen ist das Metall ganz blankgescheuert. O, ich und eine dritte wenig konturierte Person lagern auf einem LKW-Anhänger, der am Wendekreis Grünhofer Weg abgestellt ist. Da kommt Os Mutter, nimmt die graue Strickjacke an sich, das die hier nicht so rumfliegt. Später, der Schemenhafte mahnt zum Aufbruch. O vermisst ihre Strickjacke. Ich sage, deine Mutter hat sie mitgenommen. Ach so, sagt O, sicherlich hat sie die in den Volvo gelegt, mit dem wir nach Lissabon fahren. En passant ein Blick in die Souterrainwohnung, die füllige Rentnerin liegt hingegossen in ihrem Fernsehsessel, umspült von blauem Zwielicht. Im Sommer sitzt sie draussen auf der kleinen Hollywoodschaukel zusammen mit den Terrakotta-Gänsen im Kerzenschein, man vermag dem einfachen Leben bescheidenen Luxus abzutrotzen. Der Winter ist nichts.
Das verwilderte Eck, wir nehmen den schmalen Pfad, heute 14b.

Im Stiegenhaus, an den Briefkästen steht ein Mann. Die Begrüßung fällt kühl aus, er ist im Begriff ein Buch zu untersuchen, ein Bildband offenbar, gebunden in grobes, auberginefarbenes Leinen. Abwesend schließe ich den Briefkasten auf. Sein Augenmerk gilt der technischen Ausstattung des Bandes. Bindung, Papier auch Farbe und Passer. In der Tagespost wieder viele Servietten. Ja, Tschüß O, das Essen wartet. Wir werden nachher zusammen in die Wanne gehen, denke ich. Diverse Päckchen sind heute dabei, der Größe und dem Gewicht nach zu urteilen DVDs und Bücher. Alle in unterschiedlich gefärbtes Packpapier eingeschlagen und mit schöner Filzstift-Handschrift an mich adressiert. Am Boden liegt auch noch ein kleines Paket, daneben ein blaugrauer Hut, der mir bekannt vorkommt.

Nachmittagshimmel mit Flugzeug

Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Berlin Tegel am 05.12.05. Orangeviolette Wolken.

Berlin 05.12.05. Orangeviolette Wolken, rechts unten leicht golden
Berlin 05.12.05. Violettgrauer Himmel mit Flugzeug, düster
Berlin 05.12.05. Wolken, blau-orange
Berlin 05.12.05. Spätnachmittäglicher Himmel, unten rot-violette Zirruswolken
Berlin 05.12.05. Spätnachmittäglicher Himmel, rot-violette Zirruswolken, späte Sonne

Totes Geäst wird zerkleinert

In der Straßenbahn. Ein Pensionär mit abstehenden grauen Haaren, gekleidet in einen schütteren Anzug, sucht sich nach dem Einsteigen, schnell, noch vor dem Anfahren der Tram, einen Fensterplatz in Fahrtrichtung, entnimmt seinem rot gemustertem Nylonbeutel Dederonbeutel eine Apothekenzeitschrift und markiert während des Lesens einzelne Textpassagen mit dem Kugelschreiber. Auf dem Sitzplatz hinter ihm kauert ein koboldhafter Vietnamese, der ein sehr lautes aber angenehm rhythmisches und gutturales Telefongespräch führt.

