Hightatras

Paketboten

Man erkennt den Paketboten an seinem charakteristischen Ruf. Unten im Hof war gerade ein Exemplar zu hören, piep, …., …., …., piep, …, …, …, …, piep. Dazu gutturales Brummen von zwei Schachteln Zigaretten (Ditgipsabaldjánich). Die Zustellung vorbereitend muss der Typ irgendwelche Zahlen in sein schwarzes, wurstfingeroptimiertes Elektronikbrikett eintippen. Wer so tippt, schnauft auch die Treppen rauf, jammert im Hausflur rum, daß die Türschilder zu klein sind usw. Man kennt das. Arschgeigen eben; Sie! Ich mach dis Paket disnächste mal unzustellbar wenn das so weiter geht. Ja, is recht wiedersehn. Zum Glück besteht die Population hier weitgehend aus Jungtieren, die machen piep, piep, piep, in rascher Folge. Zack die Treppe hoch, Tachchen. (Haha, wie krakelig die Unterschrift immer aussieht auf den ihrn Displä, egal, ich geb mir da gar keine Mühe mehr.) Rasch Paket abgeben, auf den Hacken umdrehen, spornstreichs ist der wieder unten bei sein Automobil und weg, der schrubbt die Karre, da kennt der nischt. Wie gesagt, dacht ich jedenfalls dran, als ich vorhin im Hofe den Lockruf vernahm, mein großes Insektenlexikon, welches ich unlängst im Internet bestellte, tut kommen, was sich indess – betrüblicherweise – als Irrtum herausstellen sollte. Dauert noch, da is wohl warten angesagt! Wetter herrlich anfürsich, so kammanz aushalten was? Sie sárjenèt, schön Tachnoch.

Museum of Misshapes

Gut im Raum angeordnete Glasvitrinen präsentieren eine kleine Sammlung rarer Ausschußware. Objekte, die aufgrund von maschinellen Fehlern oder menschlichem Versagen vom Rest der Produktion abweichen und so, unverkäuflich, eine eigene Klasse der Ästhetik bilden. Der Kurator der Ausstellung bereist auch entlegene Teile der Welt, auf der Suche nach geeigneten Exponaten. Mit an Autismus grenzender Sicherheit scannt der Kurator, im Beisein insgeheim feixender Industriearbeiter, größere Container mit B-Ware, um manchmal nur ein einziges, sehr gutes Stück aus dem Meer des Unrats zu wählen. Von seiner Hand wird Abfall zu Kunst, zumeist verläuft die Suche allerdings ergebnislos.

Die skurile Form spielt keine Rolle. Einzug in die Sammlung erhalten nur Objekte, die über ihre vordergründige Fehlerhaftigkeit hinausweisen; die im Geist des Betrachters ein subjektives Bild zum Beispiel vom Produktionsprozess, der Gesellschaft, dem Material oder den speziellen Umständen des Scheiterns entstehen lassen. Metallteile, die durch eine mangelhaft eingerichtete Spritzgussmaschine, die Form eines über die Eisenerzvorkommen wachenden Erddämonen angenommen haben, sein monströser Leib überzogen von schmerzhaft verzerrten Gewindefragmenten, ein seitlich ansetzender Flansch, aufgerissen wie zum Schrei. In der Graphiksammlung, weitgehend noch ungerahmt, Makulaturbögen mit bizarren Passerschwankungen, Butzen, Flecken, Messbalken und mäandernden Moirées, die Frühstücksidylle einer Cerealienpackung mit der orangenen Körperlichkeit von Pornographie verschmelzend.

Touristen

Ein, nach nächtlicher Zugfahrt erreichter, leicht morbider Badeort, wirkt ostblockhaft und zugleich bergig mediterran. Der Seesteg, auf den ich trete, um den Fahrplan zu lesen, entpuppt sich als eigenwillig geformte Barkasse; plötzlich startet das Gefährt zu führerlos ferngesteuerter Überfahrt. Am jenseitigen Ufer stehen Arbeiterquartiere auf einer hohen Düne am Seeufer. In einer Wohnung mit vielen Fenstern. Seeblick (recht sonnig), ein trostlos sandiger Spielplatz zur anderen Seite, und, eingeklemmt zwischen weiteren grauen Wohnanlagen, einige Fabrikhallen. Die Wohnung ist sparsam möbliert. In Hängeregalen eine Sammlung von Ferngläsern, Nachtsichtgeräten und Photoapparaten aus unterschiedlichen Epochen. Alles dunkel und matt; optische Armeeware.

