Wespen!

Im Rahmen einer Fernsehübertragung windet sich ein Sportler heftig grimassierend auf dem Rasen, flankiert von einem weiteren Athleten in andersfarbigem Trikot, welcher überrascht über den schlimmen Verdacht der unvermittelt auf seinen Schultern zu lasten beginnt, die Arme ausbreitet, so hündischen Blickes um Nachsicht beim Unparteiischen buhlend. Solche schmierenkomödiantischen Intermezzi sind leider sattsam bekannt, ich plane mich daher kurz einer Wespe zu widmen, die durch das geöffnete Fenster in den Luftraum des Zimmers eindrang und bald die erste Halbzeit damit zubrachte, wiederholt, vielleicht 8000 mal, aus eigenem Antrieb, gegen einen geschlossenen Fensterflügel zu prallen. Im Handumdrehen bin ich also, mich aus meinem behaglichen Sessel erhebend, am Schreibtisch, ergreife eine hier eigens zur Kerbtierrettung bereitgehaltene, schöne Ansichtspostkarte, die in einer meisterhaften Photographie, das jenseits der Innsbrucker Stadtgrenze jäh aufragende Massiv der Nordkette zeigt, eile mit diesem einfachen und dennoch wirksamen Werkzeug zum Fenster um das Tier in seinem Ringen um Freiheit zu unterstützen. Aber nein, die Wespe wünscht eine derartige Hilfe gar nicht, entwindet sich vielmehr konsequent meiner barmherzigen Maßnahme um weiter dem sinnlosen Kräftemessen zwischen Chitin und Glas zu frönen.

Der Mensch scheidet außen von innen, lässt weitere tausend Jahre später Türen und Fenster in seine Behausungen ein, macht sich das Feuer gefügig, transformiert darin Erz zu Werkzeugen, Met wird sukzessive von Fanta verdrängt, es folgt der dreißigjährige Krieg, Adolf Hitler, Mondlandung und die Arbeitsmarktreform Hartz IV, alles Sachverhalte die der Wespe offenbar spurlos an ihrem kleinen stacheligen Arsch vorbei gingen, ihr bereitet schon das Erfassen der Beschaffenheit von Fensterglas die ärgsten Probleme. Wer sich in dieser Form der Mutation, als entscheidendem Faktor im evolutionären Reifeprozess, widersetzt und zudem den denkbar schlechtesten Zugang zu einfachsten Lerntechniken hat, darf wohl zurecht bestenfalls als lebendes Fossil bezeichnet werden. In all ihrer stoischen Beschränktheit werden Wespen wohl auch nach dem nächsten Atomkrieg – oder anderen apokalyptischen Großereignissen – ihre ewige Suche nach Kirschkuchen vollkommen unverändert fortführen.



26. Juni 2006