An der Straßenecke. Hinter einem Kleinlastwagen steht eine mit Diesel betriebene Häckselmaschine. Man hat eine Firma beauftragt, die Straßenbäume zu stutzen, das tote Geäst wird nun von einem, mit gelber Schutzkleidung vor Unfällen gefeiten Arbeiter in den Schlund der Zerkleinerungsmaschine gestoßen. Unter großem Getöse werden die ungünstig gewachsenen Äste und langen, dürren Zweige von den gegeneinander laufenden Zylindern der Maschine zermalmt. Das Schauspiel hat einige Passanten zum Stehenbleiben veranlasst. Ein Mann mit Lederhut, einen kleinen, buntgefleckten Hund an der Leine führend, hat sich an einen Verteilerkasten gelehnt und beobachtet, umständlich eine Zigarette ansteckend, das mechanische Zermahlen des Astwerks. In hohem Bogen spuckt die stählerne Mühle das grünliche, grobe Holzmehl auf die Ladefläche des Lastwagens. Ein Familienvater erklärt, den Lärm übertönend, seinem Kind die technischen Hintergründe der Maßnahme. Einkaufstaschen werden abgesetzt und ein Kissen ins Fenster gelegt.

Agent Tierry C. Barker im Tal der lebenden Leichen

Der Regen peitscht grau an das großzügige Panoramafenster, das einen vorzüglichen Blick über die weite Bucht gewährt. Durch den Sturm ist das Meer aufgewühlt und die mannshohen, dunklen Wellen sind von weißer Gischt gekrönt. Special-Agent Tierry C. Barker legt die aus Schlangenleder gearbeiteten Stiefel auf den niedrigen Couchtisch und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Whiskyglas sodann in ein kleines Nickerchen sinkend. Das Wochenende steht vor der Tür. In Barkers Penthouse herrscht absolute Ruhe, lediglich das Rauschen des Meeres sowie das leise Ticken der Nachtspeicherheizung sind zu vernehmen. Rrrring, die Stille wird vom Schellen des auf der Couch liegenden Mobiltelefons zerrissen. Barker tastet aus dem goldgelben Lichtkreis, in dem er sitzt, nach dem in der Dunkelheit liegenden Fernsprecher. »Ja, Barker«, »Schaffen Sie ihren Arsch hierher Barker, wir haben einen neuen Fall« bellt es aus dem Hörer. Es handelt sich um einen Anruf seines Partners Mike Phelps. Barker weiss sehr wohl, daß hinter der rauhen Schale ein sehr integerer Mann steckt, mit dem man Pferde stehlen kann. Barker und Phelps kennen sich seit der Grundausbildung bei den Marines in den frühen siebziger Jahren, in Vietnam haben sie gemeinsam in den Schlund der Hölle geblickt. So unterschiedlich ihre Charaktere auch sind, eine unverbrüchliche Männerfreundschaft schweisst sie seit Jahren wie Pech und Schwefel zusammen. Bei der Bundespolizei ist das ungleiche Duo eines der erfolgreichsten Teams in der Bekämpfung paranormal motivierter Straftaten.

