Ein sehr einfaches christliches Weltmodell
Durch das dürre Hinterland windet sich ein staubiger Weg hinauf zu einem, auf einer Anhöhe, nahe des Meeres, gelegenem Stauferkastell. Die den Herrschaftssitz begrenzenden arabischen Türme sind stets weithin sichtbar und scheinen in Folge eines optischen Phänomens oft über der rotbraun kargen Erde zu schweben. Die schattenlos Wandernden werden von einer goldenen Kutsche überholt, gezogen von mageren Eseln. Sobald das Ziel erreicht ist, der Fußgänger, noch ungläubig, seine Hände an das trutzige Gemäuer legt, umfängt ihn ein kühler Wind vom Atlantik her. Hinter den meterdicken Mauern verbergen sich angenehm kühlende Gärten aus tropischen Pflanzen und raffiniert plätschernde Wassersysteme. Ein wohlhabendes hanseatisches Handelsgeschlecht hat die Anlage gekauft und nach eigenen Vorstellungen erweitern lassen. Wie ein Keil aus Stahl und Glas treibt sich ein Neubau durch die Mauern und den schönen, in persischem Stile, gefliesten Hof – ein Einkaufszentrum, das nächtens illuminiert wird, wie ein modernes Seezeichen. Tief unter der Erde hat man einen unterirdischen Hafen errichten lassen, die Einkaufsmeile ist so, vermittels eines Fahrstuhls, für Yachtbesitzer behaglich zu erreichen. Hier, unter der Erde, in einem Untergeschoß auf Höhe des Meeresspiegels, steht ein vielleicht fünf auf fünf Meter messender gläserner Kubus, der eine höchst realistische Modelleisenbahnanlage enthält. Wo auch immer der Blick hinfällt, bewegen sich, neben zahlreichen Eisenbahnzügen, winzigste Details, wie Menschen die ihrem Tagwerk nachgehen, Maschinen und im Winde wogende Kornfelder.
Eine Stadt mit Fabriken, Fußballstadion und zahllosen, an den Hängen hochwachsenden, Bürgerhäusern, alles überragt von einem stattlichen Dom. Nach oben verliert sich die künstliche Atmosphäre in gleissender Helligkeit, nach unten, der Betrachter, kann Dank der, den Kubus bildenden, Glasscheiben auch unter die Erde blicken, zeigt sich ein finsteres, höhlenartiges System, durchflossen von Acheron, dem Strom der Unterwelt, der träge an die begrenzende Glasscheibe flutet. Ganz unten, wo der Kubus an den Fußboden stößt, wird, vermittels Licht und Farbe, die wogende Magma des Erdinneren simuliert. Alles hier wird mittelbar getrieben von filligranster Nanotechnik und moderner Elektronik. Abrupt, wie von unsichtbarer Hand, stoppen Schnellzüge in voller Fahrt, die eben noch drohten einen, die Gleise passierenden, Miniatur-Kraftwagen zu erfassen. Ein Fußballspieler wird, von der Wucht seines eigenen Fallrückziehers, aus dem Stadion, hoch in die Luft geschleudert und landet in der Oberleitung einer allgegenwärtigen Bahnlinie. Sein Leib vergeht sogleich in einem weißen Lichtbogen. Noch ehe ich den, mittlerweile neben mir stehenden, Erfinder nach den Plänen bezüglich einer hinduistischen Version dieses Publikumsmagneten befragen kann, drängt sich das Geräusch eines Rasenmähers in den Vordergrund.
29. Juni 2006