Auf der Suche nach einem Fahrplan nehme ich einige, der auf dem Schreibtisch liegenden, Notizen und Landkarten in die Hand und erkenne meine eigene Handschrift. Später im Linienbus, eine vor mir sitzende Reisende nickt vorsichtig den draußen patrouillierenden Soldaten zu. Gußeiserne Industrieanlagen, Backstein und ein am Himmel schwebender Zeppelin deuten auf ein vergangenes Jahrhundert hin. Eine Straßensperre, der Bus wird von Soldaten kontrolliert, die kläffende, sich aufbäumende Schäferhunde an kurzer Leine halten. Die Soldaten sind sehr aggressiv, möglicherweise betrunken, und verabschieden bereits Überprüfte mit Fußtritten. Man sucht offenbar nach Terroristen.

Der Biberstaat

In einem blühenden Land herrschten Vögel über die Bewohner von Wald und Flußauen. Seit jeher erwirtschafteten die Biber den Bärenanteil des nationalen Reichtums. Ihre Holzwirtschaft und ihr Wissen um die Baukunst galt über Ländergrenzen hinweg als meisterlich. Der Biberstaat wuchs und gedieh, während es sich die Vögel in ihrem Baumhaus wohl sein ließen. Mit den Jahren kamen und gingen die Kraniche, Gänse und Raben und alles schien auf ewig gut. Den Wölfen, die in öden Teilen des Waldes lebten, oblag es, die im Staate anfallenden niederen Tätigkeiten auszuführen. Aas und Abfälle zu beseitigen, mit bloßen Pfoten Brennesseln auszugraben und Himbeeren zu ernten, ohne selbst von den Früchten naschen zu dürfen. Ihnen verblieb das mindere Fleisch, welches die Raben verschmähten. Zu ihrer Aufmunterung ließen die Vögel, tönerne, mit Bier gefüllte Krüge im Wald aufstellen. Und die Wölfe labten sich an den Krügen und versanken in traumlosen Schlaf. War ein Tier schwach und alt geworden, so nährte es ein, von den Vögeln verteiltes, Gnadenbrot.

Nun stellte sich aber ein dürrer Sommer ein, der Wasserstand des Waldbaches, an dem die Biber ihrem Tagwerk nachgingen, sank von Tag zu Tag. Die Holzwirtschaft kam weitgehend zum Erliegen. Als die Vögel dem schließlich gewahr wurden, setzte sofort ein großes Geschnatter und Gekrächze ein. Was sollen wir nur tun?, fragten die kleinen Vögel bange. Ganz einfach, sagten die Kraniche, wir müssen den Flußlauf begradigen, das Wasser bleibt aus, weil es zu viele Kurven fließen muss. Ihr Narren, sprachen die Raben, man muss modern denken, wir entwickeln eine Maschine, die Regen machen kann. Hurra, hergehört! Flugs verkündete die vorsitzende Gans, vom Balkon des Baumhauses aus, den Plan, auf den sich die Vögel geeignet hatten: Den Flußlauf an einigen Stellen etwas zu begradigen, sowie einen gelehrten Biber, der sich durch eine große Hornbrille auszeichnete, mit der Entwicklung einer Regenmaschinenstudie zu beauftragen. Die Bierkrüge würden nun wohl etwas rarer werden, ferner würde eine Nagesteuer eingeführt, um das Wasserprogramm zu ermöglichen. Baldige Rückkehr zu sorglosen Zeiten, wie früher, sei allerdings nur so gewiss, predigte die Gans und begab sich anschließend zur Mittagsruhe.
Mit dem Wasser ging das wohlhabende Bibertum als einstiges Fundament des forstwirtschaftlichen Staates. Manch ein Biber musste nun im Walde niedere Arbeit ausführen oder verschlief mit stumpfen Fell den Tag an den verbliebenen Bierkrügen; Seite an Seite mit den Wölfen, die die trunkenen Biber als die ihren ansahen.
Mittlerweile hatte sich ein verschlagener Luchs unter das Volk gemischt, der berichtete, daß andere Tiere – flußaufwärts – das Wasser boshaft und gierig wegtränken, er habe es mit eigenen Augen gesehen. Wir haben es geahnt, sagten die Biber. Wieso handeln die Vögel nicht?, murrten andere. Genau, brummten die Wölfe, denen der Luchs erzählt hatte, fremde Kaninchen wären an der Dürre schuld. Nieder mit den Kaninchen, nieder mit den Vögeln, brüllten die ersten Wölfe zähnefletschend und einige Biber stimmten zaghaft mit ein. Wir sind Biber, wir sind Biber, riefen sie.
Die Vögel waren nun auch beim Bibertum in Ungnade gefallen, bemerkten jedoch in ihrem Baumhaus nichts von all dem Groll, da sie gerade über eine Schwimmsteuer berieten. Der Plan sah vor, vom Erlös der Abgabe, flußabwärts, Wasser in Flaschen abzufüllen und durch Boten ins Land bringen zu lassen. Ein brillianter Vorschlag jubelten die Kraniche – unser Vorschlag. Aber die Flaschen müssen unbedingt aus grünem Glas sein, wandten die Raben beharrlich ein. Die leitende Gans namens Adelheid lächelte zu allem selig, da sie es sich mit den anderen Vögeln nicht verscherzen wollte.