Mit dem Hochgeschwindigkeitslift fährt Barker die siebzehn Stockwerke hinab in die unterirdische Garage, hier ist sein Kraftwagen der Marke Chrysler abgestellt. Das Gefährt ist mit einer glänzenden Schicht tiefschwarzen Lackes überzogen, die Scheiben des kugelsicheren Vehikels sind dunkel getönt, eine Spezialanfertigung. Solche Schlitten stellt die Behörde nur ihren besten Männern zu Verfügung. Schon von weitem, eh ihm das eingebaute Navigationssystem das Erreichen des Fahrtzieles avisiert, sieht Barker, mit geübtem Auge, die rotblauen Lichter der Streifenwagen. Der Tatort ist weiträumig abgesperrt, der diensthabende Officer hat das Aufstellen von Halogenscheinwerfern veranlasst, die nun das Areal in ein gespenstisches Licht tauchen. Die Umgebung wird von absoluter Finsternis bestimmt, gelegentlich jault ein einsamer Koyote, weit entfernt, auf der Interstate 231, brausen die Lastwagen vorbei, nicht ahnend, daß sie gerade einen Ort des Schreckens passieren. Eilig hebt der junge Polizeischüler das Absperrband um den Special-Agent passieren zu lassen, Barker ist hier bekannt wie ein bunter Hund. An einem dunkelbraunen Geländewagen lehnt Mike Phelps und hält sich an in Fett gesottenem, thorusförmigem Gebäck schadlos, das er mit seinen großen Pranken einem kleinen Pappkarton entnimmt. »Kommen Sie Barker, das haben Sie noch nicht gesehen« brummt Phelps, der wohl schon Gelegenheit hatte die Situation in Augenschein zu nehmen. Den beiden begnadeten Kriminalisten der Bundespolizei bietet sich ein Bild des Grauens, die lauschige Waldlichtung ist überreichlich mit zerfetzten Leichenteilen und zerborstenen Knochen übersät, der Boden feucht von dunkelrotem Blute. Die Identifikation des Opfers gestaltet sich somit höchst problematisch und kann nur von Profis fachgerecht durchgeführt werden. Nachdenklich nimmt Barker einen Schluck aus seinem aus Karton gefertigten Einwegbecher; Kaffee, heiß wie die Hölle und schwarz wie die Nacht. Die Situation ist furchterregend, aber weder Barker noch Phelps ist Bange zumute, in zuviele Abgründe mussten die beiden schon aus beruflichen Gründen blicken, es hat sich eine gewisse Routine eingestellt. »Ich will den Bastard haben, der dafür verantwortlich ist« knurrt Phelps und richtet seine geschmackvolle Krawatte, die mit Westernmotiven bestickt ist. Die Spurensicherung der örtlichen Polizei hatte das Handtuch werfen müssen, die Situation war ihnen spanisch vorgekommen zudem waren vermeintlich keine Spuren zu finden, vermutlich hatten die Hasenfüße einfach den Schwanz eingezogen ob des fürchterlichen Anblicks. Nicht so Agent Barker, der bereits die Witterung aufgenommen hat und mit seiner starken Taschenlampe das Gelände inspiziert. »Hier verlaufen Spuren« konstatiert Barker, der gebürtige Ire ist in der ganzen Einheit für seinen vorzüglichen Spürsinn bekannt. Im Lichtkegel der Lampe verlaufen auf einem schmalen morastigen Waldweg Fußabdrücke, die sich im umnebelten Dunkel verlieren. »Verdammt, das sind keine menschlichen Spuren, aber was für ein Tier könnte das nur sein?« grübelt der Special-Agent insgeheim. Er wird zuhause vergeblich in seinem reichlich bebilderten Naturführer nachsehen. Barker folgt den tiefen Abdrücken im Boden, bald ist er von Finsternis umfangen, das rot-blaue Lichterspiel der Funkwagen und das aufgeregte Geschnatter seiner Kollegen nunmehr schwerlich zu vernehmen. »Wenn Sie nicht auf mich warten reisse ich Ihnen den Arsch bis zum Hals auf« so meldet sich Phelps auf dem an Barkers Ohr befestigten Headset zu Wort. Das eigenmächtige Handeln des Iren sagt ihm nicht zu, daher spricht er das Problem an. In diesem Moment verfällt Barker in einen Sekundenschlaf, vor seinem inneren Auge läuft ein Kurzfilm ab, der eigene Erinnerungen thematisiert. Barker liegt stark blutend im Sumpf, unfähig aufzustehen, geschweige denn sich zu verteidigen, gleissend brennt die Sonne in sein Gesicht und lässt ihn halluzinieren. Systematisch durchsuchen Kämpfer des Vietcong das Reisfeld, auf der Suche nach Barker, dessen Konterfei auf Steckbriefen an jeder Hausecke aushängt. Wie ein Scherenschnitt, am Zenith über Barker, ein khakifarbener Helikopter, aus dessen Bauch sich dem Verblutendem ein starker Arm zur Rettung entgegenstreckt. Im Sperrfeuer der Vietcong hievt sein heutiger Partner den schwerverletzten Kameraden an Bord. Eine Rettung in letzter Minute. Barkers Erinnerungen werden von einer riesigen Hand unterbrochen, die krachend auf seine Schulter fällt. »Träumen Sie?