Der Baron bietet den Geheimgesellschaften Paroli

Soeben hatte sich der Baron durch eine halbgefüllte, hellblaue Schale Bircher Müsli hindurchgefräst. Löffel für Löffel die nie wiederkehrende Beschaffenheit der zu amorphen Scheiben zertrümmerten Haferkörner in sich aufnehmend. Ein halbes Micro sollte für den heutigen Vormittag genügen. Deprogrammierung, für den Baron die vordringlichste Aufgabe im Moment, physisch ist er hier in Sicherheit. Oberberg war unhaltbar geworden. Langsam schwimmt Waldsteiger hinüber in sein großzügiges Kaminzimmer. Durch die aufgeschobenen Fensterflügel, der Blick über den Lago Maggiore, und die angrenzenden halbhohen Berge im vormittäglichen Sonnenglast. Unerträglich, nicht an diese Himmelstrübungen denken, der Baron wendet seinen Blick ab und versenkt sich, auf einen leise schnaufenden Eames-Sessel sinkend, in die Maserung des aus Teakholz gearbeiteten Parketts zu seinen Füßen. Nähe beruhigt, Weite wühlt auf. Der Baron muss alles schädliche aus seinem Gehirn löschen, man hatte ihm in letzter Zeit reichlich zugesetzt.

Angefangen hatte alles mit den vorgeblichen Installateuren einer Telefongesellschaft. Ein grauer Lieferwagen, wie aus dem Nichts und ein Dorf, daß wegsieht. Geschickt gespielte Geschäftigkeit – Maskerade um die Mikrowellenkanone zu kaschieren. Vergessen und durch neue, möglichst leere Eindrücke überschreiben, dabei den Kreislauf nicht allzusehr beachten. Seine selbstauferlegte geistige Reinigung währt nun schon vierzehn Tage, an anderen Tagen assistierte dem jungen Adligen eine einzelne Kartoffel oder ein moderat zerklüfteter Stein. Den Strahlenangriffen ist er hier nicht mehr ausgesetzt, das klassisch moderne Chalet hatte der Baron unter falschem Namen gekauft. Intervallartige Angriffe durch Mikrowellen mit dem Ziel seine Blut-Hirn-Schranke zu durchbrechen um später mit dem Trinkwasser, Hirnparasiten und Nanochips in seinen Kopf zu spülen. Waldsteigers Blick hat sich an einem Wirbel in der dunklen Maserung festgefressen, jetzt gilt es dem körperlichen Verlangen zu hyperventilieren nicht nachzugeben. Zum Glück ist der Boden vollkommen staubfrei, er hatte seine Aufwartefrau angewiesen, diese Aufgabe mit höchster Priorität zu behandeln. Baron Waldsteiger war ihnen aufgefallen als ein Sehender, mehrfach wurde trotz Alarmanlage in sein Anwesen in Oberberg eingebrochen und das reichhaltige Material, daß der Baron über die wahren Hintergründe des weltweiten Klimamanipulationsprogrammes zusammengetragen hatte, durchwühlt und besonders brisante Teile gestohlen. Dokumente und Bildmaterial. Geheimgesellschaften und supergeheime Logen als deren Kern. Chemtrails, Mossad, CIA. Sprühflugzeuge, die den Himmel verfinstern. Eindeutige Beweise. Zu den Füßen des Barons, direkt neben seinem rechten Schuh aus Segeltuch hat sich eine Fliege auf dem besonnten Parkett niedergelassen und putzt gründlich ihre Flügel. Dieses Modell kennt der Baron zu gut, randvoll mit Nanotechnologie, eine mit künstlicher Intelligenz arbeitende Drone, die hier Aufzeichnungen machen will. Bilder, GPS-Koordinaten, Wasserleitungen, das übliche. Der Himmel wird sich verfinstern und Dämonen werden die Macht übernehmen. Ein ungeheurlicher Plan, ein Plan des ewig Bösen, da war sich der Baron sicher.
