Hightatras

Nachtigallen

Dieses Frühjahr gibt es mehr Nachtigallen als sonst. Kein Autolärm und Flugzeuge zu nächtlicher Stunde. Dafür mehrstimmiger Nachtigallengesang wie im Wald. Vermutlich regnet es morgen.

Linie 7, Freitag

Die Leute die in der U-Bahn sitzen und offensichtlich plemplem sind, werden auch nicht weniger offenbar. Nein, nicht so wie Ursula von der Leyen, anders, Typen mit Schaum vor dem Mund, die den ganzen Wagen zusammenbrüllen. Einst humanistische Bildung, heute durch Dosenbier erweichte Synapsen. Mitunter ist es ja problematisch überhaupt geeignet Platz zu nehmen. Eine Jungmännergruppe, bei der der Posten des Alphamännchens wohl dauerhaft umstritten ist, da möchte man dann auch nicht stören. Naja egal, vielleicht mal eine nächtliche Tunneltour unternehmen im offenen Wagen? Ein Vorschlag, der über den an der Decke befestigten Monitor unterbreitet wird. Bestimmt ein einmaliges Erlebnis, zur Sicherheit tragen die Pufferküsser gelbe Helme. Irgendwie schratig. Hahaha: schratig. Ebenfalls auf dem Monitor ohne Ton, die CD der Woche. Ihr Schrate! Am U-Bahnhof Spandau hat man die Rolltreppen abgebaut, die Schrägen wurde mit Asphalt aufgefüllt, mir egal, ich glaub‘ ohnehin nicht an Rolltreppen, sieht aber liderlich aus.

Meiner Mutter, die sonst nur Tschechow, Dostojewski und andere Hochkulturschwarten liest, wurde von einer jüngeren Freundin »Sakrileg« von Dan Brown empfohlen. Der erste Krimi oder Thriller ihres Lebens. Ihre Nacherzählung des Inhaltes war vermutlich besser als das eigentliche Buch. Sie vermutet jetzt, daß in Werken dieses Genres immer mit abhörsicheren Handys und anderer, ähnlich raffinierter Technik operiert wird. Eine Art elektronischer Lehrroman. Keine Gnade fand »Deutschland, eine Reise« von Wolfgang Büscher, sie hat hier zudem diverse Grammatikfehler angestrichen. Hahahahaha. Mal ein wenig quergelesen. Blablabla schnarch, stimmt, scheisse geschrieben zumeist, Feuilletonrotz, na muss man ja nicht lesen sowas. Selber schuld. Roger Willemsen veröffentlicht bestimmt auch noch son irre geistreiches Deutschlandreisebuch oder hat der schon? Egal.

Windige Reisende

Ich dirigiere Rennwagen in rasender Fahrt durch kurvenreiche Straßen. Im Kamin verzehrt das Feuer sieben Buchenholzscheite. Das Spiel dient der Schulung meiner Geschicklichkeit, mein Auge ergötzt sich an der errechneten Anmut von Geschwindigkeit sowie dem Realismus der Texturen. Ich sitze an einem soliden Holztisch im Mansardenzimmer eines umwaldeten Berghotels. Summend lädt das Spielzeug weitere Eventualitäten in den Arbeitsspeicher. Das an frequentierter Handelsroute liegende Haus ist einfach möbliert aber gut geführt. Von unsichtbarer Dienerschaft werden stets neue Laken aufgelegt, frisch gestärkt und noch heiß von der Mangel.

Unten in der Schankstube sitzen berauscht lärmend einige der Händler, die mit mir die Kutsche teilen. Vorwiegend Reisende in Tuch und Gewürzen, darunter auch Männer von zweifelhaftem Leumund, man schweigt über das Wesen ihrer Tätigkeit. Burgunder in goldenen Bechern macht die Runde, rot und schwer wie Blut.
Nachts werde ich von Lärm aus unruhigem Schlaf geweckt. Vorsichtig seitlich hinausblickend sehe ich den Vorplatz von Fackeln erleuchtet. Ausgestellte Breeches und schwarze Lederstiefel. Angehörige des Reiterheeres haben das Anwesen umstellt. Einige Mitreisende hat man bereits in Ketten gelegt. In meinem Rücken öffnet sich leise eine rettende Tapetentür.