« Phelps steht neben ihm. In seiner Hand eine Tüte mit Gewebematerial. »Hören Sie, das ist kein Mensch, ich habe hier die DNA von mindestens zehn unterschiedlichen nicht-menschlichen Wesen und der DNA des Opfers« sagt Phelps gelassen und wedelt mit dem schleimigen Plastebeutel vor der Nase seines Partners herum. Phelps ist ein Texaner wie er im Buche steht, ein ausgezeichneter Rodeoreiter dessen Kanone stets locker in einem Schulterhalfter aus Büffelleder steckt. Seinen Tag beginnt der Südstaatler, der schon vor Jahren seinen Lebensmittelpunkt an die Küste verlegt hat, mit Kraftsport und einem blutigen T-Bonesteak. Im Gebüsch neben den beiden Männern knackt es wiederholt vernehmlich. Jede Faser ihrer trainierten Körper ist nun von Adrenalin durchpulst, das Duo bewahrt allerdings die Contenance, ihr Mienenspiel bietet keinen Hinweis auf die Gefahr. Bei näherer Untersuchung entpuppt sich eine kleine Maus als Urheber des Lärms. Am Horizont erhebt sich langsam und glutrot die Sonne. »Weiter geht’s« brummt der Ire ungehalten und so folgen die beiden Männer gemeinsam den Spuren, die den Weg verlassend, tiefer in den durchsonnten Wald führen. Durch nebliges Unterholz hat sich das Wesen einen Weg gebrochen, verrosteter Stacheldraht kündet von einem nahegelegenen Sperrgebiet. Sicheren Trittes bahnen sich die beiden Ermittler ihren Weg durch das dichte Gestrüpp, dessen Wuchs noch nie eine Gartenschere gesehen hat. Hinter einem blühendem Ginsterstrauch öffnet sich der Wald nun zu einer Talsenke, an deren Boden, in grünliche Nebelschwaden gehüllt, pittoresk verfallen, eine stillgelegte Chemiefabrik liegt. Barker und Phelps werden von neugierigen handtellergroßen Schmetterlingen umgaukelt, die aus kleinen Knopfaugen die beiden Spezial-Agenten neugierig mustern. »Holy Shit, das ist doch die alte Fabrik von Biolabs Inc.« staunt Phelps, der diesen Wirtschaftszweig kennt wie seine Westentasche. »Sie sagen es, hier wurden seinerzeit chemische Kampfstoffe und Haushaltschemie hergestellt, nach einem Störfall wurde das Objekt stillgelegt. Eine Gruppe von zehn Chemiearbeitern gilt seitdem als vermisst« fügt Barker aus seinem reichhaltigen Fundus an Faktenwissen hinzu. »Das schmeckt mir ganz und gar nicht« knurrt Phelps und seine rechte Hand spannt sich fest um den Griff seiner USP Compact. Beide Agenten arbeiten schon seit Jahren ausschließlich mit genau diesem Modell von Heckler & Koch, da die 9mm zuverlässig und schnell ist, sowie durch ein vorzügliches Produktdesign zu bestechen vermag. Die Industrie-Ruine ist durch einen feinmaschigen Zaun gesichert, an einer Stelle hat sich das flüchtende Wesen unter der Absperrung hindurchgewühlt, jetzt sieht man im Lehm mit welch langen Krallen das Monster ausgestattet sein muss. Ein furchtbarer Anblick. »Schätze hier wohnt unser Baby« scherzt Phelps. »Bingo Partner!« entgegnet Barker grinsend und hält seine rechte Hand in einer geeigneten Stellung, die seinem Partner das Abklatschen ermöglicht. Jetzt haben beide Kriminalisten ihre Schusswaffen entsichert und schnüren vorsichtig durch das, die Fabrik umgebende, trockene Präriegras. Es ist ein herrlicher Sommertag, aus tausend kleinen Kehlen erschallt das fröhliche Konzert der Singvögel, die Situation wirkt friedlich – zu friedlich. Da, eine halb angelehnte rostige Tür, die beiden Spezial-Agenten kommunizieren nur noch pantomimisch miteinander, eine eigene Sprache, die sie im Laufe der Jahre ausbaldowert haben. Barker geht vor, Phelps sichert,