In einem Atombunker, zweihundert Meter unter Neu-Schwabenland. Laszlo Varghas sitzt hinter seinem sieben mal fünf Meter messenden Schreibtisch und macht ein böses Gesicht. Nachlässig, mechanisch krault seine bleiche Hand eine flauschige schwarze Katze, die es sich auf seinem Schoß wohlsein lässt. Im kalten Schein der ewig brennenden Glühlampen sitzt das Supermind der neuen Weltordnung und betrachtet nachdenklich seinen Ahnenerbe-Siegelring über dem knöchrigen Gelenk des rechten Zeigefingers. Im Hintergrund, zwischen riesigen Sandsteinsäulen, auf einem gigantischen LCD-Display, eine Karte der Erde und links eingeblendet, die stilisierte Darstellung des restlichen Universums. Sehr deutlich ist auf dem Monitor zu erkennen, daß es sich bei der Erde um einen Hohlkörper handelt. Die Bereiche, in denen die Loge bereits die Macht in Hohlerde übernommen hat sind anthrazitfarben dargestellt, der Rest graublau.
Führerbunker Berlin 1945. Die vorrückenden Allierten hatten alle Kraftwerke der Hauptstadt bombardiert. Im flackernden Schein mehrerer Fackeln hat Adolf Hitler die wichtigsten Vertrauten um sich geschart, zu seinen Füßen der getreue Schäferhund. Karl Haushofer, Rudolf von Sebottendorf und eine kleine Gruppe tibetischer Mönche in Uniformen der Wehrmacht sitzen würdevoll an einem urigen fünfeckigen Holztisch. Der Führer erläutert in kurzen und markanten Worten die mittelfristige Planung zur Erlangung der ewigen Weltherrschaft nach dem Fall des deutschen Reichs. Gibt anschließend die kleine, in einer erlesenen Sandelkolzkiste befindliche, kostbare Bundeslade, an Haushofer zurück, salutiert von Sebottendorf knapp um mit seinem Leibarzt zügig den Bunker zu verlassen. Der Donner von Geschützen hallt durch die gespenstisch wirkenden Häuserschluchten der Reichshauptstadt. Wilhelmstraße Ecke Voßstraße, in den Trümmern landet sanft eine Reichsflugscheibe (Modell Haunebu II), die die beiden nach Südamerika bringen wird, in der Hand trägt der kleinwüchsige Österreicher eine aus Rentierleder gearbeitete Hundetasche.
Der heutige Tag ist für Baron Waldsteiger ein herber Rückschlag in der Wiedererlangung mentaler Balance, die Nanodrone hat ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Über der Balkonbrüstung ist die warme Frühlingsluft durchgaukelt von einer ganzen Armada dieser androiden Insekten. Contenance wahren, der Baron schnauft einmal tief durch, man kann mich nicht orten hier, noch nicht. Eins ist sicher, die ohne Hoheitszeichen fliegenden Flugzeuge, sind ferngesteuert also unbemannt, springt sein Geist vom Kleinen zum Großen. Gerade diese wenigen Beweise ein Indiz für eine weltweite Konspiration. Es ist dreizehn Uhr, der Baron muss jetzt den Inhalt des Staubsaugers verbrennen. Nur nicht durch eine Unachtsamkeit, Hautpartikel, Haare oder andere DNA in den Hausmüll geben. Der restliche Müll ist präpariert, alles Abfälle, die nicht in sein Profil passen, Kontoauszüge von eigens dafür angelegten Depots und ähnliches. Waldsteiger hat hier einige Routine erwerben müssen, ein Fehler könnte tödlich sein. Folgender Tagesordnungspunkt: im Golfklub sehen lassen. Zum Schutz vor UV-Strahlen hat der Adlige eine großkarierte Sportmütze aus Wolle aufgesetzt. Über die Freitreppe aus Spannbeton wenige Stufen hinab zum Carport. Kurze Wege, relativ geschützt. Das großzügige Chalet wurde in den frühen vierziger Jahren nach Plänen von Frank-Lloyd-Wright hoch über dem Seeufer gebaut. Naturstein und Beton, der Sonne zugewandt, an den Hang angeschmiegt. Waldsteiger hatte sich im wesentlichen aus Gründen der Luftsicherheit für das Anwesen entschieden.
Währenddessen in Neu-Schwabenland. Laszlo Varghas, der gebürtige Rumäne, Sohn einer mexikanischen Mutter, geht die Tagesberichte durch, die auf der monumentalen Videowand durchscrollen. Wütend kaut der Verbrecher auf seinem Zigarillo und speit tabakhaltigen Speichel auf den Fußboden aus purem Gold, seine Eckzähne sind von bedrohlicher Länge. »Bringt mir diesen verdammten Waldsteiger, ich will ihn auf kleiner Flamme rösten.« knurrt der Fürst der Finsternis und trommelt wütend auf seinem überdimensionalen Schreibtisch. In die Tischplatte sind diverse rote Knöpfe eingelassen, Milzbrand, Vogelgrippe, atomare Vernichtung und vieles mehr. Varghas spielt in der satanischen Oberliga, selbst ein Blinder mit Krückstock würde merken, daß mit ihm nicht gut Kirschen essen ist.