Fundraising Pro

Hallo, haben Sie auch ein Herz für Tiere? richtet man auf städtischer Kreuzung das Wort an mich. Meine Handlungsmöglichkeiten: entweder direkt das Portemonnaie zücken, oder Antworten wie: Bedaure Sportsfreund, ich ernähre mich ausschließlich von Katzenleber und Seehundsblut, kurz den Hut lüften und Wiedersehen. Grotesk unseriös, zumal der Suggestivfragensteller nun offensiv auf mich zutritt, an seiner Schulter sind werksseitig zwei stattliche Fleischwürste installiert, die einladend auf einen, mit ausfüllbereiten Unterlagen bestückten, Tisch weisen.

Mähdrescher

Nur wenig zeitversetzt erscheinen drei in Formation ausgeschwärmte Mähdrescher auf dem Zenith eines sanft hügeligen Getreidefeldes. In ihrer speziellen Form erinnern diese Erntemaschinen, mit ihren erhöhten Steuerungskanzeln, an große, systematisch vorgehende Heuschrecken. Die dieselige Luft ist erfüllt von gelblich trockenem Staub, der in der, Korn von Stroh scheidenden Mechanik des Hordenschüttlers entsteht. Wie ein, dem nimmersatten Insektenmaul Nahrung zuführendes Fresswerkzeug, verbirgt sich die Einzugstrommel im Weizen. Das verdauende Druschsystem ist hinter chitinpanzergleich gestaffelter, zur Wartung durch Mechaniker einzeln aufklappbarer, Blechplatten verborgen, deren Farbe jeweils zwischen khaki und milchkaffeebraun changiert. Später, am frühen Abend, durchsuchen vier Wildschweine das frische Stoppelfeld nach Nahrung.

Hecken

An die Stelle von mit Glasscherben besetzten Backsteinmauern und trutzigen Metallzäunen, die ihre Kernaufgabe mit schmiedeeisernem Zierrat verschleiern, sind Koniferen und schnellwachsendes Gesträuch getreten, die sowohl die Liegenschaftsgrenzen für Nachbarn und Passanten bezeichnen, als auch dem Blickschutz dienen. Hinter der, mit der elektrischen Gartenschere, in eine, mit dem Gehweg fluchtende Linie gebrachten Hecke, duckt sich beispielsweise ein Neubau in pastellhaftem Zitronengelb, darüber öffnet sich weit und flirrend der hochsommerliche Vorstadthimmel. Einem Menschen, der vor der Hecke still stünde, böte sich weitgehend der Eindruck einer geschlossenen Wand. Lediglich einige wenige, kleinste Lücken in dem komplexen Gewirr des penibel gestutzen Zweigwerks ermöglichten dem Betrachter direkte, wenn auch informationslose Blicke auf winzigste Ausschnitte des dahinter zu erahnenden Gartens.