Equipage von höchster Güte

Der Wagenlenker übergibt die Zügel an einen Knecht, unsere Kutsche hält an einem Gasthaus unweit eines Gebirgspasses. Jenseits eines breiten, tief bewaldeten Tales erhebt sich ein hoher Bergkegel. Weite Teile des zuckerhutartigen Berges sind mit besonnten, dichten Schneefeldern bedeckt, an besonders steilen Stellen, die dem Schnee keinen Halt bieten, zeigt sich der nackte Fels. An der windabgewandten Seite des fernen Gipfels schwebt eine lange weiße Wolkenfahne. Das Gestein ist mit den stählernen Pfeilern diverser elektrischer Liftanlagen gespickt. Zahllose bunte Punkte übersäen Schnee und Eis — Wintersportler in farbiger Funktionskleidung. Oben angelangt stürzen sich diese sogleich von den steilen Wänden des Berges, befinden sich für Sekunden mit ihren Skiern, Schlitten oder Snowboards im freien Fall, um dann sanft auf einem, den Bergfuß bildenden, weniger steilen Pulverschneekegel zu landen und dort ihre eigentliche, gleitende Talfahrt aufzunehmen.

Unsere Kutsche ist recht stattlich, ein Vierachser, gezogen von einem Gespann aus zwölf, in der kühlen Bergluft dampfenden, Jütländern, die soeben von mehreren Domestiken mit Stroh abgerieben und getränkt werden. Innen ist die Kutsche in einzelne, mit dunklem Holz verkleidete Abteile gegliedert, eher wie ein Waggon der Eisenbahn. Jede Pore des mondänen Mahagoni-Intérieurs atmet drahtloses Internet in vorzüglicher Stärke.

Schilda Ausbau

In einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt wird ein neues Haus gebaut. Die Bauarbeiter haben mit der Fassade begonnen. Sie besteht aus schwarz oder rot lackierten Aluminiumblechen, die einzeln an Stahlseilen aufgehängt sind. Nach oben verlieren sich die Seile in einer dichten Wolkendecke. Sobald der Wind auffrischt, schlagen die Bleche gegeneinander und verursachen metallischen Lärm.

Die Bürger kochen nicht in ihren Küchen. Begründet liegt dies sowohl in materieller Not als auch an mangelnder Neigung. Als Maßnahme schickt der Staat Sozialarbeiter, die an den Türen klingeln und Ciabatta-Brote, Lauch und Nudeln bringen.

Rauchglas und Knautschlack

Ein Mobiltelefon mit unbekannter Menüstruktur. Khakifarbene Polstermöbel umstrichen von kühler Brise. Ich führe ein wichtiges Gespräch in einer geräumigen Hotellobby in Brasilia. Verspätung wird avisiert. Mit dem Expresslift in die zweiunddreißigste Etage, ein schöner Dachgarten mit Panoramablick. Weit unten glüht der Beton. Dunkle Frauen in bunten Bikinis servieren Longdrinks auf goldenen Tabletts. Easy Listening. Das Geheimnis des Getränkes sei der speziell gelagerte Rum und Ananassaft aus biologischem Anbau sagt einer. Ein Partylöwe. Lange dünne Haare, jahrhundertealte Haut und die gelbgrauen Augen eines Morphinisten. Die hagere Thresenkraft in der Videothek hat keine geeignete Verpackung für die entliehene Silberscheibe. Was bleibt ist eine Pizzaschachtel aus transparentem Kunststoff. Ausgehändigt mit Gleichmut und Spinnenfingern.