leise wie kleine Kätzchen gleiten die beiden Vietnam-Veteranen durch das alte Gemäuer. Qui Nhon 1972, schiesst es Barker durch den Kopf, nervenaufreibend die Aufgabe eine verlassene Opiumfabrik nach Vietcong-Kämpfern zu durchsuchen, jede Ritze, jeder Stein, ja jedes Atom nur feindliches Terrain. Einige seiner besten Kameraden hat er an diesem Tag verloren. Tom Lewis, John Falkner und Perry »The Eagle« Bowlder, um nur einige Namen zu nennen. Da, ein Balken, in dem abertausende von Holzwürmern ihr Domizil aufgeschlagen hatten, knarrt und erzeugt so eine unheimliche Stimmung. Die Nerven der beiden sind jetzt gespannt wie Drahtseile. Modriger Geruch wabert durch die Luft, der Fußboden ist mit allerlei Unrat übersät. Durch einige Spalten fällt Sonnenlicht in das staubige Halbdunkel. »Der Tyndalleffekt« denkt Phelps unwillkürlich, physikalische Phänomene haben den Texaner schon immer begeistert. Aus unzähligen Augen, die im Dunkel matt vor sich hin glühen, wird das Ermittler-Team stumpfsinnig angeglotzt. Weiter, immer auf Falltüren achtend, suchen sich die beiden, wie auf rohen Eiern gehend, ihren Weg durch die aufgelassene Fabrik. Unbemerkt löst sich aus dem Dunkel ein Zombie und betritt linkisch taumelnd die Szenerie. Der Untote ist in dreckstarrende Bandagen gewickelt, an einigen Stellen tritt von Maden durchkrochenes Fleisch zutage, kurzum eine wenig gepflegte Erscheinung sucht den offenen Kampf mit den beiden Bundesbediensteten. Hierher rührte der wahrgenommene strenge Geruch. Das Wesen stürzt sich auf Phelps, der in diesem Moment leider in eine andere Richtung schaut. Fest umschlossen von den verwesenden Armen ist der Texaner nun gefangen, sein Leben hängt offensichtlich an einem seidenen Faden. Die lebende Leiche hat ihr Maul geöffnet, und schickt sich an, dem FBI-Beamten in den Kopf zu beissen, von den Lefzen tropft gallertartige Masse. »Von den schädlichen Substanzen, die während des Störfalls freigesetzt wurden, sind die vermisst geglaubten Arbeiter verätzt worden und bewegen sich heute auf einer schmalen Linie zwischen Leben und Tod. Hier wohnen die schleimigen Wesen und ernähren sich von Menschenfleisch« so erklärt sich Agent Barker scharfsinnig die missliche Situation. Langsam kommen weitere ähnlich unvorteilhaft wirkende Zombies aus Ritzen, Tapetentüren und alten Lüftungsschächten, das große Hallo in der Fabrikhalle hat ihre Aufmerksamkeit erregt. Für Tierry C. Barker läuft die Situation nun wie in Zeitlupe ab, es gilt jetzt dem bedrängten Kameraden behilflich zu sein. Bang, Bang so hustet die Handfeuerwaffe des FBI-Agenten ihre tödlichen Kugeln hervor und der grindige Schädel des Untoten zerfällt zu einem Nebel aus Staub und grünem Schleim. Mike Phelps ist frei und kann sich nun an der Konfliktsituation aktiv beteiligen. Jetzt geht alles sehr schnell, mit vereinten Kräften bestreichen die beiden Amerikaner die tölpelhaft nahende Phalanx der Zombies. Die ohnehin stickige Luft ist erfüllt von Pulverdampf und verwestem Hämoglobin. Szenenwechsel: Phelps und Barker haben es sich auf der Dachterasse von Agent-Barker gemütlich gemacht. Ihre Leiber ruhen in Liegestühlen. Heute steht Barbecue auf der Tagesordnung, aus langhalsigen Flaschen schütten die beiden Männer eiskalten Gerstensaft in ihre rauhen Kehlen. Unten am Strand herrscht reger Badebetrieb, mit Wohlgefallen beobachtet Barker vermittels eines Feldstechers wie vollbusige Badenixen mit einem kleinen Hund, heiter lachend, in der Dünung herumtollen. Weit draussen frönen einige braungebrannte Surfer ihrem riskanten Sport. Barker ist dankbar, daß er sich im Rahmen des vergangenen Abenteuers bei seinem alten Kameraden erkenntlich zeigen konnte – er hat ihn aus der zudringlichen Umarmung des Monsters befreit – Phelps war ja bereits früher mit einer Lebensrettung in Vorleistung gegangen. Beide Agenten tragen heute in Anbetracht der hochsommerlichen Witterung lässige Pilotensonnenbrillen, die Oberlippen zurückgeschoben schauen beide in die Sonne. »Das ist Amerika« so lautet der Gedanke, der beiden zeitgleich durch den Kopf geht, während hoch oben am Himmel ein Düsenflugzeug die Stratosphäre durchpflügt.

