Bannbulle wider den Gilb

Im Treppenhaus wabert brühwarm träge der Abdunst naher Wirtschaftsräume. Undurchdringlich und garküchenhaft, mit Haarspray versetzter kalter Rauch, der Darmtrakt des Hauses. Gestern abend lehnte ich mich, während sich bereits der Einbruch der Dunkelheit Zwielicht ankündigte, aus dem Fenster, eine leichte Brise strich um das Objekt, die Sonne war soeben in den phantastischsten Rottönen hinter dem unweit westwärts gelegenem Alt-Neubaugebiet versunken. Das Haus bildet mit benachbarten Häusern Schluchten von mittlerer vertikaler Ausdehnung, in die sich, dieser Tage, Mauersegler mit gellendem Schrei und in gewagtester Manier zur Insektenjagd stürzen, die, als Nahrung begehrten, Kerbtiere sind hier, mitunter vergeblich, auf der Suche nach kühlend schutzbietenden Ritzen. Aus diesen menschgemachten Tiefen, dringt nun, leicht verweht, ein sehr komplexer Geruch, die noch warme Fassade schwitzt den Odem der dahinter brütenden Wohnräume aus. In den kühlenden Dunst rasensprengerfeuchter Erde, mischen sich die, zielgruppengerecht von Marktforschern und findigen Chemikern entwickelten, Duftöle hoch spezialisierter Reinigungsmittel, mit denen die einzelnen Mietparteien ihre Wohnräume und Schlafgemächer in Schuß halten.

In diesen Gasmolekülen liegen, nach dem heutigen Stand des Wissens, alle Antworten auf die großen Probleme der modernen, häuslichen Reinlichkeit. Teppichshampoo, auf die Auslegware aufgeschäumt, ein wahrer Wirbelwind mit Atlantikbrise, dessen Ergebnis – dank verbesserter Rezeptur – verblüfft, die gänzlich gilbfreien Gardinen tragen als Zeichen ihrer Güte die bekannte Goldkante. Bügelglanz und Gefrierbrand als untrügliches Indiz unbotmäßigen Handelns. Einfach kurz einwirken lassen, drüberwischen und fertig, an der so behandelten Fläche bildet sich ein gedachter Stern von kürzester Lebensspanne. Das Holz des schönen TV-Schrankes sieht müde aus, den Poren dürstet es jetzt nach einer sehr guten Möbelpolitur mit reichhaltigem Mandelöl zum Beispiel, die Sitzgruppe ist leider Domizil abertausender Milben, die das Möbelstück mit ihrer Anwesenheit und mikroskopischem Stuhl verpesten, nichts blieb unversucht, es ist zum aus der Haut fahren.



13. Juni 2006