Zahnbehandlung

Heute ein längerer vormittäglicher Besuch beim Zahnarzt. Ohne mich in meinem Alter noch ernstlich vor Zahnarztterminen zu fürchten, dennoch ein flaues Gefühl im Magen bei gleichzeitiger Entspanntheit und normaler Herzfrequenz. Ein Atavismus, da kann man nichts machen. Die Zimmerpalme des Wartezimmers gedeiht prächtig und wird von Besuch zu Besuch immer größer. Unter Palmwedeln verborgen sitzt bei meinem Eintreten schon ein weiter Patient, liest die Bunte und sagt »Mahlzeit« zu mir, als Begrüssung. Um 11 Uhr. Eigentlich lese ich Zeitschriften nur beim Zahnarzt und stelle hier immer wieder fest, wie uninformativ die Artikel zumeist sind, obwohl ich als wartender Patient unbedingt zumindest nach Unterhaltung lechze. Nächstes Mal die Bunte wenn möglich, würde mich nicht wundern wenn der Inhalt besser als der des Spiegel wäre. Meine heutige Behandlung besteht in der Überkronung eines durch widrige mechanische Einwirkung verlorenen Zahnes. Von meinem Behandlungsstuhl habe ich einen ausgezeichneten Blick auf den aktuellen Zahnarztkalender. Herrliche Schwarzweißaufnahmen von abstraktem Lichterspiel auf makellos kariesfreiem Zahnschmelz. Währenddessen bohrt der Doktor, er hat eine reichhaltige Auswahl an Bohrmaschinenvorsätzen die heute alle zum Einsatz kommen. Das beste Material für Kronen sind in jeder Hinsicht die Edelmetalle namentlich Gold, sagt der Zahnarzt, plötzlich gesprächig werdend, als ich in einer Behandlungspause nach neuen Werkstoffen in der Zahnheilkunde frage. Hätte ich ja nicht gedacht, daß man bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren, zahnähnlichen Kunststoff entwickeln konnte. Gold für die Schneidezähne will jedenfalls keiner offenbar. Dabei könnte man mit so einem schönen Goldzahn bestimmt reichlich Eindruck schinden und alle denken man hätte Kontakte zur Mafia.

Drehe ich meine Augen nach Rechts sehe ich den konzentrierten Blick des Doktors hinter seiner Lupenbrille, linkerhand die lautlose Sprechstundenhilfe, die virtuos mit dem Speichelsauger operiert und stets mit ihrer linken Hand die grelle Lampe dezent so nachjustiert, daß der Dentist arbeiten kann, der Patient (Ich) aber nicht geblendet wird. Immer wieder fliegen Zahnpartikel im Nanobereich durch mein Blickfeld, das Tragen von Schutzbrillen ist durchaus berechtigt. Meine Bewunderung gilt stets der Ausgereiftheit der menschlichen Anatomie, speziell der Hand und theoretisch auch des Herzens. Zähne sind allerdings das schwächste Glied des menschlichen Körpers, unabhängig von Erbkrankheit und Alter – einfach Mangelhaft. Bestehend aus Kalk somit anfällig gegen Säuren und mechanisch spröde, keinesfalls geeignet für den immer älter werden Menschen. Wieviel besser gestellt sind hier Kaninchen und Katzen! Die Zähne dieser flauschig wärmeisolierten Tiere wachsen ständig nach, so wie bei uns nur die Nägel und Haare. Bohren und schleifen, der Zahnarzt ist heute auch ein Bildhauer im Kleinen, er tritt einen halben Schritt zur Seite und überprüft von dort die Wirkung seiner Arbeit. Farbabstimmung mit dem Fächer des Verfalls, von perlend weiß bis teetrinkender Zigarrenraucher, alles realisierbar. Ein eigenes kleines Farbsystem des Gilbs.



19. Januar 2006