Hecken
An die Stelle von mit Glasscherben besetzten Backsteinmauern und trutzigen Metallzäunen, die ihre Kernaufgabe mit schmiedeeisernem Zierrat verschleiern, sind Koniferen und schnellwachsendes Gesträuch getreten, die sowohl die Liegenschaftsgrenzen für Nachbarn und Passanten bezeichnen, als auch dem Blickschutz dienen. Hinter der, mit der elektrischen Gartenschere, in eine, mit dem Gehweg fluchtende Linie gebrachten Hecke, duckt sich beispielsweise ein Neubau in pastellhaftem Zitronengelb, darüber öffnet sich weit und flirrend der hochsommerliche Vorstadthimmel. Einem Menschen, der vor der Hecke still stünde, böte sich weitgehend der Eindruck einer geschlossenen Wand. Lediglich einige wenige, kleinste Lücken in dem komplexen Gewirr des penibel gestutzen Zweigwerks ermöglichten dem Betrachter direkte, wenn auch informationslose Blicke auf winzigste Ausschnitte des dahinter zu erahnenden Gartens.
Geht man nun als Fußgänger zügig an der Hecke entlang, so fließen diese kleinen Lückenbilder im Gehirn des Betrachters zu einem relativ grob aufgelöstem Bild des Geländes hinter der Hecke zusammen. Ein Mann arbeitet im Garten, ein Mädchen im Bikini – vielleicht sonnenbadend, eine Frau, welche versunken in einer schattigen Hollywoodschaukel sitzt. Alles schemenhaft, teigig gerötete Silhouetten mehr; nachlassende Gehgeschwindigkeit des Betrachters führt auch zu vermindertem Detailreichtum. Ganz anders, um vieles inhaltsreicher, stellte sich das Bild für Fahrradfahrer – oder gar Kraftfahrer – dar, die ihren Blick während der Fahrt zur Seite wendeten. Gartenarbeit mit dem Vertikulierer, Terrakottagänse, Badelatschen, eine Illustrierte, Eistee aus dem Tetrapak, ein Mädchen, in das Lackieren ihrer Zehennägel begriffen, ein gemauerter Grill, blondes Haar, ein aufblasbares Schwimmbecken auf dessen Wasseroberfläche die Sonne träge mäandernde Inseln aus Licht bildete, die für einige Augenblicke als Nachbild auf der Netzhaut verblieben.
22. Juli 2006
Klingt ganz nach meiner Straße, wenn ich über die Hecke gucke :-)