Der Türenmann und die Schönheit der unscheinbaren Dinge

Jeden Freitag steht am Rande des Parkplatzes vor der Kaufhalle ein kleiner Lieferwagen, an dessen Seitenwand vermittels Photographien ein Arbeitsprozess veranschaulicht wird. Der Fahrer des Transporters ist gleichzeitig auch ein Handwerker, der hier der Laufkundschaft seine Arbeit feilhält. Aus alten schlichten Türen macht der Dienstleister neue rustikale Türen. Alles ambulant, würde jetzt ein Passant mit einer schäbigen Tür vorbeikommen, könnte im Fond des Wagens die Verwandlung sofort durchgeführt werden. Der Supermarkt ist ein fensterloser Kubus, der die Längsseite des Parkplatzes abschließt. Die Sonne wird bald untergehen und bildet am äußeren Ende der verklinkerten Fassade eine kleine goldene Fläche, die auf dem asphaltierten Boden in eine lange, spitze Ecke verläuft. In Ermangelung von zu bearbeitenden Türen oder Passanten, denen er die Vorzüge der Türverwandlung verbal schmackhaft machen könnte, steht der Boulevard-Handwerker, ein beleibter Mann mit Stirnglatze, in der schwindenden Sonneninsel, fern seiner rollenden Werkstatt und döst. Die Augen geschlossen, sein Gesicht den goldblauen Strahlen zuwendend, wippt der Türenmann auf den Fußspitzen vor und zurück und summt leise vor sich hin.

Herbstlich verfärbter Wald im Gegenlicht

Mit Besorgnis nimmt die kleine hagere Dame mein Erscheinen wahr, ihre von Fältchen umspannten Augen blicken ein wenig verhuscht. Das graue Haar ist zu einem Helm frisiert – mit kurzem Pony vorne. Sie geht rasch in die Knie, mit einer flinken Handbewegung nimmt die betagte Müßiggängerin ein besonders schön gefärbtes, in der Mitte des Bürgersteiges liegendes Blatt an sich, es so vor der Zerstörung durch unachtsames Schuhwerk bewahrend. In einer durchsichtigen Plastiktüte hat sie schon einiges an farbintensiv verrottender Grünmasse gesammelt. Vielleicht wird sie abends ihre Fundstücke auf einem mit Resopal bezogenen Küchentisch ausbreiten, die Eicheln und Blätter nach Färbung und Form gruppieren, während auf dem Buffet ein Wasserkocher summt. Neben der einfachen Glaskanne liegen zwei Beutel Früchtetee bereit.