Thin Lizzy
Im Treppenhaus poltert es. Der Vater von M kommt noch einmal herein auf dem Weg von der Kneipe ins Bett, nutzt den Wendepunkt einer Torkelamplitude um sich seufzend in einen abgewetzten sandfarbenen Sessel fallen zu lassen. Ein langer Flur, an den Wänden gedruckte Genreszenen, Fuchsjagden und Stillleben, viel totes Geflügel, kringelig halbgeschälte Zitronen und hyperrealistische Insekten. Schmiedeeiserne Türklinken zu beiden Seiten, in den angrenzenden düsteren Räumen sind schemenhaft schwere, altdeutsche Möbel zu erahnen. Durch das schmale Klofenster am Ende des Ganges ein nebliger Blick über Heizöllager, Schrotthöfe und Sondermüllannahmestellen nach Osten. Die blitzenden Signallichter auf dem Kühlturm des neuen Kraftwerks haben heute einen irisierenden Hof. Kalter Rauch krümeligen Marokkaners wird vom stakkatohaften Rhythmus doppelbassbetonter Rockmusik aus Übersee in turbulente Muster versetzt. Die vermeintlich apathischen Wasseraugen des Vaters von M sind in Wirklichkeit ein Indiz für längeres, konzentriertes Zuhören. Nicht schlecht, sagt er, eine Branntweinfahne ausstoßend und träge mit dem Haupte wippend. Eine Pause entsteht. Aber nüscht gegen Thin Lizzy, sein Kopf mit der fortschreitenden Glatze sinkt langsam auf die Brust, er beginnt umgehend zu schnarchen.
23. Juni 2006