Märkische Landschaft

Vielleicht direkt den Bahndamm überqueren? Hier ist kein Weg oder derer viele. Sandige Rechtwinkligkeit rahmt ausgedehnte Weiden und Rapsfelder ein. Gefühlte sieben Minuten fährt ein Güterzug vorüber, eine lange, horizontale Linie aus Containern, blau und rot lackiert, die Farben gebrochen von Staub und Rost. Kühe glotzen stoisch über schlammige Kanäle. Agrarisches Rasterland ohne ausgeprägte Vertikalen, mal ein Kirchturm oder ein Mast für Mobilfunk. Auf dem Bahndamm, kilometerweite Gleise, die sich im Fluchtpunkt verlieren. Jenseits der Eisenbahntrasse ein Feld mit stehenden und liegenden Heuzylinderabschnitten. Weglose Agrarfläche, bis zum Horizont mit dem Auswurf einer Ballenpresse übersät. Immer wieder Gräben, die zu breit sind zum Springen. Also dem Verlauf eines Grabens folgen, zurück zum Bahndamm oder in den Wald. Besser Wald. Ein Urwald, die Vegetation wird schlagartig dichter. Brennesseln, Schilf, unter den Turnschuhen beginnt der Boden sumpfig zu schmatzen. An der schweißnassen Haut kleben zahllos gierige Mücken. Enten, die am schlammigen Ufer des Kanales lagerten, fliegen auf. Rechts der trübe Wasserlauf, links verwitterte Betonpfähle und Stacheldraht, der sich, durchgerostet, in Augenhöhe frei umherwindet. Pappelluft und Ruinenreste, Schweinemast oder Militär vielleicht – früher. Mehr als mannshoch sind die Brennesseln hier, zu den Mücken gesellt sich die aufgeschreckte weiße Tigermotte, welche hier in reicher Zahl auf den Blättern sitzt. Umgeben von Grünmasse, die zurückliegend gebahnte Schneise scheint sich umgehend wieder zu schließen. Im Rücken schallt ein weiterer Güterzug durch die Mark. Ein fernes Motorradgeräusch beschreibt in Gedanken den Verlauf einer Straße im Nordosten.

Gestrüpp legt sich stachelig um Knöchel und Schienbein; einzelne Samen haben sich mit winzigen Widerhaken in Socken und Hemd festgebissen, die Pflanze versucht so ihr angestammtes Habitat zu verlassen; vorbei an tückisch überwucherten Wasserlöchern sinkt der Bewuchs wieder auf Hüfthöhe, der Sumpf beginnt zu trocknen, schließlich knackt vertrockneter Waldboden unter den Schritten. Zersplitterte Flaschen und Kunststoffabfälle künden von naher Bundesstraße. Vorbeifauchende Kraftfahrzeuge, Lastwagen und Ausflügler im wesentlichen. Mechanische Behaglichkeit für alle. Plankton der Jurazeit ansaugen, verdichten, Leistung erbringen und ausstoßen. Die Waldfauna begegnet dem motorisierten Mahlstrom, der durch ihre Nische brandet, mit Gleichmut. Orientierung ist nun ein leichtes, als Indikator für die noch zurückzulegende Strecke, dient ein weithin sichtbarer Schornstein. Schüttere Siedlungen, Häuser im sommerlichen Halbschlaf, die Jalousien bis zu einem Spalt herabgelassen. Leise Radiomusik, gemütlich grillen in von Koniferen gebildeter Privatsphäre. Bewegungsmelder, Satellitenschüsseln und Außenscheinwerfer. Ich brauche fünf Sekunden bis zur Tür, und Du?



16. Juli 2006