Es schellt an der Türe

Eine Frage der Sicherheit. Werbung, sagen manche, die an der Tür klingeln. Reicht wohl, ich mach‘ immer auf, auch ohne Sprechanlage. An und für sich kann das jeder sagen, auch Fahrraddiebe oder andere Verbrecher. Es läutet und irgendwelche windigen Typen wollen, daß ich den Öffner betätige. Manche grunzen nur oder rascheln. Bin mir meist nicht so sicher, ob ich mit meiner ehrenamtlich freizügigen Portierstätigkeit nicht das Prinzip der Tür verrate – Fremden den Zugang zu verwehren – gar die Sicherheit des Hauses auf’s Spiel setzte. Man hört ja so viel. Diesmal ein Scherenschleifer, na das klingt ja romantisch. Kesselflicker, Rosstäuscher oder Exorzismus an der Wohnungstüre, denkbar wäre es. Früher kam der Leierkastenmann und generöse Mietparteien warfen kleinere Hartgeldbeträge in den Hof hinab.

Doofes Insekt

Eine Viertelstunde draußen gesessen gestern. Kleinste, soeben erwachte Nager wispern im ausgelaugt, dörren Gras des Vorjahres. Eine Florfliege ertrinkt fast in meiner Kaffeetasse, ich lege das nasse Tier auf’s Fensterbrett, nach einigen Minuten ist das Insekt getrocknet und entschwindet durchs geöffnete Fenster. Was bleibt ist ein wenig pulverisierter Kaffeesatz. Segen der Sonne. Unten auf der Straße läuft ein kleiner Mann mit Einkaufsbeuteln vorrüber und macht Entengeräusche.

Sonne bis halb sieben

Krähen die durch den Schnee waten, hunderte kleine schwarzblaue Schatten in den orangeviolett schimmernden Feldern. Vom Rodelhang wehen die Rufe der Kinder herüber. In der Ferne ein Kühlturm dessen Abluft im Kern anthrazitfarben, fast schwarz ist, die Ränder von eisigem Lufthauch mäandernd und gleißend weiß durch die schräg von hinten einfallenden Sonnenstrahlen. »Der ist ganz lieb!« sagt die junge Frau und klimpert entschuldigend mit ihren Rehaugen. Ihr verspielter Hund hat seine großen Vorderpfoten im Sprung auf meinen Beinen abgestützt, verhindert so mein weiterlaufen. Die Dorfkirche von Lübars schlägt sechs. Ein Vater spielt rauchend mit seinen Söhnen im Schnee Fußball. Heute ist Biedermeier-Tag.

Cargohafen

Kühn geschwungene Streben aus Spannbeton bilden das Fundament einer modernen Gaststätte. Eisbecher und Streuselkuchen mit Schlagsahne. Den Hut lüften, die am Tisch versammelten Damen mit einem Handkuss begrüßen aus semiotischem Konservatismus. Durch die großzügig breite Glasfront fällt der Blick nach Norden. Flugzeuge kreuzen in fernster Ferne den nachmittäglichen Himmel. In der Grünanlage nahe des Hafens arbeitet ein Rasensprenger, seine raffinierte Steuermechanik getrieben vom Wasserdruck. Ein Schwall Wasser rinnt in regelmäßigen Abständen über die grünliche Haut der bronzenen Soldatenstatue, verdunstet rasch auf dem durch Sonne erhitzten Metall. Waren des Exports, gegen die salzige Luft mit schwarzen Plastiktüten geschützt, werden auf hölzerne Paletten gestapelt. Unsichtbare Arbeiter schieben konzentriert und zügig von allen Seiten Turnmatten, Teppichrollen und grobgehobelte Bohlen in die Enge des Containers.

Vordergründiges Chaos entpuppt sich schließlich als geeignete Ordnung. Zur Not ein rettender Sprung von den rostigen Seitenwänden. Aus den ineinander verschränkten Gütern taucht der geschmeidige Körper eines kleinen Photographen mit unergründlichen Fischaugen auf, in der Hand hält er eine Kamera mit Blitzlicht. Ich drücke den kahlen Schädel von M wenige Zentimeter nach unten. Klack. Das Gesicht in kaltem Kunstlicht, im gegenlichtigen Sonnenglast, als Hintergrund, die Eisenbahnbrücke, von deren Scheitelpunkt Halbstarke in das trübe Gestade springen. Auf der Glatze von M ruht eine staubige Hand. Mit zum Fluge ausgebreiteten Armen scheint ein Körper, neben dem linken Ohr von M, in der Luft festgefroren zu sein.