Mittlerweile sitzt der Baron in seinem speziell angefertigten, mattsilbernen Ferrari, die stark geweiteten Pupillen hinter einer Versace-Sonnenbrille vor schädlichen Lichtstrahlen verborgen. Waldsteiger trägt einen moosgrünen Pullunder, der durch eingewirkte Kevlar-Fäden selbst dem Angriff mit einer Pumpgun standhalten würde. Auf den Baron wirkt die Szenerie, beim Blick durch die Windschutzscheibe, formal und farblich wie Pop-Art, graphisch, mit lebhaft gefärbten Flächen, wohl eine Begleiterscheinung seiner selbstauferlegten Psychotherapie. Eine tollkühne Fahrt über schmale Bergstraßen herunter zum See. Der Baron kennt die Straßenlage wie seine Westentasche und beschleunigt den Sportwagen in den Geraden das der Turbolader aufheult. »Ich bin Granit, mit einem zartgrünen Einschluss aus Jade« ist der Gedanke, der Waldsteiger beschäftigt seit er das Motorengeräusch im Ohr hat. In den engen Haarnadelkurven lässt der Baron die Reifen quietschen.
Auf dem Gipfel des mächtigen Alpamayo in den Anden war der Landsitz des Führers in akribischer Kleinarbeit wieder aufgebaut worden. Jeder Quadratzentimeter so wie auf dem Obersalzberg, ergänzt durch einen Hobbykeller, ferner durch den zum Bernsteinzimmer umgebauten Dachstuhl. Von der Veranda seiner Bergfestung in mehr als fünftausend Metern Höhe, kann Adolf Hitler mit einem starken Fernrohr weite Teile von Hohlerde überblicken. Unten im schön angelegten Alpengarten grasen die beiden schneeweißen Lamas Swalin und Thor. Im Hintergrund landen lautlos einige Transportscheiben, die den Sitz des Führers, mit Nahrungsmitteln und Post versorgen. Um die maskenhaften Züge des Diktators spielt ein dämonisches Lächeln. Eine durch raffinierte Mikroelektronik gesteuerte Luftbrücke zwischen Alpamayo, Neu-Schwabenland und dem fernen Stern Aldebaran, mit dem der Führer freundschaftliche Handelsbeziehungen pflegt. Die Aldebaraner beliefern die Bergfestung mit einer nahezu unbekannten Art von Pilzen, die nur im Sternbild des Stiers, unter seltenen, schwefelhaltigen Steinen gedeihen. Hitlers Anwesen ist von einem mächtigen Kraft-Ring umgeben, in dessen Zentrum die Spitze einer gigantischen unterirdischen Pyramide aus Obsidian liegt – dem Kraftwerk der kommissarischen Reichsregierung. Aus dem All aufgefangene Orgonstrahlen, die mit einem speziellen Ringmodulator zu hochfrequenter Vril-Energie umgewandelt werden.