Geht man nun als Fußgänger zügig an der Hecke entlang, so fließen diese kleinen Lückenbilder im Gehirn des Betrachters zu einem relativ grob aufgelöstem Bild des Geländes hinter der Hecke zusammen. Ein Mann arbeitet im Garten, ein Mädchen im Bikini – vielleicht sonnenbadend, eine Frau, welche versunken in einer schattigen Hollywoodschaukel sitzt. Alles schemenhaft, teigig gerötete Silhouetten mehr; nachlassende Gehgeschwindigkeit des Betrachters führt auch zu vermindertem Detailreichtum. Ganz anders, um vieles inhaltsreicher, stellte sich das Bild für Fahrradfahrer – oder gar Kraftfahrer – dar, die ihren Blick während der Fahrt zur Seite wendeten. Gartenarbeit mit dem Vertikulierer, Terrakottagänse, Badelatschen, eine Illustrierte, Eistee aus dem Tetrapak, ein Mädchen, in das Lackieren ihrer Zehennägel begriffen, ein gemauerter Grill, blondes Haar, ein aufblasbares Schwimmbecken auf dessen Wasseroberfläche die Sonne träge mäandernde Inseln aus Licht bildete, die für einige Augenblicke als Nachbild auf der Netzhaut verblieben.

Stadt, Land, Fluß

Mit einem Schlauchboot schicke ich mich an, die Wasseroberfläche eines einsamen Sees zu befahren. Zunächst gilt es, die Gummikammern des Gefährtes mit dem Mund auzufblasen. Es handelt sich um ein einfaches Modell in Gelb, wie man es Kindern zum Spielen gibt. Der Tiefgang ist, wie sich herausstellt, beträchtlich; ich gleite, äusserst vorsichtig rudernd, vorbei an steilen grünen Uferhängen. Auf dem Wasser schwimmen Blätter, Holzstücke und sehr kleine Eisschollen. Nach rechts biege ich in einen der zahlreichen Fjorde ein, die vom Zentrum des Gestades wegführen. Scheinbar wird die Wassertiefe geringer, aus tiefstem Schwarz wird Grau wird grünlich trübes Weiß. Zur Linken erscheint eine aus weißem Stein angelegte Insel, darauf eine Art Kapelle, erbaut im Stile eines Le Corbusier, recht kubisch und von strahlendem Weiß. Am Ufer steht, neben einem Tisch, ein Mann und bedeutet mir nachdrücklich winkend, ich möge in seine Richtung rudern. Bei dem Winkenden angelangt, an Land, lassen wir uns an dem Tisch nieder und spielen Stadt, Land, Fluß. Die erste Runde verläuft wie üblich. Nun bin ich an der Reihe, im Geiste das Alphabet zu repetieren. Einmal, zweimal, ach, endlos. Mein Mitspieler sagt nicht Stop, ich bin hier gefangen, es handelt sich um eine Falle. Durch das Kippfenster im Flur windet sich unterdessen linksdrehend eine Doppelhelix aus warmem Fischstäbchenfett und Volksmusik.

Märkische Landschaft

Vielleicht direkt den Bahndamm überqueren? Hier ist kein Weg oder derer viele. Sandige Rechtwinkligkeit rahmt ausgedehnte Weiden und Rapsfelder ein. Gefühlte sieben Minuten fährt ein Güterzug vorüber, eine lange, horizontale Linie aus Containern, blau und rot lackiert, die Farben gebrochen von Staub und Rost. Kühe glotzen stoisch über schlammige Kanäle. Agrarisches Rasterland ohne ausgeprägte Vertikalen, mal ein Kirchturm oder ein Mast für Mobilfunk. Auf dem Bahndamm, kilometerweite Gleise, die sich im Fluchtpunkt verlieren. Jenseits der Eisenbahntrasse ein Feld mit stehenden und liegenden Heuzylinderabschnitten. Weglose Agrarfläche, bis zum Horizont mit dem Auswurf einer Ballenpresse übersät. Immer wieder Gräben, die zu breit sind zum Springen. Also dem Verlauf eines Grabens folgen, zurück zum Bahndamm oder in den Wald. Besser Wald. Ein Urwald, die Vegetation wird schlagartig dichter. Brennesseln, Schilf, unter den Turnschuhen beginnt der Boden sumpfig zu schmatzen. An der schweißnassen Haut kleben zahllos gierige Mücken. Enten, die am schlammigen Ufer des Kanales lagerten, fliegen auf. Rechts der trübe Wasserlauf, links verwitterte Betonpfähle und Stacheldraht, der sich, durchgerostet, in Augenhöhe frei umherwindet. Pappelluft und Ruinenreste, Schweinemast oder Militär vielleicht – früher. Mehr als mannshoch sind die Brennesseln hier, zu den Mücken gesellt sich die aufgeschreckte weiße Tigermotte, welche hier in reicher Zahl auf den Blättern sitzt. Umgeben von Grünmasse, die zurückliegend gebahnte Schneise scheint sich umgehend wieder zu schließen. Im Rücken schallt ein weiterer Güterzug durch die Mark. Ein fernes Motorradgeräusch beschreibt in Gedanken den Verlauf einer Straße im Nordosten.

