Hoffenster

Wieso fahren sie nicht mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei?, werde ich gefragt, die dicken Finger seiner behaarten Rechten schließen sich fester um eine Handgelenktasche. Mein entgegenkommendes Fahrverhalten, auf dem zur Mischnutzung ausgewiesenen Weg, geht ihm nicht weit genug. Ein Mann, der es gelernt hat mit konstant hohem Adrenalinspiegel zu leben, in seiner Blutbahn kocht es seit Jahrzehnten. Neulich durchquerte ich ein, in Urwaldumgebung eingebettetes, Sumpfgebiet, und beschließe spontan von Reisen in die Tropen zunächst abzusehen. Mein von Schweiß benetzter Leib ist eingehüllt in eine regelrechte Wolke blutgieriger Insekten. Ein hier, in der Mitte des Weges, halb verborgen in wild wucherndem Gras, lagerndes, ob der Hitze mattes Reh zeigt sich verwundert über mein unvermutetes Auftauchen und entschließt sich die weitere Entwicklung mit Contenance abzuwarten. Als ich das Tier direkt, betont sanft anspreche ergreift es mit langen Sprüngen die Flucht ins modrige Unterholz.

Am nördlichen Ende meines langen Flures ist in die Wand ein schmales Fenster eingelassen, daß sich zu einem engen Hof öffnet. Beim Transit durch den Flur, werfe ich stets, einer Gewohnheit folgend, einen kurzen Blick zur Seite in die Küchen der Mietparteien gegenüber. Die neue Nachbarin hat Barhocker aufgestellt und einen Klapptisch an der Wand befestigt. Mobiliar, daß Bistroatmosphäre erzeugen soll, nun übergossen von zwei Busenfreundinnen von rubensscher Gestalt, die behaglich Platz genommen haben und in Zigarettenrauch gehüllt, plaudernd die Köpfe zusammenstecken. Wichtige Schriftstücke und von Urlaubsinseln gesendete Postkarten sind mit verblüffend, mitunter auch drollig geformten Magneten an der Tür des großzügig bemessenen Kühlschranks befestigt. Eine Etage tiefer, lehnt eine älter wirkende Frau in Unterwäsche aus dem Küchenfenster, ihre Hände zittern stark, obwohl sie versucht diese zwischen Körper und Fensterbrett einzuklemmen. Eine weitere Zeugenaussage bezüglich der Messerstecherei neulich würde sie nervlich nicht durchhalten sagt sie erwidernd zu einer Stimme aus dem Off, der Gesprächspartner befindet sich in einem für mich nicht einsehbarem Bereich.

Voyeurismus aus der eigenen Wohnung lässt sich übrigens sehr leicht legitimieren. Einfach ein Kissen ins Fenster legen! Notorisches Glotzen und offensives Anstarren scheint so ohne Verlust gesellschaftlicher Reputation möglich zu sein.



19. Juni 2006