Mit einem leichten Stirnrunzeln nimmt Baron Waldsteiger das graue Wohnmobil im Rückspiegel zur Kenntnis, schon seit zehn Minuten klebt der vermeintlich unauffällige Kleinbus an der Stoßstange des mattschimmernden Ferraris. Ein leichtes für Waldsteiger die wahre, kabbalistische Bedeutung des gefälschten niederländischen Kennzeichens zu dechiffrieren. Die Zahlenkombination deutet auf einen hermetischen Code der Tempelritter hin, zumal er die Angriffe mit Skalarwellen im Hinterkopf spürt. Vermittels einer verborgenen Taste an der Innenseite des Lenkrades öffnet der Baron die Düse eines aus Edelmetall gefertigten Tanks unter dem hinteren Nummernschild seines Sportwagens. Ein feiner Ölnebel verwandelt die Bergstraße in eine gefährliche Rutschbahn, das Reisemobil gerät unweigerlich ins Schlingern, durchbricht die Leitplanke und stürzt als gigantischer Feuerball in eine Felsspalte. Die weitere Fahrt verläuft zum Glück ohne größere Komplikationen. Der Treibstofftank des Sportwagens, in seinem Kern ein Wassermotor der neuesten Generation, ist schon so gut wie leer. »Auffüllen, Auffüllen, Auffüllen« summt Waldsteiger als ständiges Mantra vor sich hin. Durch sein beherztes Verhalten hatte der Baron, der Tempelritter-Gruppe mal wieder einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Die Jahre in der Fremdenlegion und diversen Spezialeinheiten hatten ihn zu einem zähen Hund gemacht, an dem sich Gegner die Zähne ausbeissen konnten. Derart plumpe Angriffe erheiterten den Baron eher, in seinen Grundfesten erschüttert wurde er in der Vergangenheit hingegen von den penetranten Attacken durch Teslawellen sowie durch Psychopharmaka und Microchips, die die Logen versuchten vermittels Nahrung in seinen Körper zu schmuggeln. Um Bewusstseinskontrolle auszuüben bedienten sich die Geheimdienste der Gummierung von Briefmarken, Salz und Trinkwasser, hier waren sie sehr erfinderisch.
Der Golfclub von Locarno, Waldsteiger hat an dem einzig sicheren Ort auf der Terasse Platz genommen und ein Glas Bitter-Lemon bestellt, als sich eine attraktive Asiatin auf der ihm gegenüberliegenden Bank niederlässt. »Sie gestatten« und schon sitzt sie, rekelt sich kurz anmutig in ihrem modernen Cocktailkleid. »Mein Name ist Wu Hong«, sie ist der jüngste Spross eines alten indonesischen Diplomatengeschlechts. Langsam fährt ihre Zunge über die Unterseite ihrer aufgeworfenen Oberlippe. Auf dem schreiend grünen Rasen fährt klappernd ein Golf-Caddy vorbei, unterwegs zum fünften Grün, einem Sandbunker unten am See. »Ich habe etwas, was Sie interessieren dürfte«, die Asiatin rollt ihre mandelförmigen Augen kurz gen Himmel und sieht dann den Baron gerade an, direkt in die Augen. »Puzzlen Sie gerne?« versucht es Wu Hong mit der ihr eigenen asiatischen Beharrlichkeit, dabei den obersten Knopf ihres rostfarbenen Kleides aus Chiffon öffnend, der merklich über ihren großen Brüsten zu spannen begann. Sie schiebt Waldsteiger einen kleines Billet über den Tisch. Der Abholschein für eine chinesische Wäscherei wie es scheint. »Die Flugzeuge sind ferngesteuert und arbeiten nach dem gleichen Prinzip wie die Passagiermaschinen des 11. September« sagt Waldsteiger und präsentiert, sich neben Wu setzend, einen umfangreichen Schnellhefter in dem er lückenlos die Flugaktivitäten der Geheimdienste über Südeuropa dokumentiert hat. Alles mit Pritt-Stift säuberlich aufgeklebt und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen. Wu Hong hat ihre warmen, ausladenden Hüften näher an den Baron herangeschoben »Mir geht es um die Rothschild-Dynastie, aber wir suchen das gleiche – das goldene Fließ« flüstert sie sanft, dabei berührt, wie aus Versehen, ihre heiße, feuchte Zungenspitze das kühle Ohrläppchen des Barons. »Das ist wohl das fehlende Detail?