Gestrüpp legt sich stachelig um Knöchel und Schienbein; einzelne Samen haben sich mit winzigen Widerhaken in Socken und Hemd festgebissen, die Pflanze versucht so ihr angestammtes Habitat zu verlassen; vorbei an tückisch überwucherten Wasserlöchern sinkt der Bewuchs wieder auf Hüfthöhe, der Sumpf beginnt zu trocknen, schließlich knackt vertrockneter Waldboden unter den Schritten. Zersplitterte Flaschen und Kunststoffabfälle künden von naher Bundesstraße. Vorbeifauchende Kraftfahrzeuge, Lastwagen und Ausflügler im wesentlichen. Mechanische Behaglichkeit für alle. Plankton der Jurazeit ansaugen, verdichten, Leistung erbringen und ausstoßen. Die Waldfauna begegnet dem motorisierten Mahlstrom, der durch ihre Nische brandet, mit Gleichmut. Orientierung ist nun ein leichtes, als Indikator für die noch zurückzulegende Strecke, dient ein weithin sichtbarer Schornstein. Schüttere Siedlungen, Häuser im sommerlichen Halbschlaf, die Jalousien bis zu einem Spalt herabgelassen. Leise Radiomusik, gemütlich grillen in von Koniferen gebildeter Privatsphäre. Bewegungsmelder, Satellitenschüsseln und Außenscheinwerfer. Ich brauche fünf Sekunden bis zur Tür, und Du?

Sogenannte Junikäfer

Gestern Abend, nach dem ergiebigen Regen, waren viele Bäume und auch Buschwerk umschwirrt von wahren Wolken von Blatthornkäfern. Der Himmel verfinsterte sich, wäre wohl ein wenig übertrieben, aber so ähnlich. Käfer, die dehydriert in irgendwelchen Ritzen im Boden ausharren und erst bei Zugabe von Wasser zu leben erwachen? Instantinsekten – im Prinzip, wie die Urzeitkrebse, die einst der Zeitschrift Yps beilagen. Mit dem Wasser kommt das Leben und weicht mit diesem, aber das ist natürlich wissenschaftlich nicht haltbar. Blödsinn vielmehr. Ebenso wie die irrtümliche, aber verbreitete, Klassifizierung als Junikäfer (Rhizotrogus marginipes), handelte es sich doch bei den beobachteten Exemplaren um eine größere Gruppe von gerippten Brachkäfern (Amphimallon solstitialis), die sich leicht anhand der charakteristischen Reihe von Wimperborsten an den Seiten der Flügeldecken unterscheiden lassen; zudem ist häufig die Halsschild-Scheibe dunkler gefärbt sowie durch eine Mittellinie unterteilt.

Überall brummt es in der Luft, die Käfer suchen zu abendlicher Stunde, gegen Sonnenuntergang, nach Nahrung, welche ausschließlich aus Blattwerk besteht. Manchmal kollidieren die, zu den Neuflüglern zählenden, plumpen Insekten in der Luft, stürzen zu Boden und bleiben hilflos strampelnd auf dem Rücken liegen. Sie sind nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft wieder in eine geeignete Körperposition zu wuchten. Man muß helfen. Eines Abends, flog einmal ein Blatthornkäfer durchs Fenster zielstrebig auf eine Stehlampe zu, um sich dort, umgehend, in einem Hohlraum einer aus drei Leuchtstoffröhrenrippen gebildeten Energiesparlampe zu verfangen. Mehrfach schwirrt ein gerippter Brachkäfer direkt an meinem Kopf vorbei, einer trifft mich, schmerzhaft, an der rechten Wange. Vielleicht besteht sogar Gefahr das Augenlicht zu verlieren, wenn ein Käfer ungünstig und mit hoher Geschwindigkeit mit dem geöffneten Auge zusammenprallt. Die, zwei mal überwinternden, Larven des Junikäfers ernähren sich von Graswurzeln. Ein, vom Pflanzenschutzamt Berlin herausgegebenes, Merkblatt, macht, reich bebildert, auf die Schäden aufmerksam, die die Larven des Junikäfers an Sport- und Zierrasen verursachen. Leider.