Zichorienkaffee und Kleingebäck
Gerade eben habe ich mir in der Küche ein schönes Mohnbrötchen mit Käse zurechtgemacht. Der Teig des Gebäckes ist gerade recht so, eher klitschig als knusprig. Lassen Sie mich ein wenig ausholen.
Wir waren mitten im leidvollen Steckrübenwinter, als ich meine damalige Haushälterin Marga anwies, eine mir lieb gewesene, schön gearbeitete Rokokokommode für ein wenig Mehl zu versetzen. Weihnachten rückte näher und mein hagerer Körper lechzte mit allen seinen Fasern nach süßem Gebäck, mehr noch erfüllte mich die Vorstellung eine schöne, besinnliche Weihnachtsfeier, für die wenigen mir nahe stehenden auszurichten. Ich erinnere mich noch wie heute an den von Neuschnee überstäubten, kristallklaren Samstagmorgen als Marga und mein treues Faktotum Gustav, der das, mir aus dem Herzen gerissene, Möbelstück auf seine starken Schultern gewuchtet hatte, zusammen mit all den anderen ausgemergelten Städtern, den ersten Hamsterzug bestiegen, der raus auf die Dörfer fuhr.
Den Tag über verbrachte ich in meinem Arbeitszimmer mit dem Sichten alter Photographien und der Abschrift älterer Reiseberichte. Abends holte ich die beiden mit dem mir, wie durch ein Wunder, in all den Wirren des Krieges, verbliebenen »Wanderer« ab, beinahe hätte ich damals in Gedanken die Verdunkelung für die Autoscheinwerfer vergessen. Ganz hinten auf dem Perron sah ich die beiden stehen, wie zwei große Kinder, die von der Kinderlandverschickung zurückgekehrt waren. Marga presste die graue Mehltüte mit starr blaugefrorenen Fingern an ihren zähen Leib, der Kragen des unlängst gewendeten Wintermantels hochgeschlagen. Daneben Gustav, ein wenig verloren in seiner verschossenen Uniformjacke, das kalte Licht der Bahnhofslampen ließ seine Wangenknochen blauschwarze Schatten auf die teigig weiße Gesichtshaut werfen. Viele hatten heute noch einen schönen Brokatteppich oder eine Vase aus zartem Porzellan gegen Kohlköpfe oder einige wenige Kartoffeln getauscht. Manch ein Bauer hatte jetzt eine Stutzuhr auf dem Kaminsims im Tausch für einen kleinen Schinken oder eine mager knochige Gans.
Am nächsten Tag, Heiligabend, verbrachte ich den Vormittag mit meiner Arbeit, an dem vor dem Verandafenster stehenden Sekretär aus Eiche sitzend. Wir lebten damals in der »Belle Étage« einer Stadtvilla, die schon bessere Tage gesehen hatte. Nach meinem Ausscheiden aus dem Zeitungswesen verdiente ich mit Übersetzungstätigkeiten einen überaus schmalen Salär. Ein bitterkalter blauer Sonntagvormittag, ich übertrug gerade die Diarien in Hindi, als ein feiner Geruch, leise schmeichelnd in meine Nase stieg, der Geruch von frisch Gebackenem. Marga buk in der Küche Plätzchen und kleine Mohnwecken – nach altem Rezept. In der schummrigen Ecke des Erkerzimmers, hinter einem mit chinesichen Tuschezeichnungen verzierten Paravent der selbstgebaute Kurzwellensender, an der Wand hängende Vitrinen aus Mahagoni darin die so geliebte Käfersammlung sowie einige besonders schöne afrikanische Masken. Hinter der Durchgangstür, vor der das Parkett schon ein wenig verzogen war von den vielen schweren Stiefeltritten, war Gustav mit dem Schmücken des kleinen Weihnachtsbaumes beschäftigt, gläserne Kugeln, Sterne aus Stroh. Das Staniolpapier, daß die Flugzeuge im Garten verloren hatten, diente als Lametta. Trotz Mangels sollte dieses Weihnachtsfest das schönste meines Lebens werden. Der glutrote Feuerball senkte sich bereits merklich in die kahlen Rosensträucher des tief verschneiten Gartens, hinten auf dem tintenblauen Weiher im Stadtpark auf der anderen Straßenseite zogen die letzten Schlittschuhläufer ihre eisigen Runden, als es an der Tür schellte. Der herzlichst erwartete Besuch!
Die schlecht brennenden Kerzen aus Unschlitt tauchten, lautlos flackernd, die geschmackvoll angerichtete Tafel in ein golden festliches Licht. Marga hatte die guten Tücher aus durchbrochenem Leinen, sowie, zur Feier des Tages, das Meissener Service auf den langen Tisch im Esszimmer gebracht. Neben jedem Teller lagen dunkelgrüne Servietten aus frisch gestärktem Damast in silbernen Serviettenringen mit abstrakten Fischmotiven. Mir gegenüber Marga und Gustav in einfacher aber reinlicher Garderobe – aus derber Wolle gewirkte Jacken mit Knöpfen aus Horn, Gustav mit einem roten Einstecktuch, über Margas rechter Brust eine silberne Brosche in Form eines stilisierten Salamanders. Rechter Hand der Druckgrafiker Erwin Schneideisen, bekannt durch seine expressionistischen Holzschnitte ebenso als Mitbegründer der Künstlergruppe »Die Pforte«. Das gut geschnittene Gesicht geprägt von einer stattlichen Habichtsnase. Ihm gegenüber, zu meiner Linken, die Ausdruckstänzerin Hermine Neustern, ihr brünettes Haar zu einem Bubikopf frisiert, in der feingliedrigen linken Hand der lieben Freundin, eine Zigarettenspitze aus Alabaster. Ich hatte, wie es die Tradition so wollte, in einem der wenigen uns noch verbliebenen Sessel am Kopf der Tafel Platz genommen, die fröstelnden Beine unter einem dezent besticktem Plumeau aus Rohseide verborgen – Friedensware. Die Mitte der Tafel bildete eine irdene Schale, darin die am Vormittag gebackenen Kekse, sowie mit Fett bestrichene Mohnwecken, unser Festmahl. Da saßen wir nun, Verbündete der inneren Emigration, und versenkten unsere langen Zähne in das köstliche Süßgebäck, während draussen vor der Tür die Flocken tanzten. Genießerisches Schweigen erfüllte den Raum, als wir den süßen Brei in unseren Mündern wieder und wieder umwälzten, ehe wir es wagten die köstliche Gebäckmasse schließlich hinunterzuschlucken. In der kalten Luft des Zimmers wirkten die heiß dampfenden Tassen mit dem Zichorienkaffee wie entfernte Schornsteine aus einem unheilvollen Flugzeug gesehen. Später, bei einem bescheidenen Glas Burgunder, begab sich Gustav auf unser aller Drängen an den Flügel. Hermine Neustern und er intonierten im Duett einen Kunstlied-Zyklus nach Paul Hindemith.
14. Dezember 2005
Sie schreiben ganz wundervolle Geschichten!
Darf ich Ihr Alter erfahren? Es interessiert mich.
Natürlich dürfen Sie: 38
Kleiner Zahlendreher, oder? :)