« vermutet Waldsteiger und deutet auf das mysteriöse Billet neben seinem Brauseglas. »Sie vermuten richtig« lacht Wu impulsiv, dabei ein köstlich schimmerndes, perlweißes Gebiss zeigend »gegen dieses Billet erhält der Überbringer einen frisch gereinigten Blazer. In dem auf der rechten Seite aufgestickten Wappen, befindet sich links ein Löwe, in dessen rechten Auge ein winziger Flashspeicher verborgen ist, der die Koordinaten des Zielortes enthält«. Waldsteiger war noch etwas anderes an dem Billet aufgefallen, ein Wasserzeichen, ein Kreuz und eine aufblühende Rose. Er schnalzt dreimal mit der Zunge, das Zeichen für den in einem Stiftzahn verborgenen Parralelrechner mit der Aufzeichnung eines Memos zu beginnen. Anhand der Auswertung der mosaikartigen Sprachfragmente Waldsteigers generiert der Rechner eine graphische Darstellung der ungeheuerlichen weltweiten Verschwörung die der Baron langsam aber sicher aufdeckt. Aus der gigantischen Datenbank wird automatisch eine stets aktuelle Konspirationskarte erzeugt, eine verblüffende Reduktion der Komplexität in eine anschauliche Infografik des globalen Geheimnetzes. Bilderberger, Nestlé, Thule-Gesellschaft, Bundesnachrichtendienst, Scientology und die Illuminaten. Alle zwanzig Minuten wird die Datenbank auf unterschiedliche Webserver im All gespiegelt, falls dem Baron wider Erwarten etwas zustoßen sollte. »Kommen Sie, wir müssen los« Wu ist aufgesprungen und reicht dem Baron mädchenhaft ihre schmale Hand. »Also erst Dallas und dann mal sehen« zwinkert sie. Auf dem Parkplatz steuert sie auf ein kleines Frauenauto der Marke Honda zu, in Wirklichkeit ein geschickt gemachtes Spezialhologramm, daß die ultramoderne Flugscheibe Wu Hongs nach aussen verschleiert. Der Fahrgastraum ist mit organisch geformten Möbeln aus Rosenholz, milchkaffeefarbenen Polstermöbeln sowie groben Wollteppichen ausgestattet. »Was wünschen Sie?«, noch ehe Waldsteiger seinen Wunsch formulieren kann, schwebt auch schon aus einem Kanal an der Decke ein tropfenförmiger Flugroboter aus matt gebürstetem Edelmetall herab der einen Highball serviert. Der Cocktail, an den der Baron gerade gedacht hatte. Der Flugroboter geht eine Armlänge von Waldsteiger entfernt in Parkposition, so das der Baron in einer oben angebrachten Vertiefung sein Cocktailglas abstellen kann. Betrieben wird der Roboter durch einen in der unteren Spitze des Edelmetalltropfens eingelassenen dunklen Kristall.
Dallas. Die Wäscherei ist nur zwei Blocks von dem Verlagshaus entfernt von dessen Dachboden auf Präsident Kennedy geschossen wurde. »Hiel bitte chön ehlwüldigel Hell« unter zahllosen Verbeugungen händigt der chinesische Wäschereibesitzer devot lächelnd dem Baron das gewünschte Kleidungsstück aus. Ihm fehlt das erste Glied des kleinen Fingers seiner rechten Hand. Der Blazer gehörte einmal Dr. William Wynn Westcott und galt dann Jahrzehnte als verschollen.
Mit Bluetooth überträgt Wu die Daten des Speicherchips auf ein khakifarbenes GPS-Gerät. »Südamerika also&laquo sagt Wu nüchtern, »Alpamayo&laquo ergänzt Baron Waldsteiger, der die Region als Alpinist sehr gut kennt.
Hunderte, tausende von genetisch identischen Käfern haben sich des Chalets von Baron Waldsteiger bemächtigt. Unter den aus Stammzellen replizierten Chitinpanzern der Tiere, entweder Nanokameras oder in Gel gebundene Anthrax-Viren. Der Boden, alle Wände schwarz von Insekten. Erst Kartierung und Speicherung der vorgefundenen Daten, dann Zerstörung. Arbeiter und Krieger. In der Mitte des Kaminzimmers schleppt sich plump ein träges, größeres Kerbtier über den Parkettboden, die Königin – eine lebende intelligente Bombe, die später das Anwesen dem Erdboden gleichmachen wird. Eine gewaltige Wolke, die den Himmel über Mitteleuropa für Tage verfinstern sollte. Die Handschrift des gefährlichen Top-Terroristen Laszlo Varghas.
In der Bergfestung. Adolf Hitler sitzt in seinem Hobbyraum und brennt mit einem kleinen Lötkolben Ornamente aus germanischen Runen in ein Schlüsselbord aus Sperrholz. Der bereits ergraute Schäferhund döst am Ofen. Aus einem braunen Transistorradio plärrt leise eine Übertragung von den Bayreuther Festspielen. Baron Waldsteiger und Wu Hong schleichen sich lautlos durch den romantischen Garten der Bergfestung. Aus Versehen tritt Wu Hong auf einen verdorrten Zweig, der vernehmlich knackt. Ein Geräusch, das dem Führer spanisch vorkommt in seiner Bergeinsamkeit. »Mal nach dem Rechten sehen&laquo denkt der greise Despot und seine gichtbrüchige Hand angelt nach einer Taschenlampe. Draussen haben sich die beiden Lamas neugierig den beiden Eindringlingen genähert und schnüffeln zutraulich an Wu Hongs Handtasche. Als Hitler den Garten betritt blickt er direkt in den Lauf einer Glock 26. »Wen haben wir denn da? – Hände hoch!&laquo raunzt Waldsteiger als der Kriegsverbrecher ihn trotzig ansieht. In diesem Augenblick verwandelt sich Adolf Hitler unter Aufbringung all seiner verbliebenen mentalen Kräfte in einen Floh, der umgehend im Dickicht des verfilzten Fells des Lamas Swalin Schutz und Nahrung sucht. Das Tier lebt heute zusammen mit Hitler in den schwer zugänglichen Hochlagen der Anden.
Die eigentliche Aufgabe gilt es noch zu bewältigen, die Entschärfung der Super-Geheimwaffe – die Orgonbombe, Kraftwerk und gigantische Höllenmaschine in einem. Wu Hong und der Baron haben die Schaltzentrale im Kern des Kraft-Rings betreten. An der Wand funkeln tausende von Leuchtdioden, durch stählerne Rohre brodelt der flüssige Stickstoff. Die Bombe arbeitet mit einem sehr gefährlichen Klöppelzünder, wie Waldsteiger sofort mit geübtem Auge feststellt, was die Entschärfung, selbst für den Bombenexperten, zu einem sehr heiklen Unterfangen macht. Vorsichtig lockert der Baron den Knoten seiner burgunderfarbenen Krawatte aus Rohseide. Er trägt heute einen tadellos geschnittenen Dreiteiler aus dunkelblauem Kammgarn. Welcher Draht wird wohl der richtige sein, der Rote oder der Blaue? Eine falsche Entscheidung und Gravitationsäther würde ungehindert ausströmen, eine Implosion apokalyptischen Ausmaßes: Antimaterie – die ewige Finsternis. Ein riesiges schwarzes Loch, daß das gesamte Universum verschlänge. In der Hand des Barons eine Kombizange mit schönen Griffschalen aus Ebenholz. »Rot, Rot, Rot, Rot« hallt es durch seinen Kopf – Stimmen. Angespannte Stille liegt über der zum Kraftwerk umfunktionierten Höhle. In weiter Ferne tropft in regelmäßigen Abständen Wasser aus feinen Ritzen in der Höhlendecke auf den schwarzen Mantel der im Dunkel verschwindenden Pyramide. Das Herzstück der Anlage, die Steuereinheit, ist direkt in der Spitze untergebracht. Im Kegel einer starken Stabtaschenlampe liegt der kleine Metallschrank mit den zwei Drähten. Wu Hongs schönes Gesicht ist ganz bleich geworden, die Angst macht ihr zu schaffen. Selbst der Atem des Barons ist fast unmerklich schneller geworden. Schweissperlen. Waldsteiger ist sich seiner Verantwortung und der unglaublichen Gefahr dieser Situation sehr wohl bewußt. Seine Hände zittern als er, einer spontanen Eingabe folgend, zielstrebig den blauen Draht durchschneidet – Stille. Die Welt ist gerettet, das Böse ist vernichtet. Mit der Abschaltung des Orgonakkumulators versinkt Neu-Schwabenland langsam berstend und krachend auf dem Meeresboden. Aufsteigende Luftblasen lassen den Ozean kochen. Eine mächtige Flutwelle setzt zunächst die Niederlande, später weite Teile des europäischen Tieflands vollkommen unter Wasser.
Gravitätisch kreuzt ein futuristisch geformtes Luftschiff im Sternbild Canis Syrius. Baron Waldsteiger trägt einen silbernen Trachtenanzug mit schwarzen Knöpfen aus Hornimitat. Eine metallene Kokarde weist ihn als Kommandanten des Raumgleiters »Godenholm« aus. Seine Augen, klar wie Bergkristall, unverwandt ins All gerichtet, der hagere Schädel mit dem kurz frisierten weißen Haar umzüngelt von einer gleißenden Aura mit bläulichem Hof. Ein sonorer Brummton, verhaltene Hörner und Äolsharfen versetzen die Luft in Schwingung. Unter der Zunge zerfliesst ein völlig reines Kristall LSD-25 zu Licht.



